Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 3 (14.1.1932)
- Date
- 1932-01-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 3 Der Israelit 14. Januar 1932! - - ■ 1-. - - '■ . " ■ -■ —■ ' " ~ ~~ — - - ■■!. ' ■ " ~~ . ..... aber die bürgerlich-rechtliche Wirksamkeit solcher Ehedelegationen nicht an, die von Geistlichen oder Rabbinern vorgenommen sind, welche in ihrem Heimatstaate die Befugnis zur Vornahme bürgerlich-rechtlicher Trauungen nicht besitzen. Um die hieraus für die Rechtssicherheit und die Beteiligten selbst entstehenden Unzuträglichkeiten zu vermeiden, erscheint es zweckmäßig, daß die um die Erteilung einer sogenannten Ehedelegation nach der Tschechoslowakei angegangenen Geistlichen oder Rabbiner die Brautleute über die Bedeutung und die Rechtsfolgen einer in der Tschechoslowakei vorgenommenen Trauung jeweils unterrichten. Ich ersuche ergebenst, dies den Geistlichen bezw. Rabbinern Ihres Aufsichtsbereiches tunlichst nahezulegen. Polen. Eine große polnische Rabbiner-Konferenz. Warschau, 8. Jan. Zur Konferenz der polnischen Rabbiner' im großen Saale der Warschauer Gemeinde sind über 300 Rabbiner erschienen. Unter ihnen ragen die markanten Gestalten der Chassidim-Nebbes von Grodzis, Razimin und Nowo Minsk hervor. Auf der Estrade sieht man an der Spitze des Präsidiums Oberrabbiner L e w i n aus Rzeszow, auch Ehrengäste als Vertreter der Regierung. Oberrabbiner Lewin eröffnet die Versammlung mit einer Begrüßung der Regierungsvertreter und einem Hoch auf die Regierung, worauf der Kalischer Raw, Obrerabbiner L i p s ch i tz, ein eingehendes Referat über die Aufgaben des Rabbiners und seine Rolle im öffentlichen Leben hält. Er berührt und behandelt auch verschiedene aktuelle Probleme des religiösen Lebens. Es folgen Begrüßungen im Namen des Unterrichtsministeriums und des Regierungsklubs im Parlament, ebenso eine Begrüßungsrede des Präses der Warschauer Gemeinde, Herrn M a s u r, des Präsidenten der Repräsentanz, Trockenheim, des Heeresrabbiner Oberst P o s e n e r und — für die Agudas Jisroel — eine Begrüßung des Herrn I. M. Lew in. Als Präsident der Konferenz wird Oberrabbiner Lipschitz, Kalisch, gewählt. Es werden auch Begrüßungen vom Chofez Chajim und von Rabbi Chajim Oser Grodzenski in Wilna verlesen. In der Arbeitssitzung am Nachmittag wird der Tätigkeitsbericht der Exekutive erstattet. Diese hat in vielen religiösen Fragen den jüdischen Standpunkt gegenüber der Regierung vertreten, auch Aktionen in Sachen der Klagemauer und der Kalenderreform durchgeführt. Der polnische Rabbinerverband zählt 900 Mitglieder. In der darauffolgenden Aussprache, die sich zum Teil sehr lebhaft gestaltet, wird über die Mittel zur Hebung der mannigfach geschwächten Autorität des Rabbiners verhandelt. Der Rabbiner von Kielce wünscht, daß in jeder Wojwodschaft ein Bezirksrabbinerverband zur Erledigung der religiösen Fragen geschaffen wird. Im Mittelpunkt der dritten Sitzung stand ein Referat von Rabbiner Fein aus Slonim über die Lage der Jeschiwoth. Der Jeschiworat in Wilna umfaßt 17 große uid 34 kleine Jeschiwoth mit insgesamt 5000 Jüngern. Ein Teil der Jeschiwoth befindet sich als Bollwerk hart an der Grenze Sowjetrußlands. In Kongreßpolen gibt es 30 große und kleine Jeschiwoth, die sich alle in größter finanzieller Not befinden. Es wäre Pflicht einer jeden Gemeinde, einen Posten für die Jeschiwoth im Etat einzustellen und Aufgabe des Rabbinerverbandes sei es, dahin zu wirken. Ueber die Lage der Gemeinden in den Ostgebieten referierte Rabbi Kossowski aus Wolkowysk. Die Lage ist überall kritisch. In ähnlicher Weise schildert Rabbi K a l m a n o w i c z die Lage der Jeschiwoth in den Ostprovinzen. Der Rabbineroerband müßte beim „Joint" vorstellig werden, daß die Jeschiwoth nicht geschlossen wedren und daß die Jünger nicht hungern müssen. Rabbi N i s k o w s k i appelliert an das Judentum Polens, einmütig und energisch gegendas Zwangssonntagsruhegesetz Front zu machen. Das geplante Ziviltrauungsgesetz, das die religiöse Trauung als nicht obligatorisch erklärt, sei ebenfalls zu bekämpfen. Auch die folgenden Sitzungen sind ausgefüllt mit Berichten und Schilderungen