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Der Israelit · 1934-03-29 · Heft 13-14 (29.3.1934) · page 28

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 13-14 (29.3.1934)
Date
1934-03-29
Page
– (sequence 28)
Language
German
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Seite 4 Nr. 13/14 Der Israelit 29. März 1934 Jeschiwabachurim tanzen* Von J. Karrnel in Mir. I. Noch ein paar Stunden vor Sonnenuntergang kann man keine Veränderung in dem ruhigen, straffen Jeschiwaleben bemerken. Die Jeschiwa hat ihre innere freiwillige Disziplin, die jedoch stärker ist als die Faust eines Feldwebels in der Militärkaserne. In einer von Jahrschulen aus bestimmten Stunde beginnt das Gebet — eher sollte man es vielleicht Opfer nennen. Auf dem Altar dieses geistigen Tempels bringen 400 junge Menschen dreimal täglich ihre besten und reinsten Seelenkräfte dar. Ein Fremder, der diesem schlichten und ernsten G'ttesdienste beiwohnt, würde niemals glauben, daß diese von durchgearbeiteten Nächten matten Augen mit jugendlichem Feuer auflodern, die gebeugten Schultern hoch und stramm sich erhoben und die scheinbar asketischen Jünger sich zu einem begeisterten Tanz zusammenfinden werden, der so lebensbejahend und von soviel Daseinsfreude durchglüht ist. Und doch geschieht das Wunder. Bald nach Verlesen der Megillah werden die harten unbeugsamen Bänke auseinandergeschoben, und zugleich verschwindet die ganze Alltäglichkeit, mit ihrer unaufhörlichen Arbeit an die, das braune eintönige Holz ständig gemahnt. Es beginnt der Tanz. Ein Kreis bildet sich. Mit noch losem Griff umfaßt einer den andern. In langsamem, rhythmischem Takt schreitet der sonderbare Zug vorwärts. Schwermütig und ernst sind die Gesichter, verschlafen noch die Glieder. — Der Geist hat sich noch nicht über Raum und Zeit emporgehoben. Nicht leicht wird es einem jeden, so rasch die Last dos Denkens, die Schwere des Wissens von sich abzuwerfen. Allmählich treten mehr Menschen in den Kreis ein; länger wird die Kette und bald fehlt schau Raum in dem großen Saal. Die Arme pressen sich fester aneinander. Näher wird ein Mensch zum andern. Nichts kann verschiedene menschliche Wesen so eng miteinander verbin- Melodie, eine glühende Masse, die ein jeder in eine andere Form gießen kann. Wie ein wehmütiges Lied der unendlichen Steppe ertönt auf den Lippen des russischen Bachurs die Klage um die verlorene Heimat. Schwermut und Bangigkeit um die Zukunft erklingt aus den Weisen (des durch die rauhe Wirklichkeit aufgeschreckten) Deutschen. Stolz und zuversichtlich erschallt aus dem Munde des Amerikaners das Lied der Prosperität. — In einem mächtigen Gesang gießen sich all diese Klänge zusammen, der sich durch das hölzerne Gewölbe hindurchschlägt und in der tiefen Klarheit des Himmels versenkt. Jeder Ansicht einer Nische mit der Inschrift onsn ]m im alten Judenviertel zu Heilbrenn den wie Freude, Gesang und Tanz. In der Jeschiwa dient der Tanz nicht zur Aufpeitschung der Sinne, um von dem Körper das Maximum an Vergnügung und Lust herauszuholen, wie häufig beim v/eltlichen Tanz. Hier ist er nur ein Mittel zur Erhebung und Vergeistigung. Der tanzende Mensch wird befreit von seinen alltäglichen Sorgen und von der Last des Körpers, der ihn an die Erde schmiedet. Unbeschwert kann sich jetzt sein Geist immer höher hinauf zum Ursprung des wahrhaften Glückes und der Seligkeit erheben. Fast auf jedem Gesicht der tanzenden Bachurim kann man diesen Ausdruck der Vergeistigung bemerken. Scheu und verdunkelt leuchten in diesem Saale die sonst so stolzen herausfordernden elektrischen Lampen. Solch ein innerliches Licht, solch ein überwältigendes Gefühl der Erhabenheit