Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 38-39 (21.9.1934)
- Date
- 1934-09-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 Nr. 38/39 Der Israelit 21. September 1934 der Neuzulassung von Juden zum Studium zulassen. Danach sind von 1859 nichtarischen Abiturienten 154 Studenten des ersten Semesters geworden, das sind 8,3 Prozent. Bei den Abiturienten jüdischer Konfession läßt sich dieser Prozentsatz auf 5,6 berechnen. Die Gesamtzahl der reichsdeutschen jüdischen Studenten betrug im Sommer 1932 3950 und ist im Sommer 1933 auf 1908 zurückgegangen. Die Gesamtzahl der nichtarischen und nicht voll arischen Studenten an den preußischen Hochschulen betrug im Sommersemester 1933 demgegenüber 1635; davon gehörten 67,04 Prozent der jüdischen Religion an; rein jüdischer Abstammung waren 90,32 Prozent, nur teilweise jüdischer Abstammung 5,15 Prozent. Weitere Berechnungen ergeben, daß die Kontingentierung des Anteils der Juden am Hochschul-Studium einen Ausfall von 632 jüdischen Studenten verursacht hat. Schweiz. Minderheitenschutz in Polen auch weiterhin gesichert. Genf, 16. September. In einem Gespräch mit dem Genfer ITA-Korrespondenten erklärte der polnische Außenminister Beck, die gegenwärtige polnische Regierung stelle sich mit aller Energie Bestrebungen zur Verbreitung von Rassenhaß entgegen und werde es niemals zulassen, daß die Rechte der polnischer Staatsbürger ohne Unterschied ihrer rassischen,sprachlichen oder religiösen Zugehörigkeit beeinträchtigt werden. Die Rechte der Minderheiten, wie sie in den Minderheiten-Verträgen festgelegt wurden, seien der polnischen Verfassung als integrierender Bestandteil einverleibt. Der wirkliche Inhalt der Minderheiten-Verträge bleibe daher auch in Zukunft in Polen unangetastet und seine Durchführung gesichert. Doch könne Polen eine Situation nicht weiter ertragen, die es im Vergleich zu anderen großen europäischen Staaten unter Ausnahmerecht stellt. Das sei der einzige Grund für die von ihm. am Donnerstag abgegebene Erklärung. Die Gegenerklärungen von Sir John Simon, Außenminister Barthou und Baron Aloisi könnten Polen zu einer Aenderung seiner Stellungnahme nicht bewegen. Polen werde in der sechsten Kommission die Frage der Verallgemeinerung der Minderheiten-Verträge gemäß dem von der polnischen Regierung der Völkerbundsversammlung unterbreiteten Vorschlag erörtern. Von der Thoraresidenz in Montreux. Montreux, 16. September. Die Jeschiwoh in Montreux gibt bekannt, daß am 5. Cheschwan, Sonntag, den 14. Oktober, die Semestereröffnung stattfindet. Anmeldungen sind bis spätestens 5. Oktober an den Rektor der Jeschiwoh, Rabbi Elijahu Botschko zu richten. Es bestehen sowohl Kurse für Anfänger als auch für Fortgeschrittene. Gleichheit Aller vor dem Gesetz und Religionsfreiheit in Oesterreich. Genf, 13. September. Der österreichische Bundeskanzler Schuschnigg erklärte in seiner vor der Völkerbunds-Versammlung gehaltenen Rede über die neue ständige Verfassung Oesterreichs, es würde völlig irrig sein, die neue Verfassung für eine reaktionäre zu halten. Die Gleichheit aller vor dem Gesetz sei auch nach der neuen Verfassung eine Selbstverständlichkeit. Diese schütze die Freiheit aller in jeder Hinsicht und schränke sie nur da ein, wo dies im allgemeinen Interesse dringend geboten erscheint. Das neue Oesterreich proklamiere das Prinzip der Toleranz. Es sei vorwiegend katholisch, doch -genießen alle gesetzlich anerkannten Konfessionen seitens des Staates vollen Schutz und Unterstützung. Der Bundeskanzler machte diese allgemeinen Bemerkungen über individuelle und Religionsfreiheit, ohne auf die von Oesterreich im Friedensvertrage übernommenen Minderheiten-Verpflichtungen