Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 8 (25.2.1937)
- Date
- 1937-02-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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!S^!IIJP^|Pi9i^ll?^^!^^5f^^ HI JBK. irwir llolollollo—olloMoir M Erziehung und Lehre Pädagogische Beilage zum „Israelit" '.. . . .* •'■ - / Organ des Bundes gesetzestreuer jüdischer Lehrer Deutschlands n=nn^ SHHJie -Hllojo olo—olo'tfolloill— —IllWIlt— -HllMllh- —411 Hl Silhouetten. Von Rektor Karl Ochsenmann in Frankfurt a. M. In einer aufschlußreichen Abhandlung „Samson Raphael Hirsch und unsere Zeit" nimmt Dr. Maximilian Landau im iNachlath Z'wi Stellung , zu dem viel umstrittenen Thora dm Derech tErez-Prinzip. Er bestreitet .den Kritikern dieses Prinzips das Recht, ein völliges Versagen desselben vorschnell zu verkünden. Das Rezept, welches die Trennung von der europäischen Kultur und Wissenschaft und das Zurück* sinken ins Ghetto vorschreibt, kann dem deutschen Judentum die Heilung nicht bringen. Die Selbstanklage eines Teiles der deutschen Judenheit, die sich äußert im Bekenntnis ihrer eigenen Unzulänglichkeit und in der Bereitwilligkeit, Denkungsart und Existenzfrage eines anderen Volksteiles vorbehaltslos anzunehmen, hält er für eine Uebertreibung. Er sieht; in der Geringschätzung der eigenen Leistung ein schweres Unrecht an den (Lebenden wie an den vergangenen Generationen, und die Kopie eines fremden Milieus hält er für vollkommen abwegig. Mit. dieser letzten Feststellung hat der verehrte Verfasser den Kernpunkt der Streitfrage getroffen. Der Einfluß de« Milieus ist uns ja.schon aus der Naturbetrachtüng eine bekannte Tatsache. Wir kens nen bodenständig© Pflanzen, die an bestimmte Bodenarten gebunden sind, weil sie nur in diesen die zu ihrem Gedeihen' nötigen unorganischen Bestandteile finden, welche sie in aufgelöstem Zustande aus dem Boden aufnehmen. Erst recht tritt die Milieubedingtheit bei den Menschen in Erscheinung. Der Mensch auf dem Gebirge ist ein anderer als der Bewohner der Ebene. Er ist anders in sedner körperlichen, Verfassung, anders in seinem Gemütsleben, anders in seinen Sitten, anders in seinem Berufsleben, anders im Verkehr mit einesgleichen, und selbst die politischen und geschichtlichen Verhältnisse eines Gebirgsvolkes zeigen in vielen Fällen einen eigentümlichen Charakter. Niemand wird bestreiten wollen, daß menschliche Kulturarbeit in alle geographischen Verhältnisse ändernd und umgestaltend eingreift, daß durch kühne Brücken- und Dammbauten mancher Erdraum seine Insellage verloren hat, daß der Mensch die Raumgestaltung des Festlandes geändert hat, indem er dem Meere trockenen Boden abgewann, daß der Mensch Flüsse aus ihren natürlichen Strombahnen reißt aind ihnen andere Wege weist, daß Menschen durch Ausrodung oder Anpflanzung von Wäldern für große Landstrecken das Klima abgeändert oder durch Austrocknung von Seen und Sümpfen die Feuchtigkeit der Luft vermindert haben. Aber ebenso selbstverständlich ist die Einwirkung geographischer Bedingtheit auf das Leben der Menschen, auf ihre geistige Kultur und damit auch auf die Erziehungszustände, die mehr oder weniger erd- oder milieugebunden "sind, weshalb auch eine Milieu- Übertragung ohne schwere Schädigungen des Bestehenden nicht möglich ist. Für jedes Volkstum ist nur das gut, was aus seinem eigenen Kern und aus s-einen eigenen Bedürfnissen ohne Nachäffung eines andern hervorgegangen ist. Niemand wird dem lebensstrotzenden Judentum des Ostens seine großen Schöpfungen absprechen, seine Gefühlstiefe, seine Innigkeit, seine Ursprüng5 lichkeit und Unmittelbarkeit des Judeseins, sein Volksbewußtsein und seine Volksverbundenheit. Aber auch das deutsche Judentum verdient nicht die geringschätzige Beurteilung, die es zuweilen aus Kreisen eines anderen jüdischen .Volksteils erfährt. Ueberall ist Licht und Schatten, überall sind Mängel und Vonzüge festzustellen. Es ist ein schmerzliches Gefühl, das jeder deutsche bewußte . Jude empfindet, wenn er bei der Einkehr m einer.. nächtjüdischen ^Gaststätte eines vielbewanderten Gebirge« sedne Glaubensgenossen dort ihr Menü abessen sieht. Aber ebenso betrübend ist es, wenn eine: gebildete jüdische Dame aus' der Stadt des