Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 42-43 (13.10.1932)
- Date
- 1932-10-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 42/43 Der Israelit 13. Oktober 1932 Weit über 1000 schreibfertige yjv FÜLLFEDERHALTER / r|t\ mit 14 Karat Goldfeder ab RM. 2.50 zur Auswahl Hausmarken Ceka u. Juwel, sowie die bek.Markenhalter I g* n grsi ftra bddb?I Kaiserstrasse 75 " lililrrkli Schreibwaren jeder Art (Eilt reiches Feld des Lebens, das ganze große Gebiet all dessen, was über unsere Fassungskraft gebt, wurde an seiner Auswirkung gebindert. Stärkste, Leben nährende und Leben gebärende Kräfte, Glaube, Volk, Geschichte lagen brach, weil der selbständig gewordene Geist, die Heutigkeit der Weltkultur und die Wirklichkeit der (Erfahrung jene Kräfte gegenstandslos erscheinen ließen. Aus seinem überspannten Freiheitsstreben heraus nahm sich der Liberalismus das Recht, nicht nur die Vergangenheit zu ignorieren, sondern auch sich selbst und seine Zukunft zu verneinen. Aengstlich vermied -er jede Bindung, auch die von ihm selbst ausgehende. Die typische Redensart des „Bürgers", wenn er zu starken, lebendigen, aus der Tiefe des Herzens kommenden Anregungen Stellung nehmen sollte, war: Ich selber glaube ja nicht daran, aber desto besser — weil selber unbeteiligt — kann ich die Sache vertreten. Dieses freiwillige Zurücktretcn und eine Art Selbstironisierung, wo ein starkes Werk ein ernstes Wollen erforderte, die Gewohnheit, zu arbeiten und zu reden, woran das „Ich" keinen Teil hatte, eine Selbstverleugnung, die doch das Gegenteil von Demut war, hat jene Art von Freiheit zur Darstellung gebracht, die heute mit Recht für alles Schwächliche und Lahme int öffentlichen und Cinzelleben verantwortlich gemacht wird. Selbst wo ein starkes Gefühl eigener Üeberlegenheit vorhanden war, äußerte es sich doch oft genug nur negativ in der Lust am Zweifel und in der Kritik um jeden Preis. Das „Ich" weidete sich geradezu am selbstzerstörerischen Reinsagen, der Stolz der Persönlichkeit, die an nichts glaubt, forderte das persönliche Desinteressement an den Dingen, die sie pflichtgemäß betrieb. Wilhelm Wichel bringt für jene Geisteshaltung ein treffendes Beispiel, das auf die Frühzeit des Liberalismus zurückgeht. Allgemein bekannt ist die Fabel von den drei Ringen, die Lessing unter Wodifizierung seiner (Quelle im Dekamerone zum Ausgangspunkt einer dramatischen Wahnung zur Toleranz unter den Religionen gemacht hat. Der echte Ring ist vermutlich verloren gegangen. 2luf diese Vermutung hat Lessing seine Forderung nach Toleranz gebaut, der Liberalismus ist bis zuletzt bei dieser Begründung stehen geblieben. „Kann heute," meint W. Wichel, „auch nur entfernt daran gedacht werden, Toleranz auf Lessings Weise zu begründen? Rein. Sondern Toleranz kann heute nur darauf begründet werden, daß die drei Ringe echt sind." Das ist heute anders. Wir können und wollen über Religion nicht mehr urteilen, ohne unsere eigene Religion entscheidend mitsprechen zu lassen. Wir wollen heute nicht mehr voraussetzungslos über diese Dinge sprechen. Volk und Bekenntnis, die man früher als hemmend für die Entwicklung von Humanität und Wenschheitsverbrüderung angesehen hat, werden heute als erste Ansätze dazu, als notwendige mittlere Verfestigungen zwischen Individuum und Wenschheit betrachtet. Ob wir diese mittleren Verfestigungen anerkennen wollen oder nicht, steht nicht bei uns, so wenig wie Geburt und Tod. „Ohne deinen Willen bist du geboren und gestaltet, ohne deinen Willen wirst du sterben und Rechenschaft ablegen," sagt der Perek. Crst von da an beginnt unsere Freihei, wo es sich darum handelt, was wir mit unserem Leben, mit all seinen natürlichen Gegebenheiten, anfangen. Cnde des Liberalismus heißt nicht, daß nun für Freiheit heute kein Raum mehr sei, sondern, um mit Wichel zu reden: „Freiheit und Bindung müssen heute anders verwaltet, anders eingebaut und zusammengeordnet werden, als es der Liberalismus getan hat." Das ist auch aus einem anderen Grunde notwendig. Die Abneigung gegen den Liberalismus hat heute zu einer ebenso