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Der Israelit · 1931-10-15 · Heft 42 (15.10.1931) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 42 (15.10.1931)
Date
1931-10-15
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
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Seite 12 Nr. 42 Der Israelit .15. Oktober 1931. *!;f Ü ' 1 nm l‘n i'i zeichnen wollen. Sie werden damit umso leichter Erfolg haben, wenn derjenige, der Träger des Religiösen sein soll. tatsächlich wegen seines Verhaltens und Wissens von seiner Umgebung als „rückständig" empfunden wird Selbst wenn noch so viele innere Wärme und Begeisterung kann das Manko nicht mshzr ausgleichen, das entsteht wenn das Urteil über den Religionslehrer behauptet, daß ihm „das Verständnis für die Gegenwart" fehle. Nicht minder bedeutsam ist die Allgemeinbildung des jüdischen Lehrers für die wirkungsvolle Ausgestaltung seiner speziellen Tätigkeit, für den Unterricht. Zur pädagogischen Beurteilung des Schülers, zum psychologischen Verständnis seiner Individualität, zu einer den Ver hältnissen angepatzten methodischen Gliederung, Darbie tung und Anwendung der Unterrichtsstoffe gehört ein großes Matz pädagogischer Einsicht und pädagogischen Wissens. Vor 150 Jahren hielt man das Schulhalten für ein Handwerk, für dessen Vorbereitung etwas Drill und eine halbjährige Dressur in der Technik des Unterrichtens genüge. Heute ist ein Lehrer ohne eingehende Kenntnis der Pädagogik ebenso uridenkbar wie ein Arzt ohne medizinisches Studium. Die Pädagogik ist heute eine Wissenschaft, aufgebaut auf den Grundwissenschaften der Psychologie, Ethik, Philosophie, Soziologie und anderen Gebieten; ihr Studium kann daher nur der mit Erfolg betreiben, der an den verschiedensten Bildungsstoffen sein Denken geschult und die nötigen Begriffe erworben hat. Man hat heute z. B. in den bayerischen Lehrer bildungsanstalten die Pädagogik fast ganz aus das letzte Bildungsjahr verschoben; sie dominiert hier mit 25 Wochenstunden. Die Schüler haben zu dieser Zeit bereits eine Allgemeinbildung erworben, die der Hochschulreife nahesteht. Die da glauben, datz ein tüchtiger Religions lehrer in ein paar Jahresstunden zum Verständnis und zur Beherrschung pädagogischer Probleme, Theorien und ihrer praktischen Anwendung gefüht werden könne, gar wenn er nur Volkschulbildung besitzt, haben selbst gewiß keine Ahnung von der modernen Pädagogik. Notwendig für den jüdischen Religionslehrer — und nicht überflüssig, wie viele glauben — ist auch die Beschäftigung mit der Methodik der verschiedensten Fächer des Volkschulunterrichtes, wie sie in der Lehrerbildungsanstalt angebahnt und in der Vorbereitung zum Staatsexamen für Volkschullehrer geübt wird. Abgesehen davon daß es für den Religionslehrer überaus wichtig ist, zu wissen, in. welchen Stoffen und mit welcher Methode seine Schüler unterrichtet werden, ist überhaupt' die Methodik des jüdischen Religionsunterrichtes selbst von jeher von der Methodik der anderen Unterrichtsfächer befruchtet worden. Die Untersuchungen und Experimente rm Unterrichte von Geschichte, im Leseunterricht, Anschauungsunterrichtim fremdsprachlichen Unterricht und anderer Fächer sind bahnbrechend gewesen für die wirkungsvolle Ausgestaltung des jüdischen Religionsunterrichtes. Nur ein Lehrer, der die Methodik dieser Fächer theoretisch und praktisch versteht, findet den Weg zu jener Form des Religionsunterrichtes, wie sie dem modernen Unterricht der anderen Fächer entspricht — und auf die Dauer wird nur der Religionsunterricht fruchtbar fein, dessen Methode nicht schlechter ist als die der anderen Unterrichtsfächer, abgesehen davon, daß nur gründlich durchdachte Methodik gestattet, die geringe für den Religionsunterricht zur Verfügung stehende Zeit intensiv auszunützen. Es sind heute zwei entgegengesetzte . Gruppen, die die Anstellung von Religionslehrern mit geringerer Allgemeinbildung in Erwägung ziehen. Die einen find von der Notwendigkeit des Neligionslehrers