Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 42 (17.10.1930)
- Date
- 1930-10-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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17. Oktober 1930 Der Israelit Nr. 42. Seite 3 8 wochenrundschau. Oie Lage in Österreich Oesterreichs Schicksal ist mit dem Deutschlands eng verknüpft. Das gilt auch für die Juden hüben und drüben. Zur gleichen Zeit, da in Deutschland eine nationale (sprich: antisemitische) Welle Volk und Parlament zu gut einem Fünftel erfaßt Hatz hat sich in Wien eine Heimwehrregierung etabliert. Die Heimwehr entspricht in Oesterreich ungefähr dem deutschen Stahlhelm, tendiert aber noch etwas weiter nach der Richtung des Hakenkreuzes. Nun erlebt man in Oesterreich ungefähr das, was sich heute in Deutschland jedem Beobachter aufdrängt: Mit an die Führung gekommen, verspüren die Häuptlinge der völkischen Politik einiges Bangen, und ein Schimmer von Verantwortungsgefühl zwingt sie, weniger von den Juden und mehr von den positiven Zielen ihrer Partei zu sprechen. Hitler hat in seinen letzten Reden in Berlin und Frankfurt den Judenpunkt, bisher Zentrum seiner Ideologie, ganz fallen lassen. Noch weniger hörte man davon auf dem S t a h lh e l m t a g e in Koblenz. Das Bestreben geht dahin, den deutschen Nationalismus nach dem Muster des italienischen Faschismus umzumodeln. Ob es den Herren gelingen wird, die Geister, die sie riefen, zu bannen, ist eine Frage, oder auch keine mehr. Die von der nationalsozialistischen Ideologie und Demagogie geistig genährten Horden erwarten keine neuen Parolen. Sie sind auf den Judenhaß eingeschworen und werden sich kaum auf ein anderes Programm umstellen. Aehnliche Sorgen drücken die österreichische Judenheit. Der Bundeskanzler, Carl Vaugoin, gab beruhigende Erklärungen ab. Die Befürchtungen bleiben aber bestehen, daß die bereits eingesetzte Wahlbewegung von der gegenwärtigen Regierung in das Zeichen des Antisemitismus gedrängt wird. Der derzeitige Innenminister, Fürst Starhemb erg, hat sich wiederum als antisemitischer Agitator schlimmster Art betätigt. Sein Kollege von der Justiz, Dr. Hueb er, rühmte sich vor kurzem, seine Heimatstadt, eine bekannte Sommerfrische, j irden rein gemacht zu haben. Die Herren verhandeln mit Hitler und Straffer. Der Anschluß an das Reich in diesem Punkte ist erreicht. Der bevorstehende. Wahlkampf wird in der Hauptsache zwischen der antisemitischen und sozialistischen Front ausgetragen werden. In Oesterreich haben die Juden bekanntlich eine eigene nationale Wahlliste, die aber bei 'dem derzeitigen Wahlrecht so wenig Aussicht hat, daß die jüdischnationale Partei noch nicht entschlossen ist, ob sie die Kandidatur Strickers erneuern, oder W a h l e n t h a l t u n g proklamieren soll. Für die jüdischen Wähler außerhalb der zionistischen Organisation wird sich, wie es für uns in Deutschland nicht anders war, eine klare Situation nur nach der negativen Seite ergeben. Sie wissen genau, was und wen sie nicht wählen sollen. Auf der anderen Seite bleibt eine kleine bürgerliche Mitte und eine große Sozialdemokratie, und die Juden werden es mit sich auszumachen haben, welche von diesen Parteien ihre Unterstützung verdient. Eine katholische Matznahme, die Nachahmung needient. Nachdem sich Kardinalbischof Faulhaber in München bei wiederholter Gelegenheit entschieden gegen den Wotan-Kult und seine nationalsozialistischen Anbeter, wie über 'deren Glaubensbekenntnis des Hasses scharf ausgesprochen, nachdem auch der katholische Bischof in Berlin kurz vor den Wahlen eine Erklärung gegen den Antisemitismus