Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1931)
- Date
- 1931-09-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 38 D e r I s r q e I i t 17. September 1931 und begehen? Das ist es, worauf in Obigem unsere Weisen.antworten: G'tt hat die Gemeinschaft derer, 'die Ihm folgen, zu Herren über ihre und über Seine Zeit eingesetzt. Er hat sie befreit ^vvn her Knechtschaft der Sonne, die dein Erwerbe strahlt und dem Siege-, dem- Alltag scheint und seiner Not. Er hat Israel vom Augenblick seiner Erwählung an vor Sein Sternenzelt gewiesen und es gelehrt, des wiederkehrenden Mondes zartes Licht in seinem Anfang zu erwarten. Er hat Israel gelehrt, den Kälender nach dem Mondlauf einzuteilen, nicht nach den Tagen der Sonne, er lehrt uns nur vom schwindenden und wiederkehrenden Lichte der friedlichen Nacht, vom stillen Freunde des nächtlichen G'ttesworterforschens, vom verschwiegenen Zeugen nächtlichen Forschens und Leides Seine Tage und Seine Nächte zu zählen. Und wenn der Eine Mond neu erstrahlt, der anderen Menschen zu täglicher und nächtlicher Erntesreude leuchtet, dann leuchtet diese kleine Himmelssiche! dem jü? bischen Beobachter zu verstärkter Einkehr und Umkehr. Erst wenn beim Ernteneumond ein Jude G'tt den Richterthron aufstellt, wird dem Juden und der Welt das Urteil gesprochen. Weshalb nicht früher? Weil erst mit dem Neumond der Jahreswende der ganze Mensch ans Tageslicht tritt. Jetzt, wo alles reift und zugleich erste Verfallsspuren zeigt, in.dieser Jahreszeit des fallenden Blattes und der fallenden Frucht, jetzt erst zählt der Mensch, der über den Tag hmausdenkt, seine Tage und Jahre. Jetzt will er, interessierter als sonst im Jahre, wissen, ob und wie er die Wiederkehr aller der Herrlichkeit erleben wird, die eben jetzt reist-und verfällt. Vor dem Grauen des Verfallsgedankens aber bewahrt ihn der Anblick des Mondes, der eben aus seinem Schatten zu neuem Lichte hervoreilt. Aber nicht nach den Gesetzen des Himmelskörpers „Mond" und seines Laufs richtet sich Israels Festkalender; — sondern danach, wie Israels Weise diesen Mondlauf beobachtet, und, seit Hillels n. Zeiten für ewig, berechnet und festgesetzt haben. Nicht blinder Zwang herrscht über uns, der auch den Mond in seine Bahn zwingt. Sondern freies Wollen und freies Können, freie Entfaltung der ganzen Persönlichkeit, Losreißen von allem „Muß" und „Kann-Nicht" des Alltags ist Aufgabe des wahren Sohnes Israels. Deshalb ist G'ttes Gericht über uns beim aufstrahlenden Erntemonde nicht an die Gesetze des Mondlaufs allein, sondern an ihre Einrechnung in die alte unumstößliche Zeitordnung unserer Weisen gebunden. Selbst das Horn des G'ttesgerichtes schwieg am diesjährigen Jahresbeginn, weil heiliger als die kalendergemäße WiedMehr des Jahresbeginns un^ die ewige Siebenzahl des Sabbat die k eft y -e m Himmelskörper abgesehen wird und in ihrertiElpigkeit usts über alles Erschaffene erhebt. Beredter als ^tausend».? Worte, eindeutiger als alle Klänge verkündete Ms von unseren Weisen verlangte Schweigen des Schofar am diesjährigen ersten Roschhaschana die Allherrschaft des Sabbat. An ihm vollzieht sich selbst G'ttes Richterspruch in tiefem Schweigen. Es schweigen oder schallen unhörbar ja soviele Dinge, mit denen G'tt uns richtet (JoMa 20b): Wenn ein Kind sein Erdendasein beginnen