Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 3 (14.1.1932)
- Date
- 1932-01-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 3 Der Israelit 14. Januar 1932 schentum, wahren Judentum und Staatsbürgertum. Cr überbrachte letzten Gruß vom „Verbände der bayrischen israelitischen Gemeinden", des „Vereins für rituelle Verpflegung der Kranken in Lohr" und einer großen Reihe anderer Wohlfahrtsinstitutionen in Bayern.. Es folgten offizielle Nachrufe von Diplomingenieur Freund, der als erster Vorsteher den Dank der Gemeinde und des Rabbinatsbezirkes Aschaffenburg übermittelte und u. a. auch die Leistungen des Heimgegangenen im C. V., der durch seinen Syndikus, Herrn Dr. Marx, vertreten war, würdigte. Oberbürgermei ft e r, Ghmr. Dr. Matt, sprach dem hervorragenden Bürger und Kulturführer, in dessen Reden er „immer etwas vom Pathos der jüdischen Propheten" wahrnahm, Worte der Verehrung und des Dankes nach. Oberstudiendirektor Dr. Müller dankte für den Lehrkörper der höheren Schulen, der die Mitarbeit des Rabbiners sehr vermissen werde. Es trat dann Herr Dr. Jsak Breuer aufs Podium, um im Namen der Familie dem ältesten Bruder letzten Gruß und Dank auszusprechen. Ausgehend von dem Psalmsatz tm rn» m-nw und in eigener Ausdeutung desselben, zeichnete er die einzelnen Wesenszüge Rafael Breuers, die sich zu solchem machtvollen Gesamtbilde fügten. Seine bewegten Worte und die Schilderung dessen, was Rafael Breuer nach dem Tode der Eltern den Brüdern war, lösten tiefe Ergriffenheit aus und waren zum Teil von lautem Schluchzen der Trauergemeinde begleitet. Ebenso tiefen Eindruck machte eine Rede des Herrn Hauptlehrer Schloß, der seinen Meister und Lehrer feierte und ihm dankte. Es kam nach der Ansprache eines Aschaffenburger Schülers die Frankfurter Jefchiwa durch ihren Dozenten, Dr. Elieser Posen, zu Wort, der zugleich auch die Abschiedsgrüße seines durch Unwohlsein am Erscheinen verhinderten Vaters überbrachte. Herr Prov.-Rabb. Dr. H i r s ch f e l d-, Gießen, vermittelte in gedankenreicher Rede die Grüße des Orthodoxen Rabbinerverbandes und des Bundes jüdischer Akademiker. Herr Dr. Salomon E h r m a n n, Frankfurt a. M., sprach in bewegten Worten als Freund über den scheidenden Freund. Mit dem Gesänge des mx nn n schloß die Feier in der Synagoge. Nunmehr bewegte sich der gewaltige Zug durch die abgesperrten, von vielfachem Spalier flankierten Straßen der Stadt bis zum Friedhofe, wo noch die Herren Rabb. Dr. Munk, Ansbach, Dr. Pinchas Koh.n, Wien und Dr. Herrmann Klein, Berlin, kurze herzliche Ansprachen hielten. Ein Tag senkte sich in Trauer, Schmerz und Feierstimmung. Möge aus derselben Heil für Frau und Kind und die verwaiste Gemeinde erblühen. TrBsin. Die „weiße" Assimilation. Bon 3. Raphael in Reckum. Anders sind wir. Diese jüdische Erkenntnis wird gegenwärtig gerade in jenen Kreisen laut, die im „Liberalismus" einen Weg zur Verwischung der „Gegensätze" zwischen Judentum und dem gewaltigen Wirken der Umwelt zu sehen glaubten; die „andern" gehen in die Kirchen, — wir in die Synagogen; so etwa hat man jahrzehntelang den „Unterschied" 'dargestellt. Plötzlich kommt eine Erleuchtung. Ein eigenartiges Erleben war es, als ich neulich hören mußte, mit welcher Leidenschaftlichkeit ein ausgesprochen liberaler Rabbiner vor einem ansehnlichen Auditorium immer wieder dieses jüdische „Anderssein" betonte. Einen Teil der Schuld an dieser Wandlung liberalistischer Argumentation trägt die fortschreitende Zersetzung im Bereich der Wirtschaft, die rapide Zunahme der jüdischen proletarischen und halbproletarischen Schichten, die Stellungslosigkeit und die damit verbundene ideologische und seelische Umstellung und schließlich die Abwanderung der jungen jüdischen Menschen in die politisch-radikalen Gruppen. Eine neue Parole taucht auf, — rote Assimilation, so eindringlich und eindeutig, daß selbst die Wortführer der früheren Assimilationen Angst vor der eignen Courage kriegen und nunmehr