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Der Israelit · 1931-09-17 · Heft 38 (17.9.1931) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 38 (17.9.1931)
Date
1931-09-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 38 Der Israelit 17. September 1931 Leben hervorgeht, selbst Leben zeugt und Leben enthält, tragen wir Verantwortung für das Leben, ist der Arewus-Gedanke integrierender Bestandteil jüdischer Lebensanschauung. Tragen wir somit Verantwortung für alles Geschehen überhaupt, so doch in erster Reihe und in viel höherem Grade für alles Geschehen in der Sphäre unseres Einflusses und unserer Mitbestimmung: in unserem Hause. Die Zelle des jüdischen Volkes, das jüdische Haus, aus welchem dem jüdischen Volkskörper die Kräfte seiner steten Erneuerung zufließen, muß seiner Bestimmung nach ein vv» isnpa sein: „Die Herrlichkeit G'ttes süllr das Haus," wahrer jüdischer Geist muß in ihm herrschen und ihm das Gepräge verleihen. Denn vom jüdischen Geist des Hauses, nicht von der jüdischen Schule, hängt der Erfolg oder Mißerfolg der jüdischen Erziehung ab. „Und ich, dieses ist mein Bündnis mit ihnen, spricht der Ewige, mein Geist, der auf dir ruht und meine Worte, die ich in deinen Mund gelegt habe, so sie nicht weichen aus deinem Munde, dem deiner Kinder und Kindeskinder, spricht der Ewige — dann von da an bis in Ewigkeit." Und nur wenn am heiligen Eifer der Eltern sich das Pflichtgefühl der Kinder entzündet und alles im Haufe jüdischen Geist atmet, ist die Gewähr für den Bestand des Hauses geboten, denn „wenn G'tt das Haus nicht baut, dann mühen sich umsonst die Bauleute." Ein kritischer Blick auf das jüdische Haus, das jüdische Familienleben, zeigt die gewaltige Kluft zwischen Idealität und Wirklichkeit... Wie oft müssen wir mit Entsetzen die große Entfremdung zwischen Jugend und Alter wahrnehmen, die Verständnislosigkeit beobachten, mit der sich Kinder und Eltern nicht selten gegenüberstehen. Schuld daran ist meistens die Lauheit, mit der die jüdischen Belange im Hause behandelt werden, das Fehlen eines leuchtenden und zündenden Vorbildes eifriger Pflichterfüllung. Denn nur Feuer zündet, und nur Begeisterung überträgt sich und reißt mit. irpn ua *iddi darum suche man Sühne zu erwirken für Sünden am eigenen Haus, für das mitverschuldete Welken und Absterben zarter Blüten, jugendlicher, verheißungsvoller Menschenknospen. Und sie kann nur erzielt werden durch den Entschluß, unser Haus zu einer Pflegestätte jüdischen Geistes auszugestalten und durch eigenes Vorleben unsere Kinder zu Trägern jüdischer Ideale, zu Wahrer» jüdischer Ueberlieferung, zu Pflegern jüdischen Gedankenguts, also zu wahren Jehudim zu erziehen. Aus der Auffassung des Lebens als eines großen Veziehüngssystems der Menschen zueinander ergibt sich zwangsläufig, daß der dem Menschen gestellte Aufgabenkreis die enge Sphäre von Haus und Familie durchbricht und über sie hinauswächst. In weit höherem Grade noch als dem Menschen schlechthin erwachsen uns Juden als dem G'ttesvotke Pflichten der Gesamtheit gegenüber. Nicht nur haben wir für ihr Wohl mitzuarbeiten und die allgemeine Wohlfahrt zu fördern, unser ganzes Leben muh vielmehr so gestaltet sein, daß es zu einem o-anzi own ump wird. Denn nur wenn unser Leben von der Art ist, daß irT» trnip Lw tragen wir zur Förderung der G'ttesidee bei, und bewirken wir, daß die von uns in den Bölkerboden gestreute G'ttessaat auch einst aufgeht. Bedenken wir jedoch, zu welchem Begriff eine lieblose Welt das Wort „Jude" umwerten konnte, denken wir ferner an die Unmasse von Vorurteilen, mit denen man uns Juden begegnet, weil man so ungerecht ist, die jüdische Gesamtheit für die Vergehen Einzelner verantwortlich zu machen, so werden wir uns kaum von der Mitschuld an diesem bedauerlichen Zustand sreisprechen können. 