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Der Israelit · 1936-02-20 · Heft 8 (20.2.1936) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 8 (20.2.1936)
Date
1936-02-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
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%m0sg ^I^^^^^^^^^Sä^l^^^^S^^^^^^^^^^^'^^^^^^^^' ^^p^^^5^^^^5^^SS5?5^«^?^;^''*"'*"v'* 20. Februar 1936 Der Israelit Nr. 8 Seite 7 der Juden" Hilfe zu leisten. Er blieb als Einzelner und vielleicht seiner Wesenheit und ganzen Mentalität nach, wohl auch Unberufener, ein Rufer in der Wüste, aber daß es an sich nicht so absurd war, bewies die Tatsache, daß etwas später, um'.1840/41, bei einer Konferenz der mitteleuropäischen, Mächte über das Schicksal von Syrien und Palästina auch das Projekt eines jüdischen Staatswesens in Palästina, ernstlich diskutiert wunde, und daß der englische Konsul in Syrien der jüdischen Deputiertenkammer in London, allen Ernstes den Vorschlag machte, in Palästina ein jüdisches , Staatswesen zu errichten. Die Juden hätten sich nur in der reckten Weise für Palästina melden und rühren müssen. So haben ja einst die Juden in Babylonien gehandelt und die günstige Stimmung für sie' dm Lande bei den Mächtigen ibenützt, um gerade dieses Er- ' wachen des Gerechtigkeitssinnes in den Dienstler Grundlös üng der Judenfrage zu stellen und für' die Wiederherstellung der alten Heimat ein- 1 zutreten, obwöhl sich die babylonischen Juden einer noch weit größeren Emanzipation zu erfreuen hatten, als die neuzeitliche eine gewesen ist. Man denke an die großen Vorkämpfer und Führer der babylonischen Alija, durch Serubabel, Esra, Neheima u. a., lauter Hochgestellte in jenem freiheitlichen, judenfreundlichen Lande Babel, die sich .aber gerade 'kraftihrer Stellung und vollen Gleichberechtigung,;imit um so größerer Liebe und Begeisterung den* Ziele des Väterlandes hingaben.:-Statt ebenso zu handeln, unterließen es unsere Ahnen in' der Emanzipationszeit, und damit nicht genug, gingen sie bin, noch ein Weiteres in der verkehrten Richtung zu tun. Sie warfen sich mit allem, was Generationen vor ihnen heilig war, der neuartigen Strömung in die Arme und setzten Gleichberechtigung mit Selbstaufgabe auf eine Linie, Sie begannen das Experiment mit sich selbst. Sie drehten das Steuer der uralten, bis dahin eigentlich nie unterbrochenen Bewegungslinie mit dem Kennwort „Bundeslade" und ,,Zion" herum und lenkten den Zeitaufbruch in einen fremdartigen Begriff von Diaspora hinein, der sich nie und nirgends im Geschichtlichen des Judentums einordnen läßt Auch bis dahin hat es oft und lange genug eine Diaspora, ein Galut gegeben, aber es gab keine Abfindung damit, diese Epoche aber bedeutet die in Ruhe übergegangene Abfindung mit der Diaspora, den Pakt mit dem Galut, und 'das war ihre große Sünde. Es geht nicht gegen die verdienten Männer des Vorkampfes für Ismeis Menschen- und Bürgerrechte, Sie 'werden immer ein Anrecht auf unsere Dankbarkeit, Achtung und Bewunderung haben, aber was aus dem mit ihrem Herzblute Errungenen in mißverstandener und verkehrter,. Weise gemacht wurde, das war gewollte oder ungewollte Versündigung an dem Geist unserer alten Geschichte. Die Orthodoxie tat, zumindest eines, sie gab wenigstens den Zug hinter der Bundeslade auch in dieser entjüdischten Zeitlage nicht auf. In dieser Beziehung ist sie über die Krisis hinweg ohne Zweifel sozusagen die S\egelbewahrerih des historischen Judentums geworden. Auch Zicns hat sie mindestens im Kämmerlein ihres Herzens mit ^Ä^rme und Innigkeit gedacht, hat den Gefühlen der Sehnsucht nach dem altgeheiligten ,,Zurück" wenigstens in Gebet und Norm der Hälacha Raum und Ausdruck gegeben. Sie. hat1 damit, das darf ihr nie vergessen werden, die Erinnerung an Zion überhaupt vor dem völligen /erdrängen und Erlöschen bewahrt. Aber praktisch, im Aufbruch des Lebens draußen, blieb auch sie mit Bezug, .auf : Zion in' der Assimilation und Abfindung stecken Denv Steuer der Zeit ganz nach der alten Weise die; Wettdung zu geben oder' zu erhalten, blieb ..ihr versagt. Und damals' gab; es, ,trotz .alljes Nieder-; gangs, noch so etwas wie äme jüdische lElßReit-' lic-hkeit an