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Der Israelit · 1934-01-25 · Heft 4 (25.1.1934) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 4 (25.1.1934)
Date
1934-01-25
Page
– (sequence 15)
Language
German
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LA«^. ^/l^fl^ ^^m^^ELSELS< Blätter der Jiidiscfoen Selbstbesinnung Unier ständiger Mitarbeit von Öberrabbiner Dr. Joseph Carlebach in Altona 1« Jahrgang Beilage zum Israelit Frankfurt am Main Nummer 1 Gola und Geulla! Die Gemeinde des Galuth und ihre Aufgabe für die Zukunft, unser Hier und Dort, unser Jetzt und Einst, unser Sein und Sollen, unser Leid und unser Trost sollen den Inhalt dieser Blätter bilden. Gola: das ward der tränenschwere Name der Judenheit, denen das Los der Verschleppung auferlegt wurde, als noch ein Teil des Volkes im heiligen Lande verblieben war. Ein Beigeschmack des Entehrenden haftete dem Begriff der Gola an. Die von Jerusalem blickten auf sie mit leiser Verachtung. Da ward dem großen Volkserzieher und Propheten Ezechiel (Kap. 11) das Wort gesprochen, es der Gola zu künden: Deine Brüder, deine Brüder, Die dir als Erlösungsgemeinde überantwortet sind, Zu denen Jerusalems Bewohner sprechen: Ach bleibt nur fern von G'tt, Uns, uns nur ist das Land geworden zum Besitz. So aber spricht der ew'ge, richtende G'tt: ,,Die, die Ich fernhin unter Völker hab' zerstreut, Und wurde ihnen dort im fremden Land Zum Heiligtum trotz Not und Enge, Die grade will Ich wieder sammeln Und geben ihnen Admas Jisröel, Daß sie mit ein'gem Herzen und mit neuem Geist Es reinigen von Greuel und Götzenekel. In der Gola, so wird also dem Propheten gesagt, liegen die Wurzeln der Erneuerung, der Geulla und Einung Israels. Und wie eine Bestätigung gibt J i r m i j a (Kap. 24) vom heiligen Lande her den Verbannten ein Gesicht kund, wie ihm G'tt im Anblick zweier Feigenkörbe, guter und schlechter Feigen, sagt: Also spricht der ewige G'tt Israels: Wie diese guten Feigen da, Also kenne ich das Galut Judas, Auf sie will Ich mein Auge gnädig richten, Sie heimzuführen her in dieses Land. Hier sollen sie, ja sie Mir sein zum Volke, Und Ich, ich werde ihnen sein zum G'tte. So wurden die Brüder in der Gola die Männer der Geulla. So wurde der Name des Unglücks ein Titel der Ehren. Eine zweitausendjährige Geschichte hat ihn als solchen bestätigt. Immer wieder ging die Auferstehung und Hebung Palästinas von der Gola aus. Als Serubab eis erster Versuch des Aufbaus zu scheitern drohte, kam E s r a und seine Begleiter aus. der Diaspora und legten machtvoll den. Grund zum zweiten Reiche. Als die Römerfaust den Odem der Thora zu ersticken sich anschickte, kam H i 11 e 1 aus Babel und schuf das gigantische Geistesleben der Tannaim; als dieses nach Abschluß der Mischnah zu verlöschen schien, kam Rabbi Chija Habawli, und entfachte es neu. Und so haben im Mittelalter der R a m b a m , Rabbi Obadja von Bertinora, Rabbi Josef Karo, in der Neuzeit die Schüler des Wilnaer Gaon die Flamme der Thora und des Lebens in Erez Jisröel wieder aufleuchten lassen, indem sie die edelsten Kräfte der Gola ins heilige Land hinübertrugen. Heute erhält grade in unsrer Mitte der Name Gola wieder seinen tragischen Klang, seinen Sinn als Gemeinde des Elends, der Verstoßenen. Die Bitterkeit der geschichtlichen Stunde aber vergrößert sich dadurch, daß uns und unsren Kindern ein Gefühl der jüdischen Minderwertigkeit der Gola eingeflößt werden soll, daß von dem freudig begrüßten, von allen Juden ersehnten Jischuw des heiligen Landes ein Geist der Entwertung und Geringachtung von Leben und Wirken im Galuth ausgeht. Es ist die gleiche Situation, welche den Propheten Ezechiel um seine Mission in Babylonien zittern ließ. Dagegen setzen wir uns zur Wehr. Mit dem Recht derer, die nie Erez Jisroel vergaßen, ihm nie die Treue brachen, die heilige Sprache verteidigten, vom heiligen Lande träumten und sangen, als die moderne, emanzipationswütige, selbstvergessene große Mehrheit Zion aus den Gebeten und Herzen strich, als in allen