überhaupt nicht so sehr überzeugt und erachten es als übertriebenen Luxus, datz für die kleinen Gemeinden mit ein paar Kindern ein „teurer" Seminariker angestellt wird. Diese Kreise möchten doch folgende Tatsache bedenken. Dadurch, datz der Heranwachsende Jude auf dem Lande, der doch hier ziemlich allein ist, dauernd in einer Abwehrstellung zu seiner Umwelt steht, ist deren moralische Haltung von geringem Einslutz auf ihn. ja er wird ihr spontan entgegenstreben. Ist nun das Elternhaus nicht durch.besondere Geistigkeit in der Lage, das Kind zu beeinflussen, so bleibt einzig und allein eine eventuelle Einwirkung des religiösen Unterrichtes auf die moralische Entwicklung des Schülers. Wenn der Religionslehrer nicht dazu in der Lage ist — das ist, wie oben entwickelt, gewiß nicht der Fall, wenn er nicht über umfassende geistige Bildung verfügt — dem Schüler die moralischen Werte nachhaltig zu übermitteln, so besteht sehr die Gefahr, datz in vielen Fällen sich Amoralität und Asozialität ausbilden. Solche Einzelerscheinungen aber kommen auch den Juden in den Städten wieder teuer zu stehen. Es gebietet daher schon die Vernunft, durch allseitig gebildete Religionslehrer das moralische Niveau auch in der kleinsten Gemeinde nach Möglichkeit zu sichern. Und noch ein zweites. In den Kleingemeinden ist der Religionslehrer für die Umwelt der Repräsentant des Judentums. Ohne entsprechende Bildung fehlt ihm, wie Vorkommnisse zeigen, die nötige Einsicht, um sein Verhalten und das feiner Gemeinde gegenüber der nichtjüdischen Umwelt immer der Situation gemäß einzustellen. Welchen Eindruck mutz es auf Behörden z. B. machen, wenn der Lehrer sich nicht in der Sprache der Gebildetest ausdrücken kann oder gar die deutsche Sprache nicht beherrscht? Es gibt aber auch Kreise, die gerade durch Religionslehrer mit geringer Allgemeinbildung, dafür aber mehr jüdischer Bildung, glauben, dem jüdischen Leben auf dem Lande neuen Antrieb verleihen zu können. Abgesehen davon, datz fast alle Lehrer, die bisher in dieser Kategorie präsentiert worden sind, auch in ihrer, jüdischen Bildung hinter dem Durchschnitt der Seminariker zurückstehen. würde die vertiefte jüdische Ausbildung im End effekt für den Lehrer keinen Zweck haben, wenn wesentliche Lücken der Allgemeinbildung feine Wirksamkeit im voraus lahmlegen. Der innere Zusammenhang ist ja oben zur Genüge dargelegt. Als Illustration kann der Artikel in Nr. 35 des „Israelit" dienen, der überschrieben ist: „Ein Notschrei für unsere Jugend in Erez Jisroel". Der Schreiber jenes Artikels schildert die kritische religiöse Lage der Jugend der orthodoxen Kreise in Palästina. Um diese Jugend für das Religiöse zu erhalten oder wiederzugewinnen, verlangt er nun nicht Absolventen von Jeschibas oder Lamdonim (beides gäbe es ja dort genügend), sondern deutsche jüdische Akademiker Die frommen Thoragelehrten des Landes find zwar in der Lage, den Kindern in der Schule viel jüdisches Wissen zu vermitteln, sie sind aber nicht imstande, sie derartig zu b eeinflussen, datz ihre religiöse Entwicklung nach der Schulentlassung gewährleistet wird und stehen später überhaupt in keinem Kontakt mehr mit der Jugend, da sie ja. oft keinen Kontakt mit dem realen Leben haben. Wer nicht will, daß die jüdische Jugend bei uns auf idem Lande einer ähnlichen Krise in der gleichen Hilflosigkeit ausgesetzt sein soll, mutz verlangen, datz der Religionsunterricht von Männern erteilt wird, deren All gemeinbildung sie in die Lage setzt, lebensnah zu unterrich ten und die Wirkung ihrer Persönlichkeit für das Leben zu gewährleisten. Und wer wünscht, datz Thoratreue und Thorawissen in unsere Jugend für die Dauer eingepflanzt werden, darf keinesfalls gestatten, datz an der Allgemeinbildung des Religionslehrers ein Abstrich gemacht werde. Wie weit mutz sich nun die Allgemeinbildung des jüdischen Religionslehrers erstrecken? Wir folgen den Grundsätzen, von denen sich Seligmann Bär Bamberger b leiten ließ, der seine