Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1934)
- Date
- 1934-11-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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22. November 1934 Der Israelit Nr. 47 Seite 3 Grundwerte des Judentums, (Fortsetzung von Seite 1.) Sie alle, Max Brod und Nachum Goldmann, Emil Cohn und David Koigen und mit ihnen dv nichtjüdischen Rassenkundler bringen eine ganz' Anzahl mehr oder weniger gelungener, mehr oder weniger gezwungener Einheitsmerkmale. Aber entweder sind sie tendenziös bestimmt, oder von dem Blick auf den heutigen Juden, der durch ein Jahrhundert der Selbstauflösung hindurchgegangen, geleitet, oder sie bringen Züge, die ebenso auch bei anderen Völkern zu finden sind. Wollen wir ein wirklichkeitsgetreues Bild von den Momenten gewinnen, die im Wesen des Juden liegen, auch wenn sie zeitweise schlummern, dann müssen wir in den tiefen Schacht jüdischer Geschichte hinuntersteigen, der uns zunächst ein' mal wieder das Gefühl von wirklich gelebti Einheit des jüdischen Volkes gibt. Nur zweierlei müssen wir beachten. Wir dür fen nicht, wie es Buber seinerzeit bei Herausgabe seiner ersten Reden tat, einseitig einige Partien der jüdischen Geschichte herausgreifen und andere als unwesentlich übersehen. Wenn wir schon die Unterscheidung zwischen absolutem und relativem Geschehen machen, so muß sie davon bestimmt sein, was durch die in unserer Geschichte sich offenbarende Vorsehung für die Volkserhaltung fruchtbar geworden ist, Und wenn wir wahrnehmen, daß in unserer Geschichte mehr als in der anderer Völker die Ideen führend gewesen sind, dann dürfen wir uns mit dieser formalen Vorstellung nicht genügen lassen, sondern müssen dem Inhalt dieser Ideen, die der Inhalt unserer nationalen Eigenheit und Einheit geworden sind, die nicht nur im Bewußt sein vor Augen gestanden, sondern auch in der Tat fruchtbar, Geschichte geworden sind, nachgehen. Haben wir im ersten Teil unserer Ausführungen auf G'tt als die Quelle der Einzigkeit und auf die Bibel als das Monument derselben hingewiesen, so sagen wir jetzt: Das Wesen unserer Einheit liegt in unserer Geschichte und die sie bezeugenden Bücher sind der Talmud, die Hauptquelle unserer mündlichen Ueberlieferung, und der Siddur. Der tiefe Zusammenhang und die innere Verwandtschaft dieser beiden Kraftquellen unseres Lebens gibt sich schon darin kund, daß die Entstehung, das Werden und der Abschluß des Talmuds mit der bewegtesten und gewaltigsten Epoche unserer Geschichte zusammenfällt. Der Talmud ist nicht ein Produkt schwächlicher Beugung, er ist geworden während der heroischsten Kämpfe gegen die Weltmächte des Hellenismus und Roms, des Christentums und des Islams. Der Siddur, er ist nicht ein Gebet- und Gesangbuch, er ist der nationale Standort, an dem sich der Jude mit seinem G'tte, seinen Ahnen, seiner Lehren und allen Erinnerungen seiner Geschichte trifft. Auf die Gefahr hin, von unserem Thema abzuschweifen, müssen wir dieses Jahrtausend uns in seinen Hauptzügen vergegenwärtigen: Nachdem Hauptstadt und Tempel des heiligen Landes den Nachfolgern Alexanders des Großen in die Hände gefallen war, drangen stoßweise vier große Gegner vor, denen kein Volk so leicht hätte widerstehen können. Der erste im Griechentum, das nach dem Tode Alexanders alle Mittel der Macht und Kultur einsetzt. Man muß sich einmal in die damalige Weltlage und Weltkultur vertieft haben, um diesen Kampf so recht würdigen zu können. Die Geschichtsschreibung erzählt bewundernd, wie weit die Werbekraft des griechischen Geistes und Lebensgefühls ging, so daß ganz Vorderasien, Palästina und Aegypten, griechische Kulturprovinz wurde. Ein Angriff, der von einer solchen Macht ausging, mußte Israel an den Rand des Abgrundes bringen, und man versteht, warum