Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1934)
- Date
- 1934-01-25
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 14 Nr. 4 Der Israelit 25. Januar 1934 schaft weckt bei deren Bekennern verschieden starke religiöse Gefühle. In diesem Zusammenhang dürfte eine Statistik des Psychiater) E. Kretschner wenigstens Beachtung finden. Durch Sammeln eines reichhaltigen Materials von Kranken und Gesunden, glaubt der Forscher das gefühlsbetonte Temperament (pyknische Konstitution) und das denk- und willensbestimmte Temperament (schizoidische Konstitution) auf bestimmten Körperbau zurückführen zu können. Auch dies dürfte als Beweis für die qualitative Verschiedenheit des religiösen Gefühlslebens gelten. Quantitativ verschieden zeigt sich die religiöse Anlage im Hinblick auf Menge und Intensität. Man kann von Menschen sprechen, die 90 Proz. oder 30 Proz. und schließlich 5 Proz. religiöses Vermögen besitzen. Sollte demnach nicht die Möglichkeit bestehen, daß ein Mensch 0 Proz. besitzt, d. h. ohne religiöse Anlage? Solange uns die Religionspsychologie nicht einwandfrei eines Besseren belehrt, dürfen wir uns auf Beispiele aus dem täglichen Leben berufen, die deutlich zeigen, daß das scheinbare Fehlen einer religiösen Anlage sich in anderen Formen manifestiert: Naturgefühl, Kunst, Wissenschaft u. a. Ja sogar der Kampf gegen die Religion kann ein religiöses Surrogat sein. Daß Kinder religiös veranlagt sind, wissen wir aus eigener Erfahrung und kann übrigens in den zahlreichen Werken über Psychologie des Kindes nachgelesen werden. Bei den primitiven Völkern ist das religiöse Interesse allgemein als ein wesentlicher Teil ihres Seelenlebens anerkannt. Geisteskranke, die sozusagen auf einer niederen primitiven Entwicklungsstufe stehen, bringen die religiöse Sehnsucht impulsiv zum Durchbruch. In allen Formen der Geisteskrankheit kann der Mensch sprechen, denken und religiös fühlen, da diese Krankheit die Maske des traditionellen und kulturellen Seelenlebens entfernt und das naturbestimmte und primitive Seelenleben entfalten läßt. Das religiöse Erlebnis des Kindes, des primitiven Volkes und des Geisteskranken läßt den Schluß reifen, daß das religiöse Gefühl ein instinktives Reagens, etwas Triebhaftes ist. Der Religionstrieb kann infolge der von Kultur überladenen Seele unterdrückt werden, schießt aber als unmittelbare Naturkraft bei der primitiven, sagen wir ursprünglichen Seele, um so heftiger hervor. Es ergibt sich also, daß das Religiöse etwas Normales und Natürliches ist. Negativ ausgedrückt lautet also unser Resultat: ein Mensch ohne religiöse Gefühle und Erlebnisse ist abnorm, defektl Die Abnormität dieser Menschen ohne Religion kann den Folgen der Erschlaffung ihres Religionssinns, ihrer geistigen Artrophie zugeschrieben werden. Die Technokratie und die Kompliziertheit des Erwerbslebens rufen die gefährlichsten Feinde der Religion auf den Plan. Hiermit kommen wir zum Kern unseres Themas. Wir kennen jetzt den Krankheitsherd und fragen uns nun, ob es ein Mittel gibt, die Bazillen der Irreligiosität zu vernichten. Dieses Problem ist von solch fundamentaler Bedeutung, daß man sich unwillkürlich fragt, weshalb man dem Lehrplan für die jüdische Lehrerbildung das Fach über die Heilung der religiösen Atrophie nicht einverleibt hat. Man wird einwenden, es fehlt an der einschlägigen Literatur. Das ist wahr, aber traurig, doppelt traurig, da wir geradezu eine Fülle von j ü - d i s c h e n Werken besitzen, die unser Thema zum Gegenstand haben. Ein orthodoxer Führer hat neulich den Ausspruch getan: „wir glaubten den jüdischen Wanderstab schon ins Museum gestellt zu haben," und fügen nunmehr hinzu: wir glaubten unsere jüdischen Erzieher nicht in den Salon der Emanzipation bringen zu dürfen! Welches jüdische Lehrbuch auf dem weitausgedehnten Gebiete der Pädagogik hat die jüdische Lehrerbildungsanstalt ihren Zöglingen in die Hand gegeben? Wir wollen beileibe nicht rechten, obwohl