Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 38-39 (21.9.1934)
- Date
- 1934-09-21
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
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Blätter der fiicilscl^en Selbstbesinnung Unter ständiger Mitarbeit von Oberrabbiner Dr. Joseph Carlebach in Altona 1. Jahrgang Beilage zum Israelit Frankfurt am Main Nummer 9 Auftakt zum achthundertsten Rambamjahr. Das Jahr 5 6 9 5, das voll Ernst seinen Einzug gehalten hat, wird als Kennzeichen das Datum tragen, daß 800 Jahre seit Moses Maimonides' ■Geburtsjahr verflossen sind. Sein Name und sein Geist sollen daher uns in den Ländern der Gola, in den Ländern der Krise, wie eine Tekia der Befreiung begrüßen, wenn wir schweren Herzens in das Dunkel des neuen Jahres bücken. In Tagen der Irrnis, in denen wir nach einem Führer ausschauen, nach einer Lebenslosung, die nur. in einer geprägten jüdischen Persönlichkeit uns gegeben sein kann, ist es dieser Große, dieser zweite MoscLe, der als Stern und Feuersäule uns leiten kann. Er ist einer von denen, auf die der große Tröster Jesajas sein Wort gesprochen hat: Juble Du als unfruchtbar Verscholtene, Der die Kinder man abgesprochen, Brich in Jubel aus, und triumphiere Du, Die angeblich nicht gekreißet hat. Denn mehr sind die Kinder der im Galuth vereinsamten Als der im Heimatlande seßhaften, Spricht dein G'tt. Darauf sagte Rabbi Levi: Im wohlgebauten Heimatland brachte sie Mir Entartete hervor wie Achas, Manasse und Amon, im Unglücke erstellte sie mir Zaddikim, so Daniel und seine Genossen, Mordochai und seine Genossen, Esra und seine Gemeinschaft. Rabbi Acha namens Rabbi Jochanans; Mehr der Frommen erstellte sie auf den Trümmern, als im Bestand ihres Glückes (Pe- JJikta.) Wenn es je für ein Volk ein Zeichen seiner inneren, von allen Verhältnissen unabhängigen Lebenskraft gibt, dann hat Israel den Beweis seiner weltüberlegenen Geistesmacht und ungebroche- -nen Vitalität in den unzähligen religiösen Genies erbracht, die der Gola angehören. Keiner aber ist dessen mehr Zeichen als Moses Maimonides. Sein Lebensgang war eine Kette von Leiden. Alles hat er durchgekostet, was das Galuth an Bitterkeiten für den Juden enthält. In Cordova geboren, mußte der 13jährige mit Vater und Mutter den Wanderstab ergreifen, als der Fanatismus der Almohaden den Juden nur zwischen Tod oder Auswanderung die schreckliche Wahl ließ. Die Unduldsamkeit verfolgte ihn weiter, als er in Fez ein Asyl suchte. Nun begann eine Irrfahrt; er flüchtete ins heilige Land; Akko, Hebron und Jerusalem beherbergten kurz die Familie Maimons. Aber auch hier ist keine Möglichkeit des Bleibens bei dem Fanatismus der Kreuzfahrer. So gelangt er schließlich nach Aegypten, um sich dort in Fostat bei Kairo zum Dauernden zu gewöhnen. Trotz dieses ausgesprochenen Galuthschicksals ist seine Lebensleistung wie keine sonst von Ewigkeitswert, hat er das Geisteskulturgut Israels zu solch erstaunlicher Höhe emporgeführt, daß er als einer der größten Söhne Zions dasteht. Auch in seiner geistigen Entwicklung hat er all die ideellen Schwierigkeiten der Galuthexistenz in Weltoffenheit und Aufgeschlossenheit für die Strebungen und Strömungen seiner Zeit durchgekostet, sein universeller Geist die Fülle denkerischer und wissenschaftlicher. Gehalte der nichtjüdischen Umwelt ausgeschöpft. Groß in der Philosophie, in der Medizin und der Astronomie, hat er mit den Großen der Welt verkehrt, ist in Palästen ein- und ausgegangen, Und dennoch hat die Heiligkeit der von Zion ausgehenden Lehre, die Lebensweihe des weltüberlegenen und weltentrückten Zaddik, die Integrität einer nurjüdischen Persönlichkeit ihn aus aller Zeitgebundenheit hinausgehoben und ihn unbestreitbar und unbestritten zur ewig gültigen Verkörperung des Judentums schlechthin geadelt. In Aegypten feierte er die großen Erfolge seines Lebens; hier wurde er als Arzt der Leibarzt des Sultans, als Rabbiner das religiöse Oberhaupt der Kairener Gemeinde, als Lehrer der Meister von Lernbegierigen aus aller Welt, als politischer Führer der Nagid, der Fürst der ägyptischen Judenheit. Hier wurde er die Sonne, die das unglückliche Israel der Gola mit ihren Strahlen erwärmte und erleuchtete. Die geistige Schöpfung des Rambam in ihrer Genialität und Fülle, in ihrer Vielseitigkeit und schriftstellerischen Meisterschaft stellen einen solch unvergleichlichen Höhepunkt der Leistung dar, daß unser Zwerggeschlecht schlechterdings nur in ehrfürchtigem Abstand davon demütig sich bescheiden kann. Aber die Tendenz, die Ziele, die Maimonides bei seinen Arbeiten verfolgte, sind für unsere Gegenwart nach wie vor richtunggebend und wegweisend. Da ist zunächst sein Mischnakommentar in arabischer Sprache. Er wandte sich also nicht andie jüdischen Gelehrten, sondern an den breiten Kreis der bereits