Remo auf einer durch ihr weltberühmtes Bier bekannten Station sich nicht mit dem Cambrinusf safte begnügt,, sondern zu ihrer Atzung sich äucn ®in Paar warme Würstchen von dem Pikkolo in den Zug reichen läßt. Die westeuropäische junge Dame mit ihrer Prob1 lemwälzerei Über G'tt und alles Heilige, mit ihrer überspitzten Modernität ist nicht besser und nicht schlechter als ihre ostjüdische Glaubensgenossin, die ihren frommen Eltern auf ihre eindringliche Bitte, am Sabbat zu beten, kategorisch erklärt: Nun laßt mich aber in'Ruhe mit dem Beten. Ich - habe genug davon. " Wenn ein aus einer südwestdeutschen Großstadt stammendes Mädchen, das wiederholt ein Minjan in Tel Awiw aufsucht, dort zunächst von allen Seiten angestaunt, nach einigen Wochen von einer alten, tiefgehenden Frau angesprochen wird: „Ein solch' modernes Fräulein geht dawnen?", so läßt das vom völkerpsychologischen Standpunkt aus sehr tief blicken. In den Ferien las ich einen Artikel, der das stille und lautlose Gebet, wie es im südlichen und westlichen Deutschland üblich geworden ist, ein Produkt der Assimilation aus dem Zeitalter der Emanzipation nannte und auf den Wunsch hinauslief, daß unsere Synagogen widerhallen möchten von Herzensergüssen einer wirklich betenden Gemeinde, Einige Wochen später kam ich in eine solche Gemeinde. In einer sehr großen, dicht gefüllten Synagoge standen einige Reihen vor mir zwischen Erwachsenen rechts und links vier frische Jungen®, die sich während'des Schemono Esre regelrecht boxten und keilten, ohne daß ihnen von irgend einer Seite Einhalt geboten wurde. Als die Wiederholung des Schemono Esre begann, da hallte die Synagoge von einer solch lauten Unterhaltung wider, daß es fast unmöglich war, an rechter Stelle wai n"a und ]as nachzusagen. Ich wünschte mir jene bekannte Fahne aus der Großen Synagoge von Alexandria her und sehnte mich nach meiner heimatlichen Gebetsstätte, in der „Religion auf Eis gelegt" ist. Es. ging mir dabei das vollste Verständnis dafür auf, was* ich in einer Zeitschrift gelesen hatte: Wenn in einer altertümlichen Synagoge der G'ttesdienst ohne sichtbare Ordnung, ohne jede uns gewohnte Feierlichkeit stattfindet, liegt dann der Fehler nur daran, daß wir unfähig sind, eine primitive, von innen heraus gefestigte Religiosität zu verstehen, oder müßte man nicht wünschen, daß eine bessere Erziehung den Menschen das Gefühl dafür beibringt, daß eine Versammlung vor G'tt ebenso äußere Würde darbieten sollte, wie eine gesellschaftliche Zusammenkunft desgleichen tut? . Ich könnte die angeführten Erlebnistatsachen um ein beträchtliches vermehren. Ich will es aber vorerst damit genug sein lassen und zu der Frage vor=, stoßen: Wie kommt es eigentlich, daß im deutsch* jüdischen Volksteil solche Minderwertigkeitskomplexe von seiner Unzulänglichkeit entstehen und einer Epidemie gleich um sich greifen konnten? In gewissen Kreisen, die die Entwicklung des deutschen Judentums selbst nicht erlebt und deshalb auch keinen Einblick in die Volksseele haben, konstruiert min. Von falschen Prämissen ausgehend, kommt man ganz natürlich zu einem falschen Schluß, Und diese so entstandene falsche Theorie wird gutmütigen, aber urteilslosen Menschen so lange nachdrücklich eingehämmert, bis sie fest daran glauben. Was man mit derartigen Konstruktionen alles zu beweisen unternimmt, davon nur ein kleines Beispiel. In jüdischen Zeitungen liest man neuerdings des öfteren Abhandlungen über Schultypen und ihre Be= Wertung. Dabei werden die Volksschulen, die nun einmal durch den Zwang der Verhältnisse die Regel* schulen sind und es auch weiterhin bleiben, von Autoren, die die Volksschule gar nicht oder nur von außen kennen, als unzulänglich bezeichnet. Man nennt sie „Schulen der Unbegabten" und wirbt einige Zeilen weiter um diese von Natur so stiefmütterlich Behandelten, die in den weiterführenden Schularten ebenso liebevoll betreut werden können wie die begnadeten Intellektuellen. Tatsächlich ist aber die Volksschule eine Schule für das Leben und durch das Leben im besten Sinne de® Wortes. Indem sie ihre Schüler beruflich und charakterlich so gut vorbereitet, wie es ihr mit den ihr zu Gebote stehenden Mitteln möglich ist, kann sie' natürlich eben so