Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 16 (22.4.1937)
- Date
- 1937-04-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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rt^äg&fiSffgEffSifi^ 22. April 1937- D 1 i t Nr. 16 Seite 3 Grenzen des Ritualgesetzes» (Fortsetzung von Seite 1.)! V/ir wissen nicht recht, was man in der Oranienburgerstfaße unter „Ritual^esetz" versteht. Die Heilighaltung des Sabbat, die Symbole der geschlechtlichen Heiligung in Gebet und G'ttesdienst . sind selbstverständlich" nur Ritualien", die den Politikern der Berliner Ge- Äeindestuben nicht viel Kopfzerbrechen raachen. Auch ein einem orthodoxen Rabbiner gegebenes Wert sämtlicher Gemeindegremien ist eine n.Ritualie", also Lappalie. Und der Unterricht der Jugend? Hilchaus Talmud Tauro gehören zu einem jeden Jore Dea; steht auch in dieser Beziehung die Großgemeinde jenseits der Grenzen des Ritualgesetzes? Es sind einfach unglaubliche Dinge, die jüngst bei einer öffentlichen Kundgebung Über die Schulen der Berliner Großgemeinde berichtet wurden. Daß es doch möglich ist, alles Religiöse zu verspotten, die Ehrfurcht vor der Bibel zu abrogieren, gehört auch das zu den aus den Grenzen des für Berlin maßgebenden Ritualgesetzes ausgeschlossenen Gebieten. Daß Wochenrundschau, Um die neue Schedule — Die Gemeindewahlen in Rumänien — Reden, die eines Kommentars bedürfen — Auf nach Madagaskar! — Beruhigung in Italien — Die „algerische Wunde" — Eine Bibel für den König. Nach dem Lärm um 'den T e i 1 u n ,g s p 1 a n in Palästina hat die Jüdische Oeffentlichkeit nunmehr „ruhigeren Kopf", für andere Sorten, <an deren Spitze die um 'die neue H a. 1 b j a h r s c h e d u 1 e steht. Aus Jerusalem wird berichtet, daß .die Exekutive der Jewish Ageocy für das Halbjahr April/Oktober 1937 15.000 Arbeitereanwanderungszeartifikate von der Palästina-Regieirung angefordert habe. Die Zahl ist nicht zu hoch gegriffen, wenn man die Berichte von .Sachverständigen über die Aufnahmefähigkeit und den momentanen Arbeit erhedarf ins Auge faßt. Beider geht e© aber auch bei diesem Handel tun die Zertifikate nach dem bekannten Rezept: Man muß; ein Maximum verlangen, um ein Minimum zuerreichen. Die Festsetzung der Quote ist aber unter den heutigen Umständen nicht allein eine wirtschaftliche Angelegenheit, sondern auch eine politische, eine Prestigesache die© jüdischen Volkes, und .die Herren in London und Jerusalem, 'die darüber zu 'bestimmen haben, sind sich wohl dessen bewußt, daß eine Reduzierung der Quote, etwa nach .dem Muster der vorigen, als eine Konzession an die Araber auf Kosten der Juden von aller Welt aufgefaßt werden wird. Um so mehr darf man hoffen, daß die Ritterlichkeit Großbritanniens es nicht zulassen wird, daß wegen einer Geste zur Beruhigung aufsässiger arabischer Nationalisten .dd© Interessen des jüdischen Volkes und Erez Israels geschädigt werden. * * Der Ausgang der G emeinde w ah l en in Ru- ™äni©n am 16. April brachte ein® vernichtende Niederlage «der von Prof. Cuza geführten Partei der Christlich-Nationialen in Bukarest. Für .diese Partei stimmten nicht mehr als 3478 Wähler, gegen annähernd ■ 16.000 Stimmen, die auf die Liberale Regierungspartei und knapp 10.000 Stimmen, die auf dae Nationale Bauernpartei fielen. Mit diesem Stimmenhäuflein konnte die Cuza-Parfiei kein einziges Mandat im Bukarester Stadtrat eaTangeriy, während die Regierungspartei mit etwa: 30, und die Bauern mit j °der 6 Mandateh 'in den, Stadtrat einziehen weren- Ueber da® Wahlresultat in der Provinz fehlen noch genaue Nachrichten. ,Öb und wie die Verschiebung de« Bildes in den- Stadträten auf die Lage der Joelen Einfluß habe» wird, läßt fiäoh noch aiieiht sagen, "Cht ohne Staunen hörte man aus dien Berichten man von Gemeindewegen eine Schule subventioniert, worin die Sch ü 1 er gezwungen w e r'de n , am Schabbos zu sc kr e iben, das ist für die schmalen Grenzen des Ritualgesetzes allerdings ein erschreckendes Faktum. Das ist im Singe des jüdischen Ritüalgesetzes religiös-geistige Vergiftung der Kinderherzen. Was würde der Berliner Schuldezernent, seines