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Der Israelit · 1932-01-14 · Heft 3 (14.1.1932) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 3 (14.1.1932)
Date
1932-01-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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14. Januar igZZ Der Israelit Nr. 3 Seite 7 sich die Notwendigkeit, die Beiträge derjenigen Gemeinden, welche noch als leistungsfähig angesehen werden könnten, zu erhöhen. Die allgemeine und von allen Ge meinden zu erhebende Umlage soll, wie bisher, auf vier Fünftel Prozent des Reichseinkommensteuersolls festgesetzt werden. Von denjenigen Gemeinden jedoch, die von ihren Mitgliedern weniger als 30 Proz. der Reichseinkommensteuer erheben, soll eine besondere Notstandsumlage des Landesverbandes erfordert werden, und zwar in Höhe eines weiteren % Proz. des Reichseinkommensteuersolls. Man nahm dabei an, daß es den einzelnen Gemeinden möglich sein wird, eine Form zu finden, die die Belastung ihres Etats mit einer Notstandsumlage ihren eigenen Mitgliedern nicht allzu fühlbar erscheinen lassen wird. Die Einberufung des Verbandstages wurde für Mitte März oder Anfang April vorgesehen. Die genaue Bestimmung des Tages ist dem Dezernentenkollegium überlassen worden. Das als fernerer Vertreter der Gemeinde kürzlich in den Rat eingetretene Mitglied Adolf Schoyer wurde zum weiteren stellvertretenden Präsidenten des Rates, die Rechtsanwältin Dr. Margarete Bereut wurde zur stellvertretenden Schriftführerin gewählt. die halachifchen Grundlagen des Chalizagesetzes, vor allem in seinen Beziehungen zu Jibum (Schwagerehe), legt lichtvoll die Gründe dar, warum heute die Chaliza stattfindet, bespricht Jibum bei Tamar und Chaliza bei Ruth, den beiden Stamm-Müttern des dawidischen Hauses. So gelingt es dem Referenten, die etwas zähe Materie dem Verständnis des Auditoriums in meisterhafter Diktion trotz prägnantester, fast juridisch anmutender Kürze nahezubringen. Das aufmerksame Publikum spendet reichen Beifall, nachdem der verehrte Redner noch ein tief aufwühlendes Mussarwort über Taharas Mifchpocho gesprochen hatte. Herr Emil H. Lehmann, mit Wesen, Werdegang und Wirksamkeit der Freien Vereinigung wie kaum ein zweiter in einem halben Menschenalter verbunden, erstattet Bericht über frühere und jetzige Tätigkeit der Vereinigung im Großen und einzelnen, der aufmerksam angehört wird. Die Woche. Bezirkstagung der Freien Vereinigung in Schlüchtern. Schlüchtern, 1. Jan. Die Bezirkstagungen der Freien Vereinigung sind aus dem Stadium der Experimente längst hinaus. Der Erfolg ist, man darf es sagen, schon von vornherein gesichert. Er ist in den guten Kräften, die auf dem Lande schlummern, begründet, in dem Bedürfnis, ja dem Heißhunger der Kleingemeinden nach Belehrung und Aufrichtung, in der tiefen Dankbarkeit der Leute gegen alle, die zu ihnen kommen, um sie für die jüdische Arbeit zu wecken. So war der Schlüchterner Tag mehr als ein voller Erfolg, fast die Krönung der bisherigen Erfolge auf dem Lande. Etwa 400 Menschen, Männer, Frauen, Kinder, füllten den großen Tanz- und Turnsaal, die willigen Herzens den Rednern folgten und bis ins Letzte mitgingen. Vorstände und Lehrer aus allen umliegenden Gemeinden waren erschienen. Die Stimmung war bei den ernsten Referaten so feierlich und gehoben, wie sie in den Pausen und bei den prächtigen Kindervorstellungen animiert und festlich war. Es war ein Festtag für diese Mustergemeinde unter den kleinen und M.^elgemeinden des Hanauer Bezirkes, aber auch ein Festtag für die Frankfurter und Hanauer Herren, die kamen, um zu spenden und geistig reich beschenkt in später Abendstunde heimkehrten. Ueber den Verlauf der Tagung geht uns vom Büro der „Freien Vereinigung" folgender Bericht zu: Die Tagung, die etwa vier Stunden dauerte, stand in Abwesenheit des durch den Trauerfall in Aschaffenburg verhinderten Herrn Dr. Ehrmann unter Leitung der Herren Emil H. Lehmann und S. Schachnowitz. Ein auch für großstädtische Begriffe gutgeschulter Synagogenchor mit Herrn Kantor Brünn als vortrefflichen Solisten begrüßte die Gäste und leitete die Tagung mit einem -ym ein. Es folgten herzliche Begrüßungsansprachen des Herrn Leon