Fassonund Inhalte jUefeer t dem, was \ Judentum ist, schwebte damals noch'jdei-^n sich \ geschlossene töeiist und, Cnaraikter der'Ursprung- licbkeit vom'Ghetto iiier. ^Damals war es .an.der \ Zöit, dahiäls halte die Orthodoxie einen Herzl stellen müssen. Sie bat es nicht getan, Ihr daraus einen Vorwurf zu machen, wäre naiv, denn Gründe aus der Zeit und Mentalität heraus gesehen, werden sich immer feststellen lassen, wie denn überhaupt geschichtliche Feststellungen nicht zu nachträglichen Vorwürfen, sondern nur au besseren Erkenntnissen zu dienen halben, weil nämlich geschichtliche Fehler frie so entschuldigt werden können, daß sie nicht mindestens izur Warnung dienen müßten. Und das gilt in unserer Frage für alle. Auch als H'erzls Genius, wie von einem Schrei der Notwendigkeit gerufen, endlich kam, und, wie man sagen muß, mit Kraft und ragender Konzeption an die alte zurückgesetzte Bewegungslinie Zion wieder anknüpfte, erwies es sich leider wieder nur als ein Torso, was er brachte. Zion, daran .kann kein Genie etwas ändern, hat nur in der Synthese mit Bundeslade einen Sinn in unserer Geschiclyte. Herzl selbst mußte diese Synthese fremd bleiben, denn als Vollblutkind einer assimilierten Zeit, die ihn gefangen hielt, obwohl er gegen sie vorging, war auch sein „Zion" hur ein Gebilde der Anpassung an die Zeit. Bundeslade ' ohne Zion, hat wenigstens auch für sich noch einen starken Sinn, ja einen Grundsinn,: wenn auch keinen Vollsinn, aber Zion ohne Bundeslade,, d. h. öhne das, was man geistig und praktisch, darunter ver^: steht, ist in strenger jüdischer Geschichtssicht, ' ein Griff ins Leere, eine Konstruktion ohne Unterlage. Aber wieder 'hatte die Orthodoxie das nur als Bemängelung wohl gesehen, aber nicht als Wink, selber von Grund aus ein Anderes, Besseres zu gestalten. Sie versuchte eine Korrektur des Zionismus im Misrachi und nahm einen Anlauf zur selbstschöpferischen Tat in der Aguda. Aber der Misrachi blieb doch im Rahmen und Effekt primär der Herzliche Zionismus, und die Aguda blieb doch die im Kreise sich bewegende distanzierte Orthodoxie. Kam auf der einen Seite die Orthodoxie gegenüber dem Zionismus zu kurz, so auf der anderen Seite der Zionsgedanke gegenüber der Orthodoxie. Was nottat, die Schaffung . eines Zionismus der überlieferungstreuen geschichtlichen Linie seitens der gesamten, vereinigten Orthodoxie, eine Tat, die seit über hundert -j Jahrein in. der "Schuld der Orthodoxie schwebt, blieb aus und ging im Zersplitterungskampfe partikularistischer Thesen unter. Man kann darum nicht von-der ,,Tragik" der einen oder anderen Gruppe sprechen, sondern muß von der „Tragik aller'.' reden. Denn bei allen Gruppen für sich gesondert, fehlte irgend ein Entscheidendes und Letztes für eine wahrhaft jüdische und geschichtliche Vollsynthese. Ist die Stunde dafürjetzt gekommen, werden sich jetzt die wahren großen Synthesen vollziehen? Jetzt ist die Zeit doch da, vor allem dort wieder anzuknüpfen, wo wir vor der Assimilation stehen geblieben sind, uns wieder einzuschalten, wo wir uns ausgeschaltet haben. Das Idol, vor dem wir anbetend im Staube lagen, liegt jetzt zerschlagen vor uns, vielleicht wird jetzt das Ideal an seine Stelle treten. Eine Chance ist uns gegeben, werden wir sie zu nützen wissen? Wiederum ist eine Sternstunde unseres Schicksals da, und eine deutlichere als die vorhergehende. Wird sie uns wie ein Schatten aus der Hand enthuschen, wie ein Schaum in ein Nichts zerfließen, oder werden wir sie zu halten verstehen? Eine Grundvoraussetzungfür das letztere scheint jetzt gegeben zu sein, die Bewegung, die allenthalben eingesetzt hat. Vielleicht, daß sich in ihr kongeniale Dinge in Israel vorbereiten. Eine Beweglichkeit und' Regsamkeit stärkster Art geht vor sich.. In allen Lagern des;Judentums -ist) ein rühriger, tätiger Geist am .Werke, wie er semiesgleiöhen in der Geschichte, sucht. Volk im Aufbruch, Diaspora in Bewegung, ist die erste , in. die Augen fallende Kennzeichnung der -Lage. Eine> Umwälzung der Geister , geht geradezu vor sieb.