Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1934)
- Date
- 1934-11-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 47 Der Israelit 22. November 1934 monie und Fatalismus. Im Blut sehen wir nur die „Nefesch", nicht die „Neschama" beschlossen. Zum Blut muß noch ein anderes kommen, um unsere Einheit zu begründen: Die Religion, die die Triebe in ihre Grenzen weist und die Seele zur Freiheit aufruft von äußerem Zwang. Aber auch in der Religiosität erschöpft sich das Judentum nicht. Dazu liegt in ihr zuviel Persönliches und Differenzierendes. Beides aber ist objektiviert und eins geworden in der gelebten Religion, in dem Generationen verbindenden Blutstrom, den wir Geschichte nennen. Die Verkörperung dieser Geschichte aber findet sich in den drei Denkmälern: Bibel, Talmud und Gebetbuch, mit allem Zwang und aller Freiheit, mit aller Tiefe und mit aller Weite, die sie spenden. An ihnen werden wir immer wieder die Einheit des jüdischen Volkes und Geistes erleben, von ihnen werden wir immer wieder zu geschichtlichem Sein, zu neuer Sammlung und zu neuer Zukunft gerufen werden können. III. Nirgends und niemals war vielleicht der Wille lebendiger, diese Zukunft zu sichern und zu verteidigen als heute. »Wenn man den Zeichen der Zeit nachgeht, findet man deren zwei, die unsere Hoffnung beflügeln. Das eine ist die rege Beschäftigung mit der jüdischen Lehre, Ueberall sehen wir heute lernbeflissene, aufnahmebereite, wissensdurstige junge Menschen und Erwachsene, die sich um die Kenntnis des Judentums und seiner Quellen mühen. Jüdische Schulen werden gegründet, und Kinder lernen wieder mit Freude, was ihren Großeltern heilig gewesen, Ein erster Schritt auf den Spuren, die uns zurück, oder besser vorwärts und aufwärts führen zur Wiederherstellung unserer geistigen Einheit: zurückzuführen das Herz der Kinder zu den Vätern und das Herz der Väter zu den Kindern. Das zweite verheißungsvolle Zeichen unserer Zeit ist die Hinwendung zum Lande unserer Väter. Zweifellos haben zu dieser Entwicklung nicht nur ideale Motive beigetragen. Aber das Land, auf dem unsere Väter gewandelt, unser Volk sich entfaltet, der Tempel sich erhoben, die Propheten ihre Stimme erschallen ließen, das Land, in dem wir unsere schwersten Kämpfe gekämpft, das unseren tiefsten Fall gesehen, und unseren Blick auf die Sterne gelenkt, die uns dann geleuchtet haben in der finsteren Nacht unseres Galuth, es kann uns seinen Segen nicht vorenthalten. Und wer auf einem jener zahlreichen Schiffe, die heute nach dorten fahren, mit eigenen Augen sehen durfte, wie sich da; von Ost und West, von Nord und Süd, von überall her längst entfremdete und verloren geglaubte Kinder wieder nach der Heimat drängen, um die Sprache ihrer Kindheit sich wieder mühen, und wie sich diese große Anamnesis, dieses große Wiedererinnern ihrer Seele bemächtigt, der kann sich der Ueberzeugung nicht länger verschließen, daß das lange verlorene Gefühl unserer Einheit wiedergekehrt ist. Aber vom Bewußtsein, daß wir eine Einheit sind, bis zur Einheit des Willens und des Wirkens ist noch mancher Schritt zu tun. Erst wenn wir von diesem Wissen und Fühlen zu einheitlichem Handeln fähig sind, erst dann hat die Geschichte ihre Erziehungsarbeit voll getan. Dazu ist aber notwendig die Erkenntnis, daß Lernen im Judentum etwas anderes ist, als verständnismäßgie Erfassung und gefühlsmäßige Bejahung dessen, was die Lehre an dieser oder jener Stelle, oder was dieser oder jener Midrasch zur Stelle sagt. Unser Lernen muß, wie esaus der Geschichte geflossen, so auch wieder zur Geschichte werden, uns zur aktiven Teilnahme am jüdischen Geschehen bereit