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Der Israelit · 1931-04-23 · Heft 17 (23.4.1931) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 17 (23.4.1931)
Date
1931-04-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2. Nr. 17 Der Israelit 23. April 1931 fährdet wird, ist ein besonderes Unglück, das man jedoch nicht als unabwendbar betrachten darf. Eine Zusammenfassung aller interessierten Kreise ist vielmehr dringender und unsrer Ueberzeugung nach auch aussichtsreicher als je. Vochenrundschcru. Die spanische Republik und wir. In Spanien hat eine unblutige Revolution den Königsthron weggefegt. Das Volk der Spanier jubelt in der Maienblüte der Republik. Dies das Ereignis der Gegenwartsgeschichte. Es sind 430 Jahre Her, daß wir Juden als Gemeinschaft an Spaniens Geschicken nicht mehr direkt beteiligt sind. Umwälzungen in Spanien können bei uns nur historische Erinnerungen wecken. Aber diese sitzen nicht als Geschichtsdaten in unserem Gedächtnis, sondern mehr in unserem Blute und bewegen unsere jüdischen Herzen. Spaniens Geschichte und Geschicke von Ferdinando bis zu Affonso mühten als Menetekel am Horizonte Europas für alle Völker leuchten, die glaubten und noch glauben, mit dem Haß statt mit der Liebe als Triebkraft für die Räder der politischen Maschine auszukommen. Spanien, in erster Reihe Granada und Castilien, die in der maurischen Zeit, nicht zuletzt unter dem Einfluß und -eifrigen Mitwirkung der jüdischen Denker und Staatsmänner, einen Höhepunkt auf allen Gebieten der Wissenschaft und Wirtschaft erleben, sinken politisch und kulturell von Stufe zu Stufe seit dem Auszug der Juden. Dis Scheiterhaufen, mit denen Torquemada das Licht des neuen christlichen Spaniens in die Welt hinausleuchten läßt, sind die Brandstätte für alles kulturelle und wirtschaftliche Leben im Lande der Inquisition. Der Niedergang Spaniens vermehrt sich von Jahrhundert zu Jahrhundert in dem gleichen Maße, wie der Aufstieg der Länder, die die Flüchtlinge aufnahmen, so H o l l a n d s , vor sich geht. Spanien ist bis an die Schwelle unseres Jahrhunderts eine lebendige Bestätigung der lapidaren Jirmejahu- Mahnung: .kun'bx rridn nsn iöw nbdix nb 'kiep vnp Und es ist gewiß kein Zufall, daß der wirtschaftliche Aufschwung in Spanien zu Anfang unseres Jahrhunderts mit der Bewegung im Lande zusammenfällt, das vierhundertjährige Unrecht wieder gutzumachen und ibüc Enkel derer, denen man einmal Heimat und Habe genommen, wieder ins Land zu rufen. Die Aktion zur Wiederansässigmachung der spaniolischen Juden in Spanien hat bis jetzt keine nennenswerten praktischen Früchte gezeitigt. Aber der Wille war da, der Geist hatte andere Richtung genommen. Und nicht zuletzt diesem Umschwünge ist es zuzuschreiben, daß sich in den letzten Jahren in einigen Städten Spaniens kleine jüdische Gemeinden bildeten, — zwar keine Zellen für den alten Geist von Cordowa, Toledo und Varzelona, aber immerhin Asyle für Flüchtlinge aus Nordafrika und Osteuropa. Diesem neuen Geiste ist es ferner zu danken, daß sich unter den Marranennachkommen in Spanien und Portugal der Wunsch und der Wille regten, den Anschluß an das alte Judentum, daran sie das Erbe des Blutes immer lauter gemahnt, zu suchen. Sie dürfen sich als Juden frei bekennen, ohne sich einer Gefahr oder einer gesellschaftlichen Aechtung auszusetzen. Man. hat in der jüdischen Welt die Dinge in Spanien mit Interesse und Spannung verfolgt. Auch für Völker und Länder hat G'tt in seiner allumfassenden Liebe den Weg der N2iv»r> gezeichnet. Und wir Juden sind' ein Volk, das Sünden der Geschichte verzechen und vergessen kann. Nunmehr geht Spanien aus dem Schmelztiegel der Geschichte als ganz neuer Staat hervor. Wir hatten