Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1931)
- Date
- 1931-02-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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12. Februar 1931. Der 3 s r a e l i t eine GedächtnisgEmnfchaft, in dsr Volkstum und Glaube schon g^chichilich.eine EWe>Lt waren. In seiner Verfassung, die eine lautere Theokratie erstellt, ist G'tt der König. Wenigstens eine Zeitlang war im Judentum das Königtum G'ttes geschichtliche Wirklichkeit. Me nach Mose und Iofua gewählten Nicht e r erwarben noch kein Königsrecht. Gideon weift den Versuch, die Theokratie in ein Erbkönigtum zu verwandelnentschieden zurück. Noch -im späteren Königtum wirkt die Idee der Theokratie weiter. Ihre letzte Folgerung ist der mefsianische Königsgedanke. Es ist die Aufgabe des Judentums, diese Idee in ihrer Reinheit zu erhalten. Anstatt des nationalen politischen Polytheismus hat es die alte Gründanschauung des G'tteskönigs zu wahren. Ist Geschichte Wirklichkeit im religiösen Sinne, dann gibt es keine persönliche Moral neben der Gruppenmoral der Völker, keine Scheidung zwischen Personalvevantwortung und GruppenverantWovtüng, dann muß der Mische Mensch in seiner Partei für die Gruppe und in ihr gegen die Lüge kämpfen. Es genügt nicht, mv der Durchsetzung eines politischen Programms tätig zu sein, sondern dieses Programm muß im Einklang mit dem persönlichen Leben stehen. Die Grenzlinie zwischen Religion und Politik, die Scheidung zwischen persönlichem und öffentlichem Leben muß verschwinden. Die politische Propaganda, die zumeist eine Nötigung, ei!n Ausnützen der Unsicherheit des andreren ist, muß sich wandeln. Man darf sich nicht dem anderen auferlegen, man soll ihn sich ausschließen im Vertrauen auf die Gerechtigkeit der eigenen Sache. Das politische Leben wird erst ehrlich, wenn Politik und Religion in ihm Einheit deworden sind. Das Judentum ist nicht mternational, sondern intra-Nation ab Es fordert die Beziehungen zwischen den Völkern und ihre Wechselwirkung. Es ist gegen die Scheinbeziehungen der Völker, aber für rechte Menschengemeinschaft. Es erhofft eine überstaatliche und übervökkische Ordnung. Das Reich G'ttes kann nur eine Ordnung religiöser Wirklichkeit sein. Injeder Familie und in jeder Gemeinde mache man Ernst, daß sie wirklich Familie und Gemeinde sind. Jede kleinste verwirklichte Gemeinschaft ist ein Teil am Aufbau des G'ttesreiches. So weit, nach einem Berichte der I. T. A., Martin Buber. Wir vermissen leider im Vortrag der Einsicht letzten Schluß. Buber hätte darauf Hinweisen können, daß es heute im ganzen Bereiche der Judenheit nur eins einzige Organisation gibt die mit den von Buber erst jetzt entdeckten, jedoch uralten jüdischen Gedanken seit Jahrzehnten ernst macht und sie sowohl im inneren öffentlichen Leben der jüdischen Gemeinschaft, als nach außen m den Beziehungen zu dm Staaten und Völkern theoretisch und praktisch vertritt: Die Weltorganisation Agudas Jisroel. Die Konsequenz verlangte eigenMch, daß Buber seine Begabung, wenn es ihm mit den vorgetragenen Ideen ernst ist, in den Dienst dieser Organisation stellte. Staatenlose. Von allen Losen, die Menschen treffen, das schlimmste, ist das -der Staate n l o fi g k e i t. Wie bei einigem üblen Willen eine hohe Behörde aus diesem etwas unklaren Begriffe ein vernichtendes Instrument gegen eigene Bürger (lies wiedereinmal: Juden!) schmieden kann, beweisen die Vorgänge in Litauen. Dort wurde ein Gesetz angenommen, das allen Ausländern und Staatenlosen untersagt, Handel und Gewerbe im Lande zu treiben, und hinterher erklärte man alle bei der Grenzverschiebung aus früheren litauischen Provinzen ins litauische Mutterland zurückgekehrten Juden für Ausländer oder Staatenlose. Ohne diese Maßnahme hätte ja das erlassene Gesetz seinen letzten Zweck verfehlt. Was man sich zur Stunde in Litauen in diesem Belange alles leistet, ersehen wir aus einem Leitartikel in der Kownoer „Jüdischen Stimme": Erschütternde Beispiele illustrieren die Verelendung und Verzweiflung weiter jüdischer Kreise im Zusammenhang mit dieser Verordnung. Wird doch sogar solchen jüdischen Bürgern, die in der litauischen Armee gedient haben, in den Kämpfen gegen die Polen verwundet wurden und schon früher im Besitze von litauischen Pässen gewesen waren, das