einzugehen. Die Woche- Köln. Dem „Koblenzer „Nationalblatt" berichtet man aus dem Dorfe Keil, daß dort eine große Anzahl von Bauern sich immer noch nicht Entschließen könne, den Juden beim Viehhandel auszuschalten. Das Blatt richtet an alle Volksgenossen die Mahnung: „Laßt den Juden vom Hof!" Münster. Der Treuhänder der Arbeit für das Wirtschaftsgebiet Westfalen hat eine Bekanntmachung erlassen, wonach der Einstellung nichtarischer Fleisc hergesellen °und Lehrlinge keine Hindernisse im Wege stehen. Eine frühere anderslautende Bestimmung wird mit sofortiger Wirkung aufgehoben. Danzig. Die Danziger Außenhandelskammer, die sich in diesen Tagen konstituiert hat, hat in ihrem Vorstande wieder eine Anzahl angesehener jüdischer Kaufleute. Wien. Bei der Einweihung des Wiener Heldendenkmals nahmen auch die jüdischen Frontkämpfer offiziellen Anteil. Sie zogen auch unter Führung des Hauptmanns Dr. Bennedilct im Festzuge mit. In ihrer Mitte sah man den achtzigjährigen Oberst Moritz Kalbeck, ebenso andere hohe jüdische Militärs mit hohen Orden. — Auf der Heldenabteilung des jüdischen Zentralfriedhofes wurden am 16. September die ersten 100 Grabsteine für im Weltkrieg gefallenen jüdischen Soldaten und Offiziere enthüllt. Die Grabdenkmäler wurden vom „Bunde jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs" gestiftet. Weitere 200 Gedenksteine sind in Arbeit. Antwerpen. Die Antwerpener antisemitische - Zeitung „De Starmloop" wurde wegen Boykotthetze gegen einen jüdischen Kaufmann zu 3000 Fcs. Schadener- Satz und Veröffentlichung des Urteils in zwei Tageszeitungen verurteilt. Rom. Die jüdische Gemeinde zu Rom hat beschlossen, jeder bedürftigen jüdischen Frau, die am selben Tage wie die Kronprinzessin ein Kind zur Welt bringen wird, ein Ehrengeschenk von 100 Lire und eine vollkommene Säuglingsausstattung zu überreichen. Warschau. Einer der bedeutendsten Zionistenführer in Polen, Dr. Salomon Bychowsky, ist im Alter von 60 Jahren gestorben. Er gehörte noch im Kreise Herzls zu den Begründern des politischen Zionismus. Seit 1923 war er jüdischer Vertreter im Warschauer Stadtrate. — Das Gericht in C z e w (Dirschau) hat zehn Mitglieder einer national-demokratischen „Malkolonne", die wiederholt die Schaufensterscheiben jüdischer Geschäfte in Czew und den umliegenden Ortschaften mit antisemitischen Hetzaufschriften beschmiert hatten, zu Gefängnisstrafen von 6 bis 15 Monaten verurteilt. Der zu 15 Monaten Gefängnis verurteilte Führer der Kolonne, Heliodor Opierzinski, mußte die Strafe sofort antreten, den übrigen wurde Strafaufschub gewährt. — Das hauptsächlich von Juden bewohnte Städtchen Hancewicze, Kreis Luniniec, wurde fast ganz ein Raub der Flammen. Im Verlauf von zwei Stunden brannten mehr als hundert Häuser ab, über 300 jüdische Familien sind obdachlos und ohne alle Mittel. — Im Zusammenhang mit den jüngsten Ausschreitungen nationaldemokratischer Jugendlicher in Lodz gegen jüdische Passanten sind sämtliche nationaldemokratischen Jugendorganisationen im Lodzer Kreis polizeilich aufgelöst worden. Kowno. An den öffentlichen Festkundgebungen anläßlich des 60. Geburtstages des Präsidenten der litauischen Republik, Smetona, haben sich s ä m tliche jüdischen Gemeinden und Organisationen Litauens beteiligt. In den Synagogen fanden Festg'ttesd i e n s t e statt. Die jüdischen Jugendorganisationen nahmen mit ihren Fahnen an der Parade auf dem Wileischis-Platz teil. Die Fenster der jüdischen Geschäfte und Wohnungen waren beleuchtet und mit dem Bild des Präsidenten geschmückt. Der Bund der jüdischen Kriegsveteranen Litauens hat ein Werk über Leben und Wirken des Präsidenten Smetona herausgegeben. Tunis. Der Oberrabbiner