gegen die monarchische Form im Lande und das Königshaus nicht das geringste vorzubringen, sie haben die obenangedeutete Bewegung nach der Richtung der Toleranz und Wiedergutmachung unseres Wissens nie zu verhindern gesucht. Wir haben keinen Grund, den Sturz Alfonsos zu begrüßen. Aber wir wollen in der neuen Republik noch einen weiteren und vielleicht den letzten Schritt zum Freiheitsgedanken sehen. Die ersten Erlasse der republikanischen Regierung, mit der Parole des gleichen bürgerlichen und r e l i g i ö s e n Rechtes füralle, zeigen, daß mit dieser letzten Konsequenz eines starken Volkswillens auch die letzten Schranken politischer und religiöser Engherzigkeit gefallen sind. Dann können unter der milden Sonne Spaniens nach den bereits vorhandenen Ansätzen vielleicht auch wieder Heimstätten des jüdischen Geistes ausblühen. Die Evangelische Kirche und der Nationalsozialismus. Nach der katholischen Kirche, die z u e r st die Gefahr eingesehen hat und demgemäß den Nationalsozialismus als den grimmigsten Feind allen G'ttesglaubens abgetan hat, kommt nun etwas spät, aber nicht zu spät, auch ein Teil den Evangelischen Kirche, um ein Wort der christlichen Liebe der Haßdemagogie entgegenzuhalten. In Stuttgart kamen die evangelischen Geistlichen zur Frühjahrskonserenz zusammen, und der Stuttgarter Stadtpfarrer L a m p a r t e r hielt ein Referat über das V e r h ä l t n is der christliche n zur jüdisch e n R e l i g i o n. Er wollte nur die r e l i g i ö s e Seite behandeln. Ist nicht Antisemitismus Antireligion, Verhöhnung den göttlichen Botschaft an die Menschheit: „Seid Brüder, Kinder eines Vaters" schlechthin? Wir erfahren aber aus dem Referat Lamparters, daß es neben dem politischen, alle Religion negieren-- den Antisemitismus auch einen ausgesprochen „religiösen" Antisemitismus gibt, der von dret Hauptverbänden propagiert wird. Die Exponenten dieser drei Observanzen heißen Falk, Dinter und Reventlow. Ueber allem stehe Hitler, ohnedurchdachte und geordnete Ideologie, mit einen Weltanschauung, die einzig auf blindem Fanatismus und dem Glauben an sich selbst beruht. Solch blinder Fanatismus kann deu Teil des Judentums nicht sehen, der mitträgt,. mitleid-et und mitarbeitet an Deutschlands Geschick. Mit der Ablehnung alles jüdischen und alttestamentarischen Wesens untergräbt man die Grundlagen des eigenen Hauses. Natürlich steht der Redner auf dem paulinischen Standpunkte, daß der Talmud (er kennt ihn aller Wahrscheinlichkeit nicht), der den Gesetzescharakter des Judentums auf die Spitze treibe, sich mit der" christlichen Lehre und Glaubens dogmatik nicht vereinbaren laste (daß der Talmud etwas ganz andreres sei als die Lehre dies N. T., hat keiner bestritten!), aber den religiösen und ethischen Hintergrund auch dieses Werkes erkennt er voll an. Den durchaus logischen und vornehm gehaltenen Ausführungen schloß sich eine Aussprachean, die bei allem Widerstreite der Meinungen dach das Gesamtbild Zeigte: Die evangelische Kirche Württembergs steht in ihrer überwiegenden Mehrheit scharf ablehnend dem Nationalsozialismus gegenüber. Vorherrschend war die Meinung des Stadtpfarrers E i s e n w ein, daß der Antisemitismus, nicht als eine Gefahr für die Indern Urchaz. Das Händewaschen vor Karpas. Von Joseph Carlebach. Zu meiner Freude hat mein schlichter Aufsatz: „Der Gedankengang des Seder" sehr aufmerksame Leser gefunden. Aus ihrem Kreise wurde ein Zweifel geäußert, ob die dort gegebene Erklärung des ersten Händewaschens richtig sei- Der Talmud (Pes- 115 b) gebe doch eine andere Deutung. Es sei die Frage daher kurz besprochen. In der Tat hatte im Urseder, bei dem das Peflachlamm in der heiligen Stadt verzehrt wurde, das Händewaschen vor