mitunterzeichnet hatte, sah sich nunmehr auch der Bischof von Mainz zu einer Maßnahme veranlaßt, die Nachahmung verdient. Er hat angeordnet, daß kein Mitglied der katholischen Kirchengemeinde der nationalsozialistischen Partei angehören darf und daß solchen organisierten Hitlerfreunden alle Segnungen u n d Gnaden der Kirche v e r f a g t w e r d e n. Daß diese Maßnahmen sich nicht in das Bild der Propaganda und Gegenpropaganda aus Anlaß der Reichstagswahlen einstigen, sondern nach den katastrophalen Wahlen erlassen werden, erhöht ihren Wert und zeigt, daß es dem Zentrum um seine religiöse Toleranz ganz ernst ist, daß diese den Führern der katholischen Kirche und Politik etwas anderes und mehr ist als ein bloßer Wahlköder. Wir haben vor einiger Zeit an dieser Stelle ein Sonderheft der „Süddeutschen Monatshefte" über die Judenfrage befprochien. Zu den besseren und beachtenswerten Aufsätzen dieses an sich unglückseligen Sammelwerkes gehört neben einem lehrreichen Artikel von Dr. Karl Maira Kaufmann über die Beziehungen des K a - Uleines Feuilleton. Zum hundertjährigen Todestage Rabbi Mosche Tuwjes Vst aus Sontheim. Am 4. Tischri ds. Is. rundete sich ein Jahrhundert seit dem Tode des letzten Gaon aus Hanau, Rabbi Mosche Turvje rrusSontheim. Eine ausführliche Biographie dieses großen Rabbi an der Schwelle unseres Jahrhunderts ist anläßlich der Herausgabe eines kleinen Teiles seiner Responsen unter dem Titel nvn na nirr im Jahre 1927 im „Israelit" erschienen. Es fei hier noch kurz registriert, daß Rabbi Mosche Tuwje am 28. Teweth 1753 in Sontheim bei Heilbronn das Licht der Welt erblickt hat und seine erste Erziehung beim damaligen Rabbiner von Mergentheim, Rabbi Raftali Hirsch Katzenellenbogen erhalten hat. Rach seiner Verheiratung ging er in jungen Jahren nach Fürth, wo er zu Füßen von Rabbi Josef Steinhardt, zusammen mit dem späteren berühmten Oberrabbiner von Rickolsburg, Rabbi Mordechäi Battett, saß. Er war erst Rabbiner in Leiman, verließ die Gemeinde, nachdem eines feiner Gemeindemitglieder seinem Proteste zum Trotz das Geschäft am Sabbat öffnete, und wurde dann Oberrabbiner von Hanau, wo er am 4. Tischri 1830, verehrt von der gesamten Diaspora, feine Seele aushauchte. Die größten Männer feiner Zeit, u. a. Rabbi Mosche Sv f4 r äus Preßbürg, bezeichnet«, ihn als »Gaon und Flucht, - Zierde feiner Generation". Reben dem genannten erschienenen Werke harrt sein ungemein reiches gekstlges Erbe auf dem Gebiete der Halacha wie der Homiletik noch der Veröffentlichung. Erst wenn diese Werke im Lichte des Druckes allgemein bekannt werden, wird der Name Rabbi Mosche Tuwjes, eines kongenialen Zeitgenossen von „Chatam Sofer" und Rabbi Akiba Eger, zu seiner vollen Geltung in der jüdischen Welt gelangen. Ein Wort Rabbi Mosche Tuwjes zu irmna sei hier wiedergegeben: nsn rwm 'n jik*y> Dieser Satz in Mischli 1, 7 erklärt, warum die Thora mit rws-n anfängt und nicht, wie die Uebersetzer der Septuaginta es ändern mußten, mit n^K. Im Talmud wird wiederholt betont, daß man bei einem Gelübde, das man für G'tt gelobt, nicht zuerst 'n sage, wie es auch immer heißt 'r-f? pnj> und nicht umgekehrt. Das dürfte auch der Grund sein, warum unser Lehrer Moses, als er niinn »an die Thora niederschrieb, nicht gleich mit 'n beginnen wollte. Run aber wird an mehreren Stellen im Talmud derjenige als wahrer dahingestellt, der peinlich aus die Ehrung des g'ttlichen Namens bedacht ist, ihn nicht unnütz ausspricht. Der Sinn des angeführten Satzes wäre danach: njn rwtn Wenn ny> das ist die Thora, mit A'iNn beginnt und nicht mit dem G'ttesnamen, so geschah dies, wie