wir schon vor Jahren auf diese Uebel hinwiesen. Es gehört zu unserem Volkscharakter, daß wir Bileam mehr Ohr schenken als Moses. Wir brauchen gar nicht weit zurückzugreifen, um. Umschau zu halten, wie unsere Väter die „religiöse Schwindsucht" geheilt haben. Wir kennen alle H. Ehrmanns — um ein Beispiel aus jener Zeit herauszugreifen — „wie gewinnen wir unsere Kinder für das Judentum?" Wie schlicht und kindlichfromm klingt da jedes Wort, Melodien, die wir — so deucht es uns — schon in der Wiege hörten, väterliche Mahnungen von altersher. Zu jeder Zeit haben es unsere Großen verstanden, an Hand der jüdischen Pädagogik die Schuljugend für das Judentum zu begeistern. Als Mittel zur Bekämpfung der Irreligiosität erblickten die Weisen den Umgang mit religiösen Menschen. Es wirkt inzitierend, mit Menschen zusammen zu leben, die von höherer seelischer Lötigkeit sind als man selbst ist: :('T "ia) mitten *inv rm/i bv nimv bn„wichtiger als das Taurohstudium ist der Umgang mit dem Meister." Oder ''3 otiod) n»tt?V Ka mvb xbv -pna„mechanisches Ueben der Mizwaus führt zur Hingebung." Das würde heißen dem Religionsschwund durch medikomechanische Uebungen Einhalt zu gebieten. Jeden Tag ein paar Minuten Gymnastik lautet die ewig moderne Parole, Gymnastik in der Mussarschule. Als wir den sogen. Mussarschiur in Frankfurt gründeten und leiteten (s. „Israelit" vom 4. 2. 1926) haben wir erfahren, daß nach kurzer Aufklärungsarbeit das für unser Ohr mißklingende Wort „Mussar" seine Unentbehrlichkeit wieder erlangte. Vorurteil darf eben keineswegs als Urteil gewertet werden! Kollegen, laßt uns unsere geistigen Muskeln in steter Tätigkeit halten, lasset uns erleben ('a na1«) -jminx rm Dnpa^ D,Bnn „neu an jeglichem Morgen, groß ist deine Treue." Der Ernst und die Schwere unserer Tage lassen uns nicht ungestört arbeiten, wir können nicht mehr die nötige Kraft aufbringen, hören wir sagen. Wer so spricht und handelt, sollte sich doch ernstlich die Frage vorlegen, welche Forderungen der heilige Name jüdischer Lehrer stellt. Adel verpflichtet! Gerade jetzt können wir zeigen, ob wir mit Fug und Recht unserer Stellung würdig sind. Doch lesen wir weiter in der jüdisch-pädagogischen Weisheit.. Der Forderurig ('S mas) ntysnn s^k -\pv «mnn «^„nicht das Forschen, sondern die Tat ist die Hauptsache" wird eine weitere scheinbar im Widerspruch zur ersten gestellt: O'n psNTp) nipj?» 'v^ H'an Tin'ViW bm Tinb „das Lernen ist wichtig, es führt zur Tat." Das Lernen setzt und hält die geistigen Muskeln in Funktion, blidet die Triebkraft unserer Handlungen, also auch der religiösen. In aphoristischer Form: Lerne — wenn du üben willst! Geht man — wie wir glauben nachgewiesen zu haben — von der Tatsache aus, daß der Religionssinn sich als ein normaler und natürlicher Trieb des Menschen offenbart, dann ist es begreiflich, daß die Palette der Menschheit von religiösen Nuancen übersättigt schillert: Aberglaube, polytheistische Richtungen bis hinauf zum reinen Monotheismus des Judentums. Die Parteikämpfe innerhalb des Judentums lassen sich zum Teil auch als Befriedigung des Religionstriebs erklären. Weshalb organisieren sich die vom Gesetze abgefallenen Juden und schaffen neue, moderne „Paragraphen", die sie auch Judentum nennen? Es entspräche doch vielmehr ihrer Gleichgültigkeit, wenn sie sich der Religion ihres Zufalls assimilieren würden. Allein ihr Gewissen, der mitgeborene, jüdisch gefärbte Religionstrieb findet erst Befriedigung, wenn er sich durch eine allgemein anrekannte Form, die leider den irreführenden Namen liberales Judentum trägt, legitimieren kann. Der Reformjude hat eben — nach seiner Auffassung — keine 613 Pflichten zu erfüllen! Dasselbe psychische Moment erstarkt den Nur-Nationaljuden, der seine Tauroh für einen Quadratfuß Erde im Jardenlande preisgibt. Noch anspruchsloser in jüdischer Hinsicht sind die sogen. Jiddischisten. Der Jargon, der letzte Stumpf ihres religiösen Lebens, den sie oder ihre Väter