Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1931)
- Date
- 1931-09-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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17. September 1931 Der Israelit Nr. 38 Seite 3 Erbarmen, das w i r empfinden und betätigen,' der goldene Schlüssel zudenKammern des g'ttlichen Erbarmens für uns ist, daß wir mit der Erfüllung von den Bitten und Flehen des Bruders die Schwingen für u n f e r e Gebete zu G'tt erhalten, daß die Tränen, die wir in unserem Kreise g e - trocknet haben, die unsrigen zu Ihm hinauftragen, der „sich besänftigen läßt durch Tränen." Wir schließen des Bruders Fehl in unser Bekenntnis ein, wie wir des Bruders Not in unseren Hilferuf einschließen. Anderer Vergehen ist unser Vergehen, seine Not unsere Not, der Gemeinde und Gemeinschaft Sorgen sind unsere Sorgen, bestimmend für die Zukunft unserer .Kinder und Klndeskinder. So lege uns Jomkippur die Not des Bruders, die Pflicht gegen Gemeinde und Gemeinschaft, ans Herz und bewahre uns davor, daß sich falsche Tränen und falsche Seufzer in das als Kollektiv zum Himmel steigende Gebet Israels mengen. Mit solchem Jomtippur im Herzen dürfen wir vielleicht vertrauensvoller dem kommenden Winter entgegensetzen! Grotz-Gagiow und dis JtoHono({o]io(if<en. Eine stehende Rubrik in der antisemitischen Flugschriftenliteratur ist die Angabe, der Jude Überlasse alle schwere Handarbeit in Feld und Fabrik dem Nichtjuden und diene dem Schachergeiste, zum Schaden für Land und Volk. „Habt ihr schon je einen jüdischen Arbeiter, einen jüdischen Bauern gesehen?" Nun haben sie einen jüdischen Bauern gesehen. In Groß-Gaglow hat der „Reichsbund jüdischer Frontsoldaten" bekanntlich eine jüdische landwirtschaftliche Siedlung errichtet, die etwas zu werden verspricht. Und nun kommen die gleichen Herren Nationalsozialisten mit einer „Kleinen Anfrage" an den Preußischen Landtag: „Dürfen jüdische Siedler deutschen Volksgenossen das Brot wegnehmen?" Das dürfen sie nicht, hätte der Minister antworten können, aber sie haben als Menschen und Deutsche das Anrecht, sich wie alle anderen mit ihrem Schweiße aus dem deutschen Boden das Brot zu holen. Aber seine Antwort fiel noch knapper aus: Es bestehen gegen die Siedlung in Groß-Gaglow keine Bedenken. Daß mit diesem knappen Satz der nationalsozialistischen Hetze gegen den ersten landwirtschaftlichen Versuch der deutschen Juden kein Ende gemacht wird, ist verständlich. Dr. Ludwig Freund erzählt im Organe des R. j. F., „Der Schild", Herrn Hitler und Konsorten, daß sich der jüdische Mittelstand in Deutschland in einer furchtbaren Katastrophenlage befinde, daß er stärker gefährdet sei, als der christliche Mittelstand, daß das jüdische Elend in Deutschland genau so zum Himmel schreie wie die Not der andern und daß die Herren darum kein Recht hätten, davon zu sprechen, daß jüdische Siedler deutschen Volksgenossen das Brot wegnehmen. Was damit den Herren in der Nachbarschaft des „Völkischen Beobachters" bewiesen werden soll, ist uns nicht ganz klar. Glaubt man etwa, sie werden einen Numerus clausus der Wirtschaftsnot für die Juden beantragen? Würde Hitler und würde fein „Völkischer obachter" darauf verzichten, von dem zu sprechen, wovon zu sprechen sie kein Recht haben, sie hätten schon längst die Sprache für immer im Sinne des N'S ppn verloren. Wichtiger für uns ist das Eingeständnis des „Schild", daß die Errichtung des Siedlungsgutes Groß-Gaglow nur ein Beginn fei, von dem man noch nicht sagen könne, ob ihm eine organische Verwurzelung jüdischer Bevölkerungsteile auf dem Lande und eine tiefreichende Verbundenheit mit der g e s u n d e n A t m o s p h ä r e ländlichen Berufes folgen werde. Den Ring krisenhaften städtischen Daseins kann die deutsche Judenheit als Kollektiv vorläufig nicht sprengen, weil sie durch jahrhundertelange Entwicklung in dieses Dasein gepreßt wurde. Das ist vernünftige Einsicht, die sich von den großen Worten bei der Propagierung und Einweihung von Groß-Gaglow wohltuend abhebt. Je weniger man sie an die große Glocke hängt — das haben auch