Zeichens ehemaliger Gas- und Wasserwerkleiter, sagen, wenn ein solcher, aus Unkenntnis der Chemie und der Hygiene, das Trinkwasser nicht von Giftkeimen freihält? Was Süll ein jüdischer Schulmann zu seiner Entschuldigung anführen, wenn er Kindern den Sabbat, ,,das Zeichen zwischen Mir und den Kindern Israel" raubt? Es klingt wirklich wie 'ein Purimscherz, wenn aus der Oranienburgerstraße mit ihrem fiftyfifty-Prinzip,. die Frage an die Rabbmen nach den Grenzen des Ritualgesetzes gestellt wird. Hat sie dem jüdischen Gesetz auch nur ein Prozent seiner Geltung gelassen? Joseph Carlebach? in der jüngsten Nummer, daß in einem rumänischen Wahlbezirk Juden mit den Christlich-Nationalen einen Pakt geschlossen hätten, um den Wahlsieg einer anderen Richtung, die beiden Parteien gleich wenig genehm ist, zu verhindern. Wir wollen nicht von der Ferne und ohne Kenntnis der näheren Umstände über solche Wahltaktik urteilen, wenn auch zugegeben werden muß, daß für unsere Begriffe ein solches Wahlabkommen zumindest unverständlich bleibt. * * Bei einer Abschiedsfeier für den Oberrabbiner der K. J.-Gemeinden in Palästina, Dr. Isaac H e r zog in London, wurden einige mehr oder weniger bedeutsame Reden gehalten, die nicht in allen Teilen kommentarlos aufgenommen werden dürfen.. Prof. Brodetsky von -der Exekutive .der Jewish Agency benutzte die Gelegenheit, zu erklären, daß kein Jude in Palästina, und vermutlich sehr wenige Juden außerhalb Palästinas, durch die Widerstände etwas von ihrer Ueberzeugung aufgegeben hätten, daß die jüdische Zukunft in Palästina liege. Das.trifft unter dem Vorbehalte zu, daß auch in den Ländern der Diaspora, woran uns Dr. Birnbaum s. A. immer wieder erinnerte, Millionen Juden leben und noch weiter leben müssen, und daß daher auch dort' jüdische Aufgaben unserer Arbeit und der Lösung harren. Lady R e a d i n g , die vor kurzem von einer. Palästinareise zurückgekehrt ist, drückte ihre volle Bewunderung für die Juden in Palästina aus, die ohne Furcht und Tadel dastehen und einzig auf ihre Kraft, ihre Fähigkeit und ihre Mission vertrauen. — Kraft, Fähigkeit und Mission in Ehren! Aber auch in Palästina hat es sich in letzter Zeit deutlich genug gezeigt, daß das altbewährte Wort ii>3r bt tb* "pwfrt» 12V ]>K D'öpatt nicht außer Kraft gesetzt ist. Mit ganzem Herzen unterstreichen wollen wir die Wort© des Chiefrabbi Dr. J. H. Hertz; „'Der Gedanke, Palästina mehr oder minder in jüdischen und arabischen Händen zu belassen, aber ihm das Herz, Jerusalem, herauszureißen, um daraus eine internationale Stadt zu machen, ist zu gräßlich, als daß er ernstlich in Betracht gezogen werden könnte." Wenn Oberrabbiner H e r z o g zum Schluß feststellte, daß die Meldungen über Mangel an Religiosität im Lande übertrieben seien, und daß er aus eigener Anschauung wisse, daß der Sabbat in Erez Israel weit besser beobachtet werde als in England, so darf daraus nicht geschlossen werden, daß er seine iMission und seine Aufgabe in Erez Israel leicht nehme. Daß in Erez Israel der Sabbat be®s«ir gehalten werde, als in London, Paris oder Berlin, will wirklich nicht viel besagen. Erez Israel soll doch eben Israels Land, G'ttes Land, Land der Thora und des Sabbats sein. Wir wollen aus der Aeußerung .Rabbiner D,r. Herzogs nicht, einen Optimismus heraushören, der sich ver» hängniLsvoll auswirken könnte, sondern eine frohe H o f f nung , daß der-Boden und die .Voraussetzungen zu einer Beseruhg der religiösen Situatipn; trotz allem und allem gegeben seien: ,; Die polnische Expedition nach Ma d a g ia s k a r, von der wir schon in jüngster Nummer unter Vorbehalt sprachen, wird nun..wirklach; Ende'April"abgehen. und ungefähr ein halbes Jahr lang in Madagaskar ihre Untersuchungen anstellen. Jüdische Organisaidps nen, die zur Mitarbeit aufgefordert wurdgri,; majoren ■ als solche nicht mit, dagegen haben sich!