'men bnp bv -wvi Darum gilt es, Sühne zu erwirken für derartige Sünden, wiederum nicht durch bloßes Schuldbekenntnis, sondern durch Stärkung des Bewußtseins unserer großen Verantwortung gegenüber der Gesamtheit, daß wir bei allen unseren Handlungen nie das Gesamtwohl aus dem Auge verlieren, daß wir uns nicht zersplittern, sondern uns einen in dem gemeinsamen Ziele, „einen Bund zu schließen, um G'ttes Willen zu vollbringen." Stärken wir so das Gefühl unserer dreifachen Verantwortung und fassen wir den Entschluß, der dreifachen Schuld dreifache Sühne zu erwirken, so haben wir des großen Tages tieferen Sinn erfaßt, um dessen Ausgang uns nicht bange zu sein braucht. „Denn dem Morgenrot gleich bricht dann, dein Licht hervor und schnell gedeiht deine Heilung, dir voran zieht deine Gerechtigkeit und deinen Zug beschließt des Ewigen Herrlichkeit." Wochenrundfchau. Echte und falsche Tränen. „Vorüber ist der Sommer, zu Ende die Zeit der Ernte, die Hilfe blieb aus." Ein von jeher beliebtes Thema für Predigten der Herbstfeier- > tage aus Jirmejahu Kap. 8, diefesmal aber ein. Notschrei aus tausend Herzen in den Tagen der Weihe, ein die Freude des Hüttenfestes trübender Mihton. Die Feiertage beschließen ein schweres Jahr, einen sorgenvollen Sommer in der Politik und in der Wirtschaft, und leiten einen „Winter des Mißvergnügens" ein, der zu schweren, ernsten Sorgen berechtigt. Soll man darum verzweifeln, weniger denn sonst Kraft und Vertrauen schöpfen aus der ewigen Quelle, die unsdie Skala der heiligen Tage, vom Ellulhorn bis zur „Freude an der Thora", bietet? Wir wären keine echten Juden, keine Nachkommen derer, die tausend Jahre im Ghetto, umdräut von Haß und Habgier, es dennoch verstanden, Feste der Weihe und Feste der Freude zu feiern, wenn wir von den Stürmen in der Luft den Kurs unseres Lebensschiffleins bestimmen und bedrohen ließen, wenn wir, um ein Bild aus dem technischen Zeitalter zu gebrauchen, es nicht verständen, auf den Schwingen des Festerlebens, unter Abwurf von Ballast, uns in h ö - Here Luftschichten hinauszuarbeiten, wo in G'ttesnähe eine bessere und schönere Sonne strahlt . . . Es werden dieses Jahr am Jomkippur viele stille und ehrliche Tränen und Seufzer zu G'tt emporgeschickt werden. Für manch einen wird der Aufschrei zu „unserem Vater, unserem König", uns einzuschreiben in das Buch vonnvi->s eine höchst persönliche Angelegenheit sein. Allein sehen wir darauf, daß sich nicht auch falsche Tränen und falsche Seufzer unter jene mischen, die Aufnahme finden sollen unter dem Throne der g'ttlichen Herrlichkeit. Man weiß, wie wir das meinen: Nicht viele,, aber immerhin Einzelne, sind heute noch in der glücklichen Lage, in alter Weise oder in vermindertem Maße, ihrer Pflicht als Menschen und Juden nachzukommen. Ihrer viele tun es und kennen die Forderung der Zeit an sie. Manche aber unterlassen es unter Berufung auf die kritische Lage, auf die Not, glauben, in Umbiegung. des->i2L.n 70 tznisn brrmit dem Zibbur weinen zu müssen, statt kraft ihrer bevorzugten Stellung, der Notzu steuern und des Zibbur Tränen trocknen zu helfen. Das wären die f a l - s ch e n Tränen und Seufzer, die sich wie den Gebeten Israels in den Weg stellen könnten,, daß sie die Pforten des Himmels nicht erreichen. Wir rufen in unseren Gebeten, mit denen wir in diesen Uebergangstagen den Morgen wecken, die „Einsammler des Erbarmens", die „Ueberbringer der Gebete und des Flehens", die „Tränensammler" an, daß sie für uns sprechen. Es dürfte wohl so gemeint sein, daß das' Verantwortung. Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. Wir stehen nun wieder vor dem hochheiligen Tage, der aus der Liebe und verzeihenden Gnade G'ttes geboren, die Perle in der Krone unserer religiösen Uebungen ist. E i n Tag ist er, der D’-nsan oi», den nur das Judentum kennt, wie ihn auch nurnuoa rinn einmal im Jahre Israels Bekennerschar begeht. Ein Tag, der als nae? als Sabbat der Sabbate hoch hinausgestellt ist über alle anderen Zeiten des Jahres, der als onvan omn m» als Tag ganz besonderer Auszeichnung gepriesen, uns alljährlich ein Vorgenietzen des verheißenen ewigen paradiesischen Glückes vergönnt. Keine neue Sonne leuchtet da am Firmament, es sind derselbe Mond und die gleichen Sterne, die die alten Bahnen wandeln. Doch in uns ist ausgestrahlt das Licht der G'ttesnähe, da weichen die finsteren Schatten der Sorge und werden beschwichtigt alle Stürme um uns, und Frieden und innere Harmonie, innere Beseligung und Ruhe bemächtigen sich unser, und als höchste Himmelsgabe wird uns der