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Der Israelit · 1934-01-25 · Heft 4 (25.1.1934) · page 16

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 4 (25.1.1934)
Date
1934-01-25
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 2 Nr. 1 Der Israelit 25. Januar 1934 Besonderheiten der Individualitäten überwinden, sie konnten volkserzieherischö Mächte werden, weil sie verknüpft waren mit dem Erlebnis der Gemeinschaft. Das Lernen der Thora erfolgte in den Jeschiwaus, in Sammelstätten von Hunderten, wo einer sich am andern entzündete, einer den andern mit fortriß, jeder seinen Gedanken mit dem Nachbarn tauschte, und das belehrende Wort des Rabbi sofort der gemeinsame Besitz der Vielen wurde; dadurch ward allen die Einheit ihres Strebens und Denkens fühlbar. In dem hundertstimmigen Chorus der Lernenden wurde das, was eigentlich nur Arbeit des Einzelnen und persönlicher Wertgehalt ist, Gemeinschaftserlebnis und dadurch so ein dringlich, so überzeugend, so unvergeßlich, daß es nun für alle Zeiten die eigentlich haltende und zentrale Kraft fürs Leben werden konnte. Das gleiche Ziel erreichte der Chassidismus mit seinem Gebet, Es wurde, obwohl ganz eigentlich das Gebet den Blick von der Erde zum Himmel, von den Menschen zu G'tt fortleitet; obwohl es, wenn der Ausdruck gestattet ist, in die Vertikale weist, dennoch zu dem großen Mittel, die Seelen im „horizontalen" Neben- und Miteinander zu verbinden, zu dem beglückenden Gefühl, aufzugehen in die Breite und Weite von Gesamt-Israel. Dadurch, daß das Gebet Gemeinschaftserlebnis ward, konnte kein Herz, mochte es noch so hart und versteint sein, seiner befreienden und erlösenden Wirkung sich entziehen. Die Kultur des 19. Jahrhunderts, unser Bildungsweg in der Welt und die ziellose Entwicklung des jüdischen Lebens haben uns von Tag zu Tag mehr um die Gemeinschaft gebracht. Solang wir noch meist in kleineren Orten wohnten, die wenigen Juden alle einander kannten und füreinander fühlten, die Ehrfurcht, vor dem Rabbiner oder dem frommen Lehrer alle Glieder der Gemeinde wie Kinder einer einzigen Familie vereinte, die jüdische Schule die jungen, bildsamen Kinderherzen zu Gefühlen der Zusammengehörigkeit und Verbundenheit zusammenfließen ließ, die gemeinsame Vergangenheit und Geschichte der Gemeinde als ein alle gleichmäßig adelndes Eigentum sich auswirkte, war immerhin noch däs Herz tief genug von dem heiligen Gefühl der Gemeinschaft erfüllt, Freud und Leid, das den Einzelnen traf, wurde von Allen mitempfunden und mitgelebt. Alle Regungen geistigen Lebens wurden zu einem Kitt der Seelen, vereinigten und vertieften das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit. Immer schwächer aber wurde mit dem Zuge der Zeit dies Erleben der Gemeinschaft. Mehr und mehr verloren sich die Schönheiten der Kleingemeinde. In den Zentren der Großstädte, in welche die Juden zogen, ward einer dem andern fremd. Von Jugend auf an ging jeder fast allein seinen Weg. In der christlichen Schule hatte er kaum jüdische Klassengenossen. Das Studium oedr die geschäftliche Laufbahn " entfremdete ihn mehr und mehr dem heimatlichen Kreise, Und später bewirkte der gesellschaftliche Dünkel, daß er seinen Kreis verengte, in der Vornehmheit einer Villenvorstadt, in der Gespreiztheit einer patrizischen Hauseshaltung immer isolierter und alleinstehender wurde, Thora und Gebet ward selbst in den frommen Häusern wie alles Geistige in möglichster Einsamkeit betrieben. Was ihn erhob und begeisterte, was ihm das Gefühl des Heiligen und der G'ttverbundenhSjt gab, das erlebte er in sich, höchstens in dem engen Kreise der Familie, die ihm allein noch