will, — seine Stimme durchzittert unhörbar das Weltall. Wenn eine Menschenseele den Erdenleib verläßt, — ihre Stimme durchbebt unbeachtet das All im Verlöschen.. Wenn der Tag sich „gleich der Säge im Zedernholz" gewaltsam seinen Weg durch die himmelreine Menschenseele bahnt, daß sie zu Nichtigkeiten zerschleißt, — überallhin rauschen des Alltags Seelentrümmer, und niemand hört sie, niemand hebt sie auf. Wenn eine Stadt zur Weltherrschaft gelangt und alles Leben und allen Erwerb in sich zieht,!— unhörbar' tost ihr Lärm bis in die letzte Hütte der verlassensten Ortschaft, die um ihre Erwerbsquelle gekommen. Das alles wußten schon unsere Weisen. Wir leben in einer solchen Zeit der Welterschütterung. Die großen Zentren des Haridels und Erwerbes haben Alles an sich gerissen. Der Erwerb und das Leben früher mittelgroßer Orte gleicht dem der kleinsten, und im kleinsten ist alles erstorben. Den Lärm der großen Weltzentren hören Alle. Wir Juden verstehen ihn. Wir sind dem Geschicke der Anderen nur vorausgeeilt; der Herbstmond, der über die ganze Kulturwelt strahlt, hat uns z u e r st gerichtet. Die Prüfung durch Reife hat die heutige Welt nirgends bestanden, und überall ist die Reife sofort in Verfall übergegangen. Nicht nur des Bodens Frucht hat nicht genügend Abnehmer; auch die geistige Arbeit findet nicht mehr die alte Achtung und- Wertschätzung. Alle alten seelischen Werte wanken; alle strahlenden Herrlichkeiten der Kultur sind verdunkelt. Was für hellste Aufklärung gegolten, versinkt im Schatten der Unbedeutsamkeit. Keine Sonne leuchtet am Himmel unserer Hoffnung, kein Mond spendet dem Gewölk unserer Sorgen einen schwa- DIAISN “Puder bewahrt Ihren Liebling vor Würrdsein. ch§n Trost. Es ist, als oh,GH die^Wdenvvlker Me richtet und zurechtweist, und. alsdb das Volk Israel auf dem Gange zur -Richtstätte Mr einige Schritte voraus sei. Wo 'KP.Iyheßentz. Sorgen- Haben, trifft uns Not,„rnrtz armt sind, hat uns das Elend gepackt und der Boykott dazu. Uns richtet G'tt am härtesten. Denn von uns erwartet er das Größte, und wir haben uns diesen großen Ewigkeitsaufgaben nicht gewachsen gezeigt. ,• ■" Unsere Ewigkeitsaufgaben'! Wer Jude muß nicht Weltgeschichte studiert haben. Obgleich die Geschichte jedes Volkes zugleich die-der.. Unterdrückung Israels ist, kennt der Jude aus eigenem Empfinden und ohne Völkerkunde die Unverwüstlichkeit seines Charakters. Wenn man in frommen Gemeinden um die jüdische Jahreswende die Synagogen überfüllt sieht, in Großgemeinden lebhaft besucht und sogar in versprengten Provinzsiedlungen die Beter , unter außergewöhnlichen Mühen und Opfern sieh versammelnsieht, dann muß selbst der Verzweifeltste Einsicht gewinnen: Auch heute ist düs Licht Israels nicht verlöscht. Auch in dieser dunklen Zeitepoche drängt sich ein Neumondlicht hervor. Aus dieses Licht hat G'tt gewartet. G'tt zählt nicht die gedrängten Scharen und verachtet nicht die versprengten Reihen der Beter. Er sieht in das Herz. des' Einzelnen. Er grüßt den Neumond, den Israel heiligt. Er erkennt die Semigen an der Unzerstörbarkeit ihrer Ideale. Das Volk Israel, das allen Gewalten zum Trotz seine Reinheit und aller Zerstreuung zum Trotz seine Einheit im Dienste G'ttes erhalten hat, kennt in seinem Wortschätze nicht das Wort „unmöglich", wenn es gilt, die heilige