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Der Israelit · 1930-10-17 · Heft 42 (17.10.1930) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 42 (17.10.1930)
Date
1930-10-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Nr. 42 lebens eine Heiligung liegt, das heißt, seine Einstimmung in den Gesamtchorus aller Funktionen des Menschen, weil durch solches Speisegesetz, das erlaubt und verbietet, jeder Bissen das ,Siegel des G'ttgewollten erhält, darum sollt Ihr Euch der verbotenen Speise enthalten. Bedarfs der Begründung mehr? Für die Religion nicht. Aber der Skeptiker schüttelt den Kopf. Warum gerade diese Auswahl unter den Speisen, warum nicht eine andere? Die Religion gibt daraus keine Antwort. Es ist eben nicht alles zu erklären. Der Skeptiker aber ist klüger, er will das Geheimnis uns ergründen. „Der jüdische Gesetzgeber war ein kluger Kopf, er wußte, daß das Schweinefleisch Trichinen hat, so verbot er es; er ahnte etwas von den gesundheitlichen Gefahren erkrankter Tiere, der leichten Verwesung blutvollen Fleisches, darum verbot er den Blutgenuß, ordnete das Salzen des Fleisches an und gab Gebote ähnlich unserer Fleischbeschau". „Hygienische Gesetze sind es, die Moses gab", so belehrt uns unser Skeptiker, „die Gesundheit seines Volkes wollte er schützen." Staunend hören wir diese Belehrung an. Hohe unendliche Weisheit des Gesetzgebers wird uns offenbar. Weit über alle Wissenschaft und Medizin seiner Zeit soll er Entdeckungen vorweggenommen haben, die erst Jahrtausende später der naturwissenschaftlichen Forschung sich erschlossen, noch heute nicht Allgemeingut der Menschen sind. In der Tat wissen wir, daß die den Israeliten vorgeschriebene Voruntersuchung der Lunge jedes geschächtetn Tieres alle Fälle von Tuberkulose vom Genuß ausschließt. Hoher Weltgeist, so bekennen wir dankbar, mit der Heiligung des Lebens hast Du uns zugleich das kostbare Geschenk der Gesundheit, eine Hygiene der Ernährung in die Hand gegeben. Wundersames Mysterium, das die Anliegen der Seele, die Weihung des Seins, in Einstimmung mit dem Wohle des Leibes zu bringen weiß. Soweit sind wir dem Skeptiker für seine Aufklärung dankbar. Aber er geht weiter. Er meint: höheren Sinn haben diese Gesetze überhaupt nicht. Sie sind rein praktischer Natur, aus bestimmten gesundheitlichen Rücksicht geboren. Weiter geht ihr Zweck und Ziel nicht. Wenn z. V. die heutige Fleischbeschau die Trichinengefahr beseitjgt, liegt kein Grund mehr vor, sich des Schweinefleisches zu enthalten. Hier beginnt fein Irrtum. Dex, Gesetzgeber selbst hat einen andere n Grund benannt: die Heiligung des Menschen; diesen als seine Absicht hingestellt. Der Skeptiker will ihn Lügen strafen? Er beweise uns, daß Hygiene allein den Gesetzgeber geleitet hat! Gut, für das Schwein hat er einen Grund aufgewieseii. Aber in einem Atemzuge mit dstfem Tier^Hesirst die. Bib'Ll: Hasen,' Kaninchen, Kamel äls verboten. Was ist ihre spezielle hygienische Gefahr? Er. wird uns kein? nennen können! Warum sollen mir Spalthüstt und Wiederkäuer.erlaubt sein? WÄum unter allen Wassertieren ,nür^ rvsis Schruppen und Flossen HÄ? Zeigen nicht schon diese allgemeinen Formulierungen, daß nicht die hygienischen Bedenken eines speziellen Tieres hier allein obwalten? Was ist an Pftrden, Aal, Krabben, Austern, Kaviar und taufend, anderen Leckerbissen de? Menschheit medizinisch beängstigend, daß sie uns versagt werden? Schwerlich dürfte unserem Zweifler der verlangte Nachweis gelingen. Aber gesetzt, es glückte ihm, was bis heute und diesen Dag keinem Forscher gelang, wäre sein Beweis erbracht? Die Frage sichre uns zu kurzer Allgemeinbetrachtung. Das Warum des Gesetzes ist doch auch auf anderen