Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 13-14 (29.3.1934)
- Date
- 1934-03-29
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. .4 Der Israelit 29. März 1934 Wirkung auf den Menschen ausübt. Im Hause ist das Doppelte gegeben: der Mensch ist nicht isoliertes Individuum, er ist aber auch nicht aufgegangen in die Gesamtheit. Diese Feier sagt uns: auf dich selbst hast du dein Judentum zu bauen; aber du stehst nie allein, du sollst niemals das in dir aufgeben, was du aus dem „Hause der Väter", aus dem Bes Owaus, als Erbgut mitbekommen. Jedem ist naturgemäß sein Kreis, seine Chawura, mitgegeben, in ihr und für sie soll er wirken und aus ihr heraus zum Bau des Volksganzen beitragen. Darum ist der Seder ans Haus gebunden. Die Haggada. Uralte Symbole, gewissermaßen Insignien und Reliquien der Geburtsstunde, treten als stumme Zeugen vor unsere Kinder, ihre Neugierde und Fragelust aufweckend; eine Brotform, die sie nie gesehen; Kräuter, die so das Menü sonst nicht kennt; Knochen und Ei, seltsam angekohlt, und ein Gemisch, wie Lehm ausschauend; Silber- und Goldgeräte, als wollten wir mit unserem Besitz prunken, und neben den Bechern vor jedem Einzelnen ein gefüllter Pokal in der Mitte des Tisches für einen fremden, noch unbekannten Gast bereitet. Neben all diesen seltsamen Denkmälern einer anderen Welt aber vor allem das Buch, die Haggada. Unser Volk ist nie ohne Buch zu denken. Das Judentum ist durch zweierlei bezeugt: durch die Existenz unseres Volkes selbst und durch das Buch, in welchem unsere Geschichte niedergelegt ist, die Bibel. Diese ist nicht ohne Israel und Israel nicht ohne die Bibel zu denken. Heute ist es nicht die Thora selbst, die von unserer Geburtsstunde berichten soll; es ist ein besonderes Buch, die Haggada. Was sie erzählt, ist zwar nichts anderes, als was auch in der Thora berichtet wird, aber was in der Bibel steht, ist nur ein andeutender Bericht; er ist gewissermaßen noch nicht abgeschlossen. Niemals ist das Thorawort zu Ende geschrieben; neben alles Schriftliche muß noch ein Mündliches treten. Das Moment der Lebendigmachung kommt darin zum Ausdruck, daß das Wort der Bibel gedeutet wird. Am Seder abend wird jedes Haus ein Bes-Hamidrasch, ein Lehrhaus. Indem man die Verse des biblischen Berichtes deutet, werden alle Einzelheiten wieder gegenwärtig, gleichsam neu entdeckt. Leid und Erlösung. Wenn das Geheimnis, das über den Symbolen liegt, sich langsam lüftet, dann tritt als Erstes dem fragenden Kinde die Erkenntnis entgegen: unsere Geburtsstunde kam aus Knechtschaft und Leid, nach vielhundertjähriger Erniedrigung und Mißachtung. Sie fängt „mit der Schande" an. Wir verschweigen diese trübe Vorgeschichte nicht. In den grellsten Farben führen wir sie den Kindern vor Augen. Ja noch mehr: ohne Bitterkeit, ohne Groll blicken wir auf sie zurück; geradezu mit dankbaren Gefühlen segnen wir diese herbe Vorzeit unserer Geschichte. Zweimal erinnern wir an unsere Schande. Einmal: awodim hojinu. Welcher freie Mann will daran erinnert sein, daß er einmal Sklave war! Wir Juden aber sind keine Parvenüs, die kein Gestern haben; wir wollen das Gestern aus unserer Erfahrung nicht streichen und nicht vertuschen. Das zweite Mal: „ursprünglich waren unsere Väter Götzendiener, jetzt hat G'tt uns zu Seinem Dienste Sich nahegebracht. So heißt es bei Josua, als er das Land eroberte: jenseits des Euphrat saßen eure Väter und dienten fremden Göttern . . ." Man stelle sich vor: es hat jemand ein Land erobert. Er will jetzt in einer Rede seinen Sieg feiern. Wie würde wohl solch ein Eroberer sprechen? „Ewig gehörte uns das Land, schon von grauer Väterzeit her." Nicht so Josua. „Jenseits des Euphrat saßen eure Väter und dienten dort fremden Göttern." Auch einen moralischen