von Tunis, Yissef G u e z , ist gestorben. An dem Begräbnis, das ungemein eindrucksvoll verlief, naEmen Vertreter aller Konfessionen; der städtischen und der Landesbehörden teil. Polen. Ein Vertreter des palästinensischen Einwanderungsamtes in Polen. Warschau, 17. September. Zu Rosch Haschonoh bekam Warschau hohen Besuch. Der Chef-Sekretär des Einwanderungsamts der Palästina-Regierung, Edwin Samuel, ein Sohn des früheren Hochkommissars Herbert Samuel, kam mit dem Zuge aus Krakau in Warschau an und nahm beim englischen Generalkonsulat Quartier. Man will der illegalen Einwanderung an die Wurzel gehen und so schickte man diesen hohen Beamten nach dem Reservoir der Huswanderung, nach Galizien und nach Polen. Er wird sich von hier nach Wilna begeben, um dann über London, wo er seinen Bericht erstatten wird, nach Palästina zurückzukehren. Edwin Samuel ließ sich im Warschauer Palästina-Amt über die Lage und alle laufenden Geschäfte genau informieren und wohnte mit lebhaftem Interesse der Äbfertigung der vielen Palästina-Huswanderer bei. Er besuchte auch das Heim des „Hechaluz" und ließ sich über das Wesen der Hachscharath genau berichten. Äls am Festausgang eine große Chaluzimgruppe sich nach Palästina begab, war auch Edwin Samuel mit am Bahnhof. In der Gemeindeverwaltung wurde der Chef-Sekretär am Mittwoch' von den Präsidenten M asu r und Trockenheim empfangen. Unter Führung von Masur sah er sich die Lehrwerks t ä t e n der Gemeinden an. Warschau, 18. September. Am Freitag besuchte der Vizedirektor des Einwanderungsamtes in Palästina, Edwin Samuel, in Begleitung des englischen Generalkonsuls die Ägudazentrale auf Jerska. Die Gäste wurden vom Vorstand und Sekretariat empfangen und über Programm und Wirksamkeit der Ägudas Jisroel- Weltorganisation, besonders ihre Bedeutung für Polen, informiert. In Vertretung des von Warschau abwesenden Vorsitzenden Herrn I. M. Lewin übernahm Herr S. Friedmann die Begrüßung und die Führung, womit er den Äppell verband, es möge die Zahl der Zertifikate vergrößert und bei der Verteilung derselben in höherem Maße als bisher die orthodoxe Alijah berücksichtigt werden. Herr Samuel sprach in seiner Äntwort seine Sympatien für das religiöse Judentum aus und erkennt dessen Einfluß auf den Aufbau Palästinas an. Die Anstrengungen und Leistungen der Agudas Jisroel für die Erez Jisroel-Ärbeit, seien ihm vollauf bekannt und die agudistischen Hachscharahp unkte, die er in Polen besuchte, hätten großen Eindruck auf ihn gemacht. Er halte das religiöse Element für den bedeutendsten Faktor im Rufbau des Landes. Die Wünsche der Agudas Jisroel bezüglich der Zertifikate wolle er an die Palästinaregierung weitergeben. Er hoffe übrigens, den Vorsitzenden der Aguda, Herrn I. M. Lewin, bald wieder in Erez Jisroel zu sehen. Die ganze Unterhaltung wurde in hebräischer Sprache geführt. In L o d z stattete Herr Samuel der Mädchenh ach schar ah der Ägudas Jisroel einen Besuch' ab, wo ihn Herr Redakteur Friedenssohn begrüßte. Der Kommissar ließ sich bei der Gelegenheit genau über die agudistische Frauenbewegung informieren und versprach, für eine größere Berücksicthigung der Chaluzoth der orthodoxen Hachscharah bei der Zuteilung von Zertifikaten einzutreten. Daß Herr Samuel die Lodzer K e h i 11 a h - Verwaltung als solche nicht besuchte, ist, wie sich jetzt herausstellt, auf eine Intrige der zionistischen Ratmänner zurückzuführen. Diesen paßte es nicht, daß der hohe Beamte die orthodoxe Verwaltung besuche und so haben sie die vom Vorstand an Samuel ergangene Einladung zurückbehalten und' deren Äbsendung verhindert. Die Sache; wird noch ein Nachspiel in der nächsten Sitzung der : Kehillahverwaltung finden: