Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 33 (15.8.1935)
- Date
- 1935-08-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450858-2450890--81474-2539370- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^pf^y^^P^^^^^^^f 15> August 1935 , - ' ■ .;.'}!;: ■ :■■ ' h . .. -. •' ' - Dr. Leo Deutschlander ^r. i (Fortsetzung "von Seite 1.) :; :-'!:!!,■■■ ' '.' ■•' " ■ ■ waren, dann träte? zuerst ein Schüler oder eine Schülerin .der A,d ä ß J i s r ,o e L- R e 1 i g i o n s >' schul ezu B e;r 1 i n , an der der Jüngling und werdende Mann etwa 8 Jahre seines Lebens -— seelisch die reichsten, wie er oft bekannte — wirkte, an seinen Oraun, und würde nicht sprechen, sondern nur weinen können. Und, in diesem Weinen läge das Bekenntnis: „Daß wir Juden geworden sind, ganze und überzeugte Juden, daß T'nach zur .Offenbarung unseres Lebens wurde, daß1 wir keinen schwierigen Vers in T'htHinT lesen können, ohne daß . uns die Deutung vor Augen ist, die Du vor zwanzig Jahren und mehr diesem Vers gegeben hast, das» Leo Deutschländ er , ist Dein Werk! Du warst uns Lehrer und Erzieher, -Berater und Freund, Du warst unsere ganze Jugend. Jugend,, die immer wieder Gegenwart wurde, und neu blühte, wenn wir Dich nach Jahren wieder trafen und Du , mit eine^ neuen Deutung eines schwierigen Psalms, die alten Zeiten wieder wecktest.; Da warfst Du von Dir die ganze Last -des; jüdischen' Führers und warst das, was Du am. liebsten . warst . — Lehrer, und nichts als Lehrer!"» : Und dann träte; an;,Deinen Oraun irgend ein litauischer^ i JesqhiwQhbochur als -Repräsentant ail der; Lernenden und!Lehrenden anfallen J e - sc \ %-u. s der ganzen Welt und er spräc^$: fnj tarnen von Tausenden und Abertausende^V was „Dr. Deutschländer" durch seinen —- jaj-durcj^. seinen:iK e r e n H a;t o r a b für den Limud Hatauro in der ganzen Welt Unvergleichliches und Unvergängliches gewirkt hat. ^Durch den Krieg war er nach dem Osten verschlagen worden — er war Ministerialrat im litauischen Kultusministerium und diese nahe Berührung mit den litauischen Gedaulim wurde für ihn* den Sohn eines ungarischen .Talmid Chochom, -~r- Nathan Deutschender«, des ersten Predigers und Religionsschuldirektors der Adaß; Jisroel zu Berlin — zur Entscheidung seines Lebens. Er warf die Stelle an einem staatlichen Gymnasium in Deutschland, die ihm viele Jahre offen gehalten wurde.^ohne Bedenken fort, ging an wiederholten Berufungen als Direktor erster jüdischer Unterrichtsanstalten achtlos vorbei, dachte nicht an die Sicherung seiner und seiner Gattin Zukunft — und kannte nur die Zukunft, die geistige Zukunft des jüdischen Volkes. Als Agudas Jisroel ihn nach der ersten Kenessio Gedaulo berief, den Keren Hatorah, der damals nur ein Wort auf dem Papier war, zu organisieren, da sah er im Geist vor sich die Jeschiwaus in aller Welt — in ihrer unfaßbaren geistigen Größe und in ihrem unvorstellbaren physischen Elend — und er sprach wie Samuel, dessen Namen er trug: ,,Rede, denn Dein Diener hört!" Was er, gedrungen-von diesem Wort, in .diesen zwölf. Jahren geleistet .hat, für den Keren Hatorah geleistet hat, läßt sich hier nicht schildern. Wer : die Geschichte des Keren Hatorah schreibt, der schreibt die Geschichte — Leo Deutschländers! ,; J3er Dank jenes : Jeschiwohbochurs an „Dr, DeutschländerM. -— das ist der Dank* der Taurohmenschen an diesen selbstlosesten Diener — u n d Her r n am Werke der? Tauroh! Undein Bei h_ J a k o h^~Mädchen~ aus irgend einem verschollenen Winkel Polens, sie