Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1936)
- Date
- 1936-02-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 8 Der Israelit 20. Februar 1936 um wirkliche Hilfe handelt, noch wesentlich abgeschwächt worden. Aber man sollte glauben, daß die öffentliche Meinung der Welt doch allmählich imstande sein müßte, eine positivere Haltung des Völkerbundes zu dem Problem der jüdischen Siedlung herbeizuführen. Hierfür bildet die Entwickhing der assyrischen Frage immerhin ein geeignetes Vorbild. Religiöser Liberalismus in Palästina? Was wir schon lange 'befürchteten und uns wiederholt zu ernstlichem Mahnungen veranlaßte, scheint Tatsache zu werden. Die ITA. bringt einen Bericht aus London, wonach der Weltverband für religiösliberales Judentum sich an Dr. Max Dienemann in Offenbach mit dem Ersuchen gewandt hätte, sich nach Palästina zu begeben, um ,jdie Bedingungen für die Entwicklung moderner religiöser Formen in Palästina zu untersuchen und festzustellen, auf welche Weise dem Bedürfnis nach neuzeitliehen Formen des G'ttesdienstes und Gebetes, gemäß der seelischen Haltung 'der jetzt in Palästina lebenden religiös-liberalen Juden, eht-. sprechen werden könnte." Die moderne Form der ReligionsÜbung in TPalästina soll unter Benutzung der hebräischen Sprache auf die psychologische Eigenart des Jischuw eingestellt sein. Es handele sich nicht darum, etwa das liberale Judentum . Englands oder Amerikas nach Palästina zu verpflanzen, sondern dem religiösen Liberalismus Westeuropas nach den Verhältnissen Palästinas Raum zu schaffen. Damit findet unsere Auffassung vom Zionismus als postassimilatorischer Erscheinung (Siehe auch Wochenrundschau der jüngsten Nummer) eine Bestätigung, wie man sich sie sinnfälliger gar nicht denken kann, und die nebelhafte Aeußeramg Kurt Blumenfelds auf dem letzten: zionistischen Delegiertentag, wonach Palästina für eine religiöse Erneuerung reif sei, aber keineswegs im Sinne der Misrachi wünsche, wird mit diesem ITA-Bericht ins volle Licht gerückt. Noch vertrauen wir auf den gesunden jüdischen. Sinn, des Jis.chiuw in.-Er e.z_ Israel, daß er sich gegen ein solches Attentat auf die Reinheit der jüdischen Tradition im Heiligen Lande mit allen Kräften zur Wehr setzt. Und dabei denken wir nicht allem an den alten Jischuw, sondern auch den neuen, der zwar leider keine Pflanzstätte der Thoratreue ist, aber — wenn auch nur aus nationalem Empfinden — Interesse daran hat, Erez Israel von der Assimilation frei zu Hand empfängt*), wird quasi dem Gegner der \n für den Schutzbedürftigen in das Auge eingeträufelt. Und da nach einer Lehre von ^"tn Auge und Herz im engsten Kontakt miteinander stehen,**) so dringt das eingeträufelte ]n ganz automatisch bis ans Herz vor und bemächtigt sich dort desselben. Kaum aber ist das Herz vom ]n beherrscht, dann darf der Groll und der Haß des Gegners gegen den Angefeindeten noch so groß sein, muß er «einen Widerstand gegen denselben aufgeben und nur gutes an ihm sehen."So entsteht über Nacht von einem bösen Feind ein guter Freund, sofern man der Huld G'ttes würdig ist. *) Vgl. Jeschaja 42, 5: 'tti n»P3 Inn „Er, G'tt, gibt Lebensodem usw." Nicht: gab, einmalig, sondern: gibt immer wieder von neuem, mir- **) S. 28 b: 'Wi *V9i ^""W „Die Sehkraft des Auges ist mit dem Herzen aufs engste verknüpft." Wochenkalender. Von. 22. — 29. Februar 1936 / Vom 29. Schebat — 6. Adar 5696 'ai' Jp n^pv nsns cpüspö Samstag 22 Ü3W 29 rnnio i» mim )'3ian Mauled: Samstag nachm. 2 Uhr 36ä/ß Minuten Sonntag 23 30 tn snn »KIT 'K Montag 24 1 TTO Vm '3 Dienstag 25 2 oö Mittwoch Febr. 26 ms 3 3 ' Donnerstag 27 ...... : ■4 M " - ' ' F*eitag 28 5 33 Samstag .; : 129, . 