machen, nicht nur zur Vergangenheit, sondern auch zur Gegenwart und Zukunft geleiten. Wenn der erschütternde Schrei jüdischer Sehnsucht, wie ihn die Zeit allenthalben an unser Ohr gelangen ließ, eine wirkliche Jakobsstimme werden und eine echte Erfüllung finden soll, dann muß das Gelernte eingehen in Herz und Hirn, muß Teil werden unseres Wesens nicht nur, sondern wirken in unserer Tat. So stark, daß wir unser Wesen nicht mehr realisieren in der Welt draußen, sondern in unserem Anteil am Geiste und an der Wirklichkeit und an der Zukunft jüdischer Generationen. So wie wir singen und sagen: Gib uns unseren Anteil an Deiner Lehre! In diesem Geiste muß dann auch der Blick auf das Land unserer Verheißung unserer Einigkeit, dem Hochziel jüdischer Arbeit, des Schalom dienen. Heute ist dieses Land tatsächlich zum Symbol unserer Einheit geworden. Palästina ist allen heiliges Ziel geworden. Ungeheures hat sich auf diesem Boden ereignet. Wer trunkenen Auges und berauscht von den Stimmen des Lebens, das dort seine Auferstehung feiert, durch das Land wandert, ist geneigt, nur das große titanische Werk einer neuen Volkwerdung zu sehen, Aber wer dieser Wardeiung auch Dauer wünscht, der wird das Auge nicht abwenden können von den Trümmern und Oedeneien, die daneben als Zeugen der schrecklichsten Katastrophen, die dieses Land schon heimgesucht haben, stehen geblieben sind. Der wird auch nicht die Augen verschließen vor den schweren, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Problemen, die hier ihrer Lösung harren. „Alles," so scheint es zu rufen, „was hier zur Vollendung strebt, bewegt sich an der Grenze von riesenhaftem Aufschwung und donnerndem Fall." Der Jude weicht nicht zurück. Er hat gelernt, daß er überall an dieser Grenze steht. Aber er muß die Abgründe sehen, an denen er baut, er muß das Schicksal kennen, das ihm zu meistern bestimmt ist. Dann weiß er die Kräfte zu schätzen, die ihn darüber hinausheben. Wir sind zu ganzen Entscheidungen aufgerufen. In solchen Augenblicken muß ein Volk, und gar erst das unsrige, sich nur fester und tiefer mit den Kräften seines Glaubens und seiner Geschichte verbinden. Stellen, wir mit unserer Rückkehr ins Land der Väter uns ganz auf den Boden dieser Geschichte, dann kann und wird von ihm jene Einigung ausgehen, von der nach einem tiefen Worte unserer Weisen die g'ttlichen Tefillin reden: Wo ist ein Volk, so einzig, so einheitlich und. so einig wie Israel? •pKa irm ■>« bvnw *]ös?d •>» Wochenrundschau. Spiel mit der religiösen Wahrheit, Der Gedanke eines religiösen Synhedrions in Jerusalem, der in den letzten drei Jahrzehnten von Zeit zu Zeit immer wieder auftaucht, um nach kurzer Diskussion wieder von der Bildfläche zu verschwinden, ist unter dem Eindruck der großen Judennot in aller Welt neuerdings wieder von Rabbiner Dr. Max Grunwald in Hamburg propagiert worden. Grunwald hat sich — und dies ist überaus charakteristisch — mit seiner Idee nicht an die legitimen Sachwalter des Thorajudentums, die ^KIW des Ostens gewandt, sondern u, a, an die Oberrabbiner von Frankreich, Belgien, Jugoslavien, von Kopenhagen, Graz, Triest, Professor Schorr in Warschau, also an Männer, die man in der ganzen jüdischen Welt bei allem Respekt vor ihren menschlichen Qualitäten zumeist nicht gerade als Rabbonim alten Schlages und Interpreten reinen, ungebrochenen Thorageistes betrachten wird. i E^HHffiK* ilL^wOT^ ' 4r-^&m%W?