Anspruch habt ihr nicht auf das Land. „Ich, G'tt, habe dann den Abraham genommen, so spricht der jüdische Held weiter, und habe ihm das Land Kanaan als Zukunftsland gewiesen." Redlich und wahr, ohne Schönmalerei, zeigen wir unser Leid, unsere V erirrung. Aber sogleich beginnt der jüdische Optimismus zu sprechen, Leid kann nicht dauern. Aus Leid ist unsere Erwählung erwachsen, aus Leid kommt alles Große und Bedeutende in der Menschheitsentwicklung. Die Geburtsstunde unseres Volkes wird Symbol, sprechendes Zeichen für alle Zukunft. Indem wir nicht nur diese Stunde selbst, sondern auch alles, was ihr vorhergeht, mit in den Gesichtskreis ziehen, zum Miterleben bringen, indem in ihr die Vorvergangenheit mitklingt, wird sie Bild aller Gegenwart und aller Zukunft. Es kann einen Seder nicht geben, der bloß bei der Vergangenheit stehenbliebe; der zeitliche Rahmen weitet sich mehr und mehr. War unsere Geburtsstunde eine Erlösung und Befreiung aus einer schrecklichen Vergangenheit, so wird sie auch Gewähr der Ueberwindung aller trüben Gegenwart, Gewähr der Erlösung in der Zukunft. Der Seder ist nicht mehr nur Feier einer bestimmten historischen Stunde, er wird zur Feier und zur Vergegenwärtigung unserer ganzen Volksgsschichte von Anbeginn bis Ende, vom ersten Frühlingstage unseres Volkes nach dem Winter der Knechtschaft bis zum strahlenden Mittag einer messianischen Welt. Die Feier unseres Geburtstages wird zur Feier des g'ttlichen Welttages, aller Stadien der Weltgeschichte bis zum acharis hajomim, bis zum Ende der Tage. Die Einteilung des Seder. Der Seder ist daher dreigeteilt. Der erste Teil, der Seder der Vergangenheit, beleuchtet die Geburtsgeschichte unseres Volkes. Der zweite Teil gilt den Pflichten des Heute; Mazza, Maror und dem Festtagsmahl, und der dritte Teil, der Seder der Zukunft, führt uns in die Zeit der Erlösung, in die Zeit des Messias. Das Mahl in der Mitte des Sederabends ist nicht zufällig. Man könnte ja denken, wir müssen auch sonst unsere religiösen Pflichten erfüllen, bevor wir essen, also soll erst die Haggada erledigt sein, bevor man sich zu Tische setzt. Aber dann müßte die ganze Haggada vor dem Mahle liegen und es wäre unberechtigt, daß wir nach dem Mahle nochmals das Buch öffnen und eine neue Haggada sprechen. Es ist nicht deshalb die Mahlzeit an zweite Stelle gerückt, weil man zuerst die Pflicht des w'higadta erfüllen soll, der Grund dafür muß ein innerer sein; nämlich der die drei Zeiten umfassende, dreifache Charakter des Seder. Der dritte Teil ist nicht minder wesentlich als die anderen. Ein bloß Vergangenes ist gleichgültig; ein nur Heutiges ohne religiöse Bedeutung. Erst dadurch ist der Ewigkeitswert des Seder gewährleistet, daß er ebenfalls die einstige Erlösung vorwegnimmt. Es ist etwas Wunderbares, daß für uns die Geschichte, die erst geschehen wird, ebenso gewiß ist wie die, die hinter uns liegt. Es ist nicht so, als ob wir das Pessach der Zukunft nur als einen frommen Traum, der uns vorschwebt, betrachten; er ist genau so sicher, wie es Wahrheit ist, daß wir erlöst worden sind. Wir könnten sonst keine Brochoh darüber machen. Man kann nur für etwas danken, was bereits Tatsache ist. Daß wir für die Zukunft die Brochoh sagen, deshalb den Becher Weins schon trinken, ist eine ganz besondere Eigenart des jüdischen Erlebens. Genau so wie wir das Vergangene nacherleben, so ist für uns auch die letzte verheißene Zukunft so gut wie heutiges Geschehen. Wir erleben sie gegenwartswirklich, wir empfinden sie als frohe Gewißheit und können infolgedessen für die Stunde des Messias schon heute danken. Der Becher Elijas. Weil wir auch den Seder der Zukunft feiern, haben wir in der Mitte des Tisches den Becher für den Propheten Elija aufgestellt, den feurigen