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Der Israelit · 1930-12-11 · Heft 50 (11.12.1930) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 50 (11.12.1930)
Date
1930-12-11
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 14 Nr. 50 Der Israelit 11. Dezember 1930 halcm, zowo le'enarrsch ale orez, so meint er: der Mensch habe auf Erden seinen D i e n st, seine Soldatenpflicht; aber nicht fern Scharwerk, anderer Gelegenheit cmssprachen, einfach mit dem Prinzip der summa fidelitas gegenüber dem Bibel- Das Buch Zefchajahu. Verdeutscht von Martin Vuber gemeinsam mit Franz Rosenzweig Berlin Verlag Lambert Schneider. Besprochen von Joseph Carlebach in Altona. Wohl kein Teil -der Bibelübersetzung ist mit solcher Spannung erwartet worden wie diese Verdeutschung des Jesajas. Denn wenn überhaupt zur Verdolmetschung eines Buches Sprachgewalt und Uebersetzungskunst erforderlich ist, dann ist es bei einem Versuch, Pathos und Schönheit und Bilderkraft dieses Propheten wied'erzugeben. Aber so hoch man auch die Erwartungen gespannt haben mag, ich glaube, die Uebersetzer haben alles übertrumpft. Für die geniale Art, wie sie das Wort meistern, ist kein Lob groß genug. Wir beugen uns in Anerkennung. Es soll damit natürlich nicht gesagt sein, daß nun auch jeder seine Lieblingsverse in dem Gewände sich ins Herz schreiben möchte, wie sie ihm hier entgegentreten. Es bleibt eben einmal immer so, daß oft ein schlichter, einfacher Ausdruck einem lieber ist als allzufein abgewogene und abgemessene Wendungen. Ich glaube z. B., daß den meisten Menschen unter der Sonne „lieber Zion durch Recht e r l ö st" als „durch Recht abgegolten" wird, oder daß ihnen ein Satz weniger zur Seele spricht: „ists euch zu wenig, Männer zu entmächtigen, daß ihr auch meinen G'tt entmächtigen wollt?!" als wie wir ihn fönst einfacher aussprechen: „ists euch nicht genug, die Menschen zu täuschen, daß ihr auch meinen G'tt täuschen wollt?", oder endlich, daß nicht jedem die Buchstabentreue bei „ki molloh zewooh" in der Uebersetzung „vollendet ist ihr Scharwerk" gefallen wird, wo gemeindeutsche Zunge sagt: „zu Ende ist ihre L e i d e n s z e i t ". Auch große Meister rennen sich oft auf ein Prinzip fest, wo wir Kleinen in Abwandlungen des Satzes vom summum jus summa injuria sagen würden: übertriebene Treue ist höchste Untreue. Wir haben bereits auch in früheren Rezensionen an Einzelbeispielen dargelegt, daß schon in der Zeit der biblischen.Verfasser die hebräische Sprache nicht mehr in dem statüs nascendi war; daher man ihre Einzelwendungen nicht auf ihre Elementarbestandteile ein für allemal festlegen darf. Graphit und Diamant sind Kohlenstoff, aber deshalb ist Kohle kein Diamant, und Graphit keine Kohle. So ist gewiß das hebräische Wort „zowo" in seinem Ursinn die „Schar", es ist dann aber, weil die Soldaten in Scharen gehen, auch übergegangen zur Bedeutung Heeresdienst und Dienst im allgemeinen, und wenn Hiob sagt: und man wird nimmermehr uns einreden, daß" Hiob, wenn er das Wort „zowo" an dieser Stelle gebraucht, noch an den Ursinn „Schar" denkt. Die Verfasser haben aber nun einmal ein solches Prinzip sich Vorgesetzte und wir müssen uns damit abfinden. Wir werden dafür auch von solcher Unsumme voll herrlichen Prägungen entschädigt, daß das kaum in Betracht kommt. Wir können uns auch mit dem Gedanken trösten, daß manchmal die Verfasser selbst ihrem