Goldschmidt für den Gemeindevorstand und des Herrn Lehrer Seckbach, der sich für die Vorbereitung der Tagung und Einstudierung der Kindervorstellungen sehr verdient gemacht hat. Herr Schachnowitz dankt für die Begrüßungen und spricht unter dem Eindruck des frischen Schmerzes ein kurzes ehrendes Gedenkwort für den Heimgegangenen Aschastenburger Raw Vxt* In tiefster Bestürzung nimmt die Versammlung stehend die Trauerkunde entgegen. Da der Chor mit Herrn Kantor Brünn bald darauf das bekannte i? vnsr zu Gehör bringt, so gestaltet sich das Ganze zu einer kleinen improvisierten Trauerfeier, die nachhaltenden Eindruck hinterlüßt. Es folgt das erste Hauptreferat des Herrn Provinzialrabbiner Dr. Gradenwitz aus Hanau über das vielfach mißverstandene Gesetz der Chaliza. Mit großem Wurf zeichnet Redner den tiefgehenden Unterschied zwischen Menschensatzungen, die veralten, und der Entwicklung der Zeiten angepaßt werden müssen, während das G'ttesgesetz in seiner Unverbrüchlichkeit und ewig dauernden Geltungskraft sich die Zeiten erobert. In Demut diese Gesetze verstehen zu versuchen, ist Aufgabe des Juden. Und nun zeichnete der Redner zuerst Berlin. Reichskanzler Dr. Brüning hat anläßlich des Ablebens von Julius Rosenwald an die Hinterbliebenen ein herzliches Beileidsschreiben gerichtet. — Wie betanntgegeben wird, wird der dritte Helldorf- Prozeß noch drei Monate andauern. Bei der Zeugenvernehmung entrollte sich ein entsetzliches Bild antisemitischer Roheit. — Die Berliner Gruppe der amerikanischen Quäker hat an den Vorstand der jüdischen Gemeinde in Berlin einen Brief gerichtet, in dem sie ihre tiefste Entrüstung über die antisemitische Hetze in Deutschland und die Vorgänge am Kurfürstendamm ausspricht. Hamburg. In der Nacht zum 5. Januar konnte ein 27jähriger Heizungsmonteur und ein 25jähriger Motorenschlosser aus Hamburg-Elmsbüttel, die beide Mitglieder der Nationalsozialistischen Partei sind, festgenommen werden, als diese eben über die Mauer des jüdischen Friedhofs kletterten. Sie hatten mehrere Grabsteine mit Gewalt umgerissen, sowie verschiedene Grabsteine beschädigt. Ein Zusammenhang dieser Untat mit der Fensterzertrümmerung an der Synagoge am Bornplatz läßt sich vermuten. — Von den Friedhofsschändern wurden zwei, einer Sohn eines amtierenden Ministerialrates zu neun, bezw. sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Beide gaben an, mit der nationalsozialistischen Partei zu sympathisieren. Oldenburg. Die Außenmauern der hiesigen Synagoge wurden mit antisemitischen Abzeichen und Aufschriften besudelt. Königsberg i. p. Die Synagoge in Insterburg wurde in der Nacht mit Steinen beworfen. Mehrere Fensterscheiben wurden zertrümmert und auch der Almemor wurde stark beschädigt. Eine Mincho- und Kaffeepause verläuft in Andacht und heiterster Stimmung und leitet zu einer ganz vortrefflichen Kindervorstellung über, mit der der zweite Teil einsetzt. Im Mittelpunkte dieses zweiten Teiles steht das zweite Hauptreferat, gehalten von Herrn S. Schachn o w i tz über Rabbi Mosche Tuwje, den Hanauer Landrabbiner vor 100 Jahren und sein in Hanau fast bis zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts erhaltenes Thorazentrum. In formvollendeter Meisterschaft verstand es der Referent, ein historisch genaues Bild eines rabbinischen Lebens und damit das jüdische Leben im Ghetto des Hanauer Landes überhaupt kurz vor dem Einsturz der Ghettomauern vorüberrollen zu lassen. Eine kulturhistorisch überaus interessante Darstellung der jüdischen Verhältnisse zur Zeit des Chasam Sofer und Rabbi Akiba Eger leitete das Referat ein. Das Publikum hörte gefesselt und gebannt, wie ihre Vorfahren in den gleichen Städten und Dörfern gelebt, gelitten, gelernt, gehofft und gearbeitet haben. Eine Charakteristik des von Rabbi Mosche Tuwje hinterlassenen Geistesschatzes, von dem nur ein kleiner Teil im Druck gehoben ist, zeigte das geistige Gesicht des großen Rabbi, und das größte Interesse erweckte die Schilderung der von Rabbi Mosche Tuwje mit eigener Hand ausgezeichneten Vorgänge bei der Schlacht um Hanau 1815, als Napoleon mit seinem Kernheer auf dem Rückzuge durch die Maingegend marschierte und hier auf die von