Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1931)
- Date
- 1931-02-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 7 Der Israelit 12. Febrliar 1931 len oder religiösen Gemeinschaft, der der Verpr teilte. angehört, eine Berufung an den interna tionalen Appellationsgerichtshos, dem alle Wel: wegen seiner Unabhängigkeit und Uninteressiert heit höchstes Vertrauen entgegenbringen würde, gestattet fein. ‘.. Der. Vorschlag ist so logisch und vernünftig daß er für sich selber spricht. Leider aber läß sich kaum annehmen, daß er in absehbarer. Zeit Verwirklichung findet. Der Völkerbund ist noch lange nicht so weit, daß er dem eifersüchtig üb-er seine.Unabhängigkett wachenden Souveränitäts bewußtfein der neugefchaffenen östlichen Staaten gebvlde einen Zügel anlegen und: dem Rechts bewußtsein der Kulturwelt und dem öffentlichen Gewissen eine so sieghaste Genugtuung verschaf fen könnte, wie es der Vorschlag Dr. Meyers voraussetzt. * Dr. Marcus Lehmann als Erzähler und Erzieher. - (Schluß.) ... Es ließe sich heute, nach-verändertem literarischem Geschmack, über die Kunstform der Lehmann'schen Erzählungen streiten. Sie sind überholt, sagt man, dieser sentimentale Biedermeier stil, die blasse Charakterzeichnung und die primitive Aneinanderreihung -,,her Geschehnisse Dieses Los teilt er mit vielen großen Namen feiner Zeit aus der großen deutschen Literatur (man nenne nur Berthold Auerbach!) Aber wir erleben hier etwas vom Geheimnis des schaffenden Menschengoistes, der im alt und zerbrechlich gewordenen Gefäß des Körpers nicht altern kann. r>3ip'na jnin jot ^3 Man mag die Form nicht mehr, und man liest die Lehmann'schen Bücher dennoch; unsere Kinder greisen heute noch nach ihnen, wie nach einer leckeren Kost und ver schlingen sie mit Heißhunger. Das macht der goldeine Kern, der aus den schlichten, ehrlichen Darstellungen leuchtet — und heute noch in uns eingeht, um ein Stück von uns zu werden. Und hier beginnt Lehmanns Bedeutung als E r - ziehen Wenn nach moderner pädagogischer Auffassung der beste Erzieher derjenige ist, der die Erziehungsabsicht am wenigsten erkennen läßt, so bietet Lehmann geradezu ein Schulbeispiel für diese These. Er hat nicht erziehen, er hat nur erzählen wollen und hat doch junge Menschen erzogen, wie kaum je ein Jugendschriftsteller. Das ist das Merkwürdige und Bezeichnende: Lehmann hat nie a u s g e s p-r o ch e n e K i n d e r l i t e - ratur geschrieben, und seine Bücher sind Jugendliteratur im besten und schen Geistes entd eckt, das Thorastudium, die Jeschiwa, und mit dieser seiner letzten Erfindung hatuer nun 'feine ganze 'unermüdliche Lebensarbeit, erst wahrhaft gesegnet. Ehre feinem Andenken! Briefkasten. W. A. Nach der uns vom Rabbinate gewordenen Auskunft darf es am Peffach benutzt werden. Was Zion. Betrag eingegangen. Wochenkalender. v. 14. - 21. Febr. 1931 , v. 27. Echebat h. 4. Adar 8691 Samstag 14 H Sonntag 15 28 Montag 1b V3V 29, Dienstag Feb. 17 30 Mittwoch 18 1 Donnerstag 19 ns 2 Freitag 20 3 Samstag 21 4 VINN P3333 Ü'ibpV '0 B’BS©!2 Mauled: Dienstag nachm. 8 Uhr 57/is Minuten. pp *1133 31' «nn VN11 « dt V1N wn '3 31' nposn nviiy Verantwortlich für den allgemeine» Teil und das Feuilletor <5. Sch achnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. B.: S. Schach nowitz. ebenda. — Jf&t die pädagogische Beilage: Lehrer L Kaufmann, in Sprendlingen lKr. Offonbaa,). — Berlao des Israelit und tzermon ©. m. b. Z., Frankfurt a. M. — Druck Hermon-Druckerei» Frankfurt .