Parlamenten die Möglichkeit der Einbürgerung von der Aufgabe des Erez Jisroel-Gedankens abhängig gemacht wurde. Mit dem Recht derer, die für ihre Anhänglichkeit an das hebräische Gebet und ans heilige Land verspottet und als rückständig gescholten wurden, die keinen Feiertag kannten, ohne für Erez Jisroel ihr Challogeld abgeführt, ohne im Schir Hamalaaus von der Rückkehr gesungen und geschwärmt zu haben, die keinen Bissen Brot aßen, ohne für Jerusalem zu beten. Mit dem Recht derer, die unter trostlosen politischen Aussichten das stille Wirken für das heilige Land nie aufgegeben, in unmerklicher Infiltration Familien dort ansiedelten, Institutionen der Lehre, der Gesundheit, der Lebensermöglichung dort schufen. Wir wehren uns gegen jede Herabwürdigung der Gola. Wie sagt der jüdische Sänger? Die durch das Tränental wandern, machten es zum Lebensquell, daß auch es der g'ttliche Erzieher mit Segen umkleide. Wir sind nicht weniger und nicht schlechter als die Bewohner Jerusalems. Und w e r i n Palästina unter glücklicheren politischen Umständen lebt, als wir, darf sich weniger seines jüdischen Seins rühmen, als wer im seelischen Druck, in den Engen und Drangsalen des Galuth ausharrt um seiner Brüderwillen. Das ist das Wort, mit dem die Botschaft Ezechiels beginnt: „Deine Brüder, deine Brüder!" Gesegnet sei, wer in der Not die Brüder nicht verläßt, wer die große Verantwortung fühlt für die Kinder der Gola, ihren Mut zu stärken, ihren Lebenswillen aufzurichten. Uns sind die Menschen der Gola Menschen der Geulla. Wir sehen in der Not die Befreiung, die seelische Vertiefung, die charakterliche Erhöhung; wir sehen in der Finsternis des Lebens das Licht der Thora und des Geistes, der Freiheit und Eigenwürde als Erfolg winken. Wir glauben an die innere Gesundheit und Kraft des jüdischen Menschen der Gola, die aus dorn Scheol des Exils nach den Sternen der Geulla _zu greifen lernt. Ihr sind diese Blätter geweiht. Das Gemeinschaftserlebnis. „Raba sagte: „Ich bin mauerstark" durch die Gemeinschaft Israels, und „meine Türme" sind Synagogen und Lehrhäuser." (Pesachim 84.) Was uns fehlt, ist das Erleben der Gemeinschaft. Das hat uns schwach gemacht. Schaue dir deine Brüder an, sprich dich mit ihnen einmal über alles das aus, was sie bedrückt und quält, und du wirst als die größte Lücke und Leere ihres Herzens entdecken, daß sie das höchste und beglückendste Erlebnis nicht gehabt: das der jüdischen Gemeinschaft. Was unseren Vätern bei aller Enge des Daseins wie selbstverständlich in den Schoß fiel, was ihrer Seele die Weite der Unendlichkeit gab, war die erhebende Gewißheit jüdischer Gemeinschaft. Besucht man, wozu jetzt häufig Gelegenheit sich bietet, die Stätten der Hachschara, in Siedlungsschulen und Arbeitsgemeinschaften, wo unsere jungen Menschen bei aller Dürftigkeit des Aeußeren in der frohesten Verfassung, in glücklichster Stimmung euch entgegentreten; oder kommt man auf die Versammlungen der Jugendbünde, etwa des Esra, und fragt die Jugendlichen, die dort so manches entbehren müssen, was ihr mit vielem Gelde ihnen bietet: was ist es, was sie so befriedigt, selbstgewiß und stark macht? Warum ist ihnen mit einem Male ihr Judentum nicht mehr etwas Fragliches, nichts Diskutables mehr? Es war eins, was ihnen zuteil geworden, das Erleben der Gemeinschaft. Wenn wir die Stimmen belauschen, was denn nun eigentlich dem neuen Leben im heiligen Lande seine hinreißende Kraft verleiht, wovon jeder Neuankömmling beseligt und überrascht zu erzählen weiß, es ist letztlich nichts anderes als das ihn plötzlich wie eine himmlische Offenbarung überkommende Bewußtsein jüdischer Gemeinschaft. Auch für das Judentum des Ostens liegt hierin das Geheimnis seiner Größe. Die beiden größten seelischen Erlebnisse, die Israel kennt, das Erlebnis der Thora und das Erlebnis des Gebets, der Hochflug des Geistes und die Ekstase der Seele, sie konnten deshalb Tausenden vermittelt werden, sie konnten alle Verschiedenheit und

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