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Der Israelit · 1934-03-29 · Heft 13-14 (29.3.1934) · page 29

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 13-14 (29.3.1934)
Date
1934-03-29
Page
– (sequence 29)
Language
German
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LSM-S* Blätter der Jilcllscslfcen. Selbstbesinnung Unter ständiger Mitarbeit von Oberrabbiner Dr. Joseph Carlebach in Altona 1. Jahrgang Beilage! zum Israelit Frankfurt am Main Nummer 4 E> essach~ ö edanken. Die vier Parschiaus als vierfache Verheißung. 1- Parschas-Schekolim. Nie wird das jüdische Gemeinschaftsgefühl in den Gliedern unseres Volkes zum Verschwinden kommen. v Mag immerhin ein falscher Individualismus ■den Einzelnen isolieren, mögen tausend Parteien auftreten, die vorgeben, das wahre Judentum in sich zu verkörpern, immer wieder wird das Bewußtsein durchdringen, ihr seid für euch allein nur ein Halbes, könnt nur einen halben Schekel zum Gesamtbau des Volksheiligtums beitragen. Dies Gefühl des Angewiesenseins auf den Anderen, der eigenen Unzulänglichkeit wird dich nie verlassen, und bettest du dich selbst in der Weltabgeschiedenheit Tiefen oder stiegst auch zum Himmel der höchsten Erfolge in der Welt, immer wird die Sehnsucht und Verbundenheit zur Gesamtheit in dir weiterwirken und dich zum Anschluß an Israels Gesamtheit leiten. Das verheißt dir Parschas Schekolim. 2. Parschas Sochaur, Nie wird Grausamkeit und rohe Gewalt in Israel oder über Israel letzlich siegen. Denn Krieg führt G'tt wider Amalek von Geschlecht zu Geschlecht und dir hat Er geboten: tilge das Andenken Amaleks in dir selbst aus! Die Sechira ist eine doppelte: in uns und für uns. Im jüdischen Herzen kann Vergottung der Gewalt keine Wurzeln schlagen; ebenso wenig wird aber in der Menschheit auf die Dauer die edlere Stimme der Humanität ganz verstummen. Immer wieder wird G'tt das Mitleid und die Achtung vor der Menschenpersönlichkeit zum Durchbruch kommen lassen. Dem Volk der Gewaltlosigkeit verheißt Parschas Sochaur den Sieg reiner Menschlichkeit in allen zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen. 3. Parschas Poro. Nie wird der Tod über Israel Gewalt haben. Immer wieder, durch alle Jahrhunderte hindurch, wollte man uns den Garaus bereiten und betrachtete unser Volk als auf dem Aussterbeetat stehend. Die Neun mal neun Weisen kamen und bewiesen uns, daß wir dem Untergang, dem unentrinnbaren, nach den Gesetzen der Entwicklung und den harten Zahlen der Statistik verfallen seien. Sie wollen uns unrein machen durch diese Todesdrohung, den Willen zum Weiterbau des G'ttesreiches auf Erden, den Glauben an den Sinn unsrer religiösen Zukunftsbestimmung uns nehmen. Aber wir sind unsterblich. Die Asche unserer irdischen Existenz, alles, was an uns vergänglich ist, ist eingetan in die lebendigen Wasser seelischer und geistiger Unverwüstlichkeit, der Tauro und Mizwaus, die uns mit dem ewigen Sein, mit dem Quell alles Lebens hie und dort, jetzt und in aller Zukunft verbinden. Das verheißt uns Parschas Poro. 4. Parschas Hachaudesch. Nie wird Israels Jugendkraft aufhören.! Ewige Erneuung und Wiedergeburt ist unser Symbol des jungen Mondes. Unser altes Volk Wirft "immer den Ballast der Leidverzagtheit und des Lebensüberdrusses, die Knechtung der Gewohnheit und des Alltags von sich und schreitet verjüngt zu neuem Anfang, zu frischem Anstieg. In allen Wandlungen der Existenzj der Wirtschaft, der staatlichen Ordnungen behält, es die große Elastizität der Anpassung, die Fähigkeit der Mitarbeit, die Kraft der schweren Neueinstellung. Es vermag immer, nach Tagen der Verdunkelung, sich ganz eigentlich neu zu orientieren. Wie es über den astronomischen Zwang der Himmelsabläufe sich erhebt und die Bestimmung von Monat und Jahr in eigene richterliche Regelung nimmt, also steht es auch über der Notwendigkeit der Zeiten, die es bestimmen wollen, die es aber selbst bestimmend meistert. Ewige Jugend unseres Volkes verheißt uns Parschas Hachaudesch. In solch vierfacher Gewißheit, die in sich eine vierfache Forderung schließt, treten wir alljährlich an den Neubau unsres Volksdaseins, an den jungen Frühling der Pessachtage. Seder-Betmclit