«. M. reinsten Sinne. Wer sich ian den Schreibtisch setzt, um-für-das Kind zu schxeiben, wirb'chie den Ton zumDiriWchen Herzest, finden. Man gebe das Beste' vom Guten und das Reinste vom Reinen, au s s i ch h.e rau s, dann ist es für unsere Kin-: der gut genug. So gibt es Schriften vom alten Tolstoi, die von Pädagogen als beste Jugendliteratur empfohlen werden. Lehmann war ein erfolgreicher Jugendschriftsteller, weil er es n i ch t auf die Jugend absah, sondern das Reinste und das Beste aus dem Reichtum feiner schönen Seele gespendet hat. Die Jugend dankt ihm dafür. Die Art Lehmanns, Geschichte zu erzählen, wird heute besser verstanden und gewürdigt werden als damals. Hat man doch heute in der Methodik des Geschichtsunterrichtes gründlich umgelernt. Man sucht das Gedächtnis vom Ballaste der Namen, Zahlen und Daten möglichst zu be-. freien. Die paar „Spitzenkandidaten" der Geschichte, die die „glorreichen Zeiten" — wir kennen sie heute, die „glorreichen Zeiten" — gemacht haben, besagen für ihre Zeit herzlich wenig; nicht mehr, als Ueberschriften eines Buches für dessen Inhalt und Wert. Man denkt heute längst nicht mehr daran, das Antlitz einer Epoche nach ihren sog. Führern zu erkennen, sondern'man sucht im Gegenteil die führenden Männer aus ihrer Zeit heraus zu verstehen. Hatte nicht Marcus Lehmann schon vor 60 und 70 Jahren diese Methode intuinttiv -begriffen und nach ihr jüdische Geschichte gelehrt? >- Wer seinen „A k i b a" liest, hat das Gesicht der talmudischen Zeit deutlich vor sich. Und wie der Talmud abgeschlossen ist, zeigen „B o ft e n a i und der „Fü rst von Coucy", wie das Lied in den babylonischen Schulen weiter geht. Bald aber geht das „Licht der Diaspora " mit R. G e r s ch o m in Magenzo auf. Und in Spanien zündet die Inquisition die Scheiterhaufen an. Wollt ihr wissen, wie diese war, wie und woher sich sie ihre Edelopfer holte? Wie i um ihre Seele bei Folter und Feuer kämpften? Ich erzähle Euch die Geschichte der „Familie D ' A g u i l a r ". Aber es gab auch ein deutsches Mittelalter, das lebte, litt und lachte, das seine Führer und Geführten, Betrüger und Betrogenen hatte. Rabbi I o s e m a n n v o n R o ß h e i m " erzählt es uns, und „Süß Oppenheimer" nicht minder. Wer von unserer Generation hat nicht schon als junges Kind halbe Nächte mit den Lehmann'schen Helden, — die ellen Helden von Muskelkraft find — gehofft, gelitten, gezittert und Ströme von ehrlichen Tränen geweint? Die Geschichte in einem Zeiträume von bald zweitausend Jahren, von Rabbi Akiba bis zu Daniel Jtzig an der Schwelle unserer Jahrhunderte, wandelt in le.bendig-en. Bildern an unserem Auge vörüber. Und das Wort fand den-Weg über die Grenze Deutschlands, über alle Grenzen, und wirkte nicht Nur erzieherisch, sondern oft auch erlösend und rettend. Ich weiß nicht, ob es wahr, oder nur ein Märchen ist, haß. man in früheren Jahren,- inbayerischen Dorfgemeinden den Leitartikel des Mainzer „Israelit" in der Synagoge vorlas und darauf Lernkaddifch sagte. . Aber verbürgt ist die Tatsache, daß in einer kleinen, von der Welt abgeschlossenen litauischen Jeschiwa, wo ansonst jedwede Lektüre außer Gemoro und Mufsar streng verboten und verpönt war, jeden Freitag der Postbote mitdem Mainzer „Israelit" erschien. Ein Bachur, der aus Kurland stammte und der deutschen Sprache mächtig war, las Artikel und Feuilleton am Sabbat vor versammelten Lehrern und Schülern vor. Der „Israelit" ward zur Musiarle Mre.de r Jeschiwa erhoben. Die Lehmann'sche Art fand ihre Fortsetzung und Fortsetzer. Allein die Nachfolger Lehmanns in dex jüdischen Erzählungskunst haben es heute ungleich schwerer.als ihr Patron vor füsnzig Jahren. Uns fehlt die Akustik. im Mischen- Hause. Der Großsender von