Recht auf Arbeit genommen, weil durch die Willkür untergeordneter Organe ihnen die Pässe weggenommen wurden. Schwer betroffen werden auch diejenigen jüdischen Familien, die aus dem W i l n a e r D i st ri k t stammen. Obwohl dieser Distrikt von den Litauern als litauisches Land angesehen wird, werden die aus diesem Gebiete stammenden Juden dennoch als Ausländer oder Staatenlose angesehen. Polizeiorgane gehen von Haus zu Haus und zwingen die angeblichen „Ausländer" und „Staatenlosen", dei in Wirklichkeit keine a n d e r e H e im a t k e n n e n a l s L i t a u e n, ein Schriftstück zu unterzeichnen, in welchem sie sich verpflichten, keinerlei Arbeit zu tun und kein em Erwerb nachzugehen. Die offizielle Erklärung, wonach solchen Staatenlosen, die keine andere Heimat haben als Litauen, Erleichterungen gewährt werden würden, wird von den unteren behördlichen Organen nicht respektiert, denn sie wissen von einer solchen Erklärung nichts, sie Nr. 7 Seite 3 haben den Auftrag, jeden jüdischen Einwohner, der nicht im Besitze eines litauischen Passes ist, zu verpflichten, keinerlei Arbeit zu tun und keinem Erwerb nachzugehen. % Wo ist Nansen? Der Mann, der sich — ein Weltensegler mit weltumspannender Seele — der Staatenlosen annahm, ist von dannen gegangen. Aber die Nansenpässe, so sagte man, behalten ihre Gültigkeit. Ist Nansen für Litauen tot und vergessen? Der amerikanische Gesandte gab dem Vertreter der I. T. A. in Newyork „beruhigende" Erklärungen. Es sei eine Gegenmaßnahme gegen ähnliche Verordnungen in anderen Ländern und zum Schutze der Litauer, also auch der litauischen Juden erlassen, Erleichterungen seien vorgesehen, Staatenlose mit Nansenpässen fänden Berücksichtigung. lieber diese „Erleichterungen" und „Berücksichtigungen" wissen nun die Korrespondenten des Kownoer Blattes aus eigener Anschauung zu berichten. Wo wird die litauische Judenheit (auch die.10000 „Staatenlosen" in Litauen gelhören zu ihr) ihr Recht finden? Gerechtigkeit. " Im „Un'ivers Jsraelite" macht Dr. Ernest M e y e r in Form eines Appells an den Völkerbund den Vorschlag, die internationale Gerichtsbarkeit, deren Kompetenz bisher auf zwischenstaatliche Streitigkeiten beschränkt war, durch Einsetzung eines A p p e l l a t i o n s h o f e s für eine gewisse Gruppe von Urteilen nationaler Gerichtshöfe zu erweitern. Dr. Meyer weist auf die große Reihe von offensichtlichen Fehlurieklen hin, die in der letzten Zeit in den verschiedenen, vom Kampf der Nationalitäten und Konfessionen zerrissenen Staaten ergangen sind und die das moralische Bewußtsein der Kulturwelt aufs tiefste verletzten und empörten. Nicht zu reden von der weit zurückliegenden Affäre Dreyfus, die beinahe mit dem furchtbarsten Justizmorde geendet hätte, braucht man nur an die verschiedenen Pogromprozesse in Rumänien zu denken, bei denen man nicht gescheut hat, gegen die Opfer der Pogrome Anklagen zu erheben, um sie nachher freizusprechen und die Pogromisten mit lächerlich kleinen Strafen zu bedenken. Man erinnere sich an den jüngsten Mordprozeß in Tirol mit seinen seltsamen Erscheinungen, an die Verurteilung der jüdischen Metzger in Litauen wegen eines angeblichen Mordes lauf Grund lächerlicher Indizienbeweise, an die immer wieder auftauchenden Prozesse wegen angeblicher Ritualmorde. In all diesen Fällen, so meint Dr. Meyer, müßte sowohl den Parteien als evtl, auch der nationakleines Feuilleton. Wer war Professor Ehawkin? Vor Kurzem hörte man von dem großen Testament des in Lausanne verstorbenen Professors Chawkin, danach die Summe von Doll. 225.000 für die I e s ch iwoth des Ostens bestimmt wurde. Man kanntefrüher schon den Namen des Professors Waldemar Chawkin, als Kapazität auf dem Gebiete der Biologie und Bakteriologie. Von seinen jüdischen Qualitäten, etwas zu hören, hatte man nie Gelegenheit. Nur stirbt der Mann, siebzigjährig, auch noch als großer Jude, als Förderer, man darf sagen, als Erretter notleidender, fast dem Untergange geweihter Thoralehrstätten. Die jüdische Oesfentlichkeit gewinnt reges Interesse an dem Mann, seinem Wesen und seinem Werke. Mordechai Wolf Chawkin ist in Berdiansk, Südrußland, 1860 geboren. Sein Vater wirkte m dieser Stadt als Lehrer an einer staatlichen jüdischen Schule. Won bekam auf dem Gymnasium und auf der Odessaer Universität, wo