Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 53 (29.12.1932)
- Date
- 1932-12-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 53 Der Israelit 29. Dezember 1932 Wollte man noch mehr Unglück über die Gemeinde häufen? wann gedenken Vorstand ’ und Tiabbinat endlich ciinufdu-citen, um weiteres Unheil verhüten? Kabbi pinchos, der (vberrabbiner, hielt allen Anstürmen stand. „Erst schlichten, dann richten", war sein Grundsatz, mit dem er nunmehr schon bald zehn Jahre in der Gemeinde gut gefahren war. Man schickte Iokew Schammes mit einem Schreiben zu Rabbi Uosson, einer sehr höflichen Litte, er möge sich in das Rabbinerhaus „ b e m ü h e n “ , um in Gegenwart des Rabbiirates und des Vorstandes einige dunkle fragen zu „klären ". (Man vermied das Wort „rechtfertigen"). Iokew Schammes tänzelte dahin, mit einem Eifer und' einer Eile, als galt cs, ein durch bösen Wind erloschenes Licht in der Svnagogc wieder zu entzünden. Ihm, dem friedlichen Diener des Herrn und feiner Gemeinde, lagen Streit und Hader fern, ihn traf nur tief und schmerzlich, daß so viele und ehrenwerte Mitglieder dadurch in letzterer Zeit der großen Schul, seiner Schul, seinen Lichtern fern blieben. Im Briefe sah er, Iokew, eine Einladung, ja eine Aufforderung an alle, wieder in die Schul zu kommen. Das freute Iokew. Rabbi Uoffon überflog die Einladung, die er bei aller Höflichkeit doch als eine „Vorladung" erkannte und gab keine Antwort. Ins Rabbinerhaus kam er nicht. Ein zweites Schreiben trug Iokew Schammes ins kleine Lehrhaus. Das außer der' Reihe brennende Licht m u ß t e eingerenkt werden, und kostete es auch ein wenig sanfte Gewalt. Iokew Schammes war kein stummer Diener, fein Lote nur, etwa wie „Thurn" und „Taxis", die beiden uniformierten Briefträger der Gemeinde. Er kannte die Botschaft, die er überbrachte, war mit ihr eins und hatte sic in all der Zeit still herbeigewünscht: Ez sei Rabbi Rosson'vom Rabbinate und Vorstand st r e n g st e n s untersagt, fernerhin Gebetsversammlnngen in seinem Lehrhause abzuhalten. Cr'und seine treuen Anhänger mögen in die Llltneuschul kommen und alles sei gut. Eine Gemeinde^ schloß das Schreiben mit einer versöhnenden Floskel/die das Glück habe, einen solchen Hohenpriester in ihrer Mitte zu haben, dürfe darauf Einspruch nrachen, ihn auch in ihrem eigentlichen G'tteshause beim Gottesdienste zu sehen. „Und deine Augen sehen deinen Lehrer," heiße es in der Schrift. Seine Anwesenheit würde die Andacht heben, sein QXnblicf den Frieden mehren. „Und so sei Frieden über Israel . . ." Das und nichts anderes als das, war, nach Ansicht des Schammes, der springende Punkt der ganzen Angelegenheit. Alles Unglück und Unheil in der Gemeinde komme ja nur daher, daß die Männer nicht mehr wie früher, alle in die große Schul kamen, vielmehr sich in kleinen Bethäusern absonderten. Hörte das einmal auf, dann brannten alle Lichter in Reih und Glied, und alles war in bester Ordnung ... Daß Rabbi Uoffon und feine Getreuen den Gedankengängen des treuen Dieners nicht folgten, war für diesen eine der schmerzlichsten Enttäuschungen seines Lebens. Die mittleren Reihen feiner Schul blieben auch am folgenden Sabbat leer. Lei Rabbi Uoffon wurde nach wie vor gebetet, gebetet wie immer, mit „Hodu" vor „Baruch Scheamar" (wenigstens Rabbi Uoffon selbst sprach die Worte so aus) und mit lautem Priestersegen, als wäre jeder Tag ein hoher Feiertag. Das abseitige Licht ließ sich nicht in die richtige Reihe bringen . . . (Fortsetzung folgt.) Städte, Persönlichkeiten und Zeschiwaus in Polen und Litauen. Aus der Vierländerfahrt des Acren Hathora im Sommer 1931. Von Oberrabbiner Dr. Joseph Carlebach in Altona. (Schluß.) Der Staat polen hat wieder die historische Auszeichnung, Schützer und Zuflucht der Verfolgten zu sein. In Warschau und Bialystok sind hauptsächlich die Trümmer russischer Gewaltpolitik wieder vereint. Cs ist klar, daß diese Weihe des Toöesernstcs, des Opfermuts diesem geretteten „Rest" einen erhabenen Schwung verleiht. Lehrer, die selbst dem Letzten ins Auge geblickt, sind in ihrer Thorabegeisterung legitimiert. Schüler, die ihr junges Leben einem Wunder verdanken, bedürfen keiner äußeren 2lnregung zum hingehenden Lernen. Jedes Wort des Zahrnb ist ihnen eine Macht der Humanität und des Lebens gegenüber der Grausamkeit menschlicher Ideologien. Wir haben tränenden Auges Vortrag von Lehrer und Schüler mitangchört, durch deren Worte der Schrecken todcsbanger Erlebnisse hindurchzitterte, deren Muffargcdanken die höchste Bewährung und Bewahrheitung in ihren Trägern gefunden haben. Die eigentümliche doppelte Aentrierthcit dieser Mussarjcschiwauö hat ihre Konsequenz in der doppelten Führung der Anstalten. Reben den Rosch Ieschiwa als der eigentlichen taimudischen Autorität tritt der Maschgiach, der „Pädagoge", der den Hörern der Mentor, der stete Anreger, zu kritischer Seibstbetrachtung und Selbftprüfung, der Sewiffcnswecker ist, der in „Ssichaus", in Unterhaltungen die ethische Gestaltung des Lebens aus talmudischen Betrachtungen und biographischen Mitteilungen aufzeigt, gewöhnlich an aUerschlrchtefte Tatsachen des Alltags anknüpfoild. Obwohl dadurch dieser Maschgiach in intimere persönlichere Beziehung zu den Zöglingen tritt und von ihrer Liebe und Verehrung getragen wird, dennoch bleibt dem an Gelehrsamkeit überragenden Rosch Ieschiwa bei allem das erste und letzte Wort. Die größte Ieschiwa, .die wir auf unserer Reise kennen lernten, ist die von M i r, der die Gründung des Ehofez Thajim in R a d u n an Größe am nächsten kommt. Und wenn es auch etwas Mißliches hat, Urteile zu fällen, weil es sich um innere geistige Werte handelt, so muß ich dennoch sagen: der Eindruck von Mir war der tiefste. Dieser Menschenschlag, dieser 400stimmige Chorus, diese Energie des Lernens, diese Geistigkeit des Ringangs, diese 2lndacht des Gebets, die uns aus dein in einfachen Linien gegliederten mächtigen Saale .zu ebener Erde anr Waldessaum ins Herz drangen, dieser leibhaftige Muffar in den Persönlichkeiten des Mirer Raw und des Rosch Ieschiwa, es war zu groß und herrlich, es war so schlicht und befreiend, so stark und begeisternd, ob wollend oder nicht, wir mußten 2lmen sagen! Indem ich die Worte niederschreibe, fühle ich schon die Ungerechtigkeit, die in dem Urteil liegt. Denn ist etwa Radun anders? Ist Radun nicht die ebenbürtige Schwester Mirs? Aber schon „mit einem Auge hatte uns die Lraut bezaubert, mit einer perle ihres Schmuckes." Israel ist so reich, daß. kein einzelnes Glied