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Der Israelit · 1931-10-15 · Heft 42 (15.10.1931) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 42 (15.10.1931)
Date
1931-10-15
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Organ -es Krm-rs gesehestreuer jüdischer Kehrer Deutschlands. Verantwortliche Schriftleitung: L. Kaufmann, Sprendlingen - (Kreis Offenbach). Heinrich Ehrmann ^r-Ariedberg. Es ist bereit? in der letzten Nummer unseres Blattes von dem Heimgange unseres Kollegen Ehrmann berichtet worden. Doch die Persönlichkeit des Dahingeschiedenen, wie auch, das, was er in unseren Reihen war und wirkte, machen es zur Notwendigkeit, ihm eine besondere Würdigung zukomnren zu lassen. Ein langes Lehrerleben verbrachte er in der israelitischen Gemeinde Friedberg, und wie er es dort verstand, besonders die Herzen einer Jugend für die Gedankenwelt des gesetzestreuen Judentums zu össnen und zu erwärmen, die durch ihn erst Thaurohgeist und Thaurohleben kennen lernte, so trieb es ihn hinaus über den Kreis seiner Gemeinde zu den Berufskollegen/ die gleich ihm das Banner der mm zum af em bestimmenden Richtungs ill erhoben. In den jüd scheu Lehrerzusammenkünften lernte man ihn bald als den Mann reichen jüdischen und profanen Wissens und starken jüdischen Wollens kennen. Man erkannte in ihm die Führerpersönlichkeit. So ~ wirkte er mit sowohl bei ,der Gründung des Bundes gesetzestreuer jüdischer Lehrer wie auch des unabhängigen Vereins jüdischer Lehrer in Hessen. In beiden Jahren war er lange Jahre, als Vorstandsmitglied tätig. Es war nicht das Streben, in der Oefsentlichkeit eine Rolle zu spielen, die ihn in die vorderste Schützenlinie der gesetzestreuen Lehrerschaft einrücken lieh, sondern der Wille, im Dienste der mm zu arbeiten. Man übertrug ihm t bas Amt des Schriftleiters des neugegründeten Bundesorgans „Erziehung und Lehre". Hier stand er als rüstiger Känipfer, in der einen Hand die 'Kelle, in der anderen das Schwert. Die meisten Arbeiten, die damals in „Erziehung und Lehre" erschienen, entstammten seiner Feder, mochten es solche pädagogischen Inhalts sein oder solche! durch' die von nutzen kommende Angriffe abgewehrt wurden. Im hessischen Unabhängigen Verein war er lange Jahre Vorsitzender. Als die Vertreter eines jüngeren Geschlechts in dia Aemter des Vorstands einrückten, blieb er Ehrenvorsitzender des Vereins, denn man mochte seinen weisen Rat, sein Wort der Belehrung und Mahnung nicht missen. Sein Vereinseifer konnte besonders für die Jüngeren vorbildlich genannt werden, denn es kam wohl kaum vor, datz er einer Konferenz fern blieb. Wenn Ehrmann ein Referat übernommen hatte, so war das für die Teilnehmer ein Ereignis; aus jedem seiner Sätze sprach der im jüdischen Schrifttum bewanderte Gelehrte, der geistvolle und gewandte Pädagoge, der begeisterte und gefestigte Jehudi. So beklagen wir. gesetzestreue Lehrer den Heimgang unseres lieben Freundes und Vorkämpfers. Nicht nur feine Familie, seine Gemeinde Friedberg, auch wir haben ihn verloren, der uns Führer und Weiser war. -masm Die Harmonie der Persönlichkeit Worte der Erinnerung an meinen Lehrer Herrn H. Ehrmann V'nn in Friedberg. Im Talmudtraktat unv erheben unsere Weisen die Forderung jeder rrn müsse in» 12m, „innen wie außen", d. h. eine harmonisch in sich geschlossene Persönlichkeit sein. Es ist für uns Schüler unseres unvergeßlichen Lehrers immer die beglückendste Erkenntnis gewesen, daß an ihm diese hohe Forderung unserer Weisen voll und ganz erfüllt war, und gerade diese Erkenntnis war immer ein Ansporn, ihm auf die Pfade seines Lebens zu folgen. Immer und immer wieder suchte er in uns die Ueberzeugung zu festigen, datz die Erfüllung der wann pr? mxn Dipai> erst gekrönt werden müsse durch die strikte Beobachtung^ der 'nb .bis p» 'isn- Die leider häufig anzutreffende, Auffassung, als ob auf dem Gebiete der Wirtschaft und der Moral dem Machtbereich der Religion eine Grenze gesetzt sei, bezeichnete er als einen der verhängnisvollsten Jrrtümer dieses Zeitalters. Wie . er selbst für die Rückeroberung dieser Gebiete unter die Oberhoheit des E'ttesgefetzes kämpfte und opferte, kann an dieser Stelle nur skizzenhaft ausgezeichnet werden: In der Sphäre seiner wirtschaftlichen Interessen, in der er mich oft in sein Vertrauen zog, konnte mau an ihm auch nicht den Schein einer unschönen Regung entdecken und alle seine Entschlüsse entsprachen immer ebensosehr dem Prinzip des myn oii-va h?tt wie dem Kant'- schen kategorischen Imperativ. Von der fast übersteigerten Art seines pa zeugte — um nur dies hier anzuführen — sein fast verstocktes Schweigen gegenüber den persönlichen Angriffen. einer Frau, die in der betreffenden Angelegenheit von ihrem Manne falsch — gegen ihn — informiert war. Er brachte kein Wort der Verteidigung vor, nur um den ehelichen Frieden nicht zu stören. So tapfer er für sich zu schweigen verstand, so eifrig konnte er reden, wenn es galt, für die Erhaltung der — früher oft bedrohten — Institutionen unserer Gemeinde zu kämpfen oder anzueisern. Ich kenne wenig Menschen, an denen sich das Wort S. R. Hirfch's, datz für den wahrhaft frommen Menschen eine Million den Wert einer Stecknadel haben könne, wenn es gelte, Werke tätiger Menschenliebe zu üben, in so vollendeter Art erfüllt hat, wie an unserem Lehrer b"xr- Er, der für sich so sparsam lebte, weil er mit kargem Gehalt eine große Familie ernähren mutzte, schenkte, bürgte und lieh in großzügiger Weise, wenn es galt, Armen zu helfen oder Sinkende zu retten. Mit besonderer Sorgfalt beobachtete er den Hinweis unserer Weisen, auf die Söhne der Bedürftigen, von denen einst die mm ausgehen werde und er hat hierdurch manches Lebensschicksal nicht nur vor materieller und geistiger Rot bewahrt, sondern auch auf die Pfade der Thora gelenkt. So steht das Bild dieses Mannes vor uns: Ein Lehrer, ein Führer, ein Freund, wie er wertvolleredler und reiner nicht oft gesunden wird. Alle diese wundervollen rrnv hat der Verewigte — und das ergibt sich aus seinen seit dem 19. Lebensjahre geführten Tagebüchern — in stetem, unablässigen Ringen mit sich selbst erworben. In seinen jungen Jahren kämpft er gegen pädagogische Fehler an, er fatzt den Vorsatz zu grötzerer Andacht beim Gebete, zu größerem Fleiß beim Lernen und beschwichtigt Zweifel, die in ihm bei naturwissenschaftlichen und geologischen Studien aufsteigen, durch Beweisführung aus Talmudstellen. So steigt er von Stufe zu Stufe, um sich immer mehr dem Menschheitsideal der Tauroh zu nähern. Daß der Unterricht einer so harmonischen Persönlichkeit stets anregend, daß sein Eemoro-Schiur eine wahre Feierstunde war, braucht wohl nicht besonders betont zu werden. Seine Tagebuchaufzeichnungen aber sind geradezu erschütterndes Vermächtnis an uns Schüler, ihm in unablässigem Streben nach nnrni mm nachzueifern und die Seelen unserer Kinder mit dem Geiste dieses reinen edlen Menschen zu erfüllen. maxin- Dr. Siegfried Rosenthal (Frjedberg i. H.). Die Allgemeinbildung des jüdischen Religionslehrers. Von I. B. Hirnheimer in Würzburg. Der jüdische Religionslehrer muß gewiß ein gründliches Wissen in den jüdischen Fächern besitzen, wenn er seinen Unterricht erfolgreich gestalten will. Aber das jüdische Wissen allein macht ihn noch nicht zum Lehrer: Will er religiös erziehend wirken, will er die religiöse Entwicklung der Jllgend nachhaltig beeinflussen und den Erwachsenen seiner Gemeinde den Halt gewähren, den sie in unserer von Zweifeln und Problemen bewegten Zeit nötig haben, so mutz er über eine gediegene ^Allgemeinbildung verfügen. Vom Volkschullehrer, ja auch vom Lehrer der höheren Schule verlangt man heute weniger die bloße lieber, mittlung von Wissen, sondern Heranbildung von Persönlichkeiten. Die geistige und sittliche Reife des werdenden Menschen soll durch ihn Impuls und Richtung erhalten, derart, datz die Tätigkeit des Lehrers noch dauernd in der Seele nachwirkt, wenn der Mensch auch schon jahrelang dem Einslutz der Schule entzogen ist. Die pädagogische Wissenschaft der Gegenwart hat festgestellt, datz einen solchen Einslutz nur der Lehrer haben kann, der selbst eine geistige Persönlichkeit darstellt. Dazu gehört vor alleni eine gewisse Geistigkeit in der Grundhaltung, welche eine überdurchschnittliche geistige Begabung Voraussicht und eine Beweglichkeit, die nur aus einer vielseitigen tiefgehenden Bildung erwachsen kann. — Für den Religionslehrer mutz diese Forderung in erhöhtem Matze gelten. Ist es doch seine Aufgabe, die Welt des Religiösen in der Kindesseele für dauernd zu verankern! Was hat er erreicht, wenn er noch so viel religiöse Stoffe dem Kinde vermittelt hat, ohne in innere Beziehung zu seinem Seelenleben zu gelangen? Der suggestive Einfluß, der von seiner Persönlichkeit ausgeht, mutz auf alle Fälle stärker fein» als der entgegengesetzt gerichteter Kräfte. Das ist nur denkbar, wenn der Religionslehrer eine geistige Autorität darstellt für jene, auf die er wirken will. Für den jüdischen Religionslehrer ist das garnicht so leicht, da der Jude durchweg einen ungeheuren Respekt vor der Bildung hat; einen Menschen, an dem er Bildungslücken empfindet oder bloß vermutet, wird er nie als maßgebend für den Aufbau seiner Weltanschauung auf sich wirken lassen, oder auch nur für reale Beurteilung seiner Handlungen anerkennen. Praktisch bedeutet das zweierlei; . 1. Wenn das Bildungsniveau des Religionslehrers bei den Eltern keine Anerkennung findet, ist die Möglichkeit auf die Kinder durch Lehre und Beispiel einzuwirken, sehr stark beeinträchtigt; 2. Für. die späteren Willensentscheidungen des Schulentwachsenen ist die Tätigkeit eines solchen Lehrers gänzlich ohne Einslutz. Nun soll aber der jüdische Religionslehrer auch Führer seiner Gemeinde sein. Führer kann aber nur der sein, der seine Umwelt so versteht, datz er jederzeit dje entsprechende Haltung einzunehmcn vermag. Wie soll er aber diese Uinwelt verstehen können, wenn er ihr, auch nur zum Teil, an Bildung unterlegen ist? Dem Religionslehrer ohne umfassende Allgemeinbildung fehlt weiterhin in hohem Grade die Möglichkeit, die Stoffe des Religionsunterrichts mit Lebensnühe zu erfüllen. Er empfindet nicht die Probleme der Zeit so wie andere Menschen, die neben ihm direkt und indirekt aus Kinder und Gemeinde wirken; — er kann sie darum nicht entsprechend bei der Ausgestaltung und Form seines Unterrichtes berücksichtigen. Das gilt nicht nur gegenüber dem Schüler der höheren Schule, wie vielleicht mancher meinen wird, sondern auch gegenüber dem Volksschüler oder dem Erwachsenen mit bloßer Volksschulbildung. Denn auch die Bildung der Volksschule ist dauernd im Flusse; der. Bildungshorizont erweitert sich, Bildungsstoffe lösen einander ab. Ein Religionslehrer, dem nicht eine gediegene Bildung die Möglichkeit gibt, im Kontakt mit dem geistigen Leben der Zeit zu bleiben, „altert" allzu rasch, macht bald den Eindruck des Erstarrten und „Rückständigen". Das ist aber eine ganz besondere Gefahr. Alle Gegenströmungen gegen das Religiöse beginnen damit, datz sie den ganzen Komplex des Religiösen als etwas Veraltetes und Ueberholtes kenn-

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