strahlt aus dem ganzen Wesen dieser kleinen und schmächtigen Geistestitanen heraus, daß demgegenüber auch die bedeutendsten Schöpfungen der menschlichen Technik nichtig und minderwertig erscheinen. Geist und Musik beherrschen gänzlich den Raum. Wie brennende Fackeln schweben hier die Menschen herum. Immer stärker erbrausen die Klänge der Niggunim. Solch ein „Niggun" ist kein von einem Künstler komponiertes Gesangsstück, Es ist eine wort- und formlose Der alte jüdische Friedhof zu Rexingen in Württemberg Ton, der wegschwimmt, nimmt einen Seufzer mit, und mit jedem Tritt des tanzenden Fußes wird eine nagende Sorge zerschmettert. Immar leichter schweben die Tänzer dahin, immer schneller dreht sich der Kreis. In einer Ecke hat ein sportgewandter Junge aus Frankfurt seinen bärtigen Kollegen aus Kadien fest in seine Arme geschlossen. Sie tanzen. Die halb offenen Augen sehen nicht die Welt um sich. Der Schweiß strömt von den erhitzten Gesichtern herab, und immer stärker schlagen die Füße in den harten Fußboden. Der Deutsche verliert schon die Kräfte, der ermattete Körper fordert sein Recht. Dem schwachen Kadiner ist es aber gelungen, die Schwere des Körpers von sich abzuwerfen und er löst nicht den Griff. Noch stärker umfaßt er seinen Freund, als ob er ihm von seinen übermenschlichen Kräften etwas mitteilen wollte. In der andern Ecke kann man einen Familienvater, einen Rabbinerkandidaten, der schon viel Schweres durchgemacht hat, bemerken. Ganz allein, mit verschlossenen Augen und wildverstrupptem Bart tanzt er dort seinen Lebenstanz. Eine immer steigende Seligkeit leuchtet aus seinem Gesicht. Es verschwinden allmählich die Falten auf seiner Stirne, und es sieht sc aus, als ob er mit jedem Tritt ein Jahr jünger geworden wäre. Wie in einem Film laufen die Jahre zurück. Es weicht die drückende Sorge um die Ernährung von Frau und Kind. Er ist wieder ein Knabe, der „Täg" ißt und sorglos und hoffnungsvoll in die weite Welt hineinschaut. Immer schneller fließen die Jahre dahin, immer stärker schlägt der tanzende Fuß. Er geht zum -srsten Mal in den Cheder, die Mutter gibt ihm den letzten Abschiedskuß. Ganz klein ist er schon. Der Großvater hält ihn in seinem Schoß. Ins Unendliche und Dunkle verschwimmt die früheste Kindheit, und dann kehrt seine Seele zu ihrem Ursprünge, dem ersehnten Lande des ewigen Glückes zurück. Hinten auf seinem Platze neben dem Oraun-Hakaudesch steht der greise Rabbi und schaut auf das Leben und Treiben der Bachurim herab. Vor seinen großen, schwarzen Augen, die sich weit und tief in die Menschen hineinbohren, gibt es kein Geheimnis. Er taucht in die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele hinunter und weiß sie zu deuten. Keiner der an ihm vorüberschwebenden Tänzer entgeht seinem prüfenden Blick. Von der Art und Intensivität des Tanzes kann er ersehen, wieviel ein jeder an sich selber gearbeitet hat. Er steht da und schaut, und wenn der Tanz stärker wird, dann leuchten seine Augen. Er ist mit seinen Schülern zufrieden. Auch er wird mitgerissen. Er möchte aber diesen günstigen Moment ausnützen. Jetzt, wo das Herz bei Allen höher schlägt, wo die Menschen empfindsamer und empfänglicher geworden sind, möchte er diese Begeisterung stärker in den Herzen einpflanzen, damit auch noch einige Strahlen dieser Wärme auf den kalten, grauen Alltag ausströmen können. Es gelingt ihm die Ekstase, die hier im Saal so spontan zum Ausbruch gekommen ist, in Gedanken und Worte zu fassen und ihren Sinn zu ergründen. Er beginnt seine Ansprache. Ganz still wird es. Nur das Echo des plötzlich verstummten Gesanges hallt noch im Saale wieder. Wie versteinert ist die tanzende Menge von seinem Blicke