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Der Israelit · 1931-04-23 · Heft 17 (23.4.1931) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 17 (23.4.1931)
Date
1931-04-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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23. April 1931 Der Israelit Nr. 17. Seite 3 sondern mehr als eine solche für das d e u t s ch e Volk aufs en t f ch i e d e n st e z u bekämpfen f e i. Der bekannte evangelische Gelehrte Johannes Fischer sieht im Antisemitismus die g r ö ßte Gefahr für die ch r i stl i che Kirche, deren ethische Forderungen alle von ihm wie von einem Sturmwind weggefegt werden. Rassenhochmut, betonten andere, sei der Tod der ch r i st l i chen M i ssionstätig - k e i t. Wenn ein Mitglied betonte, das religionslose Judentum, wie es sich hie und da ln Presse und Kunst breitmache, sei eine ebenso große Gefahr für die Kirche, so haben wir dagegen nichts einzuwenden, es sei denn, daß, wo Rellgionslosigkeit sich gegen Ewigkeitswerte der Menschen austobt, keine Rede mehr von „Judentum" fein kann. Abtrünnige Brüder dürfen so wenig als typisch für den Geist des Judentums bezeichnet werden, wie Kommunisten oder Nationalsozialisten für den Geist des Christentums. Auch ein paar Freunde der NationalfoZialisten kamen zu Mort, aber entscheidend blieb die Ueberzeugung. daß die Haßkampagne gegen das Judentum von der Kirche abzulehnen und zu bekämpfen, und daß die Abwehr des An tisem itis - mus als eine Pflicht der Wahrhaftigkeit und der Gerechtigkeit für das deutsche Volk, in erster 'Reihe die evangelische Kirche, anzufehen sei. Man darf nach alldem hoffen, daß, geleitet von diesen Erkenntnissen, nunmehr die Evangelische Kirche im gesamten Reiche aktiver als bisher in den Kampf gegen die Feinde aller Religion und wahrer Menschenkultur tritt. Amerikas Judentum. Lehren der Statistik. Von Saly Geis in Tel-Awiw. Das „American I -e w i f h Committee" veröffentlicht durch Dr. Harry S. L i n - field eine 191 Seiten umfassende statistische Arbeit unter dem Titel „The Communal Organization of the Jews in the United State s.“ Statistische Zahlen haben eine beredte Sprache, wenn man sie zu lesen versteht. Die hier vorliegenden Zahlen sind für den, der sich nicht von großen Zahlen blenden läßt, sondern sie in Verhältnis zueinander fetzt, nicht erfreulich. Im Jahre 1927 lebten in den Vereinigten Staaten 4V» Millio n e n Juden, aber nur '/»Million Kinder besuchten jüdische R e l i g i o n s s ch u l e n. Normaler Weise hätte ihre Zahl mehr als "/»Million betragen sollen. Es war längst bekannt, daß drüben nicht einmal die Hälfte der jüdischen Kinder Religionsunterricht empfängt; — nun aber steht die erschreckende Tatsache vor unseren Augen, daß nur etwa 30% der Kinder etwas von der Thora, der jüdischen Geschichte und der hebräischen Sprache erfährt, — und auch dies mag in der Regel wenig genug fein. Die Ursache für diese Verhältnisse ist in dem starken Amerikanisierungsprozeß zu suchen. Dieser Vorgang wird z. B. auch durch den allmählichen, aber ununterbrochenen Rückgang der jüdischen Presse in jüdisch - deutschem Idiom illustriert. Das jüdische Leben pulsiert nur auf sozialem Gebiete lebhaft. Ihre Philanthropie ehrt die Juden Amerikas. Aber bei einer seelischen Einstellung bewußten Judentums würden auch diese Leistungen sicherlich und weit größer fein. Philanthropie nicht als Ausfluß gedachten und gelebten Thorajudentums, sondern als Ersatz für dieses entbehrt der Vererbungsfähigkeit. Wenn daher die amerikanische Judenheit nicht die Parole „Zurück zur Thora" aufzugreifen weiß, dann wird mit dem Verschwinden der heutigen älteren Generation, die ihre Jugend noch itf der Thora-Atmosphäre osteuropäischer Judengassen verbrachte, auch die Philanthropie Nachlassen. Es gibt heute schon eine Anzahl ganz indifferenter Juden in Amerika, die große Summen für alle möglichen Zwecke, nur nicht für solche der Judenheit spenden und jüdische soziale Institutionen höchstens mit kleinen Beträgen bedenken. In die Augen fallen, glänzend nach außen dastehen, repräsentieren ist die Hauptsache! Luxuriöse, aber