Ueberlieferung durchzusetzen. Daran, daß in gegenwärtiger Zeit überhaupt'noch jüdisches Gemeindeleben vom größten bis zum kleinsten Ort möglich ist, sollten wir Juden die gewaltige Macht' unseres Ideals erkennen, die auch ohne irdische Stützung ungebeugt weiterlebt. An dieser Macht aber sollte ein Jeder von uns auch seine eigene Aufgabe als Einzelner erkennen. Er sollte diese Einsicht als einen Neumondsstrahl vom Lichte altjüdischen echten freien Willens begrüßen. Zum vollen Mondesstrahl reift ihm diese Einsicht, wenn er an ihr sich selber zu messen Mut findet und sich sagt: Das kann auch ich in meinem kleinen und beschränkten Lebensweise! Auch ich kann in einer Zeit der Zerfahrenheit reell und redlich, in einer Zeit des verzweifelnden und betäubenden Genusses enthaltsam, in einer Zeit der Willensverachtung und der einseitigen Sportkultur wißbegierig bleiben, kann mit diesen hervorragenden Eigenschaften meiner dem noch in der sogenannten kleinen „Königsberger Schuf". Im Betraum der früheren Brüdergemeinde (einst liberal) findet nunmehr jeden Schabbos ein Mlnchah-G'ttesdsenst für die Jugend statt, und die Schulzimmer dieser Ge-? meinde dienen dem Haschomer-Hazair als Jugendheim. Im jüdischen Krankenhaus, das an der Peripherie der alten Stadtteile in einer herrlichen Umgebung liegt, hat man einen Teil der Räumlichkeiten an eine Krankenkasse verpachtet, um dadurch in der Lage zu sein» noch etwa 40 Betten für jüdische Kranke bereithalten zu können. In der Uliea Stawna besuche ich das jüdische Knabenwaisenhaus, in der Zydowska (Judenstraße) die Lah'sche Anstalt, das Altersheim, und man hat Gelegenheit, einen jüdischen Greis von 102 Jahren zu sprechen, der geistig und körperlich äußerst rege ist. Im Waisenhaus treffe ich ein paar Lehrlinge; sie werden Handwerker. Man hat ihnen Lehrstellen besorgt, in denen sie am Sabbath von der Arbeit befreit sind. Aber sie müssen dafür statt 4 Jahre eine Lehrzeit von 51/, Jahren durchmachen. Das ist ein großes Opfer, wenn man bedenkt, daß sie dann militärpflichtig sind und also direkt von der Gesellenprüfung in die Kaserne wandern müssen. Unsere deutschen Jünglinge sollten daran denken, wenn sie bei der Berufswahl gewöhnlich über die Sabbathfrage stolpern . . . Ueberhaupt der jüdische junge Mensch im polnischen Heer. In Posen ging man gerade zum Tisch^oh B^Aw nach Schul, als die Straßen um die Synagogen dicht voll waren mit jüdischen Soldaten. Der militärische Dienst ist nicht frei von Schikanen, selbstverständlich. Man kennt das von früheren Zeiten, und man erinnert sich an den Geist deutscher Kasernenhöfe. Dennoch Hort man, daß den religiösen Anforderungen der jüdischen Soldaten in Polen im weitesten Maße Rechnung getragen wird. An jedem Feiertag ist dienstfrei, Pessach und Sukkaus sämtliche acht Tage, auch Purim, Tisch'oh B'Aw. Für jemand, der MS Deutschland kommt, ist es ein besonders merkwürdiger Anblick, in den Bankreihen der Synagogen diese Hunderte I von Soldaten , zu sehen. Und noch seltsamer war es,'-als mich einer dieser Krieger am Arm nahm und wir beide das alte Posener Beth-Hamidrosch, das ehrwürdige Beth- ^chlauinoh, die Stätte des jüdischen Studiums, aufsuchten. I. Raphael. (Ein Interview.) Das „Neue Wiener Journal" veröffentlicht ein Gespräch seines Mitarbeiters Otto König mit dem früheren deutschen