Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1936)
- Date
- 1936-02-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450909-2450918--81938-2539843- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
27. Februar 1936 Der Israelit Nr. 9 Seite 9 mit »keinem Wort erwähnt habe. Diese© Schulwesen, das gleichzeitig mit .dem polnischen während des Krieges geschaffen wurde, sei nach der Staatsgründung sich selbst überlassen geblieben. Frankreich. Auswandererhilfsarbeit in den überseeischen Ländern. Paris, 23. Febr. Die Leitung der Auswandererhilfsgesellschaft HICEM in Paris veröffentlicht in ihrem soeben erschienenen Februar-Bulletin Mitteilungen über Einreise- Und Niederlassungsmöglichkeiten in einer großen Reihe europäischer und außereuropäischer Länder. Den Berichten aus Nord- und Südamerika sind zum Teil Aufstellungen über .die von den dortigen Hilfskomitees und Organisationen im vergangenen Jahre zugunsten der Einwanderer geleistete Arbeit angefügt. Die Hebrew Sheltering and Immigrant Aid Society of America (HIASjJi hat von den 5983 Juden, die vom 1, Januar bis 30. September 1935 in die Vereinigten Staaten eingewandert sind, 2723 Personen Hilfe geleistet,, bevor sie mit ihren in Amerika bereits ansässigen Verwandten in Verbindung getreten waren. Sehr aufschlußreich ist der Bericht der in Argentinien arbeitenden Gesellschaft SOPROTIMIS (Societe de Protection 'aux Immigrantsi Israelites). 1935 wurden von der Gesellschaft 954 Einwanderer, um 230 mehr als 1934, aufgenommen. Am stärksten ist die jüdische Einwanderung noch immer aus Polen. Sie machte 81 Proz. der von der Gesellschaft betreuten Personen aus. Aus Polen kamen 779 Einwanderer, aus Deutschland 60, aus Frankreich 33, aus Rumänien 18 usw. Die Gesamtzahl der Einwanderer aus Deutschland ist jedoch höher, da ein Teil von ihnen direkt vom Hilfsverein der Juden in Deutschland abgefertigt wurde. Nach der Statistik des staatlichen Einwanderungsamtes sind 3159 Juden, davon 2522 polnischer und 272 deutscher Staatsangehörigkeit, i. J. 1935 in Argentinien angekommen. Hierzu müssen jedoch noch als Touristen eingetroffene Personen gerechnet werden, die nachträglich die Aufenthaltserlaubnis erhielten. Rumänien, Eine Aktion des Zentralrats der Juden Rumäniens. Bukarest, 24. Febr. Der von der Union rumäiuscher Juden und der Jüdischen Partei als oberste politische Repräsentanz gebildete Zentralrat der J u d e n R u m ä n i e n s hat an den Ministerpräsidenten, den Unterrichtsminister und den Dekan der medizinischen Fakultät an der Bukarester Universität ein Telegramm gerichtet, in dem dagegen protestiert wird, daß die jüdischen Mediziner gewaltsam verhindert werden, die Vorlesungen zu besuchen. Obwohl' nur fünf jüdische Studenten in den ersten Jahrgang der medizinischen Fakultät aufgenommen wurden, werden auch diese durch die antisemitischen Studenten gehindert, an den Kursen teilzunehmen. Die wiederholten Zusicherungen des Unterrichtsministers und des Dekans betreffend die Lernfreiheit seien bisher auf dem Papier geblieben. Es sei unzulässig, daß einige junge Menschen die Ausnutzung eines gesetzlichen Rechtes ' in einem Ordnungsstaat unmöglich machen, besonders da die Tatsachen an einem bestimmten Ort sich abspielen und die Täter bekannt seien. Eine Enteignung. Bukarest, 20. Febr. In Klausenburg (Cluj, Siebenbürgen) will die Stadtbehörde das Tagesheim des Israelitischen Frauenverein®, in welchem 150 Waisenkinder tagsüber Aufnahme finden, zu Gunsten eines benachbarten Mädchen-Gymnasiums1 enteignen, und zwar zu einem Preise, der bei weitem dem tatsächlichen Wert nicht entspricht. Das Ansinnen hat in weiten Kreisen des rumänischen Judentums große Empörung erweckt. Die Angelegenheit wird beim Gericht zum Austrag kommen. Der g r i e c h i s c h -; o r i e n t a 1 i s c h e B i s c h o f in Klausenburg, Nicolae I w a n, ist in seinem 61. Lebensjahre gestorben. Bei seinem Begräbnis