leere Synagogen, 111 Zeitschriften mit einer möglichst glänzenden Wiederspiegekung der gesellschaftlichen und sozialen Vorgänge in der amerikanischen Judenheit, große, repräfentable Kranken-, Waisenusw. -Häuser, Organisationen, die mit großen Summen soziale Hilfe in der Weltjudenheit leisten, — so gibt sich im Wesentlichen die amerikanische Judenheit! Das Werk des Joint Distribution Committee. Den Delegierten der Konferenz des American Joint Distribution Committee, die Ende März in Newyork abgehalten wurde, wurde ein vom Sekretär des IDE Joseph C. Hyman verfaßter Bericht über das gesamte bisherige Werk des Joint Distribution Committee vorgelegt. Der Bericht zeigt, wie sich das im Jahre 1914 gegründete Committee in den 16 Jahren seiner TAPETEN LINOLEUM UND DEKORATIONSSTOFFE A. GUTHEIM ROSSMARKT 25 TEL. 25141 Tätigkeit zur größten jüdischen Hilfsorganisation entwickelt hat, die ihre Tätigkeit auf über 40 Länder erstreckt. In den Jahren 1914 bis 1921 hat das Joint Distribution Committee, vorwiegend für Zwecke direkter Unterstützung, annähernd 37 Millionen Dollar ausgegeben. Von 1921 bis 1930 war die Tätigkeit des Committees in erster Reihe auf das soziale und wirtschaftliche Wiederaufbauwerk konzentriert, für das insgesamt etwa 41 Millionen Dollar aufgewandt wurden. Zur Leitung der verschiedenen Arbeitsgebiete wurden fünf Kommissionen eingesetzt: Die Kommission für wirtschaftlichen Ausbau unter dem Vorsitz von Herbert H. Lehman, die Kommission für Waisen- und Kinderfürsorge unter Leitung von Dr. Solomon Löwenstein, die von Bernhard Flexner geleitete Kommission für medizinische Fürsorge, die Kulturkommission unter dem Vorsitz von Dr. Cyrus Adler und die Flüchtlingskommission, die von David M. Breßler geleitet wird. Der verstorbene Louis Marshall war Vorsitzender einer Spezialkommission für Rußland. Die Flüchtlingsfürsorge erstreckte sich auf das weite Gebiet zwischen Ostsee und Schwarzem Meer, von Lettland bis nach Rumänien und Konstantinopel. Das Flüchtlingskomitee arbeitete in engem Kontakt mit JCA und Emigdirect.. Im Laufe der letzten zehn Jahre hat das IDE etwa 1.925.000 Dollar für die Flüchtlingsarbeit ausgegeben. Die religiös-kulturelle Hilfsarbeit erstreckte sich auf über 2000 religiöse, kulturelle und weltliche Lehranstalten in Osteuropa mit einer Gesamtzahl von 250 000 Studenten. Allen diesen Anstalten sowie den Jeschiwoth, Talmud Thoras und verschiedenen Elementar- und Mittelschulen in Palästina, ferner dem Ezras Thora-Fonds in Newyork und dem amerikanischen Pro Falascha- Komitee u. ct. m. wurden von der Kulturkomw.js: sion Subventionen gewährt. Im Jahre 1930 Hai das IDE einschließlich der Subventionen an palästinensische Anstalten für kulturell-religiöse Zwecke 173.000 Dollar ausgegeben. Die Ausgaben der Kulturkommission seit 1921 betragen 2.950.000 Dollar. Die medizinisch-sanitäre Abteilung des IDE hat in Polen allein von 1921 bis 1923 216 Bäder, 66 Spitäler, )7 Fürsorgestellen und 9 Sanar-op uw für jeden, der sich darin versenkt. In buntem Wechsel ziehen an uns vorüber Schriftwort-Erklärungen und Midraschdeutungen von oft überraschender Einfachheit und Gradlinigkeit, Exkurse über Fragen der jüdischen Weltanschauung, Ausflüge in das Gebiet der jüdischen Geschichte, gedankenvolle Erörterungen aktueller Zeitprobleme, grammatische Bemerkungen, die ans Kleinste anknüpfend, oft zu den interessantesten und überraschendsten Ergebnissen führen, halachische Erörterungen, die ein r-iww2 von heute gewiß seltener Weite verraten. Von besonderem Reize ist vielfach die geistvolle Deutung agadischer Stellen durch die Heranziehung der historischen Zeitlage und der persönlichen Erlebnisse der Autoren dieser Aussprüche, wobei helles Licht über bisher dunkle Stellen unseres Schrifttums verbreitet wird. Es würde zu weit führen, wollten wir die zahlreichen Stellen dieser Art, an denen der Geist und der Scharfsinn des Verfassers Triumphe feiern, im Einzelnen anführen. Die Schönheit und schlichte Einfachheit der Sprache, in die der Verfasser seine Gedanken kleidet, ist besonders zu rühmen. Ausführliche Sachregister am Schlüsse des