Prinzip untreu zu werden nicht umhin können. (So heißt im Kap. 42 Ruach Geistbraus und Odembraus; um das klangmalerische R wiederzugeben, aber im Kap. 26, 8 doch „mit meinem Geist im Innern" ohne Braus, das entbehrlich ist.) Diese Uebersetzung des Jesaja wird uns auch deshalb ewig von besonderer Bedeutung bleiben, weil es das letzte Buch ist, an welchem Franz Rosenzweig s. A. mitgearbeitet hat. Es liegt dem Werk ein Zettel bei, auf dem es aus Bubers Feder heißt: „Er hat seine Bemerkungen zur Reinschrift dieses Bandes (die gemeinsame Arbeit vollzog sich so, daß er mir jeweils kritische Roten und Aenderungsvorschläge zu den einzelnen Abschnitten meiner Manuskripte sandte) bis einschließlich zum 44., die zur ersten Fassung bis einschließlich zum 65. Kapitel aufzeichnen können. Der letzte Gedanke, dessen Aeußerung er versuchte — sie ist nicht über den Anfang hinausgelangt —, galt dem Sinn einiger Stücke dieses Buches, der Lieder vom Knecht G'ttes." Und so wird uns das Buch als das letzte seiner Mitarbeit immer besonders teuer bleiben. Nicht einverstanden mit den Verfassern bin ich in folgendem: In der Uebersetzung von Haschem Zewoaus als „dem Umscharten". Dies ist m. E. falsch. G'tt der Scharen heißt nicht der umscharte G'tt. Er ist der G'tt, dem alle Weltenteile als seine Scharen dienen, G'tt über den Weltenscharen. In zwei polaren Formen wird G'tt in der Bibel uns gekennzeichnet, entweder als der G'tt Israels, oder als Haschem Zewoaus, was nichts anderes Heißt als W e l t e n g' t t, der selbst gegen Israel richtend und die Gesamtentwicklung des Weltziels verwirklichend uns entgegentriN. In diesem Sinn ist Zewoaus der Ausdruck der universalsten Bedeutung G'ttes, was in der Form „der Umscharte" zu völliger Bedeutungslosigkeit herabgemindert wird. Mit noch lebhafterer Entschiednheit bedauern wir erneut die Abweichungen vom mass o r e t i s ch e n T e x t, die, wie wir schon bei Lext unverträglich sind. Wir müßten statt einer Besprechung ein ganzes Buch schreiben, um zu zeigen, wie jede dieser Aenderungen unnötig oder gar sinnwidrig ist. Ich habe einmal dlas Experiment gemacht bei der Durchnahme des 10. Kapitels im Jesajas, wo ich meinen Hörern die Uebersetzung vorlegte und sie selbst um Entscheidung bat, ob der Mbeltext od>er die dort vorkommenden Konjekturen den Vorzug verdienen. Ich greise daher dieses als Beispiel heraus. Im Verse 25 werden die Worte „weapi al tawlisson" übersetzt: sie aufreiben will dann mein Zorn. Es wird also tachlisson konstziert. Es würde dann aber erstens die Präposition al nicht passen, dann bedeutet «das Wort tachlis niemals Vernichtung, ferner ist zu dieser Konjektur nicht die geringste Veranlassung gegeben, denn die von den alten jüdischen Erklärern gegebene Deutung: und mein Zorn richtet sich dann wider ihre Scheußlichkeit (Parallele zu Leviticus 20, 12) wird dem Zusammenhang vollkommen gerecht. Dort heißt es ferner im Verse 27: „Geschehen wirds an jenem Tag, von deiner Schulter weicht fern' Frondruck, von deinem Halse fein Joch; w'chubbal aul mipne schomen, und vor Fettigkeit zerbricht das Joch. Die letzten Worte begleiten die Verfasser mit dem Zusatz: „Und dann heißts: Am Rackenfett kann ein Joch zermürben." Zu dieser Einschaltung „und dann heißts" liegt keine Veranlassung vor. Hervorgerufen ist sie durch das Aul ohne Artikel. Es kommt aber in der Bibel auch sonst vor, daß, wenn ein Wort