Kronprinzen Wilhelm, das rn Mondsee, wo sich der Erkronprinz gegenwärtig als Gast des Grafen Almsida aushält, geführt wurde. Der Kronprinz wehrte sich energisch dagegen. Antisemit zu sein. Auch der „Stahlhelm" sei nicht antisemitisch. „Ich will Ihnen", fuhr der Crkronprinz fort, „anknüpfend an das Thema, das, wir eben berührten, die lustige Aeußerung einer jüdischen Dame in Berlin erzählen, die sehr viel Witz hat und mit der ich mich getne unterhalte. Wir machten eine kleine Autofahrt, und ich fuhr scharfes Tempo, das ihr vielleicht etwas zu gefährlich schien, denn sie meinte plötzlich: „Das wird sehr komisch sein, kaiserliche Hoheit: wenn uns bei diesem, Tempo was passiert, werden unsere Knochen so durcheinander gekommen sein, daß meine vielleicht in die Fürstengruft kommen und Ihre auf den Jüdischen Friedhof in Weißensee." (Von der Holbeinbibel zur Amsterdamer Haggadah.) „Von der Holbeinbibel zur, Amsterdamer Haggadah", lautet die Ileberschrist eines Aufsatzes, den Rahel Wisch- Nitzer in dem soeben erschienenen Heft der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" veröffentlicht. Sie zeigt, -, daß die Uebereinstimmungen älterer Haggadahbilder mit Holbeins Bildern zur Bibel auf die Benutzung christlicher Mittelquellen zurückgehen; insbesondere hat die Kunst M. Merians auf die Haggadahillustration gewirkt. Sie veranschaulicht aber auch, wie die jüdischen Meister, welche die Haggadah geschmückt haben, die christlichen Vorlagen im Sinne ihrer Religion abzu- I ändern vermochten. Im gleichen Hefte gibt A. Tartakower eine Uebersicht über das jüdische Schulwesen 'in Polen, welche lebhaft veranschaulicht, wie schwere'Opfer die verschiedenenen Richtungen des. polnischen Judentums bringen^ um die Jugend in ihrem Sinne zu erziehen. Das Heft enthält auch einen Aufsatz des Greifswalder Alttestamentlers Schütz über Ausgrabungen in Palästina. Ihm, wie dem Aufsatz der Frau Wischnitzer sind Bildbeilagen hinzugefügt. (Die natürliche Bevölkerungsbewegung der Berliner Juden.) Das Statistische Amt der Stadt Berlm hat kürzlich die endgültigen Zahlen über dir Bevölkerungsbewegung in Berlin i,n Jahre 1930 veröffentlicht. Danach ergeben sich für die jüdische Bevölkerung Groß-Berlins im Jahre 1930 folgende Bewegungen: Geburten: Aus rein jüdischen Ehen wurden 1127 Kinder lebend, 29 Kinder tot geboren. Dazu kommen noch 90 lebendgeborene -uneheliche Kinder und ein totgeborenes uneheliches Kind jüdischer Mütter. Aus Mischehen mit nichtjüdischer Mutter stammten 174, aus Mischehen mit jüdischer Mutter 110 lebend geborene Kinder. Eheschließungen: Die Zahl der rein jüdischen Eheschließungen betrug' 1019, die der jüdisch-nichtjüdischen Mischeheschließungen 492, die der nichtjüdisch-jüdischen Eheschließungen 280. Sterbefälle: Die Gesamtzahl der jüdischen Sterbefälle in Groß-Berlin belief sich -aus 2453. Davon waren 1303 Männer, 1150 Frauen. j Sterbeüberschuß: Bei Nichtberücksichtigung der aus Mischehen stammenden Gebürlensälle ergibt sich danach im ganzen Jahre 1930 für die Berliner jüdische Bevölkerung ein Sterbeüberschuß von 1434 Personen. Der Sterbeübetschuß war — wie Dr. Hubert Pollack im Eemeindeblatt der jüdischen Gemeinde zu Berlin bemerkt — fast so hoch wie im Jahre 1929, obgleich die Sterblichkeit hinter der von 1929 um beinahe 300 Personen zurückblieb.