&a£^e^ü' ' dische Persönlichkeiten von. Namen und Sachkunde entschlossen, mit nach Madagaskar zu fahren. Weben Major B. Lep ecki, der als Weltreisender und Verfasser vieler Reisebücher 'bekannt ist, gehören von jüdischer Seite der Delegation an: der Agro* nom Salomon D y k und der Direktor der Gesellschaft Hias in Polen, Leon Alter. Beide Herren''sind anerkannte Fachmänner für Auswandenmgstechnik. Die Teilnehmer wurden von der polnischen Regierung im Einvernehmen mit der französischen Regierung ausgewählt. „Daily Telegraph" in London berichtet aus Rom, daß in dortigen amtlichen Kreisen erklärt wurde, die italienische Regierung beabsichtige nicht, eine antijüdische Politik einzuführen. Daß eine solche Erklärung der italienischen Regierung erst nötig wurde, gibt ein wenig zu denken. Es ist aber leider Tatsache, daß einige einflußreiche italienische Blätter wie „Regime Fascista", „Tevere" und „Quadrivio" in letztet Zeit kategorisch wünschten, daß das Blutvermischungsverbot in Abessülien auch auf 'die Juden und Halbjuden in Italien ausgedehnt werde, was naturgemäß zu vielen Kombinationen Anlaß gegeben hat. Eine Blutyermi'schungssperre in der Form eines Mischeheverbotes könnte dem italienischen Judentum nur zum Segen gereichen, wenn auch auf der anderen Seite die Beunruhigung, die aus der Tendenz jener Forderun* gen entstanden ist, wohl begreiflich ist. Nunmehr wird durch die Regierungserklärung in Rom all jenen Kombinationen der Boden entzogen. Die „algerische Wunde", womit in Frankreich die ewigen Unruhen und Gärungen unter der dortigen mohammedanischen Bevölkerung, unter der auch schon die Juden verschiedentlich zu leiden hatten, bezeichnet werden, bildet einen Teil des Aufruhrs in der gesamten arabischen und mohammedanischen Welt. Nach der Bildung.^.der neuen arabischen Staaten und nach dem italienischen Kolonialkriege in Ostafrika regt es eich allenthalben in dem islamitischen Räume. Die mohammedanische Bevölkerung in Algerien verlangt in erster Reihe die Gleichber e c h t i g.u n g mit den Europäern, und es kränkt die Moslems besonders tief, daß, während die Juden in Algerien das Wahlrecht für Parlament und Kom= Dl'Une Wie all© anderen bürgerlichen Rechte schon seit mehr als einem halben Jahrhundert besitzen, sie, die arabischen und mohammedanischen Einheimischen, noch zunächst vergeblich um diese Bürgerrechte kämpfen müssen. Wir Juden können es füglich Frankreich überlassen, wie es diese „algerische Wunde" zu heilen gedenkt. Für uns ist es interessant, folgendes festzustellen: Die Juden Algeriens haben eine Kundgebung erlassen und dem arabischen Komitee, das für die Emanzipation der Mohammedaner kämpft, zugeleitet, in dem Sinne, daß sie, die Juden, den gerechten Kampf der mohammedanischen Bevölkerung um ihre Bürgerrechte mit ganzem H e r z e n u n d mit allen Mitteln zu unterstützen gedenken. Das ist u. E. mehr als eine Geste, es ist ein Akt menschlicher Gerechtigkeit, den man, wie wir hoffen wollen, auf der anderen Seite zu schätzen wisset» wird. Die Araber Palästinas sollen aber an diesem algerischen Beispiel erkennen, daß auch .die Juden Palästinas bei aller eifrigen Arbeit zum Ausbau ihres Nationalheims nicht im entferntesten daran denken, innerhalb oder außerhalb dieses Nationalheims irgendwie die Rechte der arabischen Nachbarn zu schmälern. 'Die Welt hat auch dort Platz für alle, — wenn 'die Menschen nur wollen. In der offiziellen Veröffentlichung über die Abfolge der liturgischen Handlungen und zeremoniellen Akte, mit denen dem englischen Herrscherpaar am 12. Mai in der West* minsterabtei die Königswürde übertragen werden wird, ist u. a. zu lesen: „Sodann — nach der eigentlichen Krönung — erfolgt -die U eb e r r ei c h un g der Bibel, de® Wertvollsten', das die Welt hervorgebracht hat. Hier ist Weisheit; dies ist das königliche Gesetz; dies sind die lebendigen Orakel G'ttes". Der Jude erinnert sich dabei der talmudischen Vorschrift, wonach eine T'ho rar olle den König allüberall, in den Krieg, auf den Thron wie .zum Festmahl, zu begleiten hat. In der Bibel, die dem englischen König feierlich überreicht wird, ist auch das Recht des jüdi sehen Volkes auf Erez Israel verankert — Wir sprechen es nicht .als Anklage, sondern als Wunsch und Hoffnung aus. 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