dem zweimaligen Eintunken eine andere Bedeutung. Es war ein Schutz vor Tumah, wie Toflaphoth z. St. bemerkt, damit der einzelne nicht für den Genuß des Opfers (und der Trumah) die Eignung verliere. Insofern war dieses Händewaschen parallel der N'tilas Iodajim vor Brotgenuß, dessen Hauptbedeutung in der Konsequenz des Trummahessens (mipne ss’rach trummah) lag. Da für uns heute der Selbstschutz vor sakraler Verunreinigung, der Tum'ah nicht mehr geboten ist, so ergibt sich die Frage, ob für uns die Pflicht des Wafchens vor dem Eintunken von Speisen noch gilt. Darüber streiten die maßgebenden jüdischen Gesetzeslehrer. Die Mehrheit und der allgemeine Brauch entscheiden, daß diese Pflicht heute in Wegfall kommt. Daher auch gemäß dem angeführten Tossaphoth eine Vrocho über Händewaschen vor dem Eintunken als unzulässig unterbleibt Zusammenfassend schreibt Rabbenu Ierucham (Beth Joseph Orach Chajim 158): „Einige Erklärer stellen Händewaschen vor dem EinMnken dem vor Brot gleich und verlangen auch eine Brochoh, andere aber sagen, daß es nur der Reinlichkeit wegen ist (irnsebum n'lcijus ) und keine Brocho erfordert, denn nur für Brot ist es vorgeschrieben; und diese letztere Meinung scheint die entscheidende zu sein." Nun flogt es sich, warum hat sich im Gegensatz zu der sonst im Leben üblichen Praxis grade bei dem Seder das Händewaschen vor Eintauchen des Karpas erhalten, allerdings nur für den Hausherrn, nicht für alle Teilnehmer? Da erscheint es mir wahrscheinlich, daß es als Ausdruck besonderen Reinlichkeitsbedürfnisses und größerer Verfeinerung dem Cheruscharakter der Peflachnacht einen Nachdruck verleiht, als ein Hinweis daß wir durch die Fronarbeit bei Lehm und Ziegeln nicht vergröbert und verbauert wurden, sondern die Adelssitte der Vornehmheit uns bewahrt haben. Und wenn es sonst strittig ist, ob man zum Genuß von Früchten sich waschen darf, ob nicht das Wort von Raw Nachmon gilt, daß solches Waschen Hochmut verrät (Chulin 106a; vergl. Beth Josef l. c.), so schreibt doch der Smak: „sich .dafür die Hände zu waschen zur Reinigung (ckerseb nelciju8), das hat kein Bedenken." Für diese Gelegenheit des Seder ist es also gewiß als Symbol der Vornehmheit angebracht. Kleines Feuilleton. Der neue Band von Rabbi Aron Lewins Penlakeuck-Werk. Der bekannte, neuerdings gerade wieder stark heroorgettetene Sejmabgeordnete Rabbiner Aron L e w i n in R z e s z o w hat den ersten Teil seines herrlichen Pentateuch-Kommentars, der unter dem Namen ri'sm ®-nn erscheint, in überraschend kurzer Frist den zweiten Band auf trinr 'o folgen lassen.*) Das Wort „Kommentar" ist zwar nur in uneigentlichem Sinne auf das Werk anwendbar, dessen Ziel nicht die fortlaufende Exegese des Textes bildet, sondern die lose Verkmipfung einer selbständigen und vielgestaltigen jüdischen Gedankenwelt mit dem G'tteswort. Allein, es gewinnen doch zahlreiche Stellen des Thoratextes an Hand dieser eigenartigen a-Emri Sinn und Verständnis unter ganz neuen Gesichtspunkten. Was aber das Buch Lewins besonders charakterisiert, ist die seltene Synthese von ausgebreiteter talmudisch-rabbinischer Gelehrsamkeit, klarem populärphilosophischem Denkens, umfassender Weltkenntnis und einer bemerkenswerten wissenschaftlichen Genauigkeit aus philologischem, historischem und archäologischem Gebiete. Es mag banal klingen, aber es ist doch nur der Ausdruck eines bei der Lektüre des Werkes sich ganz besonders lebhaft aufdrängenden Gefühls, wenn man sagt: Das Studium dieses wissenschaftlichen Buches ist geradezu kurzweilig, ja spannend, und ein wahrhaftiger *) Me? pbn -min ’tznyin ntpnn bi; jvsrm wnn. Vilgurat 5691. N. Kronenberg. 476 Seiten.

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