Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 53 (29.12.1932)
- Date
- 1932-12-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Licht aus dem Westen. Erzählung aus -er Zeit -er Ghettodämmerung. .. (Fortsetzung.) " VII weitere Zuspitzung. Die Dinge um Rabbi Nosson spitzten sich in einerweise zu, daß es außer Josef Triwes, dem „stummen Thasan", der sich von keinem Ereignis verlocken ließ, außerhalb -er Synagoge den wund aufzutun, keinem in der Gemeinde mehr möglich war,vhne Stellungnahme den Ramen Rabbi Noffons zu nennen. Wan mußte sich für oöer wider entscheiden. Lewi Schnapper, Rabbi Salman Thossiö, Rabbi Leser wallau und andere wertvolle Mitglieder mieden schon längst-die große Schul' und beteten nur noch bei Rabbi Nosson, wo Löb Emmerich und Mosche ^ollischau, inzwischen zu jungen Hausvätern aufgestiegen, das Regiment führten. Immer enger zog sich der Kreis zusammen, ein kleines, in sich geschlossenes Bollwerk mitten in der Gemeinde. Man kümmerte sich hier wenig darum, was draußen „der Hahn krähte" (gemeint war Raphael Hahn) und „der Geiger geigte" (Salman Geiger). Beide waren nämlich führend im Kampfe gegen die „Heckewirtschäft" des Enterich und der Kehilloscheu (so' taufte die andere Seite den Emmerich und den Hollischau um), während Mosche Trier, sanguinisch wie immer, -das Ganze zu bagatellisieren suchte. Cr gab für das Ganze keinen Dreier ... Cr hieß nicht umsonst „der Droiermosche . . ." Dabei umging man gern den Namen Rabbi Nosson, wenn böse Worte über seinen Kreis fielen, lieber zog man gegen Emmerich und Hollischau her. Rabbi pinchos Hurwitz, der Oberrabbiner, damals schon in der Welt mach seinem Lebenswerke „Baal Haflooh" genannt, sah Gefahr für seine Gemeinde im Anzuge und mahnte, erst leise, väterlich, dann dringender. Cr möge die andere Seite mahnen, seinen Freund dort im Aölerhause, die den Streit wolle, flötete Geigecsalme. Daß der Oberrabbiner auch dieses reichlich tat, war kein Geheimnis, aber es war in der Oeffentlichkeit nicht bekannt, wie, und man sah nicht, was dabei Greifbares hecauskam. . Meier Amschel zum Roten Schild, der gerade von London und Paris für einigd Tage in die Gasse der Heimat kam, wurde von beiden Seiten bestürmt. „Könnt ihr. es dulden, daß Rmbbi Nosson, euer Freund" — man wagte nicht mehr'vom „Teilhaber" zu sprechen — „so behandelt wird? Ein Wort vom euch, Reb Meier Amschel, wiegt viel." ' „Da habt ihr eueren Freund," klagten die anderen, „da habt ihr den Dank! Habt ihn und sein Haus gehalten und getragen und nun kehrt sich sein Haus gegen-euch, gegen alle ... ." „Ihr, Reb Meier Amschel, ein Mann von Welt, müßt die w e l t in Bewegung setzen gegen eine solche Kehillo, die die Ehre der Thora- und ihres größten und frömmsten Lehrers, so mit Füßen tritt." „Ihr, Hieb Amschel, ein Mann von solchen Beziehungen, habt die Pflicht, die Welt aufzuklären, daß sie sich auflehne gegen jene Heuchler, die sich „Heilige" nennen und . . ." Meier Amschel nahm gemächlich eine Prise ans der wappenverzierten, goldbeschlagcnen Dose, Geschenk des Kurfürsten von Hessen, nießte behaglich und fragte, gut aufgelegt, ob sie'überhaupt wüßten, was Welt sei und wie die Welt hinter Bockenheim von der einen und hinter Gffenbach von der anderen Seite aussehe? Ja, die Welt! Diese hatte zur' Zeit andere Sorgen und ihre eigenen Stänkereien. Die Engländer kämpften in Spanien, der Landgraf von Hessen-Kassel flüchtete er Israelit vor den Franzosen, die Schweden rüsteten zum Krieg, Dänemark brauchte Geld! Man mußte ein Auge auf die Ocsterreicher haben ... Im Grunde war es das gleiche hier wie dort. Hier kämpfte man um „Hodu voran!", dort um die Vorherrschaft Englands auf den Pyrenäen; hier ging es um „Keßer" in der Kdufcho, dort