der siegreiche Kampf Mattisjahus und seiner Söhne als Ruhmesblatt in den Annalen unserer Geschichte gilt. Nicht Syrer und Hasmonäer standen gegen einander, sondern griechischer Geist gegen jüdisches Volk. Die Entscheidung fällt, unabhängig davon, ob Häs monäer sich treu bleiben, lür das Judentum. Kaum aber war dieser Kampf bestanden, da zeigte sich bereits ein anderer, furchtbarerer Feind an den Grenzen: Das kriegsgewaltige Rom triumphierte' über Europa und trug seine Waffen siegreich nach Asien. Juda gegen Rom, fürwahr ein Zwerg gegen einen Anaksriesen! Die Furchtbarkeit dieses Kampfes erscheint heute mit dem zeitlichen Abstand, der uns davon trennt, um nichts kleiner, eher, nach den geschichtlichen Quellen, die wir heute besser zu lesen vermögen, ins Unermeßliche gewachsen. Die Machtmittel, die Ausdehnung, das Ansehen, das sich Rom erkämpft hatte, schloß eigentlich jede Aussicht auf Sieg aus. Israel ließ sich dadurch nicht beirren. Für es ging es um geistige Ziele, und im Kampf um solche siegt nicht die Menge der Lanzen, sondern, die Kraft des Geistes. Mili tärisch verlor es, und auf einen kurzen Augen blick konnte es scheinen, daß die Römer das Feld behaupten würden. Die besten Kräfte waren gebrochen, Männer, Frauen, Kinder getötet, oder in Gefangenschaft, d. h. Sklaverei geschickt, und mit dem Instinkt des sieggewohnten Erobe rers für das Außerordentliche dieses Sieges schrieben sie auf den Triumphbogen die jubelnde Inschrift: „Zum Sieg über das jüdische Volk, das bisher noch allen Völkern der Erde Widerstand geleistet hat." Und doch hatten sie sich geirrt, auch sie sollten zu diesen Völkern gehören. Das jüdische Volk hielt aus und lebt, nachdem längst die ganze römische Herrlichkeit versunken, ihre Villen und Thermen, ihre Kolosseen und Arenen, ihre Castelle und stolzen Straßen verschüttet sind. Die römischen Legionen hatten nur Jerusalem zerstört, wie sie es sahen, aber das Jerusalem der Herzen, yvoiy ]Vm jnrp fQ H IriK vernichten, das konnten sie nicht. Konnten wir nicht mehr in Jerusalem sein, so war Jerusalem uns, und solange dieses lebt, lebt auch das jüdische Volk. Gegen beides aber rückt auch schon ein neuer Feind an: Das Christentum. Aus der Erbschaft Roms fielen ihm gewaltige Machtmittel zu, aus den Ruinen einer trostlosen Zeit eine gewaltige Armee von Heiden, die sich in seine Dienste stellten. Ein fanatischer Werbe- und Kriegsdienst wurde alsbald in ganz Europa gegen Juden und Judentum organisiert. Achtzehnhundert Jahre währte dieser Kampf der Gewalt und der List, der Liebe und des Hasses, geführt von einer seit 325 über unerschöpfliche Mittel verfügenden Weltmacht, gegen ein aller Konzentration, jedes anerkannten Rechtes, Landes, Besitzes entratendes, in alle Winde zerstreutes Völklein. Die Gegner waren zu ungleich. Die Vernichtung schien nur eine Frage der Zeit. Und doch, und doch! Auch aus diesem Kampfe ging das Judentum hervor, durch ein Meer von Tränen und Blut, aber es blieb aufrecht und geschlossen. Um aber die Widerstandskraft unseres Volkes auf eine weitere, den bisherigen Prüfungen kaum nachstehende Probe zu stellen, erstand nun aus dem fahlen Scheine der arabischen Wüste eine neue Religion, die ihre Bekenner von vornherein zur Ausbreitung mit Feuer und Schwerte verpflichtete. Besonders in ihrem ersten Anlauf war die mohammedanische Bewegung, um die durch den Tod Mohammeds heraufbeschworenen Gefahren zu bannen, von einer alles Widerstrebende mit Gewalt unterdrückenden Grausamkeit. Zu Lebzeiten hatte Mohammed die Juden schwer fühlen lassen, daß sie sich ihm versagten. Als er nachlOjähriger Herrschaft starb, hinterließ er seinen Nachfolgern, was mehr war als ein großes Reich, einen fanatischen Glauben und Willen zur gewaltsamen Ausbreitung. 