wiederaufgenommen wird, das schon vorher im Text vorkam, der bestimmte Artikel fehlt, (vergl. z. B. Richter 15, Vers 9 und 14 Lechi und Halechi) Aul des Nachsatzes bedeutet also soviel wie das Joch. Will man bei der Bedeutung ein Joch bleiben, muß nur das Wort Joch betont werden. Ein Joch, das sonst nur von außen zerbrochen werden kann, wird in diesem Falle durch das Nackenfett (von-innen heraus) zerbrechen. Der genau parallele Fall liegt in Jes. 31, 8 vor, wo die Verfasser mipne cherew tatsächlich mit „vor dem Schwert" übertragen. Anijo anossaus des Textes Vers 30 endlich übersetzen Rosemweig und Buber: ^„Antworte ihr, Anatot!" Nach unserem Gefühl ist: „armes Anatöt" viel kraftvoller als Weheruf des Propheten über das Schicksal des vernichteten Städtchens. Dieses eine Kapitel sollte nur als Beispiel, dienen, wie unbegründet und unverständlich diese Textkorrekturen sind. Sie bilden eine unglückliche Konzession an die christliche Theologie, die darin das kritische Recht ihrer Wissenschaft bekunden will und nur ihre Verständnislosigkeit und Ehr- Arthur Pfungst. Eine pompöse und reiche Ausgabe, die da vor uns liegt (Arthur Pfungst Gesammelte We.rke, He rausgegeben in Gemeinschaft mit Dr. Franz Angermann und Emil Doctor von Maria Pfungst. In 3 Bänden, 3. Band in zwei Halbbänden. Neuer Frankfurter Verl a g G. m. b. H., Frankfurt a. M.) und ein im besten Sinne pompöses, will sagen, sich zur Großartigkeit entfaltendes und reiches Leben, das sie vor uns ausbreitet. Arthur Pfungst, 1864 in Frankfurt a. M. geboren und 1912 dort an einem unter dem königlichen-kaiserlichen Drill der Mi'.itärzeit erworbenen Herzileiden gestorben, war ein universell gerichteter und sich universell betätigender Geist. Von Haus aus als Mitinhaber der damals weltberühmten Naros-Umon-Schmirgelfabrik Großindustrieller, fand fein regsamer, biegsamer und ins Weite strebender Sinn nicht entfernt Genüge im angeborenen Beruf. Nicht, daß er ihn vernachlässigte oder als unebenbürtig bei Sejite geschoben hätte. Er.« widmete sich ihm mit der Kraft, Umsicht und Unermüdlichkeit, die das Erbe und die Aufrechterhaltung eines stolzen Namens verlangten. Er weihte ihn auch durch soziale Einrichtungen, mit denen er seiner Zeit um Jahrzehnte vorauseilte. Aber der Erwerb war ihm nicht Selbstzweck, Pfungst war vielleicht kein Mammonsverächter, aber niemals ein Mammonsuntertan. Die äußere Freiheit, die ihm fein Reichtum bot, dehnte die Feinheit seiner Seele, die Tiefe seines Geistes zu einem außer-, ordentlichen und seltenen Umfang. Dem Fabriksherrn, der nie den Herrn herauskehrte, gesellte sich zunächst deq Religionsforscher. Cr war einer der besten Kenner und lautesten Lobpreiser des Buddhismus, dessen eigenartige, im Pessimismus des nicht lebenswerten Lebens wurzelnde, ins Nirwana mündende und die ewige Wiederkehr alles Geschaffenen, die Unendlichkeit alles Seienden doch kündende Philosophie ihn mächtig anzog, aber auf sein werktätiges Leben keinen gestaltenden Einfluß gewann. Theoretischer Pessimist — praktischer Optimist — so ungefähr charakterisierte er sich selbst einmal. Durch den trüben Flor seiner buddhistisch beeinflußten und gefesselten Weltanschauung brach stets die Erkenntnis, die sich prächtig in die Tat umsetzende Erkenntnis, daß es gelte, in dieser nun einmal unvollkommenen zweck- und ziellos umheriirrenden, der Vernichtung zustrebenden Welt zu bessern, was