noch vom Cheder gerettet haben, ist die Erfüllung ihres religiösen Wollens. Man versteht daher, trotz ihrer Irreligiosität, ihre heftige Intensität, wenn es sich um die Erhaltung ihrer Mischsprache dreht. Und letzten Endes ist der Zerstörungstrieb der Religionsfeinde ein religiöses Paradoxon. Solange noch der Bruder ein religiöses Leben führt, ist der Religionstrieb des Irreligiösen aufs höchste unbefriedigt und sucht daher einen Ausgleich zu schaffen. Der Kampf um dieses Aequivalent wird vom primitiven, verkümmerten Religionstrieb geführt. In Palästina wurde einst den Talmudweisen die Frage vorgelegt, ob man dem Vielwissenden '*> / oder dem Scharfsinnigen ann ipi? die Rektion übertragen solle. Es wurde entschieden, der Vielwissende habe den Vorzug (v'o maia). Unsere Scharfsinnigkeit kann uns irreführen, unsere Religiosität schwächen: Orx *a) «»nrsn Kann diqV .entsprechend dem Scharfsinn ist der Irrtum". Die Naturwissenschaft, die den Kampf gegen die Bibel erfolgreich zuf ühren glaubt, hat vergessen, daß sie trotz ihrer „scharfsinnigen" Untersuchungen nur ein Fragment ist — und bleibt. Wer da glaubt, das. für uns Menschen Verborgene gegen wissenschaftlich Erforschtes einwechseln zu können, führt eine geistige Scheuklappenpolitik. Gestehen wir diese unsere Schwachheit ein — und wir werden stark: „Das Verborgene ist G'ttes, was offenbar ist, ist unser," Hiermit ist das Forschungsgebiet des Religiösen fest umspannt und läßt keine Zweifel aufkommen, „alle Worte dieser Lehre zu erfüllen." Für den Alltag der Schule übersetzt würde unsere Untersuchung wie folgt aussehen. Wir Lehrer dürfen nicht die professionelle Scheu vor direkter religiöser Beeinflussung der Schüler zeigen. Es existiert ja — das glauben wir nachgewiesen zu haben — keine religiöse Beeinflussung, so wenig als wir beeinflussen können oder müssen, daß unsere Zöglinge Arme und Beine besitzen. Der Religionsdrang ist eben mitgeborener Bestandteil unserer Seele. Was wir in der Schule vermögen, ist lediglich für die Erstarkung und Pflege dieses Triebes für ein bestimmtes Ziel (Tauroh) Sorge zu tragen. Wollten wir diesem Gebiete nur dieselbe Aufmerksamkeit schenken, die wir bei der Entwicklung der anderen Triebe und Anlagen an den Tag legen! Ein ehrliches Faksimile wollen wir nur verlauten lassen Jeden Tag hat zu Beginn der jüdischen Stunde, insbesondere des biblischen Geschichtsunterrichts, Mussarbesinnung stattzufinden. Entweder richtet sich der Lehrer nach einem der bekannten Mussarwerke und verarbeitet den systematisch gegebenen Stoff entsprechend dem jeweiligen Klassenniveau, oder veranschaulicht positiv jüdische Lebensanschauungen, die sich an das durchzunehmende Pensuni knüpfen lassen, vielleicht mit Gleichnissen durchwoben. Wir betonen, daß diese 5 bis 10 Minuten Mussar vor dem eigentlichen Unterrichten zu geben sind. Die Schüler sollen wissen, daß es Stunden der Besinnung (nsnin) und des Selbstrechtens IbbBnn) gibt. Es ist ein Vorenthalten der besten Stützen unserer Religion, wollte man. die Mussardisziplin n u r in den üblichen Unterricht einflechten. Selbst wenn man die Ansicht vertritt, der moderne Lehrer unterrichtet spielend Lesen und Rechnen, webt in den Text die trockenen grammatischen Regeln ein, so steht diese Methode niemals im Widerspruch mit unserer dargelegten Forderung. Begebenheiten auf zwei verschieden gelagerten Ebenen stören sich nicht wechselseitig. (Schluß folgt.) Not jüdischer Lehrer- Die Ereignisse des Jahres 1933 sind nicht spurlos an den deutschen Juden vorübergegangen. Zahlreiche tferufe wurden ausgeschaltet, rioiinungen vereitelt, Zukunitspläne endgültig zu Grabe getragen. Daß darunter auch unsere jüdischen Gemeinden bitter leiden und in ihrem Bestände gefährdet werden, ist jedem Vernünftigen klar. Daß auch andererseits die jüdischen Gemeinden eine höhere Bedeutung gewonnen haben, daß sie den letzten Rettungsanker für viele darstellen, die erkannten, daß nur aus der gemeinsamen