mit dem Kommando „Wir sind anders" zu bremsen und die Geister zu bannen suchen, die sie im Grunde selber einst, in den geruhsamen fetten Jahren, gerufen haben. Daß man nicht mißversteht: kein Wort ist kraftvoll genug, um die Gefahren der roten Assimilation dem Judentum vor Augen zu führen. Die rote Assimilation führt genau so totsicher und konsequent aus dem Judentum hinaus wie alle anderen Assimilationen, die man in vergangenen Zeiten bewußt angekurbelt hat. Assimilation ist immer ein zweischneidiges Schwert. Und ein Prinzip wie das Judentum muß und wird jede Kompromisselei mit Umwelt, Mode und sogenannten politischen Notwendigkeiten immer ablehnen. Schließlich ist die Gefahr der roten Assimilation noch um einige Grade größer, weil die Wortführer mit der Parole „Wir sind anders" eben lediglich vor die armen und ausgeplünderten Schichten treten und nicht mit derselben Leidenschaftlichkeit dort warnen, wo im tiefsten Sinne die Keimzellen der roten Assimilation seit Jahren gewuchert haben. Es ist doch gewiß nicht überflüssig, darüber nachzudenken, ob die Prediger und ob überhaupt die ganze Gegenseite so völlig schuldlos am religiösen Zusammenbruch der Gegenwart sind. Die rote Assimilation ist ein Ausdruck der Verzweiflung. Menschen, die vor dem Nichts stehen, und die weniger als ein Existenzmlnimum zu verlieren haben, suchen ihre soziale Kampffront, — oft genug nach langen inneren Auseinandersetzungen mit Familie, Tradition, Herkommen, G'tt und Welt. Not verwirrt die Gefühle. Besonders dann, wenn man diese Verzweifelnden preisgibt, indem man ihnen — wie zum Hohn — darlegt, daß wir Juden „anders" sind und nicht in einer Schützengrabenlinie mit den sozialen Kämpfern der Nichtjudenheit stehen können. Wollen wir der roten Assimilation aber ernstlich entgegenwirken, dann darf nicht der Mund gespitzt werden. Dann muß endlich laut und schrill gepfiffen werden! Weiß man nicht, daß der Auflösungsprozeß der Religion in mindestens ebenso rigoroser Seite in denjenigen jüdischen Reihen eingesetzt hat, die im Wirtschaftsleben seit Jahren eine führende Rolle gespielt haben? Ist das keine Assimilation, wenn — vor allen Dingen angefangen seit den Tagen der volksfeindlichen Inflation — in viele an das Licht der Oeffentlichkeit kommenden Skandale, Korruptionaffären und Riesenbetrügereien „jüdische" Geschäftsleute von Ruf und Ansehen in der Welt der Wirtschaft verwickelt und verstrickt sind? Wir hören ja heute, daß wir als Juden „anders" sind. Gilt diese Mahnung bloß den jüdischen Proleten? Oder gilt sie — und damit das erhabene Gebiet jüdischer Wirtschaftsethik — auch für den entsetzlichen trefenen Eimer, den man heute euphemistisch „Wirtschaftsordnung" zu nennen beliebt? Wo ist da Ordnung? Und: wo ist da j ü d i sch e Ordnung? Das ist höchstens ein Anpassen an die „Methoden" der Umwelt. Mehr nicht. Das ist die weiße Assimilation, die mit dem auberen Oberhemd, mit dem weißen Unschuldsmantel agiert, — die aber genau so aus dem Judentum hinausführt wie die rote Färbung, ja, ie ist die eigentliche Nährmutter der roten Assimilation; denn ihre Initiatoren sind mitschuldig an der Verwirrung, die in den Bezirken der Religion, des Glaubens und G'ttvertrauens und des jüdischen Lebensgedankens eingerissen ist. Die weißen Assimilanten sind aber nicht „gegen" die Religion. Sie besuchen sogar Synagogen. Das erinnert an die Schilderungen der Propheten. Elemente, die bei allen Skandalen und' Betrügereien großen Stils immer wieder auftauchen, ollte man aus den G'tteshäusern des Judentums hinausjagen. Hier gibt es keinen faulen Burg^ rieben; hier warten die wahrhaft religiösen Meuchen auf den Trennungsstrich! Hier aber wartet man auch auf das eindringliche Wort: „Wir sind anders!" Diese weißen Assimilanten sind es auch, die den Abwehrkampf gegen Judenfeindschaft und Verunglimpfung der jüdischen Religion erschweren und beinahe zur Farce machen. Gewiß, sie protestieren immer wacker mit, sogar, wenn es gegen