gebannt stehen geblieben. Mit Gier lauscht ein jeder den flüsternden Worten. Der Rabbi spricht noch nicht, leise summt er eine Melodie vor sich hin, deren sanfte Klänge die Menge beruhigen. Der Rausch des Tanzes ist einer stillen Andacht gewichen. Zuerst hört man nur einzelne Worte, später ein paar abgerissene Sätze. Erst, wenn er von den Pflichten echten Menschentums zu sprechen beginnt, dann schlägt seine Stimme wie ein eiserner Hammer auf die lauschenden Herzen. Er sagt, daß eine wahre Freude nur aus innerer Ganzheit und seelischer Vollkommenheit erwachsen könne. Ihr früherer Tanz drücke nicht nur die Freude über die ehemalige Rettung der Juden aus der Hand des Frevlers Haman aus. Purim in einer Jeschiwa ist kein rein historischer Festtag. Ihre heftige Freude stelle in gleicher Weise den Siegestaumel des Guten über das Böse in ihrem eigenen Innern dar. Noch einen tieferen Sinn enthalte dieser Jubel, der so spontan und unerwartet ausgebrochen war. Wenn diese jungen Menschen, die noch vor einer Stunde mit schweren juridischen und philosophischen Problemen beschäftigt waren, es so weit bringen konnten, wie kleine Jungen in dem Saal herumzulaufen, zu jauchzen und zu tanzen., einzig und allein, weil es eine Mizwah ist, an Purim sich zu freuen, dann sei das der.beste Beweis, daß es kein Aufbraus von jugendlicher Sorglosigkeit gewesen war, sondern ein bewüßter Ausdruck ihres starken Glaubens. Es sei sehr schwer, eine Mizwa, an der auch der Körper einen Gefallen finde, um ihrer selbst willen, und ganz „lifchmo" auszuüben. Wenn ihnen dieser aber doch gelungen sei,-so sei es auch ein Zeichen, daß die Thora, die solch einen Glauben einzuflößen vermag, nicht nur »tote Buchstaben, condern einen wirklichen alles umfassenden Lebensweg, nach dem man heute .noch im 20. i Jahrhundert real und blutvoll leben kann, ent-l halte. Nicht nur die Freude lehre uns aber das Purimfest, noch eine andere Lehre können wir ihm entnehmen. Der gleiche Talmudausspruch, der uns unbegrenzte Freude gebietet, legt uns gleichzeitig eine tiefe moralische Pflicht auf. Es heißt: „Man solle Purim soviel trinken, bis! iron nicht mehr zwischen Mordechai und Haman unterscheiden kann." „Es gehe die Sünde und nicht der Sünder zugrunde" sei der Sinn dieses Ausspruchs. Jüdische Katakombe in Heilbronn Jubiläum eines jüdischen Schiiiskapitäns, der Zehntausende Juden nach Palästina geiührt hat. Am 12. März hat der populäre jüdische Kapitän des dem Lloyd Triestino gehörenden Dampfers „Italia"' Umberto S t e i n d 1 e r das Jubiläum seiner hundertsten Seereise nach Palästina gefeiert. Kapitän Steindler, der vor 40 Jahren seine Seemannslaufbalin beim Lloyd Triestino begann, hat für das jüdische Aufbauwerk in Palästina stets tätiges Interesse bekundet. Vor 35 Jahren war er Offizier auf den Schiffen, die die ersten Pioniere von Odessa nach Jaf.'a brachten. 1925 tat er auf dem Schiff „Gianicolc \ das große Chaluzim-Transporte durchführte, als erst r Offizier Dienst, 1929 wurde er Kommandant d „Adria", mit der er 65 Palästina-Reisen vollbrachte dann war er während vier Reisen Befehlshaber des „Carnaro" und ist seither Kommandant der „Italis die 31 Fahrten hinter sich hat. 50.000 Passagiers, zum größten Teil jüdische Immigranten, sind auf diesen Reisen durch Kapitän Steindler nach Palästina gebracht worden. Am 1. August 1933 hatte Kommandant Steint- 1 e r die Ehre, den Hafen Haifas tatsächlich zu eröffnen (wenn auch die offizielle Einweihung erst an) 31. Oktober stattgefunden hat), denn die „Italia" w;-r das erste Schiff, das in den neuen Hafen eingefahren ist und an dem neuen Quai angelegt hat,

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