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Der Israelit · 1930-10-17 · Heft 42 (17.10.1930) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 42 (17.10.1930)
Date
1930-10-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Nr. 42 Der Israelit 17. Oktober 1930. gelstein erteilt. Aus dem Charakter der Einheitsgemeinde ergibt sich, daß auch orthodoxe Schüler an ihm teil zu nehmen haben. Was an einem derartigen Unterrichte alles Vorkommen mag, was dazu angetan erscheint, das religiöse Bewußtsein der Jugend zu untergraben, — ist kaum auszudenken. Die Oeffentlichkeit aber erfährt hiervon so gut wie gar nichts. Wie sollte sie auch? Die an ihm unmittelbar Beteiligten gehören überwiegend dem unmündigen Alter an. Sind sie auch darüber bereits hinaus, so -bietet der Stand ihrer Unwissenheit eine hinreichende Bürgschaft dafür, daß die zahlreichen Steine des Anstoßes ihnen gar nicht zum Bewußtsein kommen. Auf diese Weise kann ein derartig innerlich unhaltbarer Zustand die Jahre, ja die Jahrzehnte hindurch andauern, bis schließlich eines Tages auf eine gang unvermutete Art dre Kluft vor unseren Augen aufzugähnen beginnt. Im Verlaufe einer Religionsstunde verbreitete sich Dr. Vogelstein über den n"2 "in den er ganz im Einklänge mit den Lehren der protestantischen Theologie nach seinem Wortlaute aussprach, wobei er also das tat, was bei uns unter den Begriff m'nirra awn 7i8 mm fällt und aufs schwerste verpönt ist. Wenn die protestantische Schule so etwas tut, so handelt sie, von ihrem Standpunkte aus gesehen, nur folgerichtig. Sie hat damit den G'tt des Judentums mit Kamosch, Baal, Marduk usw. auf dieselbe Linie gerückt. Das Judentum erscheint damit als die dunkle Folie, über welche sie da ihr vermeintlich höheres Licht desto wirksamer erstrahlen lassen kann. Was soll man aber dazu sagen, wenn jüdische Rabbiner in beschämender Verwirrung aller Begriffe das Gleiche tun? Was soll man dazu sagen, wenn jüdische Eltern behufs Aufrechterhaltung einer durch und durch unhaltbaren Gemeindepolitik dem religiösen Gewissen ihrer Kinder solche Opfer zumuten zu dürfen vermeinen? Haben sie dann noch ein Recht, sich zu beklagen, wenn diese, herangewachsen, alle Religion über Bord werfen? Braucht es da noch Wunder zu nehmen, daß die Gemeindeorthodoxie trotz aller Konzessionen von einem Gedeihen in ihrem religiösen Leben nicht reden kann, niemals wird reden können?! Damit nicht genug. Dr. Vogelstein ging noch einen Schritt weiter. Um recht handgreiflich seine Lehre darzutun, schrieb er den "in aw mit Kreide an die Wandtafel, vokalisierte ihn und löschte dann das so Geschriebene mit dem Schwamme wieder aus. Das war für einen der beteiligten Schüler, der offenbar das Judentum und seine Lehre nicht lediglich aus den Darbietungen des Dr. Vogelstein kannte, denn doch zuviel. Charakteristisch für unsere Lage in Breslau ist es, daß nur Einer es war, der an diesem Vorgänge ein Aergernis nahm. Rach Schluß der Stunde wandte dieser Eine sich an Herrn Dr. V., um ihn daraus aufmerksam zu machen, daß er sich soeben die Uebertretung zweier der schwerwiegendsten Verbote des Judentums zuschulden kommen ließ, ja, damit