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Der Israelit · 1934-09-21 · Heft 38-39 (21.9.1934) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 38-39 (21.9.1934)
Date
1934-09-21
Page
– (sequence 26)
Language
German
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Seite 2 Nr 9 Der Israelit 21. September 1934 rühmten Tschuwaus und Igoraus spiegeln das Gefährliche dieser Zeitepoche. Und da zeige sich der wunderbar erhabene Charakter unseres großen Meisters, der sonst in seiner Entscheidung meist die erschwerende Seite betont, wie er hier die große Not des jüdischen Menschen mitfühlt, wie er nicht aufhören kann zu trösten und zu beschwichtigen, selbst dem Abgefallenen ein Wort der Milde und der Entschuldigung gönnt und alle zurückrufen will zu einem neuen jüdischen Leben. Unsere Gegenwart, besonders in deutschen Landen, bildet ein Gegenstück zu der Zeit des Rambam. Die Parallelen drängen sich geradezu dem Betrachter auf. Gerade deshalb ist seine Arbeit für uns das maßgebliche Vorbild. Auch in unseren Reihen sind die Gebildeten der Kenntnis und dem Verständnis des in der Mischna verkörperten rabbinischen Judentums, der Weisheit unserer Weisen, „dem Geheimnis unserer Religion", wie der Talmud die mündliche Lehre nennt, im großen Maße entfremdet, Auch bei uns ist die Unentschiedenheit und Unsicherheit und Zersplitterung der rabbinischen Entscheidungen von verhängnisvoller Tragweite geworden. Auch bei uns sind die meisten hineingerissen in den Strudel philosophischen Fragens, ohne aus unseren ewigen Quellen sich Licht und Klarheit schaffen zu können. Die geistige Situation des Heute hat sie gezwungen, sich mit der Gedankenwelt der Fremde zu erfüllen, die mit demselben Anspruch der Absolutheit und Unfehlbarkeit auftritt, wie zu Maimonides Zeit die aristotelische Metaphysik. Auch in unseren Tagen haben die wirtschaftlichen Konflikte und die politische Unsicherheit die geistige Lage bis zur Unerträglichkeit zugespitzt. Jede Entscheidung ist ein ungeheures Wagnis geworden, die den Einzelnen vor Abgründe stellt, in denen er zu scheitern droht. Punkt um Punkt kann uns daher die Arbeit des Rambam zur Richtschnur dienen. Unermüdlich sollten wir uns bemühen, unseren Entfremdeten wieder neu den Talmud zu erschließen, sollte in der religiösen Praxis Einheitlichkeit und Eindeutigkeit das Ziel aller rabbinischen Bestrebungen sein; und aller Spott von links und rechts darf uns nicht beirren, den an der Scheide des Lebens Stehenden, in die Wirrnis und Irrnis der Tagesproblematik Verfallenen, den Opfern der Skepsis und des Relativismus Führer zu sein, ihnen die Hand zu reichen und die Zurechtfindung und Zurückfindung zu erleichtern. Die ganze große geistige Arbeit, die die deutsche Orthodoxie seit sechzig Jahren geleistet hat, findet im Hinblick auf den Rambam ihre geschichtliche Rechtfertigung und stellt sie als den einzig wahren Dienst am Judentum dar. Aber wir sollten auch von diesem Genius lernen, all den Marannen und Scheinjuden der Jetztzeit, den Opfern falscher Erziehung, falscher religiöser Theorien und unjüdischer politischer Dogmen unsere ganze Liebe und Milde zuzuwenden, ihre seelische Haltung zu entschuldigen und ihnen den Weg zu ebnen, der sie allmählich zurückgeleitet. Vor allem müssen wir das Eine vom Rambam lernen: Sinn und Ziel alles Judentums und alles Menschentums ist G ' 11. „Alle Kräfte der Seele sollen einem Ende dienen, der Erkenntnis G'ttes allein. Man tue nichts Kleines oder nichts Großes und rede kein Wort, es sei denn, daß Wort oder Tat zu diesem Ziele führt. Das ist der Sinn des Befehls: „du sollst G'tt lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit ganzer