um die Krone Dänemarks . . . Nur hoffte Meier Amschel, bei jenen. Weltzänkereien etwas zu verdienen, während hier . . . Was soll das kosten? ... Cr zahlte an die einen und zahlte an die anderen und fuhr über Hamburg nach Dänemark hinüber, unr dort eine Staatsanleihe vorzubereiten . . . Cs kamen immer neue Menschen und Faktoren hinzu, die das ’ Feuer erhielten und mit Vergnügen weiter schürten. Josef Drach erhielt einen anonymen Brief, in dem unter Anknüpfung an den jähen Tod seines Sohnes noch weitere Katastrophen seinem Hause Vorausgesagt wurden — wenn er sich nicht reuig und dankbar zu denen bekenne, deren Kraft er bereits zu spüren bekam . . . Bald regnete es solche Briefe unbekannter Herkunft, -ie Träume -es Schreibers,oder -es Empfängers Wiedergaben und deute ten,' schlecht deuteten für'den 'Fall, daß . . . Dreiste Erpressungen wären fern''eingekapselt in frommen Wendungen und dunkel schauerlichen Aussprüchen. wer hatte diese Briefe geschrieben? Waren es-unreife Schüler,; die für. den Meister blind eiferten? Einfache'Betrüger, die sich, die allgemeine Verwirrungzunutze' Machten, Narren oder Hetzer; die aus Freude am Chaos die Geister und Gemüterverwirrten?!; Cs hätte keiner die Stirn gehabt, RabbL Rosson selbst darüber zu fragen, mit jenen unsauberen Fetzen iä seine heiligen Hallen zu dringen. Und Emmerich wie . Hollischau antworteten auf solche Fragen und Anspielungen mit einer Flut von Verwünschungen, auch mit Tätlichkeiten, die kaum zur Klärung beitrugen. ~ Gegenschriften flatterten in die Häuser und auf dem Schulhofe herum, ebenfalls von geheimer Hand verfaßt. Die wildesten Gerüchte schwirrten in der Luft über die Vorgänge im Lehrhause Rabbi Nossons. Spärliche Wahrheitskerne schwammen und ertranken in ganzen Sümpfen von Lüge und Uebertreibung. Man begnügte sich nicht mehr damit, zu erzählen, daß Rabbi Nosson allmorgendlich „buchene" und auch abends „Sim Scholaum" bete, nein, man verbräme dort diefp Gebete mit unerhörten kabbalistischen Formeln, die dem Gebetbuche Sabbatai Zewis,' sein Name sei vertilgt, entnommen seien. . . Man lege sich dort bei Tachnun lang auf den Boden wie bei Koriim am Iomkippur, trage zweierlei Tefillin, die von Raschi.und die von Rabbenu Tam zur gleichen Zeit auf der Stirn. Habt ihr schon gehört, die Frauen tragen dort alle Zizis w'ie die Männer . . . Neulich am 'Fasten des zehnten Tewes haben sie noch eine gute Stunde in die Nacht hineingcfastct. Die Sterne am Himmel besagen ihnen nichts mehr, haben ihre eigenen Himmelszeichen ... Dafür empfangen sie den Sabbat schon eine. Stunde früher als alleanderen . . . Neue Moden bei derBefchneidu n g,' nur; um die Schmerzen des Kindes zu erhöhen . . .' wie'sie für sich und anders feiern, fasten und beten, so essen und trinken sie nicht mit den anderen, sagen „Sim Scholaum" auch abends und zerstören den „Scholaum" abends und . morgens, in Gemeinde und in Israel .... Das und vieles mehr war zw lesen, in einem kleinen Traktätchen, das von Hand zu> Hand ging, „waaße Taatuiin", (Geschichte der Irrungen) nannten sich die dreißig mit Raschischrift engbedruckten Blättchen, eine Anklage voll Gift und Galle, ein Sündenregister in gereimtem, zum Teil pismonhaft schwungvollem Hebräisch, voll gespickt mit Brbelsätzcn und Talmuözttaten, und im Ganzen doch ein Sammelsurium unkontrollierbarer Gerüchte, wie sie die schwüle Atmosphäre in der Gaffe in die Höhe trieb. Ganz bar der Poesie war wohl der anonyme Verfasser nicht. Die Tiersabel vom „schlauen Fuchs" auf der Cingangsseite zeigte, daß er auch einige Kenntnis von der weltlichen Literatur besaß. Die Abhandlung über „Träume" als Schlußfiuale zeugte von Vertrautheit mit dem Talmud und alten Schriften. wer war der Verfasser, der