würde dann an seinen Oraun treten und im Namen von z e h n t a u s e n d e n jüdischer Mädchen Polens, Litauens, Rumäniens, der Slovakei und-des Heiligen Landes bekennen, daß (.Herr Doktor" — den eine "gütige Vorsehung neben S ar a S c h e - nirer L-?w't: -gestellt hatte, daß: der Mann des weitesten Blickes, des umfassendsten Könnens, der genialen organisatorischen Begabung die Frau des heißesten und frommsten Herzens ergänze ••fdaß „Herr Doktor" ihre Seelen gerettet, dem überlieferten Judentum erhalten. v Der Israelit ■ ■ ' ■ I, ■ i— Man brauchte ja nur einmal einer? Unterrichtsstunde 'beizuwohnen, die er im Krakauer und später im Wiener Beth Jal^öb-Seminar erteilte oder bei irgend,' einem der Ferienkurse, die sein erfinderischer Sinn eingerichtet.: hatte, um mitgerissen zu sein. Wie er da vor seinen Hörerinnen die Weltliteratur aufmarschieren ließ--er war ja heimisch in ihr wie selten einer — um dann David oder Jesaja; oder Salomo sprechen zu lassen: „Das ist unser Besitz, \^ir brauchen nicht die andern Literaturen!" ,',Meine Tochter, gehe nicht hin, zu pflücken von anderm Feld" —; denn u ii'ser Feld trägt die schönste Frucht! Und so verankerte er diese Mädchen im Judentum, so gestaltete er ihnen ihr Judesein zum höchsten Glück und - zur Seligkeit! Und die andere schwere Seite — die Beschaffung der Mittel, hier um Beth Jakob, dort um den Keren Hatorah zu erhalten — dem galt die Sorge und das Stöhnen der Nächte, des Mannes, der am Tage immer heiter "war und den andern abgab von der Sonne seines Wesens! Dr. Deutschländer ^"M- Und dann drängte sich vielleicht noch einer an seinen Oraun, ungerufen und unaufgefordert: irgend ein schlichter Bedürftiger aus dem weiten Bezirk der Wiener Leopoldstadt —: und das, was er ,;zu sagen hätte von dem Herzen Leo. Deutschländers — vielleicht wäre das das. Größte! Denn er würde aussagen, daß Dr. Deutschländer der gütigste und edelste Mensch war, der niemals einen Schmerzbeladenen ungetröstet und ungestärkt von sich gehen ließ. Der würde erzählen^! daß dieser Mann, der allen gehörte, jede m zu Diensten stand. Daß er ein Baal Zedokoh war, wie selten einer! Ein Mann, den Gesamtheitsleid nicht abgestumpft hatte gegen Eirizelleid -4-^ und vielleicht würde das Klagen d i e - se s Joannes vor G'ttes Thron . am . deutlichsten vernommen! Klage reiht sich an Klage! Und sie gilt der Lei s'.tjtirXL g d ies e s L e be n s-, gilt dem, . was. . Leo: Deutschländer der Welt gegeben. Sie dankt dem Lehrer, dem Organisator, dem Führer, dem Menschen! Es ist def Dank derer, die im Schatten des Baumes saßen, die von seiner Frucht aßen! Wenn man aber weiß, w i e der Baum wuchs, wie oft. man ihn .von einem Erdreich ins andere pflanzte^ wie schwer seine^Jugend, wie. oft von Krankheit seihe: Manneszeit beschattet war, wie ein Gärtner den. andern ablöstet da ihm in frür hester Kindheit beide Eltern starben, dann' erst ahnt man, wie gewaltig das Werk der Selbsterziehung, war, das Leo Deutschländer an sich; vollzog. .Gewiß! Mei;e\r Hildesheimer ^»i war dem Frühverwaisteri ein treuer und hinge-, bungsvoller Vormund, Lehrer B ä c h m a n n :H?'