Kraft," d. h. mit allen Teilen deiner Seele; Ziel jeder Regung derselben sei das eine: die Liebe zu G'tt." (Schmone Perakim V.) Aus dieser alleinigen und einzigen Zielsetzung des Lebens quillt dem Rambam die Rigorosität seiner Ethik, die Demut vor jedem Wort der Bibel und jedem Ausspruch unserer Weisen als den ewigen Zeugen g'ttlicher Offenbarung. Alles andere des Lebens ist nur Mittel zu diesem einzigen Zweck: Volk, Land und Sprache haben nur eine Bedeutung, solange sie diesem einzigen Zwecke dienen. „Ich habe Gelehrte und Fromme, Männer unserer Thora gesehen, die bei festlichen Mahlzeiten keinerlei arabisches Lied geduldet haben, sogar wenn der Inhalt desselben ein Preis der Allmacht oder des Sittlichen gewesen ist. Wenn aber der Sänger ein hebräisches Lied gesungen hat, dann haben sie es nicht verboten, sogar wenn in diesen Worten das uns Verbotene oder Verabscheute enthalten war. Das ist vollkommene Torheit, denn eine Rede ist nicht verboten oder erlaubt, willkommen oder verächtlich durch die Sprache, in der sie gesprochen ist, sondern nur nach ihrem Inhalt, ob er auf hoher Stufe steht oder nicht. Ja, noch mehr: wenn man zwei Dichtungen von gleichem Inhalt hat, der in uns die Sinnlichkeit oder sonst etwas Häßliches aufrührt, und eine der beiden ist hebräisch, die andre arabisch oder sonst eine Fremdsprache, so ist die Anhörung des Hebräischen und das Reden in dieser Sprache verächtlicher vom Standpunkt der Thora, verächtlicher eben wegen des höheren Ranges der Sprache, die wir nur zu höheren Zwecken benützen dürfen." (Erklärung Aboth I, 17). Hingebend hat er das heilige Land geliebt. Als er aus der Heimat flüchten mußte, war es sein Bestreben, für immer in Erez Jisroel sich niederzulassen. Immer hat er es wie ein Verhängnis seines Lebens betrachtet, daß er in Aegypten wohnen müsse. Auch seine ewige Ruhestätte wollte er nur auf heiligem Boden finden. Aber alle Liebe zum heiligen Lande, alle Hoffnung auf die jüdische Zukunft war ihm nur der Ausdruck seiner G'ttessehnsucht, der Gewißheit, daß das, was wir für unser Volk erwünschen und ersehnen, das höhere Mittel ist zum einzigen Ziele des G'ttesdienstes. „Die Weisen und Propheten verlangten nicht nach den Tagen des Messias, um zu essen und zu trinken und froh zu sein, sondern nur frei zu werden für die Thora und ihre Weisheit, keinen Fronvogt und Störer zu haben, um ganz würdig zu werden für das Leben der kommenden Welt. In jener Zeit wird es einziges Anliegen aller Welt sein, den Ewigen allein zu erkennen. Dann wird Der G'tt, der Eisen zu Stahlfedern wachsen ließ, ob er die Fehde wollte? Ziemt das Wort des Friedens nicht mehr als der Zorn der Rede? Ist's nicht messianischer, auch in der Literatur die Schwerter in Pflugscharen umzuwandeln, als die Waffe zum Angriff hinauszutragen? Immer wieder macht man uns, den sog. Orthodoxen, den Vorwurf, daß wir die Feder führen zum Angriff, statt der Versöhnung und Milde das Wort zu reden. Ist es wahr, daß das Judentum der Gesetzestreue ein kämpferisches ist? Können die Anderen, die Besseren, nicht in Frieden leben, weil es uns, den bösen Nachbarn, nicht gefällt? Auf diese Frage sei ein freimütiges Wort an dieser Stelle gesagt: Kampf ist gewiß nur gerechtfertigt zur Verteidigung und zur Gegenwehr. Hierzu aber ist er so unentbehrlich, so unbedingt nötig wie Gifte als Gegenmittel gegen Zerstörer des menschlichen Leibes und Bedroher unserer Gesundheit. Und gerade im Hinblick auf manche literarische Auseinandersetzung der letzten Zeit erklären wir: wir haben noch nie die Feder zum Angriff benutzt, wo nicht vorher der Gegner frivol, unnötig, hochmütig das angetastet und angegriffen hat, was uns als das Heiligste