-. Seit den Tagen Sabbatai .Zewjs — ohne damit eine WesensVerwandtschaft, behaupten zu wollen -^vh'at keine ' Welle, von:[solcher' Dynamik mehr das' jüdische Volk,in a;Hen;:seinen< Teilen ergriffen; und selbst die Ruhigsten in ihren Grundtiefen aufgewühlt. . Noch steht man zu unmittelbar in den Ereignissen drin, um schon die rechte Distanz zu ihnen zu gewinnen. Noch läßt sich das wahre Wesen der Bewegung nicht definieren und abschätzen. Man sieht noch nicht klar; wohin alles ausmündet. Aber eines ist sichtbar, die Bewegung ist da, ein Novum hat sich schon damit allein aufgetan. Das totgeglauibte Judentum ist auferstanden, ist zu seinem Selbstbewußtsein erwacht, es bewegt sich Wieder. Leben ist in die kalten, gleichgültigen Gerippe gekommen, die uasgedörrten Gebeine, stehen -wieder aufrecht, ein Heer von Wollenden hat sich im geistigen und seelischen Sinne erhoben, und dieses Heer ist jüdisch und was es will, das ist jüdisches Volk. Sind auch nur erst die Umrisse dessen zu erkennen, um was es geht, aber schon sie zeigen, daß es nicht um Geringes geht. Bleibt nur abzuwarten,, ob die jüdische Bewegung, die Wir Vor uns hervorbrechen sehen, die volle Kennzeichnung des wahrhaft Jüdischen 'aufweisen wird, die Merkmale nämlich, von denen die Rede ist, Bundeslade und Zion. Von diesem historischen Regulativ wird aber alles schließlich abhängen. Auch in der Frage Diaspora und Erez Israel, die den Brennpunkt der Bewegung darstellt, um die alles rotiert, wird es sich darum handeln, ob dieses Normativ die Richtung angeben wird oder nicht. Schon tauchen in der Frage auch die krassen Extreme auf. Diaspora unter allen Umständen, auf der einen Seite, und Palästina unter allen Umständen, auf der anderen Seite. Aber die wahre Synthese muß heißen: Nicht Diaspora an und für sich und nicht Palästina an und für sich, sondern beide je nachdem wie man sie gestaltet. Es muß in diesem Sinne heißen: Ja sagen zur Diaspora, Sie hat uns an die 2000 Jahre in Leiden und Freuden getragen, jüdische Geschichte und jüdischer Heldenmut, Blut und Tränen wurzeln in ihr. Ja sagen zur Diaspora. Aber zu was für einer? Nie und nimmermehr zu einer Diaspora der Entjüdischung, der Selbstpreisgabe, der Abfindung und Paktschließung, sondern zu einer Diaspora der Verjüdischung, der Spannkraft und Bereitschaft, zu einer Diaspora jüdischen Lebens und jüdischen Ziels. Und erst recht ja sagen zu Palästina. Jahrtausende ist es uns Stern der Sehnsucht, Wiege unseres Volkes, Mutter unserer Herkunft. Ja sagen zu Palästina.-Aber zu was für einem? Nicht zu einem der bloßen Konjunktur, der Verweltlichung und Entheiligung, der Profanierung und Entweihung, sondern zu einem Palästina der historischen Berufung, der thronenden Thcra, der biblischen Erneuerung, der gläubigen Kraft, der begnadeten Größe, der Verherrlichung G'ttes, der Beglückung Israels. Die Parole muß lauten: Nie und nimmermehr ein Judentum ohne Zion und nie und nimmer ein Zion ohne Judentum und nie und nimmer beides ohne das, was Diaspora und Zion, Volk Und Judentum erst eigentlich wesenhaft macht, das ist Bundeslade, das ist Thora. Das muß über die Krisis hinaus, der dauernde Gewinn aus den Erschütterungen sein, und alle divergierenden Anschauungen hüben und drüben müssen sich darin finden. Mit der Bundeslade über Zion geht unser Weg durch die Welt, geht unser Weg durch die Geschichte. Noch ist nichts vom Fazit unserer bewegten Tage zu sagen, ob es schon die ,,Ikwe-demeschicha" die „Fersen des Messias" sind, in dessen Spuren wir schreiten. Noch wäre es vermessen, yon dem, was unsere Augen hier in der Gola und drüben im Lande vor sich gehen sehen, zu sagen, es sei schon das Große und Machtvolle, von dem die Seherblicke unserer^PFop^heten-^cimdeten. Wenn selbst G'tt, nach einem Worte des Talmuds, mit Bezug auf den Geula-Zeitpunkt von sich , sagt: „Meinem Herzen 'habe ich es offenbart, aber den Engeln habe ich es verschwiegen," wer dürfte sich da erkühnen, unter die ,,Mechasohwe kez" zu gehen, unter die Messiasdeuter zu treten. Hier gilt noch immjer das biblische Wort: ,,Die Verborgenhelten sind des Ewigen, unseres "Gattes, und^das Offenbare ist unser und unserer Kinder . . ." Aber wenn sich auch noch nichts von der Vollendung aussagen läßt, von der Aschalta de-

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