unheilvollen Ueberspannung des Gegenteils geführt: zu einer, jeder gerecht abwägendcn Vernunft und Objektivität Hohn fpre chenöen „persönlichen" Tendenz, den eigenen Willen und die eigene Weinung wie einen rocher de bronce zu stabilicren, absolut zu setzen und nach ihm die öffentliche Weinung, Wissenschaft und Recht und Politik und Wirtschaft für sich in Beschlag zu nehmen, eine Haltung, der besonders unsere Jugend zujubelt. Demgegenüber muß ebenso wie gegen den Liberalismus Freiheit und Bindung richtig verteilt werden Freiheit kann nicht fließen aus der autonomen Persönlichkeit, die sich selbst das Gesetz ihres Handelns gibt und erläßt. Rur das durch G'tt gebundene Individuum kann im Bewußtsein dieser Abhängigkeit und der dadurch gebotenen Grenzen sei nen weg ins Freie nehmen. Was Krojanker*) versäumt hat, das arbeitet Waybaum im Februarheft des Worgens sehr sorgsam heraus. Die giftige Wurzel des jüdischen Liberalismus bestand nicht darin daß er Judentum nur als eine Religion ansah, son dem darin, daß er den Liberalismus, der eine politische Idee war und in der Politikseine Berechtigung hatte, zu einer Weltanschauung, ja zu der Weltanschauung des Judentums machen wollte. Freilich vorangegangen ist ihin hierin der nichtjüdische Libe rale. Cr hatte die Lehren der Aufklärung in sich ausgenommen. Cr stand auf den Schultern der französischen Revolution, die den Staat von der Kirche losgelöst hatte, und — abgesehen von dem kurzen Intermezzo Heberts — den Grundsatz zur Geltung gebracht hatte, daß kein Wensch vom Staate gezwungen oder veranlaßt werden sollte, zu der einen oder anderen Religion sich zu bekennen. Line Freiheit vor dem Staate ist aber keine Freiheit vor G'tt. Was für den Staat gleichgültig ist, kann der Religionsgemeinde nicht gleichgültig sein. Gerade das übersah das liberale Judentum. Cs schloß sich der allgemeinen Strömung an, die den politischen Freiheitsbegriff auf das weltanschauliche Gebiet übertrug, ganz allgemein sagte, jeder könne glauben, was er wolle, sei nur seinem Gewissen, das hieß nicht seinem G'tte, sondern seiner Vernunft verantwortlich, jeder werde nach seiner Fasson selig. Das Individuum, das der Liberalismus im Auge hat, ist danach auf Grund von eingeborenen Ideen frei und fähig und berechtigt, aus eigener verant wortlichkeit, unter Ablehnung jeder dogmatischen und autoritären Bindung, sich selbst das Leben zu zimmern, ja die Stintme seiner Vernunft auch für andere verpflichtend zu machen. Aber die Religion, zumal die jüdische und christliche, spricht den Wen scheu an, der sich durch G'tt lebend, von ihm er hatten und aus bestimmtes Handeln verpflichtet weiß. Der religiöse Wensch wird nicht nach seiner Fasson selig, so wenig wie er durch sich selbst er löst wird, daruin drängt es Waybaum, dem jüöi schen Liberalen zu sagett, „daß er mit seinem Libe ralismus Politik und keine Religion vertritt."**) Der Jugend von heute kann dies nicht eindring lich genug zu Gemüte geführt werden. Auch unsere gesetzestceue Jugend ist heute' noch viel mehr als wir glauben, von Geöankengängen des Liberalismus beeinflußt. Alles um uns her mahnt zur pflege eigener Art, das Schicksal der Iuöenheit nrahnt zur Solidarität, uralte Denkmäler und altjüdische und auch menschlich ehrwürdige Güter, die in Gefahr sind, sollten in uns selbstverständliche Verteidiger einer Kultur finden, der wir verhaftet sind, in die wir hineingeboren sind: unsere Jugend hat — es muß gesagt werden — für diese Selbstverständlichkeit noch viel zu wenig Gefühl. Ihr ist Judentum noch immer wie den Liberalen vor hundert Jahren als Bekenntnis sowohl wie als Gemeinschaft Gegenstand freier Wahl, dem es sich anschließt, weil und sofern es ihm einleuchtet. Cs ist eine der traurigsten (Erfahrungen, die der jüdische Crzieher da macht, es ist eine der wichtigsten Aufgaben, die ihm daraus erwachsen: Bringen wir unseren Kindern ihr Iudesein als Schöpfungstatsache zu Bewußtsein, bevor sie durch hartes Schicksal und vielleicht zu spät zu dieser Einsicht kommen. (Erfüllen wir sie mit Verständnis für die zwei Seiten des Iudeseins, die