und Höchste des Lebens gilt. Israel groß sein an Weisheit, voll der Erkenntnis aller verborgenen Dinge, und sie werden ihren Schöpfer erkennen, soweit Menschenkraft es vermag, denn es heißt: voll wird sein die Erde der Erkenntnis G'ttes, wie Wasser das Meer bedecken." (Hilchoth Melachim, Ende). Wie des Maimonides Lehren Sinn und_ Wesen des Judentums allen Zeiten wahr und kraftvoll zum Bewußtsein bringen, wie seine Zielsetzungen auch immer das Hochziel all unserer jüdischen Bestrebungen sein müssen, wie sein Trostwort auch uns über die Nöte des Augenblicks hinweghelfen kann, so vermag auch der Nachruhm, den der Rambam heute, nach, acht Jahrhunderten, in seinem Heimatlande Spanien findet, uns mit Zuversicht erfüllen, daß auch die Verkennung des deutschen Judentums einst einem gerechteren Urteile weichen wird. Es ist ergreifend, was Marcus Ehrenpreis in seinem schönen Buche: „Das Land zwischen Orient und Okzident" darüber zu erzählen weiß, wie das heutige Spanien sein Verhältnis zu Israel und besonders zum Rambam gewandelt hat. (S. 186 ff.) „Spanien hat sich seines großen Sohnes erinnert Geschichtsforscher entdecken das spanische Mittelalter, die Mauren und die Juden. Es wird in dieser Richtung systematisch gearbeitet. Die verschütteten Juderias werden wieder ans Licht, gezogen ... So ist man auch im Begriffe, den großen Sohn Cordovas, Maimonides, wiederzuentdecken. Der spanische Schriftsteller Gomez Carrillo hat dieser neuen Stimmung unvergeßlichen Ausdruck ' verliehen. In seiner begeisterten Schilderung einer Reise durch Palästina erzählt er, er sei bei Tiberias, vor dem Grabe Maimonides stehend, von Ergriffenheit übermannt worden, kniete nieder und sprach: „Du, der Allesversteher, verzeihe mir, Dich' tausend Jahre vergessen zu haben. Die Stunde, da Dein Ruhm wiedererstehen wird, ist nicht fern. Cordova, das sich heute Deines Namens zu erinnern beginnt, wird Dich morgen als einen seiner größten Söhne verherrlichen." Es liegt symbolische Größe in dieser Szener der Spanier kniet vor dem Grabe des jüdischen Rabbi, und die Worte, die sich seinen Lippen entringen, wirken wie eine Abbitte Spaniens ari seine vertriebenen Söhne." Das darf aber wohl allgemein gesagt werden, daß das Judentum der Gesetzestreue in Deutschland stets das beleidigte, das bespöttelte, das unterdrückte gewesen ist, daß es Schritt um Schritt seines Bodens sich hat erkämpfen müssen, daß man ihm jedes Lebensrecht in der Gegenwart abgestritten und verneint hat, ihm seine Jugend, seine Anhängerschaft hat rauben wollen, bis es aufgeschreckt, in bebender Angst um seinen Besitz, sich zur Wehr setzte und dem Gegner die Stirn bot. Die Gesetzestreue ist keine Theologia militans, aber sie war immer die heldenmütige Verteidigerin ihres schmalen Besitzes,, ihres Eigentums, für das sie freudig tausend tägliche Opfer zu bringen bereit war, das nur mit Opfern auf allen Gebieten des Lebens zu erhalten war. Diesen Willen zum Opfer wollte man ihr schwächen, diese volle Begeisterung, alles hinzugeben für das, was ihr als Wahrheit gilt. Sa wurden ihre großen Führer in Deutschland mit innerem Widerstreben, mit Ueberwindung ihrer selbst, zu Kämpfern. Auch heute noch ist das Verhältnis das gleiche. Man sollte erwarten, daß in einer Zeit, wo alles Jüdische zerbröckelt, man diejenigen, die seine Lehre Tag und Nacht studieren, seine Lebensgüter hingebend und gewissenhaft bewahren, im jüdischen Kreise dankbar als die Treuesten, als unentbehrliche Schützer und Erhalter des Judentums hochhalten, werde. Stattdessen glaubt ein jeder, sein Programm nur dadurch verteidigen und rechtfertigen zu können,

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