wenig wie andere Schulsysteme alle Einzelaufgaben des Lebens berücksichtigen. Sie kann selbstverständlich auch keine fertigen Charaktere entlassen. Hat ja schon Goethe die Lebenswahrheit ausgesprochen: Es bildet ein Charakter sich an dem Strom der Welt. Bescheiden, wie die Volksschule ist, glaubt sie ihr Ziel erreicht zu haben, wenn sie ihre Pflegebefohlenen mit gesundem Hausverstand entläßt, der sie befähigt, draußen im Leben auf festem Boden zu stehen. Dieselbe Konstruktionsmethode < wird bei der Beurteilung des deutschen gesetzestreuen Judentums angewandt. Wenn man nach eigenem Ermessen gesuchte Stücke als gegeben annimmt und dann die Zusammenhänge feststellt, läßt sich mit Leichtigkeit die gewünschte Synthese finden. So ist es die eins fachste Sache von der Welt, durch generalisierende Schlagwörter falsche Begriffe hervorzuzaubern. Von Beurteilern, die die Verhältnisse einer hinter uns lief enden Periode nicht kennen, oder ejoi» n« w tib die sie nicht, kennen wollen, werden die uns voraus gegangenen Generationen glattweg als Amei Hoorez, als die Primitiven gebrandmarkt. Traurig genug daß viele unserer Zeitgenossen diese Herabsetzung ihrer Eltern, Großeltern und Urgroßeltern nicht nur hinnehmen, sondern sie noch als berechtigt anerkennen, Dabei sind nicht'wenige draußen auf dem Lande ungekannt unter den Menscheneinhergegangen, die ihre Eigenschaften nicht auf der Oberfläche den Betrachtern entgegengetragen, die — nebenbei gesagt — mehr „lernen" konnten als mancher, der heutzutage in der Stadt mit dem nan-Titel ausgezeichnet wird. Die Religion war diesen Menschen mit allen Handlungen ihres Lebeng schlechthin verschmolzen, aber auf eine solch schlichte Art, daß sie davon keinerlei Aufsehens machten. Sie waren naiv gläubig, unpolitisch, ihr ganzes religiöses Leben war ihnen selbstverständlich. Es fehlte ahnen jeder muckerische An* flug, sie waren keine religiösen Konjunkturpolitiker, Ihnen war Religion keine Handelsware, ihre Fröm» migkeit kein Zweck. „Man lebte mit G'tt, aber seine Gegenwart wurde stillschweigend hingenommen, man sprach niemals von ihm." Diese „Amei Hoorez" waren Menschen mit allen ihren Schwächen und Mängeln. Aber mit ihrem Fleiß e, ihrer Ausdauer, ihrem Familiensinn und ihrer Glaubenstreue waren sie für die jüdischen Großgemeinden ein Reservoir der körperlichen und seelischen Erneuerung, eine unschätzbare Quelle der Verjüngung. Ihre Nachfahren, die heute über die ganze Welt verstreut werden, sind gute Wegbereiter für die Bildung thoratreuer Zentren überall, wohin der Schicksalsweg sie führt. Führergestalten des 19. Jahrhunderts, um nur einige zu nennen, wie Seligmann Bär Bamberger, .Esriel Hildesheimer und last not least Samson .Raphael Hirsch war es beschieden, diese „Amei Hoorez" emporzubilden, dieses Menschenmaterial eigener Art und eigener Prägung mit seinen unleugbaren Fehlern, die aber durch einzigartige Qualitäten kompensiert wurden. „S. R. Hirsch und seine Weggefährten lehrten, daß dem Volke das Profane in Reinheit des Heiligen gereicht werde. Das war keine Kontzession an die Zeit, sondern eine Entscheidung für alle Zeiten." Seine Bildungsdevise Thora im Derech Erez erschöpft sich nicht in einem wandelbaren .Lehrplan und einer veränderlichen Stundentafel, sie ist ein die wechselnden Methoden überdauerndes Bildungsprinzip. .Sie ist keine neue Lehre, Rabban Gamliel hat vor mehr als 2000 Jahren sie verkündet. In meisterhafter Weise hat Hirsch, der geniale Volkserzieher, es. verstanden, die altjüdische Wahrheit auf unsere Verhältnisse zu projizieren, wie sie, recht aufgefaßt, auf jede andere Landschaft bezogen werden kann, da Thora im Dereeh Erez in der Grundtendenz keine lokal gebun» dene Erziehungsfunktion darstellt, sondern in Wirklichkeit wie über die Zeit auch über den Raum erhaben ist. Am 1. November 1936 hat die jüdische Gemeinde Dresden ihr Lehrhaus mit dem Erziehungsziel „Thora im Derech Erez"-eröffnet. Und wir, die wir in unseren Schulen „das Testament de© großen Mannes" zu vollstrecken .haben, sollten in der Erfüllung des heiligen Vermächtnisses erlahmen und romantischen Experimenten zuliebe die Fahne, der wir Treue geschworen, im Stiche lassen? Ehrlos der Soldat, der seine Fahne verläßt!