Heilsbecher der Läuterung und Versöhnung gereicht. An einem solchen Tage mutz verstummen ivem der Geist des Bösen und der Verneinung, mag er auch sonst an allen Tagen des Jahres Israel zum Hinderer und Ankläger werden ... Es ist em kühnes Wort, das da unsere Alten gesprochen haben. Die Engel versammeln sich und treten vor G'ttes Richterthron hin und stagen stürmisch: na’nsan dv »na»« Wann ist der Tag der Versöhnung? . Der Herr aber antwortet ihnen: Laßt uns zur Erde herniedersteigen und den Menschen selber befragen . . . Wann bricht für alle der ewig währende Tag der Versöhnung an? — Das ist die Frage der Himmlischen — wann werden die Menschen nicht mehr hadern und streiten, eingedenk, datz sie alle G'ttes Kinder sind, die einander lieben und achten sollen? Der Herr aber, der den Menschen frei geschaffen, verweist seine Himmelsdiener auf die Erdenkinder, denen die Entscheidung zufällt. Sie müssen erst Einkehr üben und in Einsicht wollen, datz die Frucht der Versöhnung am Baume der Menschheit reife. Die Menschen selber vermögen an ihrem Glücke zu zimmern, sie tragen die Verantwortung dafür, wenn nicht Harmonie und Frieden und Liebe in der Welt das Zepter führen. Die Menschen haben es in ihrer Hand, die Engel des Lichts und der Wahrheit zur Erde zu zwingen, datz der Tag anbreche, an dem sich Himmel und Erde berühren zum Segensgrutz für die begnadete erlöste Welt. Was der Mensch vermag, so er den rechten Willen aufbringt, das bezeugt vollends der msa di». Wie schafft doch dieser Tag eine neue Welt des Glückes uns, voil Weihe und Reinheit und richtiger Schätzung aller Ewigkeitswerte. Er zeigt uns, welche Kraft in uns wohnt und welcher Trieb nach Reinheit uns beherrschen kann. Als Kinder G'ttes lebt in uns ein l>?aa pl-n, ein g'ttlich Teil dem Himmel entlehnt. Wir sind verantwortlich, unser ist die Schuld und Sünde, datz wir den Glanz in uns und um uns getrübt. Warum lehnt sich heute unser Inneres gegen die Sünde auf,, datz wir nach Vergebung rufen? Warum jubeln wir, daß wir auch neben uns, um uns, das gleiche Sehnen nach Läuterung wahrnehmen? Heute leuchtet das Ewige, siegt das Heilige in uns, darum triumphiert das Gute und herrscht die Liebe. Heute möchten wir schuldlos sein wie in der Kindheit Tagen und werten auch den Bruder, die Schwester als Kinder G'ttes, die wie wir vom Schöpfer auf die Erde gesetzt sind, sie zu beherrschen und zu bezwingen. Soviel Kraft soviel Heiligkeit und Lichtfülle entströmt heute unserem Wesen, sind wir da nicht verantwortlich, wenn sonst, wo das Leben ruft und der Kampf tobt und die Sünde lockt, alle guten Triebe von der Sinnlichkeit gefesselt werden und das Irdische das Ewige unterbindet? Verantwortung! Diese müssen wir anerkennen und auch überall in Rechnung setzen. In unserem Sündenbekenntnis sprechen wir von Sünden, die der einzelne gewiß nicht alle begangen hat. Wir sprechen uns selbst aber schuldig, fühlen uns mitverantwortlich für die sittlichen Gebrechen, an unter denen die Menschen leiden. Wir könnten viele soziale und sittliche Schäden verhüten. wenn wir uns überall unserer Verantwortung bewußt blieben und dieses Bewußtsein das Regulativ unseres Handelns wäre. Wir sprechen das Sündenbekenntnis in der Mehrzahl, weniger um unsere Schuld auf die Schultern des anderen zu werfen, als vielmehr, weil hier die Liebe des Nächsten siegt, die mitfühlt und mittragen will. Ist diese Verantwortung schon groß, wo sie das Menschliche trifft, wie wird sie erst zu einer Last, wo durch unser Tun und Lassen das Religiöse gefährdet werden kann. Daran mögen wir vor allem denken heute an dem Ehrentage unserer Glaubensgemeinschaft. Wir sind ohnehin als eine Gesamtheit, als eine große Schicksalsgemeinschaft hinausgestellt worden unter die Völker. Die Schuld des einen haftet der Gesamtheit an oder wird ihr meist zur Last gelegt. Sollten auch wir nicht daran denken, wieviele Gefahren wir beseitigen könnten, die dem Religiösen drohen, wenn wir uns nur unserer Verantwortung bewußt blieben? Bedeutet es nicht eine große Gefahr für die Heiligung und Erhaltung des Sabbats, wenn so viele, die es könnten, nicht die Sabbat-

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