^^r''' -k W-a^Wt r Die Sidra spricht zu uns . , . Sehr langsam und vorsichtig tastet sich Jakob an Esau heran. Die Boten schickt er vn« vvy b& „zu Esau seinem Bruder". Nicht, daß die Thora uns erzählen wollte, was wir ja längst wissen, daß Esau sein Bruder ist, sondern es zittern in diesem Worte alle Angst und die bangen Zweifel im Herzen des Heimkehrenden mit. „Sehet nach und suchet es zu erfühlen, ob er mir als Esau oder als Bruder entgegenkommt!" Und als die Boten zurückkamen? Ihr Bericht lautete: w? b* 7>nK b« lJKa „Wir kamen zu deinem Bruder zu E s a u." Hier zuerst Bruder und dann Esau. Wohl sahen wir, das ist der Sinn des Berichtes, das Auflodern eines brüderlichen Gefühles bei ihm, dann aber glaubten wir doch zu sehen, wie auch die Esaunatur zum Durchbruch kam. Wir sind uns selber nicht im Klaren, werden nicht ganz klug aus ihm. inmplj "pin un. Er zieht Dir entgegen, also will er Dir Bruder sein. Allein ins w>s mxa »a-im, Er hat vierhundert Mann bei sich. Wozu diesen Troß, wenn er nicht als Esau etwas Böses im Sinne hätte?! wi TKa aps» ST'i, „Und Jakob fürchtete und es War ihm bange." Beides empfand er: Angst und Bangen. Er fürchtete, wie die Weisen erklären, er könnte von dem Bruder angefallen und getötet werden, es bangte ihm noch mehr vor der Möglichkeit, er könnte in der Notwehr den Bruder töten. An Kraft dazu hätte es dem Manne, der mit einer Hand den Stein vom Brunnen rollte, nicht gefehlt. Das ist die jüdische Angst von jeher, die nichts mit Feigheit zu tun hat. Der vielgerühmte und vielgelästerte jüdische Pazifismus ist nicht eine jüdische Schwäche, sondern die natürliche Abneigung gegen jede Art von Gewalt, die Angst vor dem Blutvergießen. Sein Hoffen und Streben geht dahin, 'V ma^aa dVw Jprb „daß die Welt sich vervollkommne im Reiche des Allmächtigen." Das nächtliche Ringen Jakobs mit dem Engel bleibt dunkel. Wer war der Engel, der in der Einsamkeit ihn überfällt, um dann das Feld zu räumen? Es war, nach aller Auffassung, der Genius Esau, nur darin sind sich die Weisen nicht einig, in welcher Gestalt dieser Geist zum Wettringen mit Jakob antrat. Er sah wie ein D""OP» wie ein Heide aus, meinen die Einen. Als H i r t e erschien er ihm, sagen die Andern, und wieder Andere glauben gar, er kam als oan vn^nr als Gelehrter, In all diesen Gestalten hatte Jakob-Israel in der Geschichte seinen Partner gesehen. Das heidnische Rom, das nicht bekehren, sondern nur vernichten wollte; die Kirche des Mittelalters, die nach guter Hirtenart uns lockend und werbend kam. Zuletzt aber kam der Gelehrte, vielleicht als der grimmigste und gefährlichste Feind. Er sucht unsere Quellen zu verschütten, greift unser Schrifttum an und deutet Dinge heraus oder hinein, von denen wir selbst nicht die Ahnung haben. Viel hatte Israel unter Roms Schwert, schwer am Hirtenfeuer der Inquisition zu leiden, am meisten und am schmerzlichsten traf aber seine Seele Esaus Genius, wenn er die Waffen der Pseudogelehrsamkeit gegen seine heilige Lehre erhebt. Jakob spricht nach der Aussöhnung auf die Einladung Esaus, mit ihm zu gehen. "Ul na* 'asV »ans xi laj?'» „Es ziehe mein Herr seinem Knechte voran, ich aber komme langsam nach nach Maßgabe der Arbeit und der Kinder, die bei mir sind, bis ich zu meinem Herrn nach Sehr komme." Wann hat Jakob sein Versprechen eingelöst, seinem Bruder nach Seür zu folgen? fragt Midrasch. Nicht gleich und damals, aber später geschieht es, wenn sich erfüllt des Propheten Wort: ,W9 "in ns WQvb p'x ma o'jwin ■toi „Es ziehen die Erretter hinauf zum Berge Zion, zu richten über Esaus Höhen." Mit dem letzten Zusammentreffen der Brüder wird das G'ttesreich begründet sein, fiartnn "f? nn'frt- Briefkasten.! L. E. Bar Mizwoh am 19. Dez, 1935. Sidroh iwy S. in F. Am 12. Dezember 1885 war die Sidroh wv S. R. in Köln. Läßt sich leider im Augenblick aus wirtschaftlichen Gründen nicht realisieren.