635 fiel Jerusalem in die Hände der Mohammedaner, an der Stelle, wo einst der Tempel Salomonis gestanden, ließ Omar eine Moschee erbauen. Der Fortschritt der mohammedanischen Waffen in Osten und Westen brachte alle Mittelmeerländer und damit alle jene Gebiete, in denen sich Juden nach dem Fall des zweiten Tempels anzusiedeln begonnen hatten, unter ihre Herrschaft, Zu Römern, Griechen, Christen traten jetzt auch noch die Mohammedaner, die schon durch ihre Lehre dazu verpflichtet waren, einen heiligen Krieg gegen sie zu führen. Kein Land, kein Platz war ihnen mehr sicher, überall waren sie Fremde und Glaubensfeinde. Wie Juden jene großen Kämpfe und gewaltigen Feinde, ohne daran zu zerbrechen, ertragen konnten, ist nur aus zwei Momenten zu erklären. Das eine war dies, daß sie wußten, es geht um Unvergängliches: um die Idee des Judentums. Und zweitens: das ganze Volk war am Widerstand und am Kampf beteiligt, sie waren eine geistige Einheit und nicht nur eine Schicksalsgemeinschaft. All jene Kämpfe hörten in dem Moment auf, wo einer sich zur Aufgabe seines Judentums bereit erklärte. Sie wußten das und kämpften weiter, kämpften nach zwei Fronten. In den 1000 Jahren, die wir schilderten, haben sie den Verlust ihres Heiligtums, ihrer Heimat, das Aufkommen gewaltiger Militär- und Geistesmächte und ihre Ausbreitung über den ganzen ihnen damals bekannten Erdball erlebt. Das war die eine Front. Dabei galt es auch nach innen die Wesensgestalt zu verteidigen. Mehr als eine Abfallbewegung bildete sich heraus, starke Gruppen wie die Sadduzäer und Essäer am Anfang, wie die Karäer am Ende, rannten gegen die geschichtliche Linie an. Beide Fronten brachen sich an der geschichtlichen Einheit, die in vier großen aus der Mitarbeit des ganzen Volkes zustande gekommenen Taten sich darstellte und fortsetzte. Das erste war die Begründung eines neuen Führertums und des Patriarchates, das anstelle des von der Geburt abhängigen und der Regierung und der Plutokratie verfallenen Hohepriesteramts trat und sich aus den Reihen des Volkes erneuerte. Das zweite war die Redaktion der Mischnah, der mündlichen Lehre, die im Jahre 200 von den Fürsten Rabbi Jehuda Hanaasi in sechs Ordnungen zusammengeslellt wurde, und in der Folgezeit zur großen Schule für jüdische Lehre und Leben werden sollte. Und wieder 300 Jahre später wird der Talmud abgeschlossen, jene großartige Enzyklopädie, jene staunenswerte Sammlung aller Strahlen, die von jüdischem und nichtjüdischem Leben ausgehen und im Brennpunkt jüdischer Lehre sich treffen. Und wieder 300 Jahre später, gerade bevor die große Wanderung und Verschiebung des Zentrums von Osten nach" Westen, von Babylonien nach Spanien anhob, durch die sie für ein Jahrtausend in stets wachsender Atomisierung und an allen Ecken und Enden Europas verstreut werden, da reicht ihnen der Genius unseres Volkes den Siddur des Rabbi Amram und die Piutim Kalirs zum Machsor, um sie nicht nur im Lernen, sondern auch, was vielleicht noch wichtiger, auch im Gebet zu einen, durch eine Ordnung, eine Sprache, eine Hoffnung, des Morgens, Mittags und Abends ein Band um sie zu schlingen. So sind die Zedern des Libanon mit ihnen nach Europa gewandert. Mit ihnen blieben ihnen all jene Momente gegenwärtig, die ein für allemal die Einheit des jüdischen Volkes begründen: Da ist vor allem ,,sera Awraham", der Blutzusammenhang mit unseren Vätern in der Vergangenheit, mit allen Juden in jeder Gegenwart. Auf die Erhaltung dieser Blut- und Stammeseinheit brauchte der echte Jude nicht erst von der modernen Rassengesetzgebung hingewiesen werden. Die Erinnerung an unsere Ahnen, die Reinheit unserer Familien hing von diesem Bewußtsein ab. Aber unsere Einheit erschöpfte sich nicht im Blut und in der Rasse. Dazu liegt im Blute zuviel Unfreies, zuviel Stagnierendes, zuviel Dä-