solch vergiftetes „Geschoß? gegen den 2ldler in den Höhen" abwarf? Der schlanke hagere wann mit dem knochigen vergeistigten Gesichte und den verschleierten Augen, der sich Wolf H e i d e n h e i m nannte, verwahrte sich ganz entschieden gegen jede Anspielung auf seine 2lutorschaft. was kümmerte ihn all das böse und dumme Gezänk in der Gemeinde? Solche Zänkereien erhielten für ihn nur dann erst wert, wenn sie mindestens dreihundert Jahre alt waten, dann konnte er ein Luch darüber schreiben. Kleinigkeiten und Kleinlichkeiten des Tages übersah er mit seinen auf weite Sicht eingestellten kleinen 2lügen. Cr hatte wahrlich jetzt andere Sorgen. Nämlich, festzustellen, wann und wo der paitanRabbiElasarHakal i r gelebt hat und ihn vor den Angriffen 2lbraham ibn Csras zu verteidigen . . . Außerdem arbeitete er zur Zeit an einem exegetischen Kommentar zum Pentateuch, an einer Festlegung der Tonzeichen, an hundert anderen Dingen und bereitete überdies eine geläuterte Ausgabe der Gebeteordnung vor. Zu all diesen Zwecken ging er bei Rabbi Nosson aus und ein, denn in dessen Bücherei fand er all die Schätze, die ältesten und seltensten, die er für seine Arbeit benötigte. Was ging ihn alles andere an? Ein Pamphlet? „Zeigt mal her! Der wann reimt und hat keine Ahnung von Reim und Rhythmus, den Gesetzen von „Fuß und Nagel", soll die Finger davon lassen . . Was lagt ihr, eine eigene Gebeteordnung, eigenen Ritus haben sie dort? Heute noch wollte er sich die Sache anfehen und genau nachprüfen, was darin von Abudraham und waharil, von vitri und Rabbenu Amram, dem babylonischen Gaon, enthalten ist . . . Auseinandersetzungen, die ein paar Jahrhunderte zurücklagen, ließen diesen wann nicht schlafen, ec spürte ihnen mit einer Liebe und Zähigkeit Tag und Nacht nach, als hinge fein Leben davon ab. Krawatten, die sein Auge und sein Ohr erreichten, ging er ängstlich aus dem Wege. weniger auf Forschung, Geschichte und Grammatik eingestellt, obwohl ebenfalls ein gewandter Stilist und gelegentlicher verfemacher, war Löb Wetzlar, ein wertvolles witglied der Gemeinde und vieler Kommissionen dazu. Cr hatte die Unvorsichtigkeit, auch anderswo und in anderem Zusammenhänge -re hübsche Geschichte von d e m F u ch s und hihin T i g e r zu erzählen und mancherlei über Träume-zu äußern, was sich fast wörtlich mit der Niederschrift im Traktätchen deckte. 2luch hatte er die Schwache, ausgesprochenes Lob und Zustimmung zu dem Inhalt der Geheimschrift mit einem glückhaften stillen Lächeln zu quittieren, das man wie Autoreueitelkeit deuten konnte. Bald redete es sich herum und wußten es alle, und flugs trug sich der Name Löb Wetzlar auch bis zum kleinen Lclpchaufe, wo -die Schrift wie eine Bombe eingeschlagen hatte. Bald wollten welche an einem 2lbende wieder Schofartöne aus Rabbi Nossons Lehrhaus vernommen haben, begleitet von den Flüchen des dritten und fünften Buches wosis, wobei der Name Löb Wetzlar deutlich zu hören gewesen wäre. Neue große Aufregung in der Gemeinde. Sie hatten es gewagt, den Bann auszusprechen, den Cherem, -en nach jahrhundertealter 'Verordnung nur in den allerseltcnstcn Fällen und nur vom offiziellen Rabbinate im Einvernehmen mit dem gesamten Vorstände verhängt werden durfte, was die sich alles Herausnahmen! Und noch dazu gegen einen wann von großer Ehrsamkeit und Gelehrsamkeit in geachteter Stellung! was würde wieder die Folge dieses Bannstrahlcs fein? Hatto man nicht genug mit dem Unglück im Haufe Drach, wo ein blühender Sohn an jenem Freitag ins Grab sinken mußte, mit dem Unglück im Haufe von Jonas Sichel, wo Rösle, die einzige Tochter, wie eine verwunschene Prinzessin in anhaltendem Wahnsinn wild und besessen nach ihrem Verlobten und Geliebten schrie!