Gebieten ein Problem. Warum ist Unzucht, U n k e u s ch h e i t verboten? . Nichts einfacher als das! Große gesundheitliche Gefahren bedrohen die sexuelle Ausschweifung und Zügellosigkeit. Mancher büßt sein Leben lang eine Stunde unkeuschen Geschlechtsverkehrs. _DerIsraelit_ Ist aber das der Grund des Verbotes? Und wenn die Medizin uns Mittel gäbe, jede Geschlechtskrankheit zu verhüten und zu Heilest, wäre immunisierte Unkeufchheit kein Verbrechen? Immer würde sie Sünde bleiben, weil sie den Menschen erniedrigt, seelisch beschmutzt, ihn höherer Gefühle und reinen Glückes verlustig macht, weil sie ihn dazu führt. Mens che n z u m i ß brauchen, weil sie ihn zum Tier und unter das Tier hinabsteigen läßt. Unkeuschheit bleibt stets verboten, weil sie u n h e i l i g macht. Aber das ist die herrliche Wallung G'ttes im Kosmos: daß Keuschheit auch gesund, lebensfroh und glücksfähig erhält, 'daß sie den Gesamtrhythmus des Daseins in höherem Schwingen erhält. Heiligkeit ist ihr Grund und ihre Absicht, aber Gesundheit ihre ungewollte beglückende Folge. E s g i b t keine höhere M ed i z i n als G ut s e i n, keine e cht er e H y gi e n e als Sittlichkeit, keinen besseren Arzt als G ' t t. ,Wer..sein Leben heiligt, der.hat ihm zugleich die natürlichste Festigung und Stärkung gegeben. Religion ist wahre Makrobiotik. Aber das ist ihre Folge, nicht ihr Sinn. Sie will nicht uns dazu führen, stets an unser liebes Ich, seine Gesundheit und seine Interessen zu denken. Sie lenkt uns zu hehrem Lebensziel und läßt uns dabei die Erkenntnis gewinnen, daß dabei die berechtigte Fürsorge für unser leibliches Wohl am besten betätigt ist. Darum irrt unser gelehrter Freund. Er verwechselt Ursache und Wirkung, Absicht und Folge. Das Gefährliche seines, angeblich rationellen Standpunktes ist aber, . daß er den niederen Egoismus zur Triebfeder des Gesetzes und feiner Befolgung machen will. Darin folgen wir ihm nicht. Wohl ist Gesundheit ein kostbares Gut, aber es ist nicht Selbstzweck. Hygiene ist eine große Wissenschaft, aber nur eine Hilfswissenschaft. Sie steht im Dienste einer höheren Wissenschaft von der Ga n z h e i t d e s L e b e n s, von der Uebereinstimmung von Seele und Leib, der Wissenschaft von der edelsten Lebenskunst: der R e l i g i o n. Denn Hygiene als Lehre vom Leib ist zu eng; der Mensch ist mehr als Körper. Die Hygiene als Ergebnis naturwissenschaftlicher Methodik ist zu eng; denn der Mensch ist mehr als Natur, ist Bürger zweier Welten, ist ein Stück Uebernatur. Ohne hohes Ideal keine echte Hygiene des ganzen Menschen; ohne die Befeligung g'tterfüllten Lebens keine Makrobiotik, kein Wohlbefinden. Man höre doch endlich auf, im Religionsgesetz des Judentums andere als rein religiöse/Moiive zu suchen... Die Absicht, .das Gesetz,.als z e i th e d i n g t hinzustellen, verleitet dabeiollzuleicht zu irrigen.Schlüssen. -'-Was sollte, nicht alles, aus- M-ießlich hyg^rck's^^lfrjWl^n.shabMl Hst. We-. Hneidung (Milah), der, „BundAbrahams", die hoch vor allem.,ist .das ewMz Symbol ger -Keuschheitsverpflichtung, der sittlichen Vollkommenheit (Gen. 17, 1), durch das „die Schande Aegyptens" (Jofua 5, 9), die Unzucht, abgewälzt wird. Die Gesetze über die Isolierung der Aussätzigen, die Strafe der Verleumder und Bösredner, wurden zu einer medizinischen Prophylaxe, obwohl her mit Aussatz ganz Bedeckte rein ist (Levst. 