6 12 nposn nsnn'r halten und eine Nachärfung fremder Kulte, ob sie von England und Amerika oder von Deutschland erborgt sind, als eine Verfälschung der jüdischen Urform auf dem Boden, auf dem sie gewachsen ist, ablehnen. Minister a. D. Czermak lobt die Orthodoxie. Minister a. D. Czermak, der vor kurzem erst die katholischen Gemüter in Wien und Oesterreich für die angeblich bedrohten katholischen Interessen in Palästina durch die Juden in Bewegung gesetzt hat, äußerte sich dieser Tage in einer Vorlesung über weltanschauliche und staatsbürgerliche Erziehung der Jugend an der Wiener Universität dahin, daß die Orthodoxie als wertvollster Teil des Judentums zu ■ respektieren s ei und darum bei der bevorstehenden Regelung, der Judenfrage besondere Berücksichtigung finden sollte und werde. In einer anderen Versammlung, und zwar in einer solchen des katholischen Soldatembundes, wandte sich Czermak g e g e_n die Judentaufen, mit denen weder dem Judentum noch j der christlichen Sache, gedient sei. Schein- ' und' j Zwangstaufen hätten sich immer noch für beide Teile bitter gerädht. Die Schein- und Ziwarugstaufe sei das schlechteste Mittel zur Lösung des Judenproblems. - . * Prof. Czermak wünscht weitgehendes Recht für jede Minderheit in Oesterreich, aber doch eine Art G h e 11 o r e c ih t : Jüdische Kinder gehörten in eigene Schulen und eigene Kindergärten; die Juden seien auf eigene kulturelle Organisationen und Eisirdöhtungen verwiesen, sie sollten aber innerhalb ihres eigenen ihnen zugewiesenen Lebensraumes darauf bedacht sein, den christlichen Charakter des Staates nicht zu verletzen. Man hat von .Minister a.. D. Czermak auch ^c:hön andere Worte über die Judenfrage gehört Die oben zitierten Aeußerungen müssen ja nicht aus eitel Liebe geboren sein, um in manchem doch das Richtige |.zu .tr;eifen> Eys kommt auch schließlich nicht ( äui die Worte: an, sondern auf die Täten und auf den Geist, von. dem diese getragen sein werden. Das. gegebene, Wort, daß bei der bevorstehenden 'Regelung..,der. Juderifrage die Orthodoxie besondere Berücksichtigung finden soll, wind man sich auf alle Fälle merken müssen. . , .. •!;:.!:.i!!••!;l Volk im Aufbruch, Diaspora in Bewegung. (Reflexionen zur jüdischen Zeitgeschichte.) Von Dr. Adoli Altmann, Oberrabbiner in Trier. (Schluß.) Man wird einwenden, daß dies doch nicht durchaus immer und überall so war. Man wird auf Länder und Orte hinweisen, wo Juden sich restlos anschmiegten und der Ursprungsheimät veigaßen, sie gar mit Absicht aus dem Herzen ris.sen und sie aus ihrer Ideologie und Sehnsucht ausschalteten. Man wird also zu beweisen suchen, daß diese Art des' Segens der Diaspora, von der die Rede ist, nicht allgemein gültig zutrifft. Das its''allerdings nicht zu'' leugnen. Zahlreiche Juden klammerten sich a'h die Diaspora um ihrer selbst willen, fanden sich mit ihr restlos ab, und gedachten nicht mehr, oder nur mehr in lockerer Form des Herkunftslandes vom alten Stamme. Aber dieses blieb in der ganzen Diasporageschichte eigentlich nur ein vere'inzelter Fall, eine einmalige Erscheinung, nur einer Epoche vorbehalten. Und sie ist es gerade, wir werden gleich von ihr reden, die am meisten unter allen Diaspora-Epochen, von einer Rückschrittlichkeit der jüdischen Originalität, ja einer Verkümmerung der jüdischen Ursprünglichkeit, wie kaum eine Zeit zuvor getragen ist. Sie ist es, in der es zumindestens strichweise fast um Israel geschehen wäre, wäre ihr nicht in G'ttes weiser Fürsicht hier und da ein Damm, gesetzt