Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1930)
- Date
- 1930-08-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450600-2450634--77202-2534847- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6. Nr. 35 Der Israelit beitsstunden auf 5 Tage zu verteilen; in Deutschland jedoch sei dies noch nicht durchgeführt. Wirtschaftsbeiräte seien zu bilden. A b r a m c y k, Schatzmeister des Verbandes, dankt dem Präsidenten Dr. Grünberg und den Mitgliedern des Aktionskomitees für ihre aufopferungsvolle Arbeit zu Gunsten der Bewegung. Er schlägt die Gründung eines internationalen Arbeits-Komitees und die Auflegung einer Sabbatsteuer vor. Rabb. Joffe, Manchester, erklärt sich für die Fünf-Tage-Arbeitswoche und Herr Silberstrom spricht über die Erweiterung der Idee. Der Präsident.Korein mahnt zur sachlichen Darstellung. Rabb. Krieger (Brüssel) dankt dem Präsidenten Dr. Grünberg für seine Initiative. Rabb. Kanemann aus Poniwesch wendet sich in leidenschaftlichen Worten gegen die Propagierung des Gedankens der Fünf-Tage-Arbeitswoche durch den Verband, weil die sechstägige Arbeit eine religiöse Forderung sei. Präsident Dr. Grünberg tritt mit Wärme für das Projekt der Fünf- Tage-Arbeitswoche, das vielleicht die einzige Lösung für die brennende Sabbatnot bietet, ein. Der engere Vorstand des Schomre' Schabbos- Weltverbandes. B e r l i n, 28. August. (Privattelegramm.) Die am Dienstag stattgehabten Wahlen ergaben folgende Zusammensetzung des engeren Vorstandes: Dr. S. Grünberg, Dr. jur. Sulzberger, Dr. Emil Hirsch, Rabb. Dr. Hermann Klein, Abramcyk, Dr. Rachmilewitz, Alfred Marcus. Das Präsidium des Sabbat-Weltkongresies beim Reichskanzler Brünings Berlin, 26. August. Der Reichskanzler Dr. Brüning empfing am 25. August nachmittags den Präsidenten des Weltkongresses des Schomre Schabbos, Dozenten Dr. Samuel Grünberg, und die Mitglieder des Präsidiums Rabbi Drachman- Newyork und Stadtrat Korein-Budapest. Die jüdischen religiösen Führer legten dem Reichskanzler die Ziele der Schomre-Schabbos-Bewegung dar und wiesen auf die Gefahren hin, die der jüdischen Religionsübung durch eine die Stabilität des Sabbat-Tages in der Woche tangierende Kalenderreform und durch eine den sabbathaltenden Juden aufgezwungene Sonntagsruhe drohen. Reichskanzler Dr. Brüning gab als religiöser Katholik im Verlauf der Unterredung seiner Sympathie für die religiösen Bewegunegn unter den Juden Ausdruck und versprach, dahin zu wirken, daß dem jüdischen Standpunkt in der Kalenderreform auf internationalem Wege Gehör und Geltung verschafft werde. 50jährige Jubiläumsfeier des Jüdischen Lehrervereins in Bayern. Würzburg, 25. August. Die 50jährige Jubiläumsfeier des Jüdischen Lehreroereins in Bayern wurde am 24. August mit der ordentlichen Generalversammlung bei Anwesenheit vofi über 150 Lehrern eröffnet. Nach einer Begrüßung durch den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Würzburg, Herrn Justizrat Dr. Haas, erstattete der 1. Vorsitzende, Rosenseld, den Geschäftsbericht über das Jubiläumsjahr, an welchen sich eine sehr lebhafte Debatte anschloß. Vor allem sind es die Beschlüsse der jüngsten Tagung des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinden zur Beamtenbesoldung, welche die Lehrerschaft sehr beunruhigen. Trotzdem hat die Lehrerschaft Bayerns die Zuversicht, daß ihr von Seiten des Verbandet Gerechtigkeit werden wird. Ernster Protest wurde gegen das bayerische Schächtverbot erhoben, das als eine schpere Verletzung der staatsbürgerlichen Rechte der Juden empfunden wird. Der offizielle Festakt am Montag vormittag nahm einen besonders glanzvollen Verlauf. Neben dem 1. Vorsitzenden des Vereins feierten den Jubiläumstag die Herren Regierungsschulrat Dr. Schmidt im Namen der Regierung von Ünterfranken und Aschaffenburg, Kommerzienrat Brqunschwssiger-Würzburg für den Verband bayerischer israelitischer Gemeinden, Rabbiner Dr. S t e i n - Schweinsurt und Rabbiner Dr. Hanover- Würzburg für die bayerische Rabbinerkonferenz. Eine große Reihe weiterer Begrüßungen folgte. Der Festredner, Dr. Fränkel - Augsburg. konnte sich in seinem Vortrqgss: „Der jüdische Lehrer von heute" kurz fassen, da die Redner in ihren Worten bereits das Thema mannigfach illustriert hatten. —'Der Festakt war würdig eingerahmt von zwei wohlgelungenen hebräischen Chören unter Leitung von Oberlehrer Hellmann-Würzburg. Polen. Lin Memorandum der jüdischen Deputierten in Polen. Warschau, 8. August. Die zionistisch orientierten Abgeordneten und Senatoren haben dem Unterrichtsminister ein Memorandum über die Lage der jüdischen Gemeinden in Polen überreicht, in dem zunächst darüber Beschwerde geführt wird, daß das Referat über jüdische Angelegenheiten im Unterrichtsministerium nach dem Ableben Adelbergs durch einen N i ch t j u d e n besetzt worden sei. Ferner wendet sich das Memorandum gegen die Haltung des Ministeriums, das in dem Budget der jdischen Gemeinde als Aufsichtsinstanz vielfach Bewilligungen für soziale Wohlfahrtseinrichtungen und Bildungszwecke streicht. Dazu habe das Ministerium um so weniger ein moralisches Recht, als das polnische Staatsbudget nur die lächerlich geringe Summe von Zl. 120.000 für jüdische Institutionen vorsieht. In den östlichen Gebieten sei die Tätigkeit der jüdischen Gemeinden mangels eines öffentlichen Steuerzwanges lahm gelegt, weil die Regierung bisher das Gemeindegesetz in diesen Gebieten nicht eingeführt habe. Auch die Wahlordnung für 'die Wahl von Rabbinern stehe noch aus. -Und der nach dem Gesetz zu bildende oberste religiöse Rat fehle noch immer. (Es dar' nicht übersehen werden, daß dieses ganze Memorandum die Meinung der großen Mehrheit der jüdischen Bevölkerung Polens, die auf orthodoxem Standpunkt steht, nicht wiedergibt. D. Red.) Litauen. Taufend jüdischen Familien das Recht auf Arbeit entzogen. Kowno, 20. August. Die litauische Regierung hat entschieden, daß Besitzer von sogenannten Nansen - Pässen kein Recht haben, in Litauen zu arbeiten. Betroffen sind über 1000 jüdische Familien. Die offenbar ausschließlich gegen Juden sich richtende Verordnung hat in jüdischen Kreisen Depression hervorgerufen. Rumänien. Bildungshungrige jüdische Jugendliche werden gräßlichen Torturen unterworfen. Bukarest, 20. August. Der gewesene Vizepräsident der rumänischen Deputiertenkammer, Herr Dr. Cazacliu, gewährte dem „Adeverul" ein Interview über die Zustände in Beßarabien, in dem er u. a. einen besonders krassen Fall von Folterungen jüdischer Jugendlicher bei der Polizei ausführlich behandelt. Im „Adeverul" Nr. 14 306 vom 16 August ist zu lesen: In Zguritza — erzählt Herr Cazacliu — hat eine Gruppe junger Burschen und Mädchen eine Bibliothek eröffnet. Diese jungen Menschen sind Kinder von wohlhabenden Leuten, man kann von ihnen also nicht annehmen, daß sie Kommunisten sind. Der Subinspektor der Sigurantza war jedoch anderer Meinung und ordnete deren Verhaftung an, obwohl ihn der Gendarmerie- Postenchef aufmerksam machte, daß es sich in diesem Falle absolut nicht um Kommunisten handeln könne. Am 12. Juni wurden die jungen Leute Srul Wattenberg, Meier Muck, Isaak Schwarz, die Schwestern Rose und Channah Sosna verhaftet, obwohl in ihrer Bibliothek nichts gefunden wurde, was des Kommunismus verdächtig sein könnte. Die Verhafteten wurden nach Chiinau überstellt und im Lokale der Sigurantza verhört. Zwei Tage hindurch wurden dort die Kinder in der gräßlichsten Weise geschlagen. Nach zwei Tagen hatte der Kommissär die gewünschte Erklärung in Händen, in welcher die Kinder zugeben, daß sie Kommunisten sind. Sie wurden dann noch zwei Wochen in einem Keller gehalten und mit kaltem Wasser „behandelt", bis ihnen die Geschwülste vergingen. Nach zwei Wochen wurden ie dem Kriegsgericht in Jassy überstellt, obwohl Zguritza 26 Kilometer von der chrenze entfernt jft, also nicht in der Zone des Ausnahmezustandes liegt. Das Kriegsgericht ließ dann alle frei, denn sie waren vollkommen unschuldig. (ITA.) -. 28. August 1930 England. Lucien Wolf gestorben. London, 24. August. Am Samstag den 23. August, abends, ist Lucien Wolf im Alter von 73 Jahren in London verstorben. Lucien Wolfs Name war überall, wo Juden leben, bekannt,, er hatte aber auch in der internationalen politischen Welt einen guten Klang. Lucien Wolf wurde 1857 in London geboren. Schon sehr früh widmete er sich der jüdischen Publizistik und jüdischen geschichtlichen Studien. Er erwarb sich aus diesen Gebieten einen geachteten. Namen. Später wandte er sich der aktiven Politik im Dienste der jüdischen Interessen zu und wurde ein leidenschaftlicher Kämpfer für jüdische Gleichberechtigung in allen Ländern, Aus diesem Gebiete waren ihm mannigfache schöne Erfolge beschieden. Er verstand es, als englischer Jude und als Vertreter der autoritativen jüdischen Körperschaften Englands den Einfluß der englischen Großmacht auf. die internationale Welt zur Erreichung gleicher Rechte, für Juden in osteuropäischen Ländern und im Orient, sowie zum Schutze angegriffener jüdischer Rechte, Ehre und Interessen auszunutzen. Im Namen des Joint Foreign Committee of British Iews, welches als das Organ des Iewifh Board der Anglo-Jewish Association und des Iewifh Board of Deputies sich zur Aufgabe gesetzt hat, über jüdische Gleichberechtigung und jüdische Ehre und Interessen in allen Ländern außerhalb Englands zu wachen, trat Lucien Wolf mit den Regierungen jener Länder in Verbindung, in denen die Juden keine oder nur geminderte Staatsbürgerrechte genossen oder deren Gleichberechtigung angegriffen war, oder wo Juden Angriffen seitens einer aufgehetzten Masse ausgesetzt waren und nicht genügenden Schutz von den Behörden erhielten. Seit Bestehen des Völkerbundes hat Herr Lucien Wolf das Schwergewicht seiner Tätigkeit aus Gens verlegt. Er vertrat die Anglo-Jewish Association auf der Versailler Konferenz im Jahre 1919 und setzte sich als der Vorsitzende des Komitees der Jüdischen Delegationen mit teilweise gutem Erfolg für die Erreichung jüdischer Minderheitenrechte in Polen, Rumänien, Tschechoslowakei, Litauen, Lettland, Estland und Griechenland ein. In der späteren Zeit freilich nahm er in der Frage der Wahrung dieser Minderheitenrechte einen viel gemäßigteren Standpunkt ein als die ostjüdischen Vertreter im Komitee der Delegationen, und in den Fragen des Schutzes der jüdischen Minderheitenrechte in Polen trat er vor wenigen Jahren sogar in einen Gegensatz zu dem Klub der jüdischen Deputierten und Senatoren und war deshalb in der zionistischen Oefsentlichkeit Polens scharfen Angriffen ausgesetzt. Die von Lucien Wolf im Namen des Joint Foreign Committee dem Iewifh Board of Deputies und der Anglo-Jewish Association regelmäßig vorgelegten Berichte über die Lage der Juden in den verschiedenen Ländern gaben einen Einblick in die unermüdliche Tätigkeit dieses Mannes im Dienste des Judentums. Erst vor einigen Tagen übergab er der ITA seine Korrespondenz mit der rumänischen Regierung in der Angelegenheit der letzten Judenverfolgungen in Rumänien zur Veröffentlichung. Von 1874 bis 1893 war er Redakteur der Zeitung „Iewifh World". 1885 veröffentlichte er eine großangelegte Monographie über Moses Montefiore, zusammen mit Josef Jacob verfaßte er eine Bibliographie der Geschichte der Juden in England. Er schrieb ferner ein Buch über Manasse ben Israel. Er war Mitarbeiter der Encyclopaedia Britannica und Mitbegründer und Präsident der Jüdischen Historischen Gesellschaft. Seit 1888 war er Mitglied und seit 1917 Sekretär des Joint Foreign Committee, das er bei den Tagungen des Völkerbundes, des Flüchtlingskornitees, der Vereinigung jüdischer Organisationen in Paris, der Conference Permanente pour la Protection des Migrants, des Beratungskomitees für die russischen Flüchtlinge in Genf und der JCA vertrat. Dem Hilfsverein der deutschen Juden war er ein treuer Freund. In den letzten Jahren seines Lebens war er fast vollstiindig erblindet. Joint Foreigy Committee und stalen-erreförm. L o n don, 7. August. In Ergänzung der in dem Gesamtbericht über die letzte Sitzung des Board öf Deputies enthaltene Notiz bringen wir im folgenden den Wortlaut des auf die Kalenderreform bezüglichen Beschlusses. Er lautet: