Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1931)
- Date
- 1931-10-15
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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>;!:•? J r W j:;;ir?! .• I. ' In dieser Nummer beginnen wir mit dem Abdrücke einer Novelle «Indische Seelen" aus der Feder unseres Mitarbeiters. S aly Geis. Der Verfasser schildert das harmonisch-jüdische, segensreiche Lehen des Großvaters und zeigt am Leben des Vaters dje Ursachen, die den Abfall der Enkel Herbei? führten. ' " ■'* ' * Bei den älteren Lesern werden manche verblaßten Erinnerungen wieder Gestalt gewinnen, alle Leser werden aber — in der abwechslungsreichen, unterhaltenden Form der Erzählung — zum Nachdenken zahlreiche Anregungen finden. Mische Seelen. AiV Don Säly Geis in Tel-Awiw. „. 1. Die Seele des Großvaters. ' "BeschMichkeit 'atmete aus jedem Pftasizchm und Sternchen in der engen Talmulde zwischen den beiden letzten Anhöhen, mit denen sich die Berge zum Tal hin öffneten. Auch das Bächlein führte fein Wasser vorsichtig, als fürchte es sich,, die heilige Stille zu stören. Selbst, wenn eine Forelle das Wasser durchschoß und in Freude an ihrem Dasein hinaufsprang, geschah es in Harmonie zu der Stimmung dieses Erdwinkels. Doch dort, wo das Bächlein plötzlich in eine weite Ebene hinabschaute und nun sich zum Bache weitete, bildete eine jäh abfallende Steintreppe eine Wehr. Aber der nun stärker Gewordene wagte die Sprünge, sich mit lautem Tosen Mut zurufend. Mit der Ruhe war es jetzt vorbei. Ein mächtiges Mühlrad stemmte sich entgegen, und wenn auch hinter der Mühle dieser schwere Kampf aufhörte, so blieb dennoch der Friede gestört. Rechts und links der Ufer zogen sich Häuser und Gärten hin. Frauen spülten schwatzend die Wäsche, Kinder lärmten beim Spielen und Baden, Enten schwammen auf Raub. Wohl zweihundert Häuser bildeten enge, winklige Gassen um den breiten Marktplatz. Die fruchtbare Erde der Ebene hatte schon vor Jahrhunderten den Menschen zugerufen: „Bearbeitet mich!/" Die Menschen hatten den Ruf vernommen, hatten mit dem Pfluge die Erdschollen aufgeworfen und wie Soldaten in Reihe und Glied Samen in sie gesät. So wuchsen denn Getreide, Gemüse und Obst. Aber der Mensch ist nicht wie das Tier ein Rohköstler, und es genügt ihm auch nicht nur die Nahrung. Der Bauer braucht den Handwerker und den Kaufmann. Den letzteren Stand aber stellten im Städtchen etwa ein Dutzend jüdischer Familien. . Es war in den sechziger Jahren -des neunzehnten Jahrhunderts. Die Eisenbahn und der Telegraph hatten damals noch nicht überall hin ihre Fangarme ausgebreitet. Das Telefon war wohl schon erfunden, aber noch nicht in Anwendung. Auch raubte noch nicht dem Kleinstädter die Zeitung den ruhigen Genuß des Frühstücks. Die Verbindung zur großen Welt ließ sich nur dann und wann einmal von fern her vernehmen. So war es auch in unferm Städtchen. Die Menschen lebten, wie ihre Eltern und Großeltern gelebt hatten, dienten wie sie der Religion, erzogen wie sie die Kinder zum Gehorsam, buken gleich ihnen selber ihr Brot und füllten im Herbst ihre Vorratskammern und Keller mit Eingemachtem und Geräuchertem eigener Arbeit. Die Mädchen nähten noch selber ihre Aussteuer. Die Moden wechselten noch nicht mit jedem Jahre. Ein und länger Arbeit gab es viel. Man stand früh auf und ging spät zu Bett. Doch alles geschah ohne Ueberhastung. Die Zeit drängte nicht; die Räder rasten nicht, die Nachrichten Überstürzten sich nicht. Noch wurde der Mensch sich jedes einzelnen Tages? in seinen Stunden und seinen Minuten bewußt!'? Bei diesem Gleichmaß bedeutete, eine Reise ein Ereignis, und nur wichtig Gründe konnten nach reiflichem Ueberlegen sie veranlassen. Notwendige Einkäufe auf der Frankfurter öder Leipziger Messe, ein Pferde- oder ein Viehmarkt, ein Prozeß bei den höheren Gerichtsinstanzen zwangen, die'lieb gewordene Gleichförmigkeit der Tage zu unterbrechen und — von den Segenswünschen der ganzen Familie begleitet — in die Postkutsche zu steigen, um nach Stusiden die nächste Eisenbahnstation zu erreichen. Ham man dgun nach kürzerer oder längerer Fährt in einer ber Städte an, in denen der Verkehr flutete, dann schaute der Blick nur den Zweck der Reise. Sowie dieser erfüllt war, führte der nächste Zug schon den Familienvater zu den sehnsüchtfg,wclrtend'en Lieben heim. :jf! " V ' Es war ein Donnerstag, ein Tag> an dem die dreimal wöchentlich verkehrende Postkutsche im Städtchen eintraf. Der alte, wacklige gelbe Wagen hätte schon eintreffen sollen, aber auf ein halbes Stündchen mehr kam es seinen Rädern nie an. Am Postgebäude, das heißt am Gasthof zum schwarzen Adler, dessen Wirt auch als Posthalter seines Amtes waltete, stand schon ein Weilchen die Familie Blum. Salomon Blum, der Gatte und Vater, mußte jetzt mit der letzten Post vor dem heiligen Schabbos eintreffen. Sonntag früh war er zum Besuch der Frankfurter Ledermesse abgefahren. Die ganze Woche schon entbehrte das Getriebe des Hauses seiner freundlichen, aber sicheren Leitung. Sein Rat fehlte Riwkah, der unermüdlich tätigen Hausfrau, feine Belehrung dem zwölfjährigen Jizchok, der so viel wissen wollte und stets eine Anzahl Fragen in Bereitschaft hatte und seine liebevolle Zärtlichkeit der Zehnjährigen Hannah. Jetzt ertönte das Posthorn. Die Pferde, die den heimatlichen Stall witterten, setzten sich in schnellen Trapp, — noch eine Minute, ein straffes Anziehen der Zügel, und sie hielten mit solch heftigem Ruck, daß der einzige Passagier, Salomon Blum, beinahe vom Sitz geschleudert wurde. Der Posthalter öffnete mit lautem „Grüß' G'tt! Gesund wieder daheim?" den Wagenschlag, — und der Vater umfing seine Lieben. „Wie ging es ohne mich?" wandte er sich an seine Frau, indem er die Kinder vorausgehen hieß. „Es ist alles in Ordnung. — Auch mit den Kindern war ich zufrieden. Jizchok hat jeden Abend seine Gemoroh zur Hand genommen. Wahrscheinlich will er dich mit einem neuen Stück überraschen." „Dä bin ich gespannt! — Jedenfalls darf ein Junge int. Alter von Jizchok schon in den Schriften unserer Religion Bescheid wissen." „Mir scheint, als ob auch Hannah eine Überraschung plant. Sie bat mich um etliche Rollen Seidenfäden und lächelte auf meine Frage, was sie damit bezwecke, geheimnisvoll. Ich bin keine neugierige Fragerin und lasse den Kindern gern die Freude der Ueberraschung. Was wird es übrigens anderes sein als eine Kidduschdecke oder ein Misrach?. Beide fehlen uns noch." „Ein Misrach würde mich besonders erfreuen. Der Misrach zeigt nach Jerusalem, der Stätte unseres Heiligtums, das wir nie vergessen sollen. Es ist gut, daß ein Gedanke auch durch ein Symbol — und das ist doch ein Misrachbild —wachgehalten wird.". Qr.42 ' Während dieser! Warte näherten sie sich Blums Haus, das am Marktplatz lag. Es war ein bescheidenes, schmales Gebäude- Der untere Stock enthielt Büro und Lederlager, der obere die Wohnung. Durch die schwere eichene Haustür trat die Familie «jetzt in den Mur/ der gleich zu der Treppe führte. Oben stand schön der Abendbrottisch gedeckt. „Dü wirst müde und hungrig sein," meinte Frau Riwkah. „Wenn du dich frisch gemacht hast,, wollen wir uns gleich zu Tisch setzen, um noch vor der Dämmerung zü essen. Für heute abend hat sich Löb Stern aNgesagt; er will mit dir eine Gemilus - Chesied - Angelegenheit besprechen. Hoffentlich ist es dir recht und willst du, nicht noch ins Büro hinuntergehen. Uebrigens gibt es heute abend kein Minjon, da die Hälfte der Kehilloh noch über Land ist." „Dü hast als gute Frau gehandelt. Gemilus-Chessed ist unsere Pflicht, das Gelingen im Geschäft aber schilt G'tt. Wir müssen uns um unseren Broterwerb mit Fleiß .und Eifer bemühen^ dürfen aber, nie vergessen, daß wir dies rillt dem Tier gemeinsam' haben sind wst für höhere Zwe^e geschaffen wurden." Nach dem Essen wünschten die beiden Kinder „Gute Nacht". Meistens vertiefte sich dann der Vater in seine Bücher, um zu lernen, wie seine Väter gelernt hatten, die — auch, wenn sie neunzig Jahre alt wurden — bis zu ihrem letzten Tage Schüler blieben, Schüler G'ttes, Erforscher Seines Wortes. Heute ruhte er aus und sah seiner Frau zu, wie sie so flink und geschickt den Tisch abräumte. Diese aber erinnerte sich jetzt, daß Löb Stern bei ihrem Manne noch eine zweite Angelegenheit zur Sprache bringen wollte, die, wie sie fürchtete, ihm nicht angenehm sein werde. Daher begann sie etwas verlegen: „Sterns haben die Absicht, ihren Jungen gleich nach Jaumtauw in die Kreisstadt zu schicken, um ihn eine höhere Schule besuchen zu lassen. Bei unserem Lehrer kann er nicht mehr viel lernen. Auch ist es heute wegen des Militärs richtig, sich die Berechtigung für das Einjährige zu erwerben. Unser Junge ist mit Sterns Jungen im gleichen Alter; aus diesem Grunde möchten sie, daß beide in der gleichen Pension wohnen und die gleiche Klasse besuchen und so einander zur Stütze seien." „Keine einfache Sache! Bisher hatten wir unser Kind unter unserer Aufsicht. Auch war der Lehrer ein Jude, dem die Tauroh so heilig ist wie uns. Dort die Pensioneeltern sind wohl ordentliche Leute, Schabbos und Kafchrus werden bei ihnen gewissenhaft beobachtet, — aber es fehlt ihnen an jüdischer Wärme. Jungen im Alter der unsrigen, die schon bald Varmizwoh werden, brauchen ein Heim, durchweht von echter, warmer Jüdischkeit. Eine Gefahr ist es auch, da sie in der Stadt von christlichen Lehrern aus Büchern, die die Ideen und die Feste des Christentums verherrlichen, unterrichtet werden." „Du hast doch jüngst gesagt, daß man seine Kinder auf Gefahren vorbereiten muß, indem man sie stählt, ihnen zu widerstehen." „Das stimmt. Aber man soll nicht Gefahren suchen, sondern ihnen möglichst aus dem Wege gehen." „Die Frage ist aber, ob sich der Gefahr der christlichen Schule aus dem Wege gehen läßt. Bedenke, daß wir Juden jetzt gleichberechtigt sind und unsere Beziehungen zur Umwelt sich geändert haben!" „Aber unsere Beziehungen zur Tauroh haben sich nicht geändert und werden sich nie ändern! Die Treue zur Tauroh muß uns der Prüfstein für alle Beziehungen sein!" „Was willst du tun?"