über die materielle und geistige Not im polnischen Judentum. Ein Appell an die jüdischen Industriellen und Arbeitsgeber, jüdische Arbeiter zu beschäftigen, sei nötig. Auch die Frage der Selbstmorde infolge der verzweifelten Lage, nicht zuletzt aber als Symptom für das Sinken der religiösen Moral, kommt zur Sprache. Oberrabbiner Lewin hält über diesen Punkt eine erschütternde Rede, in der er das gesamte polnische Judentum zur Einigkeit und zur Hilfsarbeit aufruft. Die nächstfolgenden Sitzungen sind der Aussprache über Referate und Berichte gewidmet. Einige Rabbiner fordern Unterstützung der Behörden für die Autorität des Rabbiners, was von der Mehrheit der Delegierten entschieden abgelehnt wird. Die Macht des Rabbiner müsse in seiner moralischen Autorität ruhen. Der Rabbiner in S t o l b c e, des letzten Punktes vor der sowjetrussischen Grenze, schildert die unbeschreiblichen Leiden und Prüfungen der Rabbiner in Sowjetrußland. Kein Rabbiner darf dort Gehalt beziehen oder irgend eine Vergütung für eine Amtshandlung annehmen. Sie sind deklassiert und außer Recht gesetzt. Ihre Lage ist eine verzweifelte. Am Freitag kam die Konferenz zu Ende. In der Schlußsitzung behandelte Rabbi K a h a n a in einem längeren Referat die Frage der Agunoth. In Polen leben etwa 2000 Agunoth unter schweren Verhältnissen. In gemeinsamer Arbeit konnte der Rabbinerverband bis jetzt 300 Agunoth von ihren Ketten lösen und ihnen die Erlaubnis zur Wiederoerheiratung verschaffen. Eine weitere energische Aktion der Rabbiner mit Hilfe des Auslandes auf diesem Gebiete wird gefordert und auch beschlossen. Außerdem wird aus Antrag von Rabbi Kalmanowicz beschlossen, eine großzügige Aktion für Sendung von Lebensmittelpaketen an gesetzestreue Juden in Rußland einzuleiten. In weiteren Entschließungen wird gesagt, daß das Zwangssonntagsruhegesetz einen Angriff auf die jüdische Lehre darstelle und das geistige und ökonomische Leben der Juden untergrabe. Vom Sabbat als Grundlage der jüdischen Religion könne das jüdische Volk nie lassen. Das Gesetz widerspreche auch der Verfassung, die allen Bürgern religiöse Freiheit gewährleistet. Es werde mit Bestimmtheit eine Zusatzbestimmung erwartet, die den Juden, welche Sabbat halten, die Möglichkeit gibt, am Sonntag ihrer Beschäftigung nachzugehen. Ein Appell an die jüdischen Arbeitgeber, s a b b a t - haltende jüdische Arbeitnehmer zu beschäftigen, wird beschlossen und erlassen. Protest wird in einer weiteren Resolution erhoben gegen die Einführung des Ziviltrauungsgesetzes, das die jüdische Moral und die Reinheit des jüdischen Familienlebens bedrohe. Eine Aufforderung an die orthodoxen Kreise ermahnt die Eltern, ihre Kinder vom Besuche nichtreligiöser Schulen abzuhalten. Schließlich wird noch eine Protestresolution gegen die Schließung der Tore Palästinas vor der jüdischen Einwanderung einstimmig angenommen. Mit begeisterten und begeisternden Schlußreden des Vorsitzenden und anderer Teilnehmer wird die Versammlung geschlossen. Amerika. Julius Rosenwald gestorben. Newyork, 6. Jan. Am Mittwoch, den 6. Januar, abends, verstarb in seinem Heim in Chicago Julius Rosenwald im Alter von 69 Jahren. Er galt als der reichste Jude der Gegenwart und als einer der größten jüdischen Philanthropen in der Geschichte. Julius Rosenwald wurde am 12. August 1862 in Springfield, im Staate Illinois, geboren. Er kam in jungen Jahren nach Newyork. 1885 trat er in die Firma Sears Roebuck u. Co. in Chicago, das größte Postversandgeschäft der Welt, ein und wurde 1910 deren Präsident. Seit vielen Jahren betätigte sich Julius Rosenwald auf jüdischem und nichtjüdischem sozialem Gebiete. Das American Joint Distribution Committee unterstützte er seit dessen Bestehen. 