im -NNVW2112V *) Vgl. Israelit Nr. 32 ds. Iahrg. **) Ignaz Maybaum, Theologie und Politik, Der Morgen 7. Iahrg. Nr. 6. N7V12ZUM Ausdruck kommen, bis aus dem Bewußtsein des unabänderlichen Wuß die Seele zu dithyrambischem Jubel über dieses Wuß sich erhebt, wie es im Worgengebet eines jeden Tages vorgezeichnet ist. Zuerst: v'2"N ian:m “p’öV und dann: n» ii'-wn no, zuerst: „Darum müssen wir," und dann: „Wie schön ist unser Los!" Sowie aber zwischen dem durch G'tt lebenden Juden, der unter dem „Joch g'ttlicher Herrschaft steht, und dem auf sich gestellten, auf seine Freiheit pochenden, „meine Kraft und die Kraft meiner Hanöü sprechenden Wenschen zu unterscheiden ist, so muß auch im Gemeinschaftsleben zwischen Volk und Ration geschieden werden. Volk entspricht nach Waybanm dem seiner Geschöpflichkeit und seines Schöpfers eingedenken wesen, Ration dagegen stützt sich auf menschliche Vernunft, auf die von ihr geleiteten, nach von ihnen selbst gesetzten Waßstäben handelnden Wenschen. So wenig wie sich der liberale Individualismus mit der Religion verträgt, so wenig ist Rationalismus mit ihr zu vereinbaren. Weltbürgertum und Rationalismus sind Brüder, beide geboren von derselben Wutter: der französischen Revolution. Volk ist Schöpfungsordnung, unabänderlich und naturgegeben wie die Zugehörigkeit zu Geschlecht und Familie, ob matt sich nun zu ihnen bekennt oder nicht. Auch in die Konfession wird der Wensch im allgemeinnen hineingeboren. Und selbst wo sie den Wenschen erst später in ihre Kreise zieht, fühlt er sich mit dem Woinent seiner Bekehrung als von Geburt an berufen. Ration aber ist eine auf Kultur, geistige Arbeit und Wacht gegründete Wenschengemeinschaft. In der Religionsgemeinschaft und im Volk sucht der Wensch kreatürliche Verwurzelung, schöpfungsmäßiges Leben, im Liberalismus und Rationalismus dagegen ebenso wie im Sozialismus vernunftgemäße Meisterung der Wirklichkeit, weil es so am vernünftigsten geht, weil es technisch und organisatorisch das Glück der Ration, Gesellschaft und des einzelnen am ehesten zu verbürgcr scheint. Was folgt aus diesen Unterscheidungen? Zunächst das eine, daß wir keinen Anlaß und kein Recht haben, unser Volkstum zu verwischen. Darum tritt Waybaum auch für eine Revision der Grundlagen ein, auf denen der Zentralverein bisher seine Stellung zu Staat und Volk begründet hat. Daß wir Juden ein Volk sind, das solange nicht aufhört, als Volk zu existieren, solange auch nur zehn Wenschen im Sinne.der Bibel als Juden leben, haben wir keinen Grund und kein Recht, zu leugnen. Denn nach/der Bibel sind wir ein Volk. Freilich ist damit in keiner Weise der Kreis gekreuzt, oder auch nur seines verpflichtenden Inhaltes beraubt, der die Glieder irgend einer nicht jüdischen Ration zu geschichtlicher, kultureller und menschlicher Gemeinschaft zusammenschließt. Als Volk müssen wir in keinem Staat und in keinem Lairö mit Völkern und Staatsbürgern in Konflikt kommen. Im jüdischen Volk und nur durch es sind wir an G'tt gebunden, und nur aus unserer Beziehung zu G'tt folgt unsere Freiheit und unsere Fähigkeit, an kulturellen Aufgaben zu arbeiten, die Staat, Ration und Land, in deren Witte wir leben, stellen. (Schluß folgt.) Kindersegen. Klan schreibt uns von angesehener Seite: Wit Recht wird die Beschränkung der Kinöerzahl als eine der bedenklichsten Erscheinungen unserer Zeit betrachtet. Reber die Gründe ist manch gutes Wort geschrieben, anklagend, verstehend, vor allem bedauernd. Wir wissen, daß die wirtschaftlichen Verhältnisse, die Sorge um das tägliche Brot für viele der Hauptantrieb zur Cinschränkung der Kinderzahl ist. Um so höher zu achten sind die Familien, die, ungeachtet aller Sorgen, nicht danach streben, die Kinderzahl zu beschränken. Die Gesamtheit ist ihnen Dank schuldig für die vielen Opfer, die sie damit auf sich nehmen. Leider bleibt der Dank oft aus, auch da, wo man am ehesten Verständnis voraussetzen dürfte. Immer wieder hören wir in den jüdischen Gemeinden die Klagen über den erschreckenden Rückgang der Geburten. In der Öffentlichkeit wird darüber dis-