Erfahrungen in Palästina gezeigt — um so mehr versprechen jene Versuche, sich, ungehemmt von antisemitischer Hetze und Querarbeit, zu einer gesunden Urzelle neuen jüdischen Landlebens in Deutschland zu entwickeln. Wenn wir von der „gesunden Atmosphäre ländlichen Lebens" sprechen, denken wir natürlich auch, und nicht zuletzt, an die r e l i g i ö s e Innig k e i t, die der alten jüdischen Dorfgemeinde den Halt und das Gepräge gegeben hat, die sie zum Reservoir machte, aus dem sich Ströme des Lebens für Stadt und Land ergossen. Es erübrigt sich, im Einzelnen. zu wiederholen, was geschehen muß, um diese ländliche jüdische Atmosphäre wieder zu schaffen. Die Initiatoren und Leiter des Werkes in Groß-Gaglow haben bestimmte Versicherungen nach dieser Richtung gegeben, die sie als Ehrenmänner auch einhalten werden. Unter diesen Voraussetzungen hätten wir die „kleinen" und großen Anfragen von feindlicher Seite nicht zu fürchten. Schenken Sie zu den Feiertagen einen j Füllfederhalter. 1000 schreibfertige Halter zur Auswahl! mit 14 karat. Goldfeder ab Rmk. 3.— : Osmia-Supra, Parker Duofoid, | Montblanc, Pelikan, Waterman |i Hausmarken: Ceka und Juwel l und andere Marken CARL KLIPPEL Kaiserstrasse 75 Schreibwaren aller Art Die Pflicht zur Hoffnung. Betrachtung zur Jahres- und kulturwende. Von B. C. Ein Wort unserer Weisen (R. H. 8b) lehrt: „Nicht früher versammelt sich das Gericht, als bis das Gericht der Erde den Neumond geheiligt hat, vor dem Throne G'ttes, denn so heißt es: (Pf. 81, 4—5) „Stoßet am Neumond ins Horn, am Mondverhüllungstag-, der unser Fest ist, denn ein Gesetz ist es für Israel. Doch auch über die Völker richtet G'tt erst nach dieser Zeitbestimmung der Behörde Israels; darum schließt der Psalmvers: und ein Gericht dem G'tte Jakobs. Mit Namen genannt aber, so schließen die Weisen, ist Israel nur deshalb, weil Israel als erstes Volk Gegenstand g'ttlichen Gerichtes ist; ja, sie bezeichnen es als unser königliches Vorrecht, als Erste gerichtet zu werden, oder aber als besondere Vaterliebe G'ttes, der uns in das Strafgericht der Anderen nicht mit einbeziehen will." Soweit unsere Weisen. Unsere Zeit soll uns ihr Geheimnis ergründen. Von G'tt gerichtet zu werden, G'tt als Herrn und Richter über sich zu wissen, ist eine Eigenschaft, die man täglich besitzt oder niemals. Entweder man weiß'sich nach den Anfangsworten des Schulchan Aruch stündlich und jeden Augenblick, im Handel und Erwerb so gut wie im Gebet, im Genuß so gut wie in der Entbehrung von G'tt beobachtet und gerichtet. Oder aber man weiß davon nichts, weiß keinen Herrn über sich, — dann ist der Tag des Gebets so unheilig wie der des Erwerbs und unser bw -G'ttesdienst so wertlos vor dem G'tt der Wahrheit wie unser tägliches Atmen und Genießen. Wie kann man einen g'ttlichen Tag des Gerichtes anerkennen getreuen stützen und fördern? Werden nicht die Reihen der Schächtgegner verstärkt, wenn diese auf die vielen Hinweisen können, die ihren Tisch nicht rein und heilig erhalten? Oh, daß doch'der heilige, erhabene Tag sich uns als der Elijahu bewährte, von dem uns gesagt wird, er kommt mpVrmüV zu läutern und zu verbindenbv rvns ib Dnias Vjr d’ja aVi, er bringt das Herz der Väter zu den Kindern und vereinigt dje Jugend mit dem Alter! Dann erfüllt sich an uns allen die wunderbare Verheißungdes Propheten: ampi-i j?irr£ ,c>i^ „Friede, Friede dem Fernen wie dem Nahen." Selicha. In der ergeifenden Selicha rmn mwy vbv> die — nach östlichem Ritus — m ans und 3"’ v'nms gebetet wird, ist der in jeder Strophe wiederkehrende Ausdruck bi rj nroa ms schwierig. Das hängt damit zusammen, daß, worauf ich durch Professor Simonson-Kopenhagen hingewiesen wurde, die Satzkonstruktion der Selicha ursprünglich eine andere war (vgl. Zunz, Ritus 145) und Imperative auswies, die sich an das g'ttliche Gnadenwalten richteten. Dieser Vokativ wurde jedoch vor etwa 400 Jahren aus bestimmten Gründen umgestaltet und infolgedessen erscheint der Sinn des Ausdruckes miaa mn bi kj dunkel. Man wird ihm nun am besten gerecht, wenn man ihn als Parenthese faßt und etwa folgendermaßen übersetzt: „Oh, möchte doch allwaltend der Spruch der Gnade ragen!" Kaatz, Hindenburg-O.