13, 13); obwohl die Unreinheit nur. vom Ausspruch des Priesters abhing, der vorsichtigerweise erst alle Geräte entfernen lassen soll, damit sie nickst vom priesterlichen Verdikt mitbetrosfen werden (das. 14, 36);. obwohl nach dem Talmud der Aussatzverdächtige ruhig erst inmitten allen Volkes das Fest feiern oder die Hochzeit begehen dürfe, ehe er sich dem Priester stellt. Die Ehrfurcht vor der Religion wie die Achtung vor, der medizinischen Wissenschaft sollten die Grenzen beider ehrlich respektieren. Religion ist Erziehung, Konzentration aller Aeußerungen des Menschen auf eine höhere Aufgabe, „die Einheit" des Menschen und feine Eini- . ... _ 17. Oktober WO. tzungWn diesem einzigen Sinne'haben die Autoritativen Lehrer und Interpreten des Judentums all seine Gesetze verstanden undffortgebildet. So haben die Rabbinen vor dem benutz des Brotes, der Hauptnahrung des Musischen nach der Bibel, eine H ändern äfchung vorgeschrieben in derselben Form, wie W Priester 'einst im Tempel die jhälM: durch Hebergießen . aus dem Becken ' weihtens weil „der Tisch des Menschen Altar ist". Alles Seifen und Bürsten der Hand entbindet nicht von dem Weiheakt des Uebergießens, das aber fraglos, ganz ungewollt, Reinlichkeit und Gesundheit fördert. 'Dieselben Weisen des Gesetzes ordneten die weihende Händewaschung am Morgen beim Erwachen sowie nach Verrichtung körperlicher Bedürfnisse an, damit sich der Mensch erneut seinen Adel zum Bewußtsein bringe. Aber gewiß wird auch die Hygiene solche Anordnung als segensreich empfinden und empfehlen. Nur dürfen die nützlichen Begleitwirkungen vom Ursinn und Endziel nicht abführen:' der Weihe und Erhebung zu vergeistigter LebensgestaltuN'g. '' Heiligung ist die beste Hygiene. Das ist die Medizin der Bibel. Von ihr aus gesehen, mag uns die Belehrung unseres gelehrten Skeptikers von höchster Bedeutung sein.;■ Wir essen kein Krankes, kein Gewürgtes, nicht die niederen Glieder der animalischen Welt, wir reinigen Obst und Gemüse von Würmern, wir beschränken uns auf einige wenige der edelsten Haustiere und Vögel, wir verschmähen Blut und der Hinterviertel Fette, weil alles dies zu dem höheren Adel der Menschen in Gegensatz steht. Weil „was der Mensch ißt, das ist er". Wir meiden Völlerei und Trunksucht, weil sie das Triebleben zum Beherrscher der Geistigkeit. machen und die seelische Reaktionsfähigkeit hsrabsetzen. Wir meiden die Unkeuschheit, weil durch die Einzigkeit der Ehegattin, die Reinheit des Geschlechtslebens, die Menschennatur zur Einstimmigkeit des Liebeslebens mit dem geistigen Charakter des Menschen geführt wird. Kurz: wir beachten Speise-, Ehe- und Genußregeln der Bibel als Gebote der. H e il i - g u n g. Aber wir freuen uns, daß sie zugleich einen Schutzwall um unsere Leiblichkeit bilden, daß sie die unsichtbaren Schutztrabanten sind, die vor Seuche und Epidemie, vor dem geheimen Feinden des Menschenleibes eine Wehr bilden. Wir achten die Hygiene, wir schätzen auch sonst den Arzt als höchsten Freund der Menschen,'weil wir im Leib ein g'ttgeschaffenes edles Werkzeug sehen, weil unser Leben uns teuer ist als Mittel zu höchstem Dienst an G'tt und der Menschheit. . Heilig ist uns das. Leben, heilig die. Lehren .von, , der Erhaltung des'Hebens, Mj>t' Hygiene, Ixveil.. jeder Splitter unserer Kraft, Hder PulssWag./ unseres Herzens zu hohem Zwecke dient. „Jeder.^ Atemzug''lobe den Herrn!" '• VJ;( Korrespondenzen « Nachrichten. Korrespondenzen « Nachrichten Deutsches Reich. Zum Inkrafttreten des bayerischen Schachtr Verbots. München, 5. Oktober. Der Verband bayerischer israelitischer Gemeinden. er* ließ folgende Bekanntmachung über Versorgung, mit rituellem Fleisch: „Das bayerische Gesetz über das Schlachten von , Tieren vom 17. Mai 1930 trat am 1. Oktober 1930 in Kraft. Das Gesetz schreibt die ausnahmslose Betäubung aller Schlachttiere vor. Da keine der bekann-; ten Betäubungsmethoden als rituell'zulässig anerkannt ist, kommt die gesetzliche Bestimmung praktisch einem

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