man bessern könne, kräftige Hand anzulegen und nicht müßig und dumpf resigniert zuzusehen. Was sich ihm an Werten, an Gefühlsgehalt des Buddhismus erschloß, formte sich ihm zu reif durchdachten Abhandlungen und zu epischen, lyrischen, bruchstückweise auch dramatischen Dichtungen bedeutender Art, die in bezaubernden Bildern, in stolz und würdeooll einhergleitenden Versen den Drang der suchenden, tastenden, hastenden Seele nach Erkenntnis wahren und echten Lebenswertes, nach innerem Frieden, nach befreiter Ruhe und Sättigung des Geistes widerspiegeln. Aus dem Gewand des buddhistischen Einsiedlerdenkens sprang aber auch, geweckt durch die Eindrücke seines Tatenlebens, gestählt durch die Lauterkeit seines reinen und unerschrockenen Wollens, ein Zeitschriftsteller ersten Ranges heraus. Kein Tagesproblem, zu dem Pfungst nicht scharfblickend, weitsichtig und beherzt Stellung nahm, keines, das er nicht durchdrang, originell innerlich verarbeitet^, vertiefte und in klare, ebenmäßige und entzückende Form goß. — Und trotz alledem — trotz der Vielfältigkeit feines Wirkens, trotz der Größe seines Schaffens, trotz der von den Besten und Bedeutendsten seiner Zeit ihm dargebrachten Verehrung, trotz der angestrebten Vervollkommnung seines reinen Menschentums — bleibt bei Pfungst ein letztes Ungelöstes, bleibt ein Rest von. Erdenschwere, ruht über dem Leben des Juden Pfungst eine Tragik eigenster Prägung. Arthur Pfungst war Jude von Geburt, von Rasse, von unbewußter Sehnsucht, mochte er auch, späterhin, um Ellenbogenfreiheit trf seinem Kampf gegen oen Klerikalismus zu gewinnen, Dissident geworden sein. Gelebte Religion — das war's, was er im Umkreis seiner Wahrnehmungen. seiner Weltschau schmerzlich vermißte, wonach er bangte, um die er. stritt. Eine Religion, die sich nicht verkappt, nicht einmauert in das Buch, nicht Grenzvfähle aufrichtet zwischen Buchweisheit, Buchhoheit, Bnchadel, Buchbefehl und dem Leben, sondern die frei, stark und fröhlich in dieses hineinträgt/ was das Buch verlangt. Hier setzt die ihm selbst, seinen Zeitgenossen, bis zu dem erst durch diese Ausgabe ermöglichten Rundblick auch seinen Nachfahren unbekannte Tragik in Pfungst's Persönlichkeit ein. Er weilte in Frankfurt in der Blütezeit -Sams o n Raphael H i r s ch's , der gerade damals mit lauten und lauteren Zungen-verkündete, daß man keinen Damm aufwerfen dürfe zwischen dem geruhigen User des Buches, des Buches der Bücher: der Bibel und dem brausenden Meere des Lebens, der aus dem Judentum herausschälte und auf goldenen Tellern darbot, was es an reinsten ethischen und ewigen Werten barg. Wäre Pfungst das Glück beschieden gewesen, zu S. R. Hirsch's Füßen zu sitzen, hätte er seine Schriften sich zu eigen gemacht, wäre ihm das Judentum in dieser Gestalt zu Gesicht gekommen: ich bin sicher, er hätte dann innerhalb des Judentums, mit dem.Judentum das gefunden was er außerhalb des Judentums irrlichtelierend suchte und bis ans Eide seines Daseins nicht befriedigend fand. Er hätte die Waffen dann gerichtet nicht gegen jede Religion, sondern nur gegen die verkannte, die abge-, splitterte, die eingesyerr'e, die das Leben nicht befruchtende und gestaltende Religion, er war aus einem MHstch? der Beschaulichkeit und weltanschaulichen Traurigkeit ein fröhlicher und beglückter Jünger seines angestammten Glaubens geworden.

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