er später Naturwissenschaften studierte, den Vornamen Waldemar. «Nach vollendetem Studium begab er sich nach Genf zu Professor S ch r f f und von dort nach P aris, wo er als Assistent in die Kbmk von Pa st e u r eintrat. Dort entdeckte er sein Serum gegen die Cholera. Die ersten Experimente mmmt er an Tieren vor, der erste Mensch aber, an dem dieses Mittel erprobt werden sollte, war er selbst. Als zu Anfang der neunziger Jahre in Indien Cholera und Pest grassierten und jährlich etwa 2 Millionen Menschen Dahinrafften, ohne daß die englischen Aerzte, die zumeist -selber der Krankheit zum Opfer fielen, etwas dagegen tun konnten, übertrug die englische Regierung Professor Chawkin die Organisierung einer sanitären Expedition gegen die Seuche in Indien. Von 1893 bis 1915, volle 22 Jahre, arbeitet Chawkin unausgesetzt in Indien, wo er inzwischen auch ein Serum gegen die P e st erfunden hatte. Das große Heilinstitut in Bombay, das seine Filialen im ganzen Lande hat, heißt Chawkin-Jnstitut. Unzähligen Menschen hat er das Leben gerettet. Eine neue Epoche besserer gesundheitlicher Verhältnisse knüpft sich in Vritisch-Jndien an den Namen des südrussischen Juden. Der Neid bleibt nicht aus. Sein Assistent, ein Engländer, intrigiert gegen ihn. Chawkin nimmt 1915 seinen Abschied und begibt sich wieder nach Paris. Nicht zuletzt infolge dieser Intrigen; die ihm zeigten, daß die Welt auch ihrem großen Wohltäter den Juden nicht vergessen kann, wendet er sich jetzt mehr dem Judentum zu, mit dem ihn kaum wesentliche Jugenderinnerungen verbinden. Er verkehrt in Paris in jüdischen, zumeist zionistischen Kreisen, ohne sich in allem von diesem Milieu beeinflussen zu lassen. Er sucht auch andere Juden und anderes Judentum, und seine Liebe zum jüdischen Volke, zur Religion und zum Heiligen Lande wächst mit jedem Tag. Der Mann, der sich ftüher seines Judentums kaum bewußt war, sucht Lehrhäuser auf, spendet mit vollen Händen für jüdische- Wohlfahrtseinrichtungen und für Thoralehranstalten im Osten, ohne daß fein Name dabei heroortritt. Nicht einmal die Empfänger wissen, wer der edle Spender ist. Er schreibt dann auch eine Broschüre in französischer Sprache über die „Lebensfähigkeit des jüdischen Volkes". Mit den Quellenschriften wenig vertraut, sucht er das Wesen des Judentums aus Büchern, Riten und Gebräuchen zu erkennen. In seinen alten Jahren fängt er erst an, Tefillin zu legen, rituell zu leben, einen Tisch mit Brocho und Tischgebet zu führen. I Als 1918 das Palästinamandat verkündet ' wurde, wird Chawkin in große Unruhe versetzt. Er .kennt die Engländer von Indien her und traut ihnen micht recht. Er warnt vor Optimismus und sieht so ziemlich alles voraus, was später tatsächlich eingetreten j ist. Um diese Zeit arbeitet er zusammen mit Freunden eine Denkschrift über das jüdische Recht in Erez! Iisroel und im Golus aus, das der Friedens- | konferenz in Genf zugestellt wird. Er wird 1920 ins Zentralkomitee der Alliance israelite universelle gewählt, wo er mit starker Entschiedenheit gegen die Assimilation kämpft und für die Juden des Ostens sich einseßt. Im Auftrag der Alliance unternimmt er auch eine Studienreise durch Rußland, Polen und Litauen. Er ist bald im jüdischen Osten eine populäre Persönlichkeit. Seit 1928 hatte Chawkin seinen dauernden Wohnsitz in Lausanne. Bei seinem schweren Herzleiden traf ihn die Nachricht vom englischen Weißbuch, obwohl er Äehnliches vorausgesehen und vorausgesagt hatte, sehr hart. Im Alter von 70 Jahren starb :er plötzlich, ohne vorangegangene Krankheit. I Ein Vermögen von Doll. 329.000, zufammengetragen durch unermüdliche Arbeit und Sparsamkeit, durch ein Leben größter Einfachheit, ja, der Entbehrung (er hatte keine Familie gegründet), wird nun durch Vermittlung des Hilfsvereines der Deutschen Juden in Berlin an die russischen Jeschiwoth wandern. Dort werden Kinder sein Andenken mit einem K a d d i s ch ehren. I Wenige Tage vor seinem Tode äußerte er Freunden: „„Geboren bin ich in Rußland, studiert habe ich in .Paris, gearbeitet in Indien, war englischer Beamter und wohne in der Schweiz. Sterben werde ich aber, wie mir scheint, a l s I u d e!" Dieses Wort ging in Erfüllung. Chawkin. der große , Erfinder und Wohltäter der Menschheit, hatte zuletzt das «Serum zur Gesunderhaltung des jüdi-