Schächtverbote geht! Der Protest lahmt, bliebe besser unausgesprochen. Berufen zum Propst ist nur der Jude, der das Judentum lebt. In allen Teilen lebt. Judentum kann nicht in Zeitgemäßheit und Unzeitgemäßheit zerrissen werden! Judentum ist anders! Trostlos sind die antisemitischen Angriffe, die elbst in gebildeten Kreisen nicht schweigen: die Juden seien es, die die Zahlung von Tributlasten anerkennten. Der kleine jüdische Geschäftsmann, der erwerbslose Angestellte, der jüdische verarmte Akademiker sind von der Krise, zu der die Entrichtung unproduktiver Tributzahlungen ihren Teil beigesteuert hat, in jene verfahrene Situation hineingestoßen worden, die zu der oben geschilderten religiösen Verwilderung und Abkehr führen mußte. Bereits einmal, vor etwa zwei Jahren, ist ein dringender Appell an die Prominenten der Wirtschaft ergangen, daß gerade die jüdischen Persönlichkeiten, die in U. S. A. und in Europa noch ein wesentliches Wort mitzureden haben, aus der Pflicht ihres Jude-Seins heraus die Aufgabe verwirklichen müssen, ohne Einschränkung das System der finanziellen Unterjochung und Ausbeutung und damit die Form der Tributzahlungen in aller Oeffentlichkeit zu verwerfen. Der jüdische Wirtschaftsführer ist nicht bloß Wirtschaftsführer, Finanzmagnat oder Bankier, sondern a u ch I u d e! U n d i n e r st e r L i n i e I u d e l Und ist er das nicht, dann bitte die konsequente Trennung! Man kann nur einem Herren und einem Prinzip dienen, entweder G'tt oder dem Baal. Und das, was man — berechtig?- terweise — den roten Assimilanten entgegenschleudert, gas gilt — in dreifacher Potenz — auch den weißen Assimilanten; denen, die auf einem exponierten Posten stehen, die sich Juden nennen, und die auch daher ihre jüdische Pflicht und Schuldigkeit tun müssen. Keiner darf mehr den Namen Jude ungestraft tragen. Die abtrünnig gewordenen, verirrten jüdischen Massen können nicht durch Parolen und Kommandos, sondern einzig und allein durch das gelebte Beispiel der Führer, und heute besonders: der Wirtschaftsführer, zum positiven Judentum zurückgebracht werden. Deshalb z u e r st fort mit der weißen Assimilation! ^smrpsnaeme« « Dacbricbte*. Deutsches Reich. Der Berliner Landesverband gegen den Judengesehentwurf der Regierung. Berlin, 11. Jan. Der Rat des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden trat am 10. Januar 1932 unter dem Vorsitz seines Präsidenten, Kammergerichtsrat Leo W o l f f, zu einer Vollsitzung zusammen. Zunächst wurde über den jetzigen Stand der Verhandlungen über das Judengesetz mit dem Kultusministerium berichtet. Es ist bekannt, daß der durch einstimmigen Beschluß des Landesverbandes zustande gekommene Entwurf bereits im Jahre 1928 der Regierung eingereicht worden ist und daß diese in wesentlichen Punkten Bedenken gegen ihn erhoben hat. Ein im Ministerium gefertigter Referentenentwurf ist in neuerer Zeit dem Landesverbände zugegangen. Es lag nunmehr dem Rat ob, zu diesem Stellung zu nehmen. Da das Ministerium wiederholt den Wunsch ausgesprochen hat, den Entwurf sowie die Verhandlungen, welche sich an ihn geknüpft haben, vertraulich zu behandeln, so ist es nicht angängig, über den Verlauf der Aussprache im Rat der weiteren Oeffentlichkeit nähere Mitteilungen zu machen. Nach sehr eingehender Beratung wurde der folgende Beschluß gefaßt: „Der Große Rat des Landesverbandes verlangt die Verabschiedung des Judengesetzes mit Einhaltung aller Grundsätze seines autonomen Entwurfs von 1928. Er verlangt, daß allein auf dieser Grundlage die Verhandlungen von seinen Vertretern geführt werden. Er weist seine Vertreter an, zu erklären, daß ein Entwurf die Zustimmung des preußischen Judentums nur finde, wenn die Beschlüsse des Landesverbandes berücksichtigt werden, und daß der Landesverband sich Vorbehalte, andernfalls seine Forderungen vor dem Landtag zu vertreten." Da mit einer erheblich geringeren Zuwendung von Staatsbeihilfen zu rechnen ist als im Vorjahre, ergab