Gemeinschaftserlebnisse vermittelte. So verarmte er in allem Glanz des Aeußeren, so gingen seine Kinder in gemacht vornehmer Vereinsamung ihren Weg, und all die tausend Kräfte künstlerischen und wissenschaftlichen Lebens konnten ihnen den Ersatz nicht bieten für das, was ihnen fehlte, dessen Fehlen ihnen selber nicht zur Klarheit des Bewußtseins kam. Die Großstadt bot zwar auch dem jüdischen Leben eine Art Ersatz an: das Massenerlebnis ansieile des Gemeinschaftserlebnisses. In riesigen' Veranstaltungen, in veräußerlichten Synagogen sammelten sich Tausende einige Male im Jahre, und das lockte des Einzelnen Neugierde oder sein Pflichtbewußtsein zur Teilnahme, Wir kennen sie, die vornehmen Herrschaften, wenn sie in den G'tteshäusern erscheinen oder zu einem Vortrage sich einfinden. Wir sehen sie vor uns mit ihren Blicken voll Zurückhaltung und innerer Ablehnung, Wir kennen auch den „kleinen Mann", wie er sich scheu oder frech unter die Vielen mischt und mit verhaltenem Ingrimm auf seinen Platz begibt. Wir sind gewiß die Letzten, die die Bedeutsamkeit dieses letzten Restes jüdischer Gemeinsamkeit bestreiten oder verrin gern wollen, Sie haben oft aufrüttelnde Wirkung und tiefe Eindrücke in Allen hinterlassen. Aber es bleibt immer nur ein lockrer Haufe von Menschen, es ist keine Gemeinschaft. Es fehlt die Wechselwirkung von Gebenden und Nehmenden. Es bewirkt die Auslöschung der Persönlichkeit, die mechanische Uniformierung, in welcher nur eine geistige Massenabfütterung erfolgt. Es fehlt das Band der Herzen, das Echte und Verpflichtende, das Ausgleichende und Beglückende, das echte Gemeinschaft zu bieten vermag. Es fehlt das, was die Scheidewände zwischen Mensch und Mensch niederreißt, ohne ihn seiner Eigenwürde zu berauben, was den Menschen stark macht, wenn es ihn von sich selbst befreit und erlöst,, worin G'tt allein sich offenbaren und geheiligt werden kann, die Gemeinschaft der Kinder Israel. Wo das aber fehlt, da stirbt das Judentum ab, „0 chawruta, o mituta, entweder Gemeinschaft oder Tod"; das Wort von Choni Hamaagal, des jenseits seiner Zeit Stehenden, gilt auch für das Judentum. Hier muß der Hebel angesetzt werden, hier muß die Selbstbesinnung beginnen, wenn wir die Schönheit und Herrlichkeit des Judentums wieder erleben und aus ihm die Kraft zu neuem Lebensglück und gehaltvoller Existenz gewinnen wollen. Vor dem Gebet pflegte der Slotschower Maggid zu sprechen; „Ich verbinde mich mit ganz Israel, mit denen, die größer sind als ich, und mit denen, die kleiner sind als ich. Mit den Größern, daß durch sie mein Gedanke aufsteige. Mit den Kleinern, daß ihr Gedanke durch mich aufsteige." (Buber; die chassidischen Bücher, S. 569.) Das müßte jeder von uns sich täglich und stündlich vor die Seele führen. Sprengt die Pforten des Herzens! Es gibt keine Frömmigkeit, die sich mit Standesdünkel, mit Bildungshochmut, mit Geldaristokratie vereinigen könnte. Es gibt kein Judentum der Selbstausschließung, der splendid isolation, wo sich nicht jeder als, Bruder jedes Andern fühlt. Wollen wir vor allen Dingen unsere Gemeinden wieder aufrichten und zu starken Faktoren des jüdischen Lebens machen, so geht es nur, wenn der Gemeinschaftswilie und die Gemeinschaftsverwirklichung die entscheidende Grundforderung ihrer Betätigung ist. Es geht nicht an, daß Rabbinen wie Fremdlinge jenseits der Gemeinde thronen, wenn Vorsteher und Beamte ohne inneren Konnex mit den Gliedern der Gemeinde in gnädiger Herablassung hie und da einmal auf eine Stunde sich zur Arbeit für die Gemeinden herbeilassen. Es geht nicht an, daß unsere Synagogen in Steifheit und Seelenlosigkeit ersterben, aller