worden. Es ist die Epoche der Emanzipation und der mit ihr wie ein Zwillirigskind gemeinsam auftretenden Assimilation. Sie ist es, die sich bei aller guten Absicht, mancher ihrer Träger, vom ' höheren jüdischen Standpunkte aus gesehen, des recht zweifelhaften Ruhmes brüsten kann, der jüdischen Entfremdung gedient, der Entfaltung des Judentums die Flügel lahm gelegt und mehr denn ein Jahrhundert, die Genialität des Judentums auf dessen ureigensten Gebieten niedergehalten zu haben. Ihre weltlich menschlichen Errungenschaften in allen Ehren, aber ..vor. dem jüdischen Niedergang, den sie be-r günstigte, .verhüllt der Genius des Judentums sein Haupt. Und das nicht nur deswegen, weil sie dem Judentum eine zielabgewändte Richtung mit Bezug, auf die Tradition der -religiösen Inhalte;gab, sondern ehrlicherw'eis'e gesehen nicht minder deshalb, weil sie des alten Schwu-; fes: „Wenn .ich dein vergesse, Jerusalem Y .!. in erkenntnisarmer Verlorenheitj:-nicht oder/;rhur; sehr kümmerlich eingedenk blieb. Wir^ huldigen ' im allgemeinen nicht dem Vorgang5 'jclher/1 die in einer Gegenwartsverlegenheit nur immer gerne Schmähungen auf die Vergangenheit häufen, aber damals, das muß gesagt werden, als überall die Ghetto-Mauern fielen, die Freiheits-Gleiohheits- und Brüderlichkeitsparole durch die Lande schallte, .den Juden hier früher, dort später der Freiheitsibrief gereicht wurde, wäre für Größeres und Weithinragendes, als für die bloße Emanzipation der Augenblick gewesen. Denn es war eine große, schicksalhafte' Stunde, nur haben wir Juden sie nicht verstanden, oder falsch verstand em und uns schwach und klein, ja töricht in ihr gezeigt.; Es war eine \on jenen Sterhstunden der Messianität, die nicht oft in einem Jahrtausend erscheimen, wenn sie aber da sind, mit dem Moschiach zugleich den Versucher,-den falschen Moschiach mit sich führen. Mit dem Bar- Kochba, bringen diese Stunden gewöhnlich auch den iBar-Kosiiba mit. Wehe, wenn wir Juden da dem Bar-Kcsiba in die Hände gespielt werden! Und wir sind ihm damals in die Hände gespielt weiden. Geblendet von dem Schimmer des neuen Lichtes, haben wir die Augen vor einer großen Erkenntnis und, Aufgabe geschlossen, sie hieß damals, wie kaum je zuvor und hernach'. Palästina. Das ist kein Paradoxon, wie es etwa scheinen mag. Gerade das Geschenk der Freiheit und Gleichberechtigung, hätte statt zum Fallenlassen der großen jüdischen Aufgabe, zu ihrer Schilderhefbung anregen müssen. Es galt nicht etwa, wie Oberflächliche heute leicht zu behaupten haben, die Emanzipation abzulehnen, das ist unsinnig, aber . es galt in -vernünftiger Anwendung des . Errungenen, neben der Kreierung der damals neu entstandenen Vaterländer, die alte Linie jüdisches Mutterland mehr denn je aufzunehmen und anzubahnen. ,,Freie Völker, verhelft uns Freigeworden eori zurn alten Mutterland!", dieses Wort im Munde der Juden, hätte gerade damals einen besonderen Klang vor den . Ohren der Machthaber und der Welt gehabt. Die hoohlcdernde Flamme .der Humanität, die damals alle Welt ergriff, hätte sich* schon, im eigenen Interesse der Volker selbst, noch mehr für diese Generallösüng der Jude,nfrage entzündet, als es für die verschiedenen TeillösungeiL geschah urio!geschelieh konnte. Emern IJilaniie,, wie M'ordeohai Manuel NoaK. z.'B. .irvat.,das ja offenbar vorgeschwebt,', alsi er um 1825, der Zeit der ,ti 1 -: >:i;*'■ A '' ' - '"*'i f-i i' - j' 1' ' Hochflut!der Emanzipation, in einem zündenden > :.l -!. .* i i': >l ' j i-i ■ "■ Aufrü!f die Juden nach Palästina, rief .und. .Sjpgar. die Christen' aufforderte, bei der „Wi.^e^gebiurt