-S. Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feutlletoti S. Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate t. B.r S. Schach' nomttz, ebenda. —Jfär die pädagogische Beilage: Lehrer L «aufm»»«, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag des Israelit «nd Sermon ®. nt. b. H., Frankfurt a. M. — Druck: Hormon-Druckerei, Frankfurt a. M. Kleines Feuilleton. In der Gemeinde R. Akiba Egers. Nachdenklich fährt man, wenn man nach zwölf Jahren wieder einmal in Posen ankommt, durch die Straßen, hinunter in die Stadt. Alte Erinnerungen werden wach. Ein gewaltiger jüdischer Impuls ging einst von hier aus nach dem Westen. Aber diese Epoche ist restlos überwunden, und Posen gehört mit allen semen Teilen einem neuen Zeitalter an. Wohl selten' hat sich die Struktur einer Kehilloh innerhalb eines Jahrzehnts so stark gewandelt wie hier; es ist wirklich im wahrsten Sinne des Wales alles „anders" geworden. Diese jüdische Gemeinde Posens wird gerade dann zu einem ernsthaften Erlebnis, wenn inan damals vor 1918 in ihr aufgewachsen und mit ihr innerlich verbunden gewesen ist, und wenn man plötzlich — jetzt wiederkehrt, sozusagen heimkehrt. Die Heimkehr ist sehr schwer geworden. Ein paar Menschen, jüdische Führer, bewundernswert optimistisch und opferbereit, sind aus der „deutschen Zeit" noch geblieben; sie haben die unheimlich große und zum Teil kopflose Flucht damals in den Jahren 1918 bis 1921 nicht mitgemacht, und man hat eigentlich die Pflicht, ihnen eine erhebliche Portion Dank zu zollen. Die jüdische Öffentlichkeit mutz mehr als bisher an diese jüdischen Männer denken, die dort im abgetretenen Gebiet ein altes jüdisches Erbe verwalten, und die auf einem Posten kämpfen, der in mehrfacher Hinsicht schwer und vereinsamt ist. Auf dem Büro der Synagogengemeinde, das in den Räumen untergebracht ist, in denen einst der unvergessene Dr. Wolf FeilchenfeldV'xt gewirkt hat,erzählt Herr Sekretär Jacobsohn liebenswürdig wie früher, vom Werdegang der Gemeinde in den letzten zehn Jahren der politischen Umstellung, von den Sorgen und Nöten und von den Erwartungen, die man an die Zukunft richtet. Der Kern der früheren Kehilloh, Kausleute und vor allem Handwerker, ist nach Berlin oder Breslau gezogen. „Cs wäre für viele besser gewesen, nicht auszuwandern", meint Herr Jacobsohn; und man wird ihm, wenn man die wirtschaftliche Entwicklung der verflossenen Jahre bedenkt, recht geben müssen. Ein paar Akademiker sind zurückgeblieben. Vorsteher der Gemeinde ist Rechtsanwalt Cohn. Etwa 450 Familien mit einem geringen Prozentsatz von Steuerzahlern bilden die Kehilloh von heute. Das Rabbinat ist verwaist, seitdem Dr. Freimann nach Berlin berufen worden ist. Herr Jacobsohn erledigt zugleich einen Teil der Rabbinatsfunktionen, und er wird auch des öfteren in die Gemeinden der Provinz gerufen, die allesamt nur noch Torsos einer vergangenen Blütezeit darstellen. „Viel Interesse hat man neuerdings für Posen", meint Herr' Jacobsohn, eine Anzahl Berichterstatter ist unterwegs und begehrt Interviews, und es ist nur zu wünschen, daß die jüdische Welt sich mehr und mehr an eine Gemeinde erinnern möge, in der einmal ein Akiba Eger W gelebt und gewirkt hat. Herr Jacobsohn zeigte noch einen aus Holz geschnitzten Hirschkopf, der ans der Wohnung von Rabbi Akiba Eger stammt und jetzt im Gemeindehause ausbewahrt wird. Dieser Hirschkops hat als Behältnis für ~rrmv~ gedient, mit deren Hilfe einst ein Posener Wunderrabbi jede ßLoche seinen „Golem" ins Dasein gerufen haben soll. — Die Posener Kehilloh hat ferner in Herrn Erabowski eine jüdische Persönlichkeit vom Format der „alten" Zeit. Auch hier erfährt man .daß die Wandlungen der politischen und wirtschaftlichen Situationen nicht imstande waren, am Fundament der Posener Gemeinde gu rütteln. Der G'ttesdienst wird nicht bloß im „großen Tempel", den einstmals Dr. Wolf Feilchenfeld im Ereifenalter eingeweiht hat, regelmäßig aufrechterhalten, sondern außer-