Betätigung auf dem Boden des altüberlieferten Judentums Mut und Kraft zum Ausharren in schwerer Zeit geschöpft werden kann,- sollte eigentlich ebenfalls jedem jüdisch Denkenden klar sein. Hierzu bedarf aber jede jüdische Gemeinde einen Führer und Lehrer der Jugend, und es müßte darum als primitivste Pflicht der Selbsterhaltung die Erhaltung einer Lehrerstelle für jede jüdische Gemeinde oberstes Gesetz sein. Daß es vielen Gemeinden in heutiger Zeit schwer fällt, die hierzu erforderlichen Mittel aufzubringen, ist eine nicht zu leugnende Tatsache, daß aber auch Gemeinden existieren, die die geringste Anstrengung scheuen, um ihrer religiösen Pflicht gegenüber der Jugend, gegenüber sich selbst und der Gesamtheit des Judentums zu erfüllen, steht ebenfalls fest. Vielfach nimmt man die allgemeine Not, namentlich in Landgemeinden, zum Vorwand, um sich von jeder Opfertätigkeit für jüdische Interessen ZU drücken, auch dann, wenn man selbst keinen Anlaß zur Klage hat; vielfach mißbraucht man die heutigen Verhältnisse zur Auflösung von Lehrerstellen, die bei einigermaßen gutem Willen noch gehalten werden könnten. Der heute vielfach gepredigte Grundsatz, „Gemeinnutz geht vor Eigennutz" ist in das Herz vieler unserer Glaubensgenossen leider noch nicht eingedrungen. Um einige Mark Kultussteuern zu ersparen, läßt man Lehrerstellen, die Jahrzehnte bestanden, eingehen und kümmert sich keinen Deut darum, ob der auf die Straße gesetzte Lehrer verhungert oder seelisch zu Grunde geht. So ist mir ein Fall aus der Provinz Starkenburg bekannt (den Namen der Gemeinde will ich heute noch nicht der Oeffentlichkeit preisgeben, weil ich noch Hoffnung auf Revision ihrer jetzigen Stellungnahme hege) in welcher ein als Kultusbeamter mit dem fürstlichen Monatsgehalt von 60 Mark wirkender Beamte am 1. Oktober v. J. fristlos entlassen wurde, weil zwei seither den Großteil der jüdischen Steuern tragende Aerzte den Ort verließen. Man schämte sich nicht, den Beamten, der Frau und Kind hat, an das Wohlfahrtsamt zu verweisen, von welchem derselbe nun 10 Mk. pro Woche erhält und lehnte es obendrein ab, die Differenz zwischen Wohlfahrtsunterstützung und seitherigem Gehalt (also ca. 20 Mk. pro Monat) innerhalb der Gemeinde aufzubringen. Der Aufforderung des Lehrervereins, ihrer Menschenpflicht zu genügen, setzte man den sattsam bekannten Landparneßstandpunkt der Unfehlbarkeit entgegen, der von Niemand Belehrung und Ermahnung entgegennimmt und autonom über das Schicksal des Lehrers beschließt. Ja, man besitzt noch die'Unverfrorenheit, den Lehrerverein an seine Pflicht der Zuschußleistung zu erinnern, von welcher die zunächst Interessierten nichts wissen wollen. Ist es nicht für das ganze Judentum beschämend, wenn ein Nichtjude aus der betr. Gemeinde äußert: „Die Juden lassen ihren Lehrer verhungern und geben ihm gar nichts." Wohl mag der geschilderte Fall in seiner Graßheit vereinzelt dastehen; daß er aber überhaupt möglich ist, beweist, daß unsere Gemeinden die bewährte Bahn der min immer mehr verlassen und dadurch zu Taten veranlaßt werden, die zu allen Zeiten als unjüdisch gebrandmarkt waren. Wo bleibt in einem solchen Falle das jüdische Wort?d,t a'Ton 'Vau B^znh'i n,3B",3 'V '33 Mögen unsere Gemeinden aus der Geschichte der Vergangenheit lernen, daß nur eine o'tttp avb ''DJ3 für alle Zukunft Bestand haben wird, daß aber Gemeinden, die aus selbstsüchtigen Motiven ihre Institutionen dem Untergang preisgeben und die „Not der Zeit" zu ihrem materiellen Vorteile ausnützen, nicht nur in sich zerfallen, sondern auch ihre Mitglieder in den Abgrund des Verderbens mit hinabziehen, denn es ist ausgeschlossen, daß das Judentum von seinen Bekennern vernichtet werden kann und die Träger eines solchen Judentums, die Tradition und jüdischen Charakter verleugnen, sich des dadurch erzielten materiellen Vorteils auf die Dauer erfreuen könnten. Mögen unsere Gemeinden zur Besinnung kommen, ehe es zu spät ist. Kahn, Höchst i. O.