zugleich die Ehrfurcht, die wir dem heiligen Namen G'ttes schulden, aufs gröblichste verletzt habe. Das sollte aber dem Jüngling gar übel zu stehn kommen! Eine regelrechte Abkanzlung mußte er über sich ergehen lassen. Ihm wurde zur Klarheit gebracht, wie er als Schüler es nur wagen dürfe, ihn, den Breslauer Gemeinderabbiner, solch' ungeheuerlicher Dinge zu bezichtigen. Sein Vorgehen wäre vollkommen korrekt und einwandssrei. Was im Judentume rechtens wäre, müsse er als Gemeinderabbiner am besten wissen. In der Tat sollte dem auch so sein! Der Herr Dr. V. besitzt nämlich statutarisch als auch vertraglich in seiner Eigenschaft als Gemeinderabbiner auch Sitz und Stimme in der nvMV-Kommission, von welchem Rechte er auch, ohne sich irgend beirren zu lassen, stets Gebrauch macht. Ob in dieser Tatsache eine erhöhte Garantie für die Zuverlässigkeit der hiesigen wm? zu erblicken ist, bleibe dahingestellt.. Soviel ist aber klar, daß Dr. V. jederzeit in der Lage ist, in dieser seiner Eigenschaft dem konservativen Rabbiner, sein Schach anzusagen. Herr Dr. V. vollzieht nicht bloß Trauungen, sondern nimmt auch ftv), Scheidungen vor. Von nix^ndie er besorgt, erfährt man allerdings wenig. Denn die hierauf bezüglichen Bestimmungen scheinen im-Einklang mit der liberalen Lehre für ihn überhaupt nicht mehr zu Rechte zu bestehen. Wie die Vorschriften des Religionsgesetzes bei solchen Akten fortkommen, ja, ob gegenüber einer Persönlichkeit wie Dr. V. überhaupt von solchen noch die Rede sein kann, — das soll hier unerörtert bleiben. Eines aber darf nicht verschwiegen bleiben. Mag der Kultus in den Synagogen der Gemeindeorthodoxie, der den Gegenstand ihres Stolzes bildet, auf eine noch so feierliche Weise sich vollziehen: Mit welchen Gefühlen mögen wohl deren Jugend der mm am av -im folgen? Wer schildert den Riß, der durch ihre Seele gehen muß, wenn auf deren Höhepunkt der Vorbeter an die Gemeinde den Ruf ergehen läßt: HTtfm naaw awn tix a'p»iw i'nwa airm aunam a'innVQi D’iniD i'n mnt53i nimpa ^rn pna ’s» j r Was muß in der Seele von Jüngern solchen Religionsunterrichtes vorgehen, wenn der Vorbeter an die. Gemeinde die. Aufforderung richtet: .'131 aii» '»ir?3 iriirr ü'wnpm aw3 a’pwa faw nx uppi Erinnert sich die Jugend der geschilderten Vorgänge in ihrem jüdischen Religionsunterrichte, so müßte sie ja eigentlich nsrnp vorzunehm-en sich geneigt fühlen. Sieht die Gemeindeorthodoxie angesichts dessen noch immer nicht ein, was bei ihrer duldsamen Haltung auf dem Spiele steht? Stehen wir doch gegenwärtig vor einem bedeutsamen Wendepunkte in dem Leben des preußischen Judentums. Dem Ministerium liegt ein Entwurf behufs Neuregeluüg der jüdischen Gemeindeverhältnisse zur Beschlußfassung vor. Wer weiß, ob wir in den nächsten hundert Jahren wieder einem derartigen einschneidenden Wendepunkte begegnen. Uebersehen wir eine solche Gelegenheit, so sind die Folgen nur unserer eigenen Lässigkeit zuzuschreiben. Daß aber die Gemeindeorthodoxie bei diesem Anlasse irgendwelche Schritte behufs Wahrung ihrer Rechte vorgenommen hätte, — die Oeffentlichkeit hat b i sh e r d a v o n ni chts in Erfahrung g e b rächt.. Die