(T in A l t o n ä; erzog ihn als ein guter, von seinem ._■' ■ _ Nr. 33 Seite 3 Beruf durchdrungener „Waisenväter", im Hause seines Schwagers Rabbiner Dr. Eduard Biberf eld das ihm;dann ein Jahrzehnt zur Heimat wurde, sah er „Thora und menschliche Größe an einem Ort" — im Grunde aber;erzog er sich selbst, indem er den Stimmen lauschte, die von Vätern und Vorvätern her zu ihm klangen und die er sich durch seinen steten .Lebensbegleiter --von frühester Jügend bis zum letzten Tage — durchs T'nach zu deuten wußte. So hatte er schon früh das offenste Auge für das Geschehen der Zeit — der eben Zwanzigjährige gründete die Agudas Jisroel-Jugendgruppe Berlin — und als der Krieg ihn nach Litauen verschlug — zunächst als Zensor und dann als- Schulmann — konnte, er dort seinen jüdischen .Brüdern bald ein Helfer werden, ein willkommener Helfer, weil die Hilfsbereitschaft ihm angeboren war und weil der Gebende sich immer als Nehmender benahm — und auch empfand. Damals gründete er gemeinsam mit seinem Freunde, Oberrabbiner Joseph Carlebach ■>"jf Altona das jüdische Realgymnasium in Kownp und legte mit ihm zusammen-die Grunde lagen/1 ij^ dem noch heute blühenden Jawnes c h u 11 w efk in! Litauen. Aus; jener Zeit stamm^das von ihm herausgegebene Jüdische Lesebuch: nD"'! DW „Westöstliche Dichterklänge", die einzige seiner. zahlreichen literarischen Arbeiten, auf die er mit einem gewissen Stolz zu schauen pflegte. ' Die litauischen . Gedaulim liebten ihn. Noch anderthalb Jahrzehnte später leuchtete ihr Auge, wenn sie von ihm sprachen! Der junge Führer konnte also schon auf eine große pädagogische und organisatorische Leistung hinweisen, als der G. A. der Agudas Jisroel ihn im Jahre 1923 nach Wien zur Führung des dortigen Büros und insbesondere zur Leitung der Keren Hatorah-Zentrale berief. Er brachte alles mit, was man für ein solches Amt braucht: eiserne' Energie, die vor keinem Hindernis schreckte, Fleiß, der keine Grenzen hatte — beides mußte einem. schwachen Körper abgerungen werden — eine natürliche Liebenswürdigkeit, die jeden entwaffnen mußte umd ein seltenes Einfühlungsvermögen. Und die Fähigkeit, sich Mitarbeiter zu erwerben, die für ihn durchs Feuer gingen, obgleich er bei aller maßlosen Güte kein anspruchsloser Vorgesetzter war. Das neue Amt nahm ihn voll in Anspruch — und dennoch als er auf der Zentralratssitzung in Krakau, im September 1924 mit der Beth Jakob- Arbeit Sara Schenirers in Berührung gekommen war und erkannte, um was es hier ging — um Verderb oder Gedeih der weiblichen Zukunft -— da kannte er kein Bedenken. Er übernahm zu aller bisherigen Arbeit noch die pädagogische Leitung und den organisatorischen Ausbau der Beth Jakob-Bewegung. Seine Freunde warnten, seine Kräfte nicht zu überspannen; aber er behielt Recht — gemeinsam mit Sara Schehirer n"57 schuf er das Werk, das b e i d e unsterblich machte. Er schuf dies Werk; das weitverzweigte Schulnetz, die Seminarien in Krakau und Wien, das >> stolze Gebäude in Krakau — all das dankt die jüdische Welt ihm.; Und wenn er sich keine Ruhe gönnte, oft monatelang seinem Heim fernblieb, wenn er in den Logen über Goethe sprach —- er hatte nur den einen Gedanken: die Arbeit, der er sich verschrieben hatte, über alle inneren und äußeren Schwierigkeiten — und diese waren nicht leichter als; jene — hinwegzuheben. Es wurde ihm oft schwer, bitter schwer gemacht, selten, daß . er klagte, nie, daß er haderte. Und doch, wenn er im Schlußwort seines „Das Erziehungswerk der gesetzestreuen Judenheit", des Buches, mit dem er sich, unbewußt selber ein ewiges Denkmal setzte, schreibt: „Beides.also, Ueberwindüng des Egoismus der Richtungen und Ueberwindüng des Egoismus der Einzelperson ist die unbedingte Voraussetzung für das Gelingen des vom Keren Hatorah begonnenen Rettungswerkes. Denn Arbeit für das jüdische Kind ist Rettungswerk am Judentum! . . . Als die Hüter des