1925 spendete er für den United Jewish Campaign des I. D. C. eine Million Dollar, 1928 gab er fünf Millionen Dollar für das vom Agrojoint geführte jüdische Kolonisationswerk in Rußland. Rosenwald wurde neben Felix M. Marburg Ehrenpräsident des Agrojoint. Er betätigte sich auch auf dem Gebiete des jüdischen Rechtsschutzes, gehörte unter Louis Marshall dem Vorstand des American Jewish Committee an und wurde nach Marshalls Tode Vizepräsident des Committee. Für einen Louis Marshall-Gedächtnisfonds spendete Rosenwald 500.000 Dollar. Julius Rosenwald trat der erweiterten Jewish Agency n i ch t b e i. Er vertrat die These, daß den Juden dort geholfen werden muß, wo sie sind. Als nach Erscheinen des Paßfield-Weißbuches die Erregung der amerikanischen Judenheit gegen die englische Politik in Palästina hoch ging, erschien Julius Rosenwald in der in Newyork stattgefundenen großen Protestversammlung und hielt sogar von der Tribüne aus eine Ansprache, in der er erklärte, daß er sich mit der von der amerikanischen Judenheit in dieser Frage angenommenen Haltung identifiziere. Rosenwalds Schenkungen für allgemeine und jüdischphilanthropische Zwecke gingen in die vielen Millionen. Am 1. Januar 1928 wurde der von ihm gegründete „Julius Rosenwald Fund" durch Rosenwalds Schenkung von 100.000 Aktien der Sears Roebuck u. Co. auf 22 Millionen Dollar gebracht. Dieser Fonds wird von Trustees verwaltet, die gehalten sind, das Kapital binnen 25 Jahren nach Rofenroalds Tode zu verteilen. Im August 1931 spendete er eine Million Dollar für die Errichtung einer Kinderzahnklinik in Berlin, die Berliner Stadtverwaltung hat Rosenwald für diese Stiftung den Dank der Stadt ausgesprochen. Julius Rosenwalüs Dienste für die Menschheit wurden anerkannt durch die Verleihung der Hormon- Medaille für internationale Arbeit, und der Gotthein - M e d a i l l e für die größten Verdienste um die Judenheit an ihn. Seine fünf Kinder gründeten die „Rosenwald Family Association" zur Fortführung seines philanthropischen Lebenswerkes. Rumänien. Die Tragödie von Soroca. Kischinew, 11. Jan. D ie Erschießung von sechs jungen Juden an der beßarabifch-rumänifchen Grenze bei S o - r o c a durch rumänische Grenzgendarmen hält die Judenheit Veßarabiens und ganz Rumäniens in tiefster Erregung. Die Erschossenen, die in einem Alter von 16 bis 20 Jahren gestanden haben, heißen: Seide Pferdmann, Leib R u d m a n n, Jon M i h a l a, Samuel Tzichiniovski, Sandor M a t i und Frl. Riva Darcautzan. Es hat sich herausgestellt, daß die Erschossenen durch einen Schmuggler, der im Einverständnis mit Grenzfunktionären handelte, an die Grenze gelockt wurden und auch in die ihnen gestellte Falle gegangen sind. Für die Grenzgendarmen wäre es ein Leichtes gewesen, die jungen Leute, wenn sich diese wirklich etwas hatten zu schulden kommen lassen, zu verhaften, da der die Grenze bildende Dnjestr an dieser Stelle nicht zugesroren war und ein Entweichen nach Rußland gar nicht in Frage kam. Es steht überhaupt noch nicht fest, ob die jungen Leute die Absicht hatten, nach Rußland zu gehen. Dennoch wurden sie in bestialischer Weise erchossen und dann ausgeraubt. Eines der Opfer, Samuel Tzichinovski, hat nach seiner Auffindung noch 14 Stunden gelebt und war in der Lage, dem ihn vernehmenden Staatsanwalt wichtige Mitteilungen zu machen, deren Inhalt aber der Oeffentlichkeit noch unbekannt ist. Bei einem der Erschossenen wurde sestgestellt, daß er durch drei Kugeln in die Brust getroffen wurde. Auch Frl. Riva Darcautzen erhielt mehrere Schüsse in die Brust. Bei allen Kugeln handelt es sich um Dum-Dum-Geschosse. Die Erregung über die sechsfache Mordtat in der Stadt Soroca selbst ist so ungeheuer, daß der Belagerungszustand über die Stadt verhängt worden ist. Der jüdische Deputierte für Beßarabien, Dr. Michael Landau, ist in Soroca eingetrosfen und hat einen Aufruf an die Bevölkerung erlassen, die Ruhe zu bewahren. Der Oberrabbiner für Beßarabien und frühere Senator Zirelo h n besuchte den Minister für Beßarabien, General Rischcanu, und informierte ihn über die Stimmung in der jüdischen Bevölkerung. Minister Rischcanu bat ihn, den Angehörigen der Opfer, sowie der Judenschast von Soroca das Bedauern der Regierung über die Mordtat auszusprechen. Das Justizministerium in Bukarest entandte einen eigenen Vertreter zur Führung der Untersuchung. Das Begräbnis der sechs Opfer gestaltete sich zu einer erschütternden Trauerkundgebung der Judenschast von Soroca und Umgebung. Zehntausende schritten hinter den Särgen. Alle Geschäfte waren geschlossen. Die Ruhe wurde nicht gestört.