Mainz hatte damals eine E ni p f a n g s st a t i o n in jedem jüdischen Herzen, in jedem jüdischen Hause, wo Mann, Frau, Großmutter und Enkel sich an der jüdischen Sabbatlektüre erfreuten. Ahnte reden wir leider oft in den leeren Raum hinein. Unser Publikum ist aüdere Kost, gewöhnt, ist übersättigt, überWdet. Im Zeitalter des Tonfilms und des 8azz..mag Min. die leisen, gemütvollen Klänge guAW em jüdischen Herztztt nicht Mehreren Sprtt^ltzwir es offen aus : Man kauft kerne jübischeü Bücher. Halten wir -Umschau am Geschenktlsch eines. Barmizwo. Wir finden moderneünd übermoderne, inhaltlich wertlose, sogar, gefährliche Literatur in kostbaren Prachteinbänden in Fülle, vyy.,j,üd i - fch e n Erzählungen und Romanen keme'Spur. Nicht.weil man diese Werke minder bewertet,, sondern weil man sich gar nicht die Mühe nimmt,, sie anzusehen und zu prüfen. Ein jüdisches Buch^ ein bekannter Name, was werden die schon bieten? Und dennoch gäbe es heute kein besseres, Mittel, die Seele unferr Kinder vor dem schleichenden Gift der Schundliteratur zu Hervahren, als eine Rückkehr zu der Lehmann'schen Ged änkenwelt, und z u d e n e n, die. im Lehmann'schen' Geiste^ aber nicht im Lehmann'schen <Mte, mehr dem mo dernen G eschmack der Zeit an gepaßt, h eute schreiben. . . -?. Ermüdet und angeödet von .den großen kahlen Räumen, fühlt man sich doch noch ganz behaglich in Großmutters guter Stube, bei mildem Lampenlicht, das den Augen besser tut, als.die grellen'elektrischen Birneuiln Festsäl-on. Greisen' wir' nach dieser alten Lektüre oder buch nach den neuen Büchern in diesem alten Geiste, und es überkommt uns das behagliche, beglückende und beruhigende Gefühl, wie es nur aus der geruhigen Atmosphäre in Großmutters guter Stube entströmen kann. Wenn wir heute, und sehr mit Recht, Gesellschaften gründen, um das geistige Erbe großer Männer nicht in Museum, Bibliothek und Archiv verstauben zu lassen, so müßten'wir mit gleicher innerer Notwendigkeit Schutzverbände für das jüdische Jugendbuch schaffen, und unsere Jugend, die deutsche Judenheit für die Geistes- und Gemütsarbeit des Mannes wieder gewinnen,-der in einer entscheidenden Epoche unserer Geschichte der Bote war, der dem König d a s H e r z d e s Volkes zugeführt hatte. In den Wochenabschnttten wird der Erlösung letzte Etappe mit den Worten 'eingeleitet: ]s?aVi 713 pi 733 'U83 3Don „Daß du es erzählest vor den Ohren deiner Kinder und' deiner Kindeskinder". Und ein späteres Muffarbuch bemerkt dazu: In der Wissenschaft, in den Künsten, in der Literatur der großen Welt ist es doch einmal so, daß der Sohn andere Wege geht als der Vater, der Enkel den Großvater nicht mehr versteht. Die Berichte und Lehren der Thora haben ganz allein die Kraft, Vaters u Ud Söhm Großvatkr / u N'V Enkel, uni stch/szu ,sammeln. Das der! Sinti'des ^31 733 jiii 733 i’3Tita' :,pi Möge mit" der Hundtrtj^hrfetep'upseper neration 'das volltz Mhstänvni^ihufgehen, für^ie Bedeutung des -itzM-szksh,' usid ' die'P^eutnug des Mannes,: der den Weg dUhsvn ipüÄ 'gegangen' ist und gewiesen hat, M Generationen als Weg zu höchsten jüdischen Zielen. M'3N'3 nvi'r llonesponüenren « ßacbricbten. Deutsches Hei*. Zur Frage des Austritts aus den jüdischen - Gemeinden. Berlin, 4. Febr.. . In der ,Jüdisch-Liberalen Zeitung" entwickelt Rechtslaywalt Dr. Katzenstein-Bielefeld Unter Bezugnahme auf'die jüngst im „Israelit^ veröffentlichte Entscheidung des Reichsgerichts zur Austtittsfrage eine neue Auffassung von der durch das Kirchenaustrittsgesetz vom 30. November 1920 für die jüdischen Gemeinden geschaffnen Rechtslage. Während bisher allgemein die An-