einen Preis vor dem andren verdient. „Ganz bist du schön, und ein Fehl ist nicht an dir." Die Ieschüvaus sind die Augen Israels. In Mir wie in Radun trafen wir je 30 Hörer, die aus Amerika gekommen waren, um dort zu lernen, in Mir auch l 5 junge Leute aus Deutschland. In fernster Ferne erkennen die Brüder, was ihnen die Iefchiwaus bedeuten. Ihr Licht geht in die Weite. Ihr stolzes Thorabewußtfein wird allen geistigen Führern in Israel den Rücken stärken. Denn unsre Kraft ist der Geist, der Geist der Thora! Der Tod eines Übermütigen. Von Heinrich Einfkädker. Zu allen Zeiten gab es Judenfeinde. An einen der schlimmsten erinnert uns das Chanukafest, das wir feiern, nämlich an Antiochus Epiphanes. Er hatte den Juden nichts vorzuwerfen. Sie hatten sich durch keine Untreue seinen Haß zugezogen. Es war vielmehr Raub- und Mordlust, was ihn veranlaßte, viele Tausende unschuldiger Männer und Frauen hrnzuschlachten und auch der Rinder und Säuglinge nicht zu schonen. In seinem Uebermut drang er sogar in den heiligen Tempel und schleppte alle Schätze fort, die er dort fand. Er verbot den Juden bei Todesstrafe, den Worten der Tora zu folgen, und entweihte den Tenrpel durch Aufstellung eines Götzenbildes. Von diesen Missetaten erfährt unsre Jugend in der Schute und auch von den großen Heldentaten der Makkabäer, durch deren Hand der Allmächtige den Juden Hilfe und Rettung sandte. Da aber das Gefühl der Rache in unseren Herzen nicht aufkommen soll, wird wenig von dem Schicksal des übermütigsten unserer Feinde berichtet. Doch auch er ist seiner Strafe nicht entgangen. Ms Juda der Makkabäer seine siegreichen Rümpfegegen die Ueberzähl seiner Feinde bestand, befand sich Antiochus Epiphanes mit einem Heere in Persien, um sich dort durch Raub und Plünderung zu bereichern. In Ekbatana erhielt er die Nachricht, daß die Juden seine Feldherren, unter ihnen sogar den berühmten Lysias, geschlagen und das Heiligtum in Jerusalem wieder eingeweiht hätten. Durch den Schrecken erkrankte Antiochus. Sein Zorn war so heftig, daß er schwur: „Ich werde nach. Jerusalem kommen und es zum Toteriqcker der Juden machen." Er beschleunigte nach Möglichkeit seine "Rückfahrt nach Babylon und verlangte von seinem Wagenlenker immer größere Eile. Da fiel er aus dem Wagen und zog sich schwere Verletzungen zu. Die Schinerze,l und die Todesahnung dämpften endlich den Freolermut des R'önigs und brachten ihn zur Selbstbesimnmg. Er sprach zu seinen Freunden: „Wenn der Schlaf von meinen Augen flieht und der Mut mich verläßt, so denke ich in meinem Herzen: Warum bin ich in solche Not, in solche Betrübnis geraten? Ich war doch in meinem Reiche geliebt, weil 'ich meinem Volke gnädig war. Aber da denke ich an das Böse, das ich in Jerusalem getan habe, daß ich den Tempel entweihte und oie kostbaren Geräte daraus nahm, daß ich Heere hinsandte, um die Juden zu vertilgen — ohne Ursache. Ich merke wohl, daß mich deswegen Unglück trifft. Um dieser Verbrechen willen muß ich im Rümmer sterben in fremden Lande." Jetzt betete Antiochus zu G'tt. Cr, der den G'ttesdionst bei Todesstrafe verdoieic halle, wandte sich in seinem Rümmer und in seinen Schmerzen nun selbst an den Allerhöchsten. Er gelobte, von, nun an die heilige Stadt unangetastet zu