war Die Woche, Berlin. Dr. Alfred Hirsch b e r g teilt der ITA, mit, daß er nach der Umwandlung des Verbandes der Jüdlistchen Jugendvereine Deutschlands in einen zionistischen Erziehungsbund aus dem Beirat des Verbandes ausgeschieden ist. — Der Privatgelehrte Dr. A. Hoff man n>-Kut&chke ist beauftragt worden, in der philosophischen Fakultät der Universität Halle-Wittenberg die Geschichte des Judentums im Altertum in einer zweistündigen Vorlesung zu vertreten. — Wie der „Filmkurier" meldet, ist der vor Jahren von Dr. Edgar B e y f u ß herausgebrachte Weltreisefilm „Wunder der Welt" mit Zustimmung der Reichsfilmkammer und des Reichskulturwalters Kinkel vom Verfasser zu einem Auswanderungsprop a g a n d a - F i 1 m für die in Deutschland ansässigen Nichtarier umgearbeitet worden, um ihnen auf diesem Wege das Fortgehen von Deutschland zu erleichtern. Bochum. Nach der vor einiger Zeit erfolgten Pensionierung des Rabbiners Dr. David in Bochum, ist das dortige Rabbinat unter entscheidender Mitwirkung des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden neu besetzt und zum Bezirks rabbinat für die umliegenden Gemeinden des Industriegebietes ausgestaltet worden. Zum Rabbiner wurde Dr. Josef Kliersf eld gewählt. Köln. Die Jüdische Gemeinde in Köln hat die Kosten zur Schaffung eines zweiten Beth Chaluz übernommen. Leipzig. Gemeinderabbiner Dr. Ephraim Ca rieb ach in Leipzig scheidet aus Gesundheitsrücksichten aus seinem Amte. Er wird iin nächster Zeit nach Palästina übersiedeln. Mannheim. Die Jüdische Winterhilfe in Ludwigshafen a. Rh. betreut 27 Proz. aller Gemeindemitglieder. Budapest. Es wird gemeldet, daß ein Familienstreit bisher die Veröffentlichung der nachgelassenen Werke Jacob Wassermanns verhindert habe. Nachdem der Streit friedlich beigelegt worden ist, dürften in der nächsten Zeit unbekannte Novellen und Romane Jacob; Wassermann«- - veröffentlicht werden, darunter die Kindheitsgeschichte „Engelhart Ratgeber" und der Roman „Olivia". Paris. Zum -Präsidenten "der Alliance Israelite Universelle ist als Nachfolger von Dr. Sylvain Levi Prof. Dr. Arnold Netter gewählt worden. Bialystok. Der 62jährige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in L o m z a , Hirsch Epstein, hat nach der Rückkehr von der in Warschau abgehaltenen großen Protestkundgebung der Jüdischen Gemeinden Polens gegen, dasi geplante Schechita-Verbot Selbstmord be- . gangen. In einem Abschiedsschreiben erklärt er, er habe es nicht länger ertragen können, die Leiden der verfolgten Juden Polens mitanzusehen. Saloniki. Ein Schneesturm, der in Saloniki wütete, hat insbesondere in den jüdischen Stadtvierteln schweren Schaden angerichtet. Mehrere Baracken brachen unter der Last des Schnees zusammen, von anderen wurden die Dächer durch den Sturm abgerissen. Der 45jährige Salomon Samuel Mord oh fand während des Schneesturms den Tod. Die Regierung hat telegraphisch 100.000 Drachmen für Hilfszwecke zur Verfügung gestellt, ein Viertel dieses Betrages wurde der Jüdischen Gemeinde übergeben. Jerusalem. Acht Absolventen der Regierungsschule für Polizeipffiziere haben ihre Abschlußzeugnisse erhalten. Unter den neuen Polizeioffizieren befinden sich fünf Juden, darunter ein ehemaliger Richter aus Deutschland. — Wie die arabische Tageszeitung „El Liwaa" meldet, wurden in einem arabischen Dorf beim Ras ei Nakura in Nordpalästina 19 jüdische Männer und Frauen von Polizei und Strandwäohtern aufgegriffen, die mit einem Segelschiff illegal nach Palästina gekommen waren. Die Einwandener wurden in das Gefängnis von Akko gebracht. — Im Monat Januar 1936 sind von der Palästina-Regierung 31 Aerzte, davon 30 Juden; zur Praxis in Palästina neu zugelassen worden. Ferner wurden in diesem Monat Lizenzen an 10 Dentisten und 7 iHebammen, davon eine Araberin, ausgegeben. Für Apotheker wurden 5 Lizenzen (durchweg für Juden) neu bewilligt. — Die Hebräische 'Universität Jerusalem hat