Buches erleichtern die Benutzung und geben zugleich ein übersichtliches Bild von der Fülle der neuen Erkenntnis, die die Frucht der Geistesarbeit des Verfassers bildet. Wir sind überzeugt, daß das herrliche Werk seinen Weg durch die jüdische Welt machen und daß es als eine wahrhafte Bereicherung der rabbinifchen Literatur zum Pentateuch auch den Beifall der Kenner finden wird. Sin Bekenntnis Dinkers. Von A. Mannheimer in Delkelbach. Dem tglmudischen Grundsätze n-mrrv '»» nvrrn nrr bsp entsprechend, nimm die Wahrheit an von wem auch immer, soll auch einem Dr. Dinter in dieser Beziehung Genüge geschehen. Bekanntlich war Dinter Mitbegründer der Hitlerpartei, in Thüringen Vorsitzender und Führer der nationalsozialistischen Fraktion. Aber er machte den Verrat im Hitlerlager nicht mit und sieht dort vor allem keine religiöse Grundlage. Er kennt auch den Faschismus bis ins Herz hinein und weiß, daß das nicht jene Front ist, die Deutschland „Erneuerung" und „Befreiung" bedeuten könnte oder „das dritte Reich". In No. 38 seines „Geisteschnstentum" berichtet er von einem Vortrag zu Berlin, in dem er zum Judenproblem u a. Folgendes ausführte: „Im völkisch-nationalen Lager der jüngeren Generationen glaubt man, daß der Jude an allem schuld: sie wähnen, wenn man die Juden enteignete und nach Palästina schickte, dann hätten wir von heute auf morgen das Paradies auf Erden. Als ob dadurch an unseren Zuständen auch nur das allermindeste geändert würde! Diese blinden Schwärmer sehen nicht, daß dann ja die. weißen Juden zurückbleiben, die es ja schon längst so machen wie die schwarzen, daß die blonden und blauäugigen Schieber und Schufte um kein Haar besser sind als ihre schwarzen Konkurrenten; es kommt ihnen gar nicht zum Bewußtsein, daß die allermeisten sogenannten christlichen Nichtjuden, auch wenn sie antisemitischen Parteien und Verbänden angehören und das Hakenkreuz in Erbpacht genommen haben, sich in ihrer ganzen, lediglich auf Gewinn und Genuß eingestellten Lebensführung in nichts, aber auch gar nichts von solchen Hebräern unterscheiden. Sie erkennen nicht, daß die völkische Weltanschauung sich mit bloßem Antisemitismus nicht erschöpft, daß sie nicht in Heil- und Hoch- Und Niederrufen, in Trommeln und Trompeten. Paraden und Fahnenschwenken besteht, sondern ihren Bekennern die Aufgabe stellt, alles das, was sie am Juden verurteilen und verdammen, zunächst einmal selber abzulegen und die sittlichen Forderungen der völkischen Weltanschauung durch eine vorbildliche Lebensführung vor allem an sich selber zu verwirklichen." — Wie groß muß doch die Kraft der Wahrheit sein, daß sie selbst Leute wie Dinter schließlich einmal in ihren Bann schlägt. Hier ist den Völkischen von gewiß einwandfreier Seite einmal die nationale Maske vom Gesichte gerissen worden Dinter wendet sich auch gegen Hitlers Fiktion, daß Rußland ein „Iudenstaat" wäre. Tatsächlich sei Rußland was ganz anderes als eine Schöpfung der Juden. Lenin sei ein Tartar, ein Vollrusse, und von seinem materialistisch n Standpunkte aus einer der größten, gewaltigsten Männer. Was die sittlichen Zustände in Rußland angehe, so stage er, ob diese in Deutschland bei den breiten Massen und gar bei den oberen Zehntausenden denn um ein Haar besser seien, als in Rußland. — Bittere Wahrheiten für.die N. S. D. A. P.! - Tine Bülow-Erinnerung. Im dritten Band der Denkwürdigkeiten des Fürsten von Bülow ist in dem Abschnitt über die dem Fürsten bei seinem Rücktritt vom Reichskanzleramt zugegangenen Kundgebungen folgendes zu lesen: Im Aufträge der Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums, dem, wie vordem mein seliger Vater in dem kleinen Großherzogtum Mecklenburg-Strelitz, so auch ich in größerem Wirkungskreis freundlich gegenübergestanden hatte, richtete der Rabbiner Dr. Breuer das nachstehende Telegramm an mich: „In dem Augenblick, da Euer Durchlaucht nach jahrzehntelangem rastlosem Wirken für das Vaterlandswohl Ihre öffentliche Tätigkeit abschließen, ist es uns Herzensbedürfnis, im Namen der von uns vertretenen rsligiös-konservati-

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