ung en Die Geburtsstunde Israels. Geheimnisumwittert ist jede Geburt; wo Neues, noch nicht Dagewesenes sich gebiert, da umlagern uns die Nebel und Dämmer des Urmorgens, des Anbeginns, wo G'tt Himmel und Erde schuf. Der Begriff einer unerschaffenen ewigen Welt scheitert, sobald wir die Geburt eines Menschen erleben. An der Wiege eines Kindes zerbricht der philosophische'Weltbegriff. Jedes Menschenwesen fällt aus der Gesetzlichkeit der Natur heraus. Dies gilt nicht nur beim Genie, wo es uns besonders deutlich zum Bewußtsein kommt, sondern bei jedem Menschenwesen; es ist völlig einmalig. Jede Geburt konfrontiert uns mit der Schöpfung, oder wenn man will, mit G'tt. Bei keinem Akt in der Natur sonst spricht uns so sehr das Geheimnis des Seins an. So sagt der Psalmist: „Ein Geheimnis war meine Werdung, wundersam sind Deine Taten, meine Seele weiß es wohl." Das Geheimnisvolle, Mysteriöse, was uns mit dem G'ttlichen unmittelbar bei der Geburt des Einzelindividuums in Verbindung bringt, das gilt doppelt für . die Geburtsstunde eines Volkes, gar des jüdischen Volkes. „Wer hätte es je gehört, wer je solches geschaut: kann ein Land kreißen in einem .Tag oder ein Volk geboren werden mit einem M,al, wie Zion kreißte und ihre Kinder gebar?" Das ganz Außerordentliche, das Singuläre unserer Entstehung soll uns der Seder vor die Seele führen. Das Wort H a g g a d a (von neged) bedeutet Gegenüberstellung. Wir sollen dem Ereignis wieder Auge in Auge gegenüberstehen, sollen es wieder als gegenwärtig, als selbsterlebt mitempfinden und sollen diesem Großen und Einzigartigen in der Weltgeschichte ins Auge schauen, wie unser Volk seine Werdestunde erlebt hat. Das ist der Sinn der Haggada. Die ewige Frage. Was nicht erklärt werden kann, was in seinem Wesen ans letzte Geheimnis rührt, das bleibt ewig Problem, bleibt immer gefragt und immer des Fragens würdig. Infolgedessen muß nach diesem Einzigartigen, wie wir ein Vplk geworden sind, stets neu gefragt werden; es kann nicht hingestellt werden als bloße Tatsache. Es liegt im Wesen der Sache, daß es, weil ein Irrationales, immer Rätsel bleibt, ein Außergewöhnliches, was nicht in die Normalordnung der Ereignisse sich einfügt. Das Judentum kann nie ein Alltägliches, Selbstverständliches werden. Wenn unsere Kinder die Augen in die Welt aufschlagen, dann muß die Frage, die tief aufwühlende, in ihnen erwachen: wer bin ich? wie wurde ich Jude? wie ist unser Volk entstanden? Diese Frage darf nie verstummen. Mögen sie nur fragen, selbst zweifelnd, spottend, widerwillig. Uns bangt vor ihrer Frage nicht. Nur stumpf sollen sie nicht sein gegen das Ungewöhnliche, gegen das Einzigartige unseres Seins. So kommt das Köstliche des Sederabends heraus, das Köstlichste eigentlich im jüdischen Erleben des Jahres: das Spiel von Frage und Antwort. Hier treten die Alten als Zeugen auf, um von der neuen Generation, die es nicht miterlebt hat, befragt zu werden und die große Stunde ihr zu vergegenwärtigen. Nicht wie man es anderswo bei nationalen' Gründungsfeiern macht, stellen wir das Geschehnis als ein Fertiges dar: es soll als Problem dem Staunen unserer Kinder aufgehn, in Frage und Antwort erarbeitet werden. Schon in der Entstehung unseres Volkes verrät sich der einzigartige Charakter Israels und der jüdischen Religion. Die Feier im Hause. Was war nun das Charakteristische jener Geburtsstunde? Man kann es durch einige negative Hinweise aussprechen: wir hatten kein Land, keinen Tempel, keine Priester, kein Zentrum. Dies alles fehlte, nur eins war da: das jüdische Haus. Dies war zum Tempel verwandelt. Hier war das Mahl ein von G'tt bereitetes. Hier sprach das an die Pfosten gesprengte Blut, die Bluimesusa, vom Stirb und Werde des Juden. Es ist das ganz Einzigartige, daß die Sederfeier eine häusliche Feier ist, nicht in der Oeffentlichkeit, wo man sonst notwendig ein Stiftungsfest begehen müßte. Wir feiern unser Volkswiegenfest in der Familie, ohne Priester, ohne Heiligtum; wir erleben es im Hause. Es ist kein Zufall, daß dieses Hervortreten des jüdischen Hauses in diesem Augenblick eine so ungeheure Kraft und

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