seelischer Schwung aus ihnen verbannt ist und Standesdünkel und Personenkultus in ihnen sich spreizen. Es geht nicht an, daß diejenigen, die in der Gemeinde Geltung und Ansehen genießen wollen, dort fernbleiben, wo sich die Gemeinde zu Freud und Leid, zu Frohsinn und Ernst, zu Lehre und Erhebung zusammenfindet, und nur um ihre Vornehmheit zu markieren, durch Abwesenheit glänzen, ' •- i Aber auch jedem Einzelnen liegt die Pflege der Gemeinschaft als heiligste Pflicht ob. Und es ist erstaunlich, wieviel jeder in dieser Beziehung leisten kann. Das Wort aus den Sprüchen der Väter: „es sei dein Haus offen zur Weite, und es seien die Armen deine Hausgenossen", ist nicht etwa im Interesse der Armen gesagt. Es ist ein Wort der höchsten Lebenskunst,, das dein Haus erst dir selbst zu einer Stätte des Glücks und der Freude machen kann. Ich habe in einer der kleinen Zwerggemeinden, in der nicht einmal eine Synagoge besteht,, in der noch nie ein jüdischer Beamter wohnhaft gewesen, die eine bunt zusammengewürfelte, ausallen Teilen der Welt stammende jüdische Gesellschaft hat, das Wunder erlebt, daß ein .einziges Haus eines etwas über dem Durchschnitt stehenden, akademisch gebildeten Menschen ein wirkliches Gemeinschaftsleben hervorrief, daß alle sich dort zusammenfanden zum gemeinsamen Gebet, zu gemeinsamer Lektüre, die Frauen zu einer, gemeinsamen Näh- und Arbeitsstunde, daß eine wohltuende Wärme von diesem Haus auf alle kalten Herzen und erfrorenen Seelen ausstrahlte. Warum sollte das nicht jeder können? Warum sollte es nicht möglich sein, in schlichten, bescheidenen Formen einen möglichst großen Kreis jüdischer Menschen, denen die Freude jüdischen Lebens fehlt, bei sich zu vereinen, vor allem diejenigen, die nach jüdischer Liebe, nach Gemeinschaft lechzen, die beseligt sind, daß sie mit anderen Juden zusammentreffen und sich ihres gemeinsamen Besitzes wieder bewußt werden können? Vor allem aber muß die Thora und das Gebet wieder ihre gemeinschaftsbildende Kraft zurückerhalten. Der Pele Joez schreibt: „nach meiner Auffassung ist es besser, mit Vielen die Psalmen zu lernen, als für sich allein Negai'm und Ahaloth, die schwersten Traktate der Mischna." Lernt es nur einmal richtig kennen, das gemeinsame Lernen in der Oeffentlichkeit, den großen Schiur. Das Interesse der Vielen befeuert und entzündet den Lehrer; es steigert sich seine Kraft, wenn sie von.der Teilnahme einer großen Schar von Hörern getragen ist. Die Verantwortlichkeit des öffentlichen Schiurs wird sich wieder seegnsreich betätigen, der Wunsch des Lehrenden, Vieles und immer Anregendes, die Herzea Erfüllendes zu geben. Probiert es nur einmal aus, wie euer Interesse den Nebenmann aufweckt, wie der elektrische Funke von Herz zu Herz überspringt, wie alle Müdigkeit schwindet und alles beglückt aufatmet, wenn die Worte unserer Propheten und Weisen verstanden sind* Versucht es einmal, welche Freude es euch gewährt, wenn ihr mit einem breiteren Kreise in geistige Kommunikation tretet, ihr gemeinschaftlich die bedeutenden jüdischen Werke unserer religiösen Führer und der jüdischen Wissenschaft studiert, Zeitschriften austauscht und über den Inhalt euch gegenseitig vergewissert, wenn ihr eure inneren und äußeren/ Besitztümer mit Anderen zu einem Gemeinschaftsbesitz umschafft. Ihr werdet erst so recht alles dessen froh werden, was schon lang euer Eigen war. Ebensosehr aber gilt diese Forderung für das Gebet, Die Synagoge muß wieder der wahre Mittelpunkt , der Gemeinde werden. Wer nicht in die Synagoge geht, ist immer nur ein losgerissenes Glied der jüdischen Gesamtheit.

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