Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1930)
- Date
- 1930-01-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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9. Januar 1930 Der Israelit Nr. 2 Seite 7 Die Woche. Der hebräische Kreis. Der Ruf zur Gründung eines hebräischen Kreises am ■>*135? lockte viele Hunderte aus allen Schichten der jüdischen Bevölkerung, zum guten Teile aus der gesrtzestreuen Jugend. -am Donnerstag abend in den großen Saal der Suppenanstalr. Der Vorsitzende, Herr Messerer, begrüßte die Versammlung mit einer kernigen hebräischen Ansprache und entwickelte dabei Plan und Struktur .der Vereinigung. Daraus ergreift Herr Rabbiner Dr. Hoffman n das Wort zur ersten Begrüßung (erst hebräisch dann deutsch). Heilige Sprache und heiliger Text sind eng miteinander verbunden. Gott hat uns „erhoben von allen Sprachen und uns geheiligt durch seine Gebote", unsere Sprache ausgezeichnet, um uns darin die Gebote zu geben. Nach alten Ueberlieferungen ging die erste Verbannung nach Babylon, damitIsraelZm Lande der Aramäer der heiligen Sprache der Heimat nahe bleibe. Freilich ist die Sprache nicht alles. Die Aussöhnung Josefs mit seinen Brüdern war erst dann vollendet, als Josef das hebräische Wort an sie richtete 02'!»« -man ’s '2- Mit einem herzlichen Schalom begrüßt er die Versammlung. Ein gediegenes Referat in fließendem sephardischem Hebräisch hält Herr BarischaNski, Lehrer und Schriftsteller aus Palästina. Wenn die theologische und archäologische Wissenschaft die hebräische Sprache für tot hält, wie sie überhaupt, dem jüdischen Organismus alles Leben abspricht, so erlebt sie an der Techija-Bewegung in Erez Israel eine Enttäuschung und ein Wunder, das sie nicht begreift. Auf die letzte Katastrophe eingehend, ist er der Meinung, daß die Ereignisse uns nicht entmutigen dürfen, wir können und wollen auf das Land nicht verzichten und müssen die?32n wie alle anderen bauenden Völker, auf uns nehmen. Die hebräische Sprache war nie tot, war immer lebendig im wisssenschaftlichen, kaufmännischen und gesellschaftlichen Verkehr der Juden. Der als Gast anwesende Herr S. Schach nowitz gibt (erst hebräisch dann deutsch) einen kurzen Ueberblick über die Periode der H a s k a l a , aus deren Schäden man heute bei der Wiederbelebung der hebräischen Sprache und Literatur viel zu lernen hätte. Die Renaissance der hebräischen Sprache muß so gedacht sein, daß hebräisch reden gleichbedeutend sei mit hebräisch denken und hebräisch fühlen. , Die Alten gingen in die „Schulen von Schem und Eber". Als vor hundert Jahren, unter dem Eindruck und Einfluß der Berliner Bewegung, die Modernen des Ostens sich mit der Schule des Eber begnügten und „Schem" den Rücken kehrteu, schlossen sich die Anderen in. die Hallen Schems ein und trauten dem Eber nicht-mehr. Es war nicht aus Abneigung gegen die heilige Sprache, aber die Dämme waren nötig, und es konnte nicht ausbleiben, daß auch manches Gute damit zurückgedämmt wurde. Heute sollte man so weit sein, das jüdische Wort zum Interpreten des jüdischen Gedankens zu machen, damit Schem und Eber wieder vereinigt sind. Es ist nicht zu leugnen, daß feit der kastilischen Zeit bis zur Gegenwart viel jüdisches Wissens¬ und Gedankengut auch in fremden Sprachen niedergelegt wurde, wie auf der anderen Seite in hebräischer Sprache auch Unjüdisches, ja Antijüdisches gesagt und geschrieben worden ist. Wer wollte es beispielsweise bestreiten, daß die 19 Briefe von S. R. Hirsch, obwohl in deutscher Sprache'mindestens so gut jüdisch sind wie etwa, um ei.'.e der bekanntesten Erscheinungen des vorigen Jahrhunderts zu nennen, das ptn ’Dina mva von Nachmann Krochmal, daß die apologetischen Werke David Hoffmanns in deutscher Sprache weit jüdischer sind, als etwa das in glänzendem Hebräisch gehaltene Buch von Klausner über nxun ip1 "n- Aber besser sei doch das jüdische Wissen gehütet, wenn es im jüdischen, d. h. hebräischen Gewände einhergeht. Darum müßte das Ziel aller Hebräisten von heute sein: Alles, was gut jüdisch ist und der Thora dient, für die hebräische Literatur gewinnen. Der, Hellenismus, an den das Ehanuckalicht erinnert, begann mit der Abkehr vom Hebräischen, mit der Septuaginta. Der moderne Berliner Hellenismus vor 100 Jahren nimmt ebenfalls seinen Ausgang von einer Bibelübersetzung, die zur Absage an das Hebräische geführt hat. Man lernte die. griechische, bezw. die deutsche Thora, dann Griech sch (Deutsch) ohne Thora und zuletzt Griechisch (Deutsch) gegen die Thora. Auf der anderen Seite ist es gewiß, daß die Makabäer nicht für das Wort, sondern für den G e r st kämpften, und sie