Vorgänge im Religionsunterrichte des Dr. V. sollten aber nicht ohne Nachspiel hingehen. Zu Hause angekommen, unterließ unser Jüngling es nicht,-seinen Eltern von dem Vorgefallenen Mitteilung zu machen.. Dessen Vater richtete daraufhin eine Beschwerde an den Vorstand der jüdischen Gemeinde. Von diesem wurde sie zunächst dem Dr. V. zur Aeußerung vorgelegt. Wie selbstverständlich, mußte er den Tatbestand als solchen gelten lassen. Er unterließ es jedoch nicht, dem Vorstände zu bedeuten, daß er bei diesem Vorgehen sich vollkommen im Einklänge mit seiner liberalen Ueberzeugung wisse. Jeden versuch des Vorstandes, hierin eine Aenderung herbeizuführen, müsse er als einen Eingriff in die Ueberzeugung des liberalen Judentums ansehen, zu dessen Hut er als liberaler Gemeinderabbiner sich in erster Linie.berufen weiß. Er würde einen derartigen Versuch mit der Mederlegung seines Amtes unweigerlich beantworten. Daß es dem hiesigen Vorstande der jüdischen Gemeinde nicht beifallen kann, seinem Rabbiner in Betätigung liberaler Ueberzeugung zu nahe zu treten, liegt auf der Hand. Auch-wir können der Haltung des Dr. V. das Anerkenntnis, daß sie durchaus charaktervoll ist, nicht versagen. Nur erhebt sich angesichts dessen die Frage: Soll Treue.gegenüber den eigenen Grundsätzen und Charakterfestigkeit lediglich ein Vorrecht des liberalen Judentums bilden? Soll die Gemeinideorthodoxie auch gar noch auf dieses Recht zu verzichten gewillt sein?—.— — Am Anfänge... Betrachtung zu Schabbos n’w«->2, Don A Mannheimer in Dettetbach. Wiederum ist dem Juden das rollende Rad der Zeit sinnlich wahrnehmbar vor Augen gestellt, wenn er seine Seser Thora Mschaut. Links massig und schwer das Vergangene, Entschwundene; rechts leicht geschürzt das Erwartungsvolle, Zukunftsfrohe und Jugendfrohe: Wma- Ein vielsagendes Wort, unergründlich in seiner Tiefe, unerschöpflich für Philosophen und Naturforscher, für den nie rastenden, grübelnden Menschengeist. Er kam bis heute eigentlich nicht hinaus über den kleinen großen Satz: «na n»iwna. Wenn wir von Natur reden, wenn wir uns hinter dieses Wort verschanzen, was ist es anders als das Eingeständnis unserer Schwäche, der Unzulänglichkeit menschlichen Geistes, bis zur letzten und restlosen Lösung der Weltenrätsel vorzudringen? Wohl weist die Technik bewundernswerte Errungenschaften auf, ihre Fortschritte versetzen uns in Staunen. Allein hier handelt es sich nur um Anwendung von Gegebenem, um Ausbeutung vorhandener Kräfte und Dinge. Neues, eigentlich Neues schafft kein Menschengeist, keine menschliche Hand, und unerschüttert steht der Satz da: ms n’wma. Er weist eine ihre Grenzen verkennende und ihrer Jrrgänge sich vielleicht noch rühmende Wissenschaft in die Schranken. Ein mw, ein Schöpfer im eigentlichen und urjüdischen Sinne dieses Wortes, ist nur der ewige G'tt; Er ist die Allmachtdie laus dem Nichts die Welt hervorgehen ließ: ma nwu D’p^K-am Anfänge war nur G'tt ein mn- Wir helfen uns mit sogenannten Hypothesen weiter; nicht kann die Wissenschaft dieser Krücken entbehren. Bis heute nicht. Was war am Anfang? Wie war der Anfang? Auch die sich vorwitzig vordrängende Geologie vermag