G'ttesstreiter, der zu den götzendienerischen, dennoch geliebten Brüdern in Israel gegangen, um sie zu G'tt zurückzuholen. Er ist der große Zurückgewinner, der große Heimführer, der „das Herz von Vätern den Kindern, das Herz der Kinder ihren Vätern wiederbringt, damit nicht die Erde dem Untergange verfalle." Diese einzigartigen Worte zeigen, daß die Zurückgewinnung der Kinder notwendig erfolgen, muß, soll nicht alles verloren sein. Die Gegenwart muß man für die Geschichte wiedergewinnen. Das Herz der Alten mag noch am Alteahangen. Aber wie erfüllen wir unsere Jugend mit jüdischen Werten? Diese Aufgabe wird in zwei Forderungen geschildert. Es muß das Herz der Väter zu den Kindern und das der Kinder zu den Vätern zurückkehren. Der blutige Konflikt, der die Herzen zerreißt, wo, einer den anderen nicht versteht, muß beigelegt werden. Wer muß in diesem Konflikt zuerst den Weg der Versöhnung suchen? Offenbar die Väter zu den Kindern. Die Väter müssen die Jugend verstehen, dann erst wird sich auch das Herz der Kinder zu den Vätern zurückfinden, indem die Kinder sehen, daß die Väter sie verstehen. So sind sie plötzlich wieder Kinder ihrer Väter, und die Väter wirklich ihre Väter. Das ist der Zauber des Sederabend. Die wir sonst keine Zeit für unsere Kinder haben, nun ist es uns befohlen: erzählen sollst du deinem Sohne an diesem Tage. Hier ist die Stunde, wo sich der Väter Mund öffnet, um dem Kind Antwort zu geben. Elija der Prophet geht an diesem Abend um; wenn Väter und Kinder sich verständigen, dann umschwebt uns der Geist des großen Versöhners. Ihm weihen wir einen Becher. An diesem Abend sollen wir herzenseinig sein, auf daß wir den Ruf des Messias hören. Welch einzigartige Symbolik liegt in dem Schenken des Weins für Elija hannawi! Wenn der Seder dazu führt, daß Väter und Söhne sich wieder verstehen, dann ist der Messias nahe. Nach dem Tischgebet öffnen wir die Tür und erbitten G'ttes Eingreifen wider Unrecht und Bedrückung. Das schfoch chamathcha el hagojim denkt an die „Wehen des Messias," die Leiden vor seinem Erscheinen, an den Kampf Gogs und Magogs, der vor der Erlösung auszufechten ist. Der Volksmund sagt: wir öffnen die Tür, damit Elija eintrete. Wenn er in unsrer Mitte weilt, wenn Eltern und Kinder sich verstehen in der Treue zum Judentum, dann ist alles, was uns von außen bedroht, leicht zu ertragen, dann können wir ruhigen Herzens dem Kampf Magogs entgegensehen. Symbolik der Mazza. Die Mazza als das Brot der Armut wird geteilt. (Jachaz.) Denn man hat uns in Aegypten die Nahrung beschränkt, nur das halbe Brot gewährt, des Menschen bedürfen. Die andre halbe Mazza wird eingewickelt und versteckt, kommt aber wieder zum Vorschein, am Schluß des Mahls als Afikaumon, als das Zafun, das Verborgene, als Hinweis auf das Pessachopfer der Zukunft. Dieses halbe Brot war uns zwar vorenthalten, es bleibt uns aber für die Zukunft vorbehalten. Was immer uns das Leben nur halb erteilt, wird ein gnädiges Schicksal an anderer Stelle, als eine höhere Beglückung uns zum Ausgleich zurückgeben. Das ist .die Symbolik von der Teilung. Wenn wir nun die halbe Mazza, das' elende Brot, in kurzer Deutung vorführen, so verrät sich sogleich die jüdische Seele in der Hinzufügung: „wer hungrig ist, der komme und esse mit!" Je knapper das Brot uns zugemessen ist, desto mehr haben wir davon abgegeben und abzugeben. Freigebigkeit ist Genossin der Armut. Die Mazza war das Brot der Knechtschaft? aber als die Freiheit uns überkam, da ward sie überraschend zum Brot der Freiheit.' Das will uns sagen: nur wer dienen gelernt, kann herrschen; nur wer gehorchen kann, ist frei. Freiheit bedeutet nicht Willkür. Es wird nur der äußere Zwang mit dem inneren, mit dem Gebot der Pflicht vertauscht. Aus Knechten Pharaos wer-