Marschall Wrede aus Bayern angeführten feindlichen Truppen stieß. Dieses kulturhistorisch hochwertige Dokument ist dem vom Referenten edierten Responsenbuch des Meisters new 'w hk (erschienen im Hermon-Lerlag 1927) nach dem Original angehängt. Es folgen noch ausgezeichnete Kinderrezitationen- und Aufführungen. Herr Kantor und Lehrer H e s, Frankfurt a. M., fand mit einer herzlichen Ansprache ein überaus freundliches Echo in den Herzen seiner früheren Gemeindemitglieder. Mit einem kräftigen Appell des Herrn Schachnowitz an die Versammlung, die Eindrücke des Tages festzuhalten, in der Reinhallung der Quellen unserer Kraft und in der Erziehung und Fortbildung der Jugend auszuwerten — die gegen den Untergang kämpfenden Landgemeinden brauchen ein Muster und Beispiel, Schlüchtern soll ihnen wie bisher ein solches bleiben —, schloß in vorgerückter Abendstunde die Versammlung. Es herrschte noch lange Helles Licht und Leben in den gastlichen Häusern der Gemeinde, wo dis Freunde von auswärts reichlich bewirtet und die Eindrücke des Tages ausgetauscht wurden. H. Eine erfreuliche Statistik. Köln, 7. Jan. Herr Dir. Dr. E. Klibansky schreibt uns: In den letzten Nummern des „Deutschen Philologenblattes" fanden sich einige sehr interessante Untersuchungen über die Geschwisterzahlen der Schüler höherer Lehranstalten. Die Erhebungen betrafen je eine Knaben- und eine Mädchenanstalt in Hannover und eine Oberrealschule in Stettin. Es ergab sich eine erstaunliche Uebereinstimmung im Ausbau der einzelnen Schülerschaften, wobei sich der landschaftliche Unterschied als durchaus unerheblich erwies. Um so überraschender dürfte aber der im folgenden durchgeführte Vregleich jener Zahlen mit den entsprechenden Verhältnissen am Jüdischen Reformrealgymnasium Jawne in Köln wirken, wobei zu erwähnen ist, daß diese Schule gegenwärtig von 225 Schülern besucht ist. Es stammen aus Familien mit in Hannover K. Hannover M. Stettin Jawne 1 Kind 34,8 % 25,5% 23,3 °/o 6,4°/° 2 Kindern 37 % 37,1 % 37,1 % 21,8 °/° 3 Kindern 17,7 % 24,7 % 26,1 % 21,8 °/° 4 Kindern 6,7 % 7,9 % 9,5 % 17,7 °/° 5 Kindern 1,8 % 2,2 % 2,6 % 10,5 7° 6 Kindern 0,9 % 1,1 % 1 % 5,9% 7 od. mehr K. 1 % 1,5% 0,5 % 15,9 % Wahrend also an den drei erstgenannten Anstalten die Familien mit 1 und 2 Kindern jedesmal mehr als drei Fünftel der Gesamtschülerzahl stellen, sind es an der jüdischen Schule noch nicht drei Zehntel? Es gibt wirklich kein ehrenderes Zeugnis für die Opferwilligkeit jüdischer Eltern als diese Statistik. Während es offenbar im allgemeinen heute in Deutschland bei kinderreichen Familien als unmöglich angesehen wird, die Kinder einer höheren Lehranstalt zuzuführen, lassen sich unsere jüdischen Eltern trotz aller äußeren Schwierigkeiten nicht davon zurückhalten, ihren Kindern eine möglichst gute Ausbildung zu bieten. Eine Verfügung des Kultusministers über die Grenz-Trauungen. Halber st adt, 8. Jan. Der Preußische Landesverband gesetzestreuer Synagogengemeinden (Sitz Halberstadt) gibt von der folgenden von dem preußischen Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung unter G l Nr. 3889, G II am 29. Dezember v. I. erlassenen Verfügung an die kirchlichen Behörden und jüdischen Verbände Kenntnis: . In den letzten Jahren haben sich mehrfach Fälle ereignet, in denen Brautleute auf Grund einer von deutschen evangelischen und katholischen Geistlichen sowie insbesondere Rabbinern erteilten, als sogenannten Ehedelegation aufgefaßten Genehmigung zur Vornahme der Trauung in der Tschechoslowakei daselbst die Che geschlossen haben. Die dort von einem Geistlichen oder Rabbiner vorgenommene Trauung hat im allgemeinen nicht nur kirchliche, sondern zugleich bürgerliche Wirkung. Gegen die bürgerlich-rechtliche Gültigkeit der Ehen, die auf Grund derartiger Delegationen deutscher Geistlicher in der Tschechoslowakei geschlossen worden sind, haben, sich jedoch Bedenken erhoben. Das tschechoslowakische Recht verlangt, was häufig nicht beachtet wurde, daß die Brautleute mindestens 6 Wochen vor der Trauung ihren Aufenthalt in der Tschechoslowakei nehmen oder Dispens von diesem Erfordernis erwirken. Es erkennt vor allem

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