lassen, die heiligen Geräte dem Tempel zurückzuerstatten, die Opfer aus seinen eigenen Einkünften zu bestreiten, die Juden allen Untertanen seines Reiches gleichzustellen und der ganzen - Welt die Macht G'ties zu verkünden. Noch vor seinem Tode schrieb er einen freundlichen Brief an die Juden und bat sie, seinem Sohne und Nachfolger treu zu bleiben. Seine Heimat sah er nicht wieder. Ehanukah auf dem Schiff. Von Schvlem Asch. Deutsch von V. Messerer. Das Schiff war noch nicht ausgefahren, es lag noch im Hafen. Schon Tags vorher, waren die Zwischendeckpassagiere einges hisst worden. Den ganzen Tag hielt das Hin und her aus dem Schiff an. Es waren Reisende NUS verschiedenen Völkern auf dem Schiff. Miillerweile schlossen die Passagiere nähere Bekanntschaft miteinander. Alle sprachen durcheinander, fragten nach Bekannten aus ihren Städtchen und Air Jude hatte so lange den andern ausgefragt, bis es sich herausstellte, daß sie verwandt miteinander waren. Es wanderte die „Familienchronik" von einem zum andern und es erwies sich, daß das halbe Schiff im ersten und zweiten Grad miteinander verwandt waren. „Wenn dem so ist", ertönte eine lustige Stimme, „so dürfen wir doch das Minchahgebet miteinander verrichten." „Gerne, gerne", erwiderten von ringsum Stimmen. „Juden, wißt Ihr, daß. man heute das erste Chanukalicht anzklildet?", erinnerte eine Stimme aus einer Ecke. „Ein gutes Zeichen, wir gingen auf das Schiff am ersten Chanukätag!" „Wer von uns versteht etwas von Gesang", fragte jemand aus der Gesellschaft. „Was heißt wer? Wir haben doch den R e l z e r CH äsen da", zeigte jemand aus einen rotbärtigen jungen Mann, der sich etwas abseits von allen hielt. „Woher wissen Sie, daß das der Relzer Ehasan ist?" „Mir braucht man keinen Finger in den Mund zu stecken", erwiderte der erste und winkte zum blonden jungen Mann hin. „An seiner-Baßstimme erkennt man ihn schon. Im Uebrigen Hab ich ihn selber vorbeten hören." Es dauerte etwas, bis der blonde junge Mann sich seinen Brüdern zu erkennen gab, daß er tatsächlich der Relzer Ehasen sei. Es dauerte etwas, bis er sich überreden ließ, zum „Almemor" zu gehen. Dann stand er wirklich schon vor zwei Rerzen, die, auf einer Riste angebracht, brannten, trällerte die Melodie vor dem „Almemor" und alle Frauen und Rinder ans dem Schiff sagten die „Reduschah" mit. Es.war ein schönes Minchagebet, von einem Rantor verrichtet. Nach dem Minchagebet fragte jemand, wer Chanukakerzen habe, und es stellte sich heraus, daß sich alle auf Chanuka vorbereitet hatten. Jede Familie zündete aus ihrem Rasten die Rerzen an, und der Relzer Ehasen stellte sich vor den „Almemor", der aus zwei übereinander gestellten Risten bestand. Die Gemeinde fand bald ein paar Chorjungen für ihn — einen feinen Sopran führte er selbst mit, das war sein Sohn, ein Wunderkind. Amerika wird Augen machen — und ein Channtalichtbenschen stieg empor, wie solches mancher der Leute noch nie gehört hatten. Der Gesang stieg immer 'höher, der Sopran klang wundervoll, das ganze Schiff half mit, die Stimmen wurden immer lauter, immer froher, und als der Ehasen endlich fertig war, sagte der fröhliche Jude laut, sich die Hände reibend: „Jetzt würden gute Pfannkuchen mtb: Gänsegrieben zu Ehren Chanukas paffen."