Lehrerbiidunsanstalt ausdrücklich zur Bildungsstätte der Religionslehrer mitbestimmte (obwohl er auch eine Jeschiba hatte). Es entspricht das zugleich den Gedankengängen von Samson Raphael Hirsch S":, der erkannte, datz für die jüdische Persönlichkeit in Deutschland gründliche Allgemeinbildung notwendig ist nnd nicht zuletzt leitet uns dabei die gleiche Erkenntnis die Hildesheimer zur Gründung des Rabbinerseminars veranlatzte und deren erhöhte Gültigkeit für unsere Zeit erst kürzlich Dr. Wohlgemuth betonte. Wir fordern die gleiche Ausbildung wie für den Volksschullehrer. Auch die allgemeine Bildung des Dolksfchullehrers steht nicht, wie vielleicht viele glauben, in direktem Zusammenhang zu den Stoffen, die der Volksschullehrer später unterrichten mutz. Auswahl und Ausbau der Bildungsstoffe in den Lehrerbildungsanstalten werden ausschließlich durch die allgemeinen pädagogischen Anforderungen bestimmt, die daraus erwachsen, daß der Lehrer eine geistige Persönlichkeit darstellen mutz. Der Volksschullehrer hat in seiner Schule weder höhere Mathematik noch Fremdsprachen zu unterrichten und trotzdem können sie in seiner Vorbildung ebensowenig entbehrt werden wie beim Arzt oder Juristen. Die Bildungsfächer haben ausschließlich als Ziel den geistigen Menschen wie die pädagogischen Fächer den denkenden Erzieher. Da beide Seiten der Lehrerpersönlichkeit, wie oben dargelegt, beim NeligivNSlehrer in besonderem Matze vorhanden sein müssen, steht damit fest, datz die Allgemeinbildung des Volksfchullshrers auch für den Religionslehrer das Minimum darstellt. — Dieser Aufsatz beschäftigt sich ausschließlich mit der Frage der Allgemeinbildung der jüdischen Religionslehrer; datz natürlich die jüdische Ausbildung des Neligionslehrers nicht beeinträchtigt werden darf, datz er im Gegenteil mit d em umfangreichen Thora-wissen ausgestattet sein mutz, wie es für Hebung und Vertiefung des jüdischen Lebens Voraussetzung ist, steht hier nicht zur Diskussion. . 50. Mitgliederversammlung des jüd. Lehrerverems für Bayern. Am 30. und 31. August fand in Ansbach die diesjährige Generalversammlung des jüdischen Lehcervererns für Bayern statt. An dem schönen Rahmen, in dem sich die Versammlung abspielte, hat die Kultusgemeinde Ansbach und deren Mitglieder, die sich als freundliche Quartiergeber bezeigten, wesentliche Mitarbeit geleistet. Die Tagung wurde durch eine Darlegung (Referent Adler-München) über die rechtliche Stellung der jüd. Schule und des jüd. Religionsunterrichtes eingeleilet. Der Mitgliedesbeitrag wurde für 1932 auf Mk. 25.— und die Sterbefallsumme aus Mk. 150.— festgesetzt. Der Tätigkeitsbericht des 1. Vorsitzenden zeigte wohl die schweren Nöte der Gegenwart auf, wies aber darauf hin, datz Selbstbehauptung und unentwegte Arbeit für die Interessen des Lehrerstandes auch dieser Krise Dämme setzen können. Der Vortrag: „Die erziehliche Bedeutung des Religionsunterrichtes", den die Herren Julius Kissinger München und Lissgens-Memmingen mit Geschick und Fleiß als Referent und Korreferent ausgearbeilet hatten, fand größte Aufmerksamkeit und rief eine lebhafte Diskussion hervor. Der Besuch der Tagung litt unter der Ungunst der Zeit. Brückheimer, Marktbreit. Buchbesprechung. Das Seelenleben des Jugendlichen. Von Th. Z reh e n. Langensalza. Her in a n,ir V e y e r ü. Söhne. •4. Auflage. Preis' drosch., Mk. 4.80; geh. Mk. 5.60. Eine überaus klare Darstellung der seelischen Erscheinungen. im Pubertätsalter, die den.Niederschlag vdn Vorträgen bildet, welche der Verfasser auf Veranlassung des Zentralinstituts für Erziehung und Unterricht gehalten hat. Nach einer allgemeinen Einführung, die nach den 3 Momenten gegliedert ist, die in der Regel Zusammenwirken, um das eigentümliche Seelenleben.des Jugendlichen hervorzurufen: anatomische Weiterentwicklung des. Zentralnervensystems, Eeschlechtsreisung und Umwälzung der Umwelts- und Lebensbedingungen, beschreibt Ziehen die seelischen Erscheinungen im Bereiche der Empfindungs- und