dem Mutterlaute der heiligen Sprache Entwöhnten, die talmudische Gedankengänge nicht mehr kannten, für die die Mischna ein versiegeltes Buch geworden. Diese zurückzuerobern, ihnen im Stil damaliger wissenschaftlicher Literatur jüdische Weisheit zugänglich zu machen, den Ernst des jüdischen Gesetzes, den Glauben an unsere Weisen und ihre Anordnungen zurückzugeben, war das Erste, was seine große Seele erfüllte. — Dann folgte das Hauptwerk seines Lebens: die Mischne Tora. Auch diese Schöpfung war eigentlich ein Kind der Not. Die Souveränität in der Beherrschung des Talmud, die Fähigkeit zu selbständiger Auffindung der halachischen Endentscheidung war seiner zeitgenössischen Rabbinerwelt mehr und mehr abhanden gekommen. Nur noch in einzelnen ganz großen Meistern war sie in unverminderter Kraft erhalten. Rambam fühlte die Notwendigkeit, mit der fast prophetischen Voraussicht eines großen Meisters, den Gesetzeslehrern seiner Zeit und der Zukunft einen Wegweiser zu schaffen, der sie vor Irrtum bewahren, der die Tradition des Lehrhauses Alfasis und der babylonischen Gaonen durch ein Buch systematischer Ordnung und mutiger Entscheidung für den täglichen Gebrauch des Lebens ihnen an die Hand geben konnte, Unter seiner Hand entstand so ein Kunstwerk, das kein Seitenstück hat in unserer ganzen Literatur: in der Architektonik des Aufbaus, in der Schönheit des Stils, in dem umfassenden Gehalt, der das Größte und das Kleinste des Judentums, die religiösen Grundwahrheiten und die halachischen Details, die großen Linien des Lebensideals eines Weisen ebenso wie die Einzelvorschriften für jede Lebenslage, das im täglichen Gebrauch Notwendige wie das erst in messianischer Zeit wieder in Geltung Kommende, alles in gleicher Ausführlichkeit, mit gleicher Sicherheit in sich birgt. Der Rambam wurde ob der Kühnheit dieses Unternehmens scharf angegriffen. Mit Leidenschaft verteidigte sein Gegner, der Rawed, die halachische Selbständigkeit jedes Rabbiners, die Originalität im Auffinden der Halacha, Aber die Zeit hat das Werk des Maimonides gerechtfertigt. Immer entschiedener zeigte es sich, daß nach dem Aufhören eines Sanhedrin nur durch das allgemein Bindende der gesetzlichen Entscheidungen das Judentum vor Zersplitterung und jeder rabbinische Lehrer vor Oberflächlichkeit und Mißgriffen bewahrt werden könnte. — Auch das dritte große Geschenk Rambams an sein Volk: der Maure n e w u c h i m, sein religions-philosophisches Bekenntnis, das unendlich bewunderte und unendlich bekämpfte, das einen Feuerbrand der Erregung in allen Ländern des Galuth hervorrief, war nur die Antwort auf die Not und das Bedürfnis seiner Zeit. Nicht er hatte die Philosophie, hatte die geistige Auseinandersetzung mit den Werken griechischen und arabischen Geistes geweckt; diese war eine gegebene Tatsache, bewirkt durch die Teilnahme unzähliger Hochbegabter in Israel an der Weltkultur; und all diesen Irrenden, um die Wahrheit Ringenden, nach einer klaren Grenzsetzung zwischen Glauben und Wissen, zwischen Offenbarung und Vernunft Verlangenden mußte ein Führer an die Hand gegeben werden. Wie der um seine Sittlichkeit ringende Mensch nicht von Lehrer und Rabbiner im Stich gelassen werden darf, sondern in den schweren Krisen 'das Gefühl haben muß, an den geistigen Autoritäten einen Halt und einen Berater zu besitzen, so wollte auch der Rambam der ernsten Wahrheitsforschung, dem verantwortungsbewußten Kampf um Welterkenntnis, wie er sie bei seinem Schüler Josef ben Aknin gefunden hatte, sich nicht versagen. Wenn Halbbildung und Oberflächlichkeit ihn mißverstand und falsche Folgerungen aus seinen Worten zog, trifft den großen Meiste^ keine Schuld. Immer wieder betont er es in dei^ Einleitung zu seinem Werk, auch die ganze Anlage des Buches bezeugt es: nicht um die Menschen in schwere Problematik h"! n e i n z u f ü hr e n, sondern um sie aus dem Labyrinth auf den hellen vom Lichte der Thora bestrahlten Weg zurückzugeleiten, rührt Maimonides an die Geheimnisse der Thora, an die letzten Fragen der jüdischen Weltorientierung. Die ganze Epoche des Rambam war voll der schwersten und herbsten Probleme und Verwicklungen. Ueberall setzten die Glaubensverfolgungen ein. Die jüdische Welt war aus verhältnismäßiger Ruhe und Sicherheit aufgestört. In vielen Ländern begann ein Martyrium, das nur zwischen materiellem oder religiösem Tod, der Losreißung aus der irdischen oder der geistigen Heimat die bange Wahl ließ. Hinzukam die schwere geistige Problematik, die dem Juden die Konfrontierung mit den ernstesten philosophischen Fragen aufzwang. Die Geister wie die Herzen waren gleichmäßig von dem Gefühl der Unsicherheit bedroht. Auf den Trümmern des Lebensglückes mußten die großen Entscheidungen religiöser Wahrhaftigkeit gefällt werden. Die Sendbriefe des Rambam, seine be-