keine Antwort zu geben. Hier befehden sich zwei Richtungen: der Neptunismus, welcher die Erde aus Wasser, der Plutonismus, der sie aus feuriger Masse entstehen läßt, die sich im Erdinnern noch im Urzustände erhalten habe und ab und zu sich durch die Vulkane einen Ausweg schafft. Kern und Wesen des Magnetismus, der Elektrizität sind unerforscht. Man greift zur Theorie der Urteilchen, zur Hypothese der Elektronen. Warum entsteht aus dem einen Eiweiß und Dotter eine Ente, aus dem andern ein Pfau, obwohl die allerschärfste Vergrößerungslinse nicht den kleinsten Unterschieb zwischen beiden. Substanzen zu konstatieren vermag? Und menschliche Geistesohnmacht stammelt den Satz: das liegt in der Natur. Vielleicht auch verärgert mit Faust: „Und sehe, daß wir nichts wissen können, das will mir schier das Herz verbrennen . . ." Ja, wir stehen still und starr heute noch am Anfang. Am Anfang erschuf ... Ist es in das Bewußtsein der großen Welt eingedrungen, daß G'tt nicht nur Schöpfer, sondern auch Besitzer der Welt ist? Daß er darüber Verfügungsrechte-besitzt, daß er Herrscher und Richter ist, auch wenn das Werk der Schöpfung längst im Dunkeln hinter uns liegt? Uns Juden ist der Ausdruck geläufig: pm d»»» wsp, Besitzer des Himmels und der Erde. Wenn der Jude sein Neujahrsfest begeht zur Erinnerung an den Anfang, an die Erschaffung der Welt, so drückt erst der Gedanke an G'ttes Herrscher- und Richteramt diesem Tage den furchtbaren Ernst und heiligen Schauer auf. In die Zeitenferne späht da der betende Jude hinaus, wo einst „Bösheit > wie Rauch entschwindet, Gewalttat einEndeMmmi ütrd'alleVZlker zu einem j Wlen\d)t)eitsbunb einen." Wir stehen heute — trotz Völkerbund — am Anfänge. Wir stehen am Anfänge, weil man pxi «na und p!o ms«? mip auseinander gerissen, wo sie doch ein unteilbares Ganzes bilden. Die Kämpfe zwischen Kapitalismus und Kommunismus grinsen uns erschreckend an. Die Welt hat harte Nüsse zu knacken. Wir stehen erst am Anfang der Lösung der großen sozialen Frage, im Judentum einst durch das strenge Zinsverbot und die Institution des Jobeljahres restlos und ideal gelöst. Der p»i m-n hat sich als ewiger Ureigentümer proklamiert durch den Satz '2 pKn, Mein ist das Land, die Erde. Dem menschlichen Eigentums- und Vesitzwechsel gebe ich menschlich einen Spielraum von fünfzig Jahren. Dann aber tritt das große Restitutions- und Reorganisationsjahr in Kraft und bringt die soziale Gesundung. Enterbte, Besitzlose darf es nicht geben. Bodenreform, Antikapitalismus,' Kommunismus, Sozialismus: sind das nicht Formen des Ringens nach jüdischen Idealen? Von allen Seiten und in allen Tonarten klingts uns in die Ohren: Lösung der sozialen Frage! Aber wir stehen noch damit, am Anfänge . . . (Schluß folgt.) Mochentalender. v. 18. - 25 Oktober 1930 In. 28 Tischri b. 8. Marcheschwan 6691 Samstag 18 26 »0Ö1’2*13 -NN P2N2» IWmS Sonntag 19 27 Der Maulet» ist Mittwoch nachm. 2. Uhr 9'/« Min. Montag 20 28 Dienstag Oft. 21 29 : ~ : .. : -v,'-- . > Mittwoch 22 : : v- 30 ' rin rm-i'* m* Donnerstag 23 1 nn vrnn-s tu* Hstettag 24 jwnh» 3. Samstag 25! 3 " "m

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