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Der Israelit · 1930-12-11 · Heft 50 (11.12.1930) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 50 (11.12.1930)
Date
1930-12-11
Page
– (sequence 13)
Language
German
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arie illerans Die neueste Zeitdiagnose. i Es ist merkwürdig, wie rasch in unsren Tagen die von positiver Wissenschaft, Philosophie und Gemeinschaftserkebnis bestimmte Z erbst immun g sich wandelt und — gewissermaßen über Nacht — von einem Extrem ins andre umschlägt. Wir verstehen unter Zeitstimmung dabei nicht die Meinung und das Interessengebiet der Handarbeiter, Handelsangestellten und von der Last der Berufsarbeit erdrückten Familienväter, sondern die geistige Atmosphäre, in der sich die intellektuelle Höhenschicht der europäisch-amerikanischen Kulturwelt jeweils im Durchschnitt bewegt, und die in Literatur und künstlerischer Produktion ihren Niederschlag zu finden pflegt. Von dieser „Zeitstimmung" ist aber in Wirklichkeit viel, viel mehr abhängig als etwa die an sich zunächst gleichgültige Frage, welche Stoffe unsre Romanschriftsteller und Dichter behandeln und von welchen Tendenzen Bühne, Konzertsaal, Salongespräch und Stammtisch beherrscht sind — diese „Zeitstimmung" ist vielmehr der — oft ausschlaggebende — Faktor für Tausende von Menschenschicksalen, für die Entwicklung der Jugend und das Glück der Familien, denn sie bestimmt letzten Endes die Ergebnisse des ganzen Crziehungswerkes in allen denjenigen Schichten, die nicht ganz abgeschlossen von der Zeit in einem geistigen Ghetto leben. Der Einfluß dieser durchaus als Stimmung zu charakterisierenden Haltung einer geistigen Führerschicht zu den Denkproblemen und Lebensproblemen auf die Jugend vollzieht sich meist ganz unbewußt, und man kann Nachweisen, daß selbst Denkergebnisst, .die s ch e i n bar völlig auf - logi- . scheu Schlüssen und wissenschaftlicher Empirie, be^ ruhen,' - in -Wirtlichkeit-1 doch weitgehend von hem schäpfeplsckstn Element der Zeitstimmung beherrscht sind,, das; unbewußte persönliche Voraussetzungen für die Fragestellungen und für die Gruppierung und Wertung der Tatsachen schafft. Um wieviel mehr gilt dies von allem Weltanschaulichen oder gar Metaphysischen und Religiösen. Diese Beobachtungen rechtfertigen den Hinweis auf.ein vor kurzem erschienenes Buch von Hermann Herrigel/) das mehr noch als des gleichen Verfassers früheres Werk „Vom neuen Denken" als Symptom jenes eingangs erwähnten Umschlages der Zeitstimmung registriert und gewertet 'werden muß. Iw 'sogenannte Näch- Iriegs-Generation, d. h. die Jugendlichen, die ihre Sturm-Drangperiode, vom 17. bis 25. Jahre etwa in den Jahren 1918 bis 1926 erlebten, hat noch mit vollen Zügen jene Zeitstimmung eingeatmet, die gänzlich von dem großen geistigen Erlebnis des Zusammenbruchs des.Mgterialis- J) 3 tö i [ ä) e n r a g e u n b 21 n t w o r t. Gedanken zftr Kulturkrise. Von . H e r m a n n Her r t g e I. Mk. 3.80. B e r l i n - D a h l e m. Lambert S.ch n e i d er. mus beherrscht war. Man braucht beispielsweise nur Bürckhardts imposantes, mit Bienenfleiß zusammengestelltes zweibänd!iges Kompendium „Die Weltanschauungskrise der Gegenwart" zu lesen, um ein klares Bild von den hoMungsreichen Ksnstguenzen dieses-, ZufamMMbruchs für die Welt- und Lebensanschauung zir gewinnen. Die Auflösung der Materie selber in Kraftzentren war nur der Schlußstein einer Entwicklung, die überall den Götzendienst des Moleküls und Atoms, den Aberglauben der unterschiedslosen Erkennbarkeit alles Seins aus dem. Werden überwand und die spezifische Eigenart der höheren, aufs Ganze gehenden Ordnung, die Welt der Werte überhaupt wieder in ihre legitimen Rechte einsetzte. Durch diesen seelischen Ruck nach der Ganzheit eines höheren Seins entstand die gefühlsmäßig fundierte Ahnung, daß man nun dicht vor der wissenschaftlichen Begründung der Werte überhaupt stehe, daß eine abgerundete Weltanschauung, daß Ethik, Politik und Religion ihre wissenschaftlich zureichende Fundamentierung aus den Voraussetzungen des reinen Denkens finden könnten. Das war leider eine Selbsttäuschung. Ding l e r s „Zusammenbruch der Wissenschaft", Ludwig Freunds tapferes Buch „Am Ende der Philosophie" und mehr noch, weil bündiger als diese, H e r r i g e l s neues Frage- und Antwortspiel