zum ersten Male den Dokt o r t i t e 1 verliehen und. zwar an Raphael Patai, den Sohn des ungarisch-jüdischen Gelehrten und Dichters Joseph Patai. auch die jüdische Konfession vertreten. Die Juden Rumäniens erinnern sich nämlich dankbar an die scharf verurteilenden Aeußerungen des greisen Bischofs, die er anläßlich der Judenpogrome in Klausenburg getan. Es herrschte ein freundschaftlicher Verkehr zwischen, ihm und dem Vorsitzenden den orthodox israelitischen Landeskanzlei, Oberrabbiner Wesel. Cuzisten-Exzeß in Braila. Bukarest, 20. Febr. Bei den Wahlen zur Advokatenkammer in Braila haben die Cuzisten trotz ungeheuren Terrors eine Niederlage erlitten. Am Morgen nach der Wahl überfielen Cuzisten unter der Führung des Advokaten Dr. Balaban den jüdischen Rechtsanwalt Dr. Weißberg, um auf diese Weise Rache für den Wahlausgang zu nehmen. Weißberg wurde erheblich verletzt. England. Londoner Brief, Die Mosleyschar. — Zur Verbesserung der Sonntagsruhe. — Geldmangel auch in den englischen jüdischen Institutionen, — Jüdisch-religiöse Erziehung. — Vom Board of Deputies. London, 20. Febr. Die Schwarzhemden Oswald Mosleys, obgleich ihrer Existenz hier niemand große Bedeutung beilegt, haben sich in den letzten Monaten in gewissen Teilen des Eastend doch durch Ueberfälle auf jüdische Passanten, vor allem durch Beschipmfungen, im Einzelfalle auch durch Eindringen in Läden unangenehm bemerkbar gemacht. Die Vorgänge führten zu einer Interpellation im Unterhaus, die von Sir John Simon in energischen Tönen beantwortet wurde. Es sei selbstverständlich, daß die Polizeiorgane dem Unfug mit größter Entschiedenheit entgegenzutreten verpflichtet seien. Es wird aber mit Recht gefragt, warum man die eigentliche Ursache dieser Vorgänge nicht beseitigt, nämlich die Hetze in den faschistischen Blättern und die sich bloß in Worten äußernden Beschimpfungen auf der Straße. Interesse erweckt in jüdischen Kreisen die im Unterhaus jetzt ixw angebrachte Vorlage zur Verbesserung der Sonntagsruhe. Die Bill-.sieht den allgemeinen Ladenschluß am Sonntag vor, enthält ^o4.och eine Sonderbestimmung, wonach Juden, die auf GruwJ einer ausdrücklichen Erklärung sich durch ihr Gewissen verpflichtet fühlen, ihren Betrieb am Sabbat geschlossen zu halten, am Sonntag bis 1 Uhr offen halten dürfen. Ob die Bill und insbesondere die erwähnte Sonderbestimmung Aussicht auf Annahme hat, läßt sich im Augenblick noch nicht sagen. Höchst bedauerlich ist, daß es bisher noch nicht ganz gelungen ist, dem allerdings vereinzelten, den jüdischen Namen schändenden Mißbrauch ein Ende zu machen, der im Friseurgewerbe heute noch besteht. Es gibt dort Friseure, die zwei oder mehrere Läden besitzen, von denen einer Schabbos, der andere am Sonntag geöffnet ist. Einzelne mißbrauchen auch die bestehende Vergünstigung, indem sie sowohl am Sabbat, wie am Sonntag entgegen dem Gesetze arbeiten. Die jüdischen Instanzen sind natürlich eifrig bemüht, diesem groben Unfug ein Ende zu machen. Daß auch in England für die jüdischen Institutionen das Gold nicht auf der Straße liegt, zeigt der diese Woche erfolgte bedauerliche Beschluß des Jews College, das probeweise eingerichtete Internat für die Studierenden wieder aufzulösen, weil das Defizit von mehreren hundert Pfund jährlich nicht gedeckt werden kann. Ueber den Stand der jüdisch-religiösen Erziehung in England wäre vieles zu sagen. An sich böte die jetzt bald in Kraft tretende Ausdehnung des Volksschulalters vom 14. auf das 15. Lebensjahr Gelegenheit, auch den Religionsunterricht vermittelst des neu gewonnenen zusätzlichen Jahres zu intensivieren. Die Schwierigkeit Hegt in dem Mangel an tüchtigen und gründlich vorgebildeten Lehrkräften, die es verstehen, den Kindern und Eltern den Unterricht anziehend zu machen, der natürlich keinen obligatorischen Charakter trägt. In der letzten Sitzung des Board of Deputies wurde an Stelle des zurückgetretenen zweiten Vor-