zu Anfang gesagt wird, aus m ron» um uns G'ttesfurcht einzuprägen, die sich darin ausdrückt, daß man in höchster Ehrerbietung mit dem Namen G'ttes umgeht. Le kauf mann, in SprrnvNngen (Kr. Offenbach). Verlas bcs SsrolU «Nb tzee«»» ®* r». b. s . Frankfurt a. M Hrrmou-Dnukerrt, Frankfurt a. M. — Verlag - Druck Für Körper und Füsse nur DIAISN-Puder tholizismus zu Juden und Judentum eine ernstliche Mahnung des in evangelischen Kreisen hochanigesehenen Lic. Dr. Ernst Mehring an die Führer der evangelischen Kirche, entschiedener und eindeutiger gegen den Schädling aller Religionen, die völkische Bewegung, aufzutreten, und zwar im eigenen und kirchlichen Interesse. Der Bischof von Mainz hat nun gezeigt, wie dieses wirksam geschehen kann. Eine Religion, die den Anspruch macht, Religion der Liebe zu sein, hat den Haß in jeder Form zu bekämpfen, insbesondere gar, wenn der Haß als treibende Kraft einer Bewegung und einer von Tag zu Tag wachsenden Partei sich auswirkt. Es ist wahrlich an der Zeit, daß sich eine Koalition aller Positiven und Religiösen gegen die Schmach des Jahrhunderts, die sich im geschlagenen Deutschland in solchen bedenklichen Formen festsetzen konnte, zusammentut. Religionsgesetz oder hygienische Vorschrift). Von Oberrabbiner Dr. Josef Carlebach in Altona. Der lebende Mensch ist ein Ganzes, unteilbar seine Bezirke; es gibt weder ein Leibliches, isoliert vom Weben und Walten seelischer Kräfte, noch ein Leben der Seele ohne physische Begleitereignisse. Körper und Geist, Seele und Leib, Genießen und Leisten, Empfinden und Wahrnehmen, Denken und Wollen, alles ist in Wirklichkeit eine Einheit, alles vereint erst ergibt die Fülle, den warmen Atem, die Kraft des Lebens. Solange der Lebensstrom in uns ungehemmt Und gesund dahinrollt, sind alle Organe und alle Funktionen des Menschen in symphonischem Zufämmenklingen, alle wichtig, notwendig zum Ganzen. Wie im Volksleben jeder Bürger an ferner Stelle dem Ganzen dient, Mer für den anderen unentbehrlich, so stellen sich die Teilgebiete der kleinen Welt des Menschen als gleichwichtige Partner neben einander als Bausteine zu einem Gemeinsamen, dem — Leben. Religion aber ist uns Lebenskunst, die Kunst, im Lichte G'ttes zu leben. Die Vielheit aller Funktionen des Daseins zu einem echten Akkord zu bringen, daß alles in die Höhenlage der edelsten Organe und Betätigungen ernstimmt, bedeutet uns die Ganzheit eines g'tterfüllten Seins. In die Harmonie g'tterfüllten Lebens gehört alles, was der g'ttebenbildliche Mensch sein eigen nennt. Speise und Trank, Geschlechtlichkeit und Zeugungskraft, Kleidung und Schmuck, Ruhe und Arbeit sind uns ebenso integrierende Bestandteile des g'ttdienenden Lebens wie Gebet und Andacht, Wohltun und Bruderliebe, Versenkung und Begeisterung. Solch eine Einheitlichkeit und Ganzheit aller Funktionen, die Einstimmung des ganzen Wesens, des Leibes wie der Seele, in den Rhythmus g'ttlichen Adels nennt die Bibel: heilig sein. „Heiliget Euch, daß Ihr heilig seid, und befleckt Euch nicht um Gewürm und unreiner Speise." * Das ist, nach der Bibel eigner Aussage, der Sinn der rätselhaften Speis e g e s e tz e. Weil in der Eingrenzung und Regelung des Trieb- *) Wir entnehmen diesen Aufsatz dem in diesen Tagen im Verlag von Jac. Sternlicht, Dresden-A. 1, erscheinenden umfangreichen, gut ausgestatteten und mit künstlerischen Reproduktionen versehenen Sammelwerk „Hygiene und Judentum", welches Beiträge von zahlreichen hervorragenden Aerzten und jüdischen religiösen Führern enthält und mit einer „Einführung" des Herausgebers, Ministerialrat Hans Goslar, versehen ist.