Denkvorgänge wie rm Bereiche der Gefühls- und Willensvorgänge, die Empfindungen, Vorstellungen, Gefühle uff. im Bereiche des Eefchlechtlebens. Er stellt (namentlich für Eltern und Lehrer) die ersten Warusymptome' beginnender Geistesstörungen einschließlich der Psychoneurosen in der Pubertät zusammen. Ein Nachtrag enthält die wichtigsten gesetzlichen Bestimmungen in Bezug aus Jugendliche. U. a. weist Z. darauf hin, daß die Modeströmung zugunsten des Sportes, die zunächst im Interesse der Volksgesundheit durchaus zu begrüßen watj heute in gefährlicher Weise auf'Kosten des Interesses für Geistiges überhand genommen hat, ferner, wie mancher Jugendliche einen sehr unklaren Kampf zwischen Glauben und Wissen streitet, da diese Kämpferrolle seinem Jch-G.esühle schmeichelt, wie Jugendliche oft genug zu begeisterten Anhängern phrasendreschender, modischer Pseudophilosophen werden, die durch Schlagwörter und geschickte Reklame auf die Jugend zu wirken verstehen. Er bedauert, datz Erwachsene den Taumel mitmachen, den Glauben an das Alte tief zu erschüttern. Er hält in der Zeit vom zehnten bis achtzehnten Jahr eine Koedukation nur dann für zulässig, wenn die genaueste Kenntnis des Charakters der beteiligten Knaben und Mädchen und eine unausgesetzte Ueberwachung gewährleistet ist. Z. vertritt den Standpunkt, datz die Entscheidung, ob sexuelle Aufklärung oder nicht, nur für jedes einzelne Individuum gefällt werden kann, datz der Gedanke, in der Schule im gewöhnlichen Unterricht eine ganze Klasse ohne Rücksicht auf die einzelnen Individuen aufzuklären, selbstverständlich fortfällt. Dies nur einige Stichproben aus der anschaulich geschriebenen, mit Beispielen belegten Arbeit, die jedem Erzieher aus das angelegenste empfohlen werden kann, weil sie ihm Helsen wird, die Jugendlichen verstehen zu lernen. K. O. Personalien. Niederaula. Am 30. Sept. hatten sich in der Synagoge dahier Herr Provinzialrabb. Dr. Cahn, Fulda Herr Schulrat Wendling, Hersfeld, Herr Pfarrer Heppe, der Bürgermeister, der Bezirtsverein Nieder-Aula des hessischen Volksschullehrer-Vereins, sowie viele jüdische Kollegen versammelt zur Abschiedsfeier für Kollegen Gans, der am gleichen Tage in den Ruhestand trat. Herr Provinzial-;abbiner Dr. Cahn knüpfte an die Worte des von Herrn Sonn-Fulda geleiteten Chores an: non -pna-;ms ->bp und zeigte, was Gans in mehr als 45 jähriger Tätigkeit in. seiner Gemeinde Niederaula geleistet. Im eigenen Namen uiüi im Namen des Vorsteheramtes der Israeliten zu Fulda sprach er dem bewährten Lehrer und Führer der N. Dank und Anerkennung aus und ehrte ihn durch Verleihung des nan-Titels. Schulrat. Wendlings feierte den „Lehrer" und .überbrachte ein Dankschreiben der Negierung zu Kassel. 'Auch Grütze des in Urlaub weilenden Landrats übermittelte er. Für die Gemeinde sprach Synagogenältester Levy dem scheidenden Lehrer den Dank der Gemeinde aus. Für den Bezirksverein N. 'prach Kollege Hoos, für die israelitische Lehrerkonferenz Hessens, sowie für den Preußen- und Reichsverband Schaumberg-Neukirchen, für „Jefchurun" und „Bund" ' Oppenheim, Rhina, für die Nachbargemeinde Breidenbach Katz-Br. Nachdem noch ein Vertreter der ältesten Schüler und ein Knabe der Oberklässe ihrem Lehrer irm nv" gesagt hatten, ergriff Gans das Wort; jedem einzelnen Redner dankend, betonte er, datz ihm keine Anerkennung gebühre, da er ja immer nur getan, was seine — was jedes jüdischen Lehrers — Pflicht sei. Seine Rede klang in dem Wunsch aus, datz ihm wieder ein Nachfolger werden möchte, da die Wiederbesetzung der Stelle infolge der Sparmaßnahmen der Regierung gefährdet fei. Dann olgten wir der Einladung der Familie Gans zu einer Tasse Kaffee in die Suckoh, während die nichtjüdischen Herren im Hause bewirtet wurden. — Gemeinde, Jefchurun o. a. ehrten Herrn Gans durch sinnige Geschenke. Möge ihm noch ein langer, gesegneter Ruhestand im Kreise seiner Familie vergönnt sein, -uv nxn w- O.—Rh.

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