zeigen, daß die wissenschaftliche Kultur, obgleich sie den Materialismus überwunden hat, weltanschaulich am Abgrund steht und sich völlig außerstande sieht, der Ursehnsucht der Einzelseele und dem Bedürfnis irgendwelcher plausibler Begründung eines sinnvollen Gemeinschaftslebens Genüge zu tun. Das war eigentlich auch schon aus ,Hans D r i e s ch s vor zwei Jahren erschienener Ethik?) ersichtlich, einem Buch von wunderbarer .Ehrlichkeit, das eben deshalb, so ganz nebenher für den, gegemvcjrtigeü^Külturstchld. mit ' gerädezü ühÄwältigende/ KlarheÄ ' iist klntzwgljchkeit din-er ' brauchbaren, ist echtem Mistste' verpslichterchen Ethik aus a u ß e rr e l-i g i ö s-e r Grundlage erwies. Herr i g e l s nettes Werk zerfallt in''zwei Teile; der erst^e heißt: „Don der Antwort zur Frage" und umfaßt 157 Seiten, der zweite soll unter dem Titel „Zwischen Frage und Antwort" zu einer neuen Ant w o r t führen, aber es ist von symbolischer Bedeutung, daß dieses entscheidende Kapitel 44 Seiten lang ist und im wesentlichen nur eine Analyse der Denkarbeit Leo Schestows (Auf Hiobs Wage, besprochen im „Israelit" Rr. 10, Jahrg. 1930) und Eberhard G r i f e b a ch s („Gegenwart") bringt. In einer Reihe von Essays voll geistigen.Reichtums stellt Herrigel z w e i Dinge fest. EMnal die für ihn selber erschütternde Tatsache: ^Mit dem Verlust einer standpunkts-jenseitigen, objektiven materiellen Grundlage ist dey substanzielle Wahrheitsbegriff, der auf dem Satz des. Widerspruchs beruht, D i e s i t t l i ch e T a t. Ein moralphilosophischer Lersuch von H ans.Driesch. Leipzig 1927. Verlag von Emanuel R e i n i ck e. hinfällig geworden." Zweitens aber auch, daß es dabei nicht bleiben kann, soll Leben überhaupt möglich sein. „Die immer weitergehende Verfeinerung der Erkenntnis, die vorsichtige und genaue Ausschaltung^ der Fehlerquellen, die m den Verallgemeinerungen liegen, und damit die Zuspitzung des Denkinstrumentes, daß es immer näher an die Dinge herankommt — das alles ist unerläßlich, aber es ist nicht alles. Wir kommen damit nicht weiter, als zu erkennen, was ist, aber der Mensch ist nicht bloß Erkennender, sondern auch Wollender, und seine Aufgabe ist es, nicht bloß die Welt zu öffnen, sondern auch sie abzuschliehen und in Formen zu begrenzen; nicht Moft, die Welt festzustellen, sondern sie zu gestalten und zu ändern; und sie nicht bloß zu ändernnach unserem subjektiven Wollen, sondern nach einer Norm, nach einem Sollen, das nicht in dem, was ist, gefunden werden kann, sondern vor aller Erfahrung a priori feststeht." Aber die Frage nach dem Recht dieses a priori ist eb-en die Frage der Kulturkrise, auf die Herrigel keine Antwort weiß. Leo Schestow endet in einem religiösen Individualismus, der der philosophischen Vernunft den Krieg erklärt und „das rätselhafte G'ttesnarrentum der Propheten und Apostel" als „eine neue Form der Offenbarung an die Stelle der hellenisch-europäischen Weisheit" setzt; Grisebach findet sich mit einem unfruchtbaren ethischen Individualismus ab,. der sich rein zwischen dem Ich. und dem Du abspielt. Herrigel registriert diese subjektiven Lösungsversuche, aber er bleibt sichtlich unbefriedigt. Sem Buch endet zwischen Frage und Antwort!; i ü > Der jüdische Erzieher muß vün hitzsem, augenblicklich die besten Köpfe beherrschenden ägnöstischen Skeptizismus Kenntnis haben,' die die Meist unbewußte philosophische Grundlage der pathosfeindlichen ,-Sachlichkeit" der jüngsten Generation ist.' Bis wieder ein die Zeit mit sich fortreißender großer philosophischer Systematiker aussteht, der eine neue Denk-Stimmung schafft und damit Fi-e gleichen Tatsachen plötzlich wieder in ein verändertes Licht setzt, muß man wohl mit dieser Atmosphäre kühlen, achselzuckenden Nicht-Wissen- Kännens rechnen. Diejenigen allerdings, inderen Seele ein klein wenig vom „G'ttesnarrentum der Propheten" lebt oder die — etwa im Sinne der kollektivistischen Theorie von Dr. C. C. in A. — ihr individuelles Geistesleben in den großen Strom des die Offenbarung fortpslanzenden jüdisch-nationalen Geisteslebens einzutauchen und so wahrhaft zu „lernen" verstehen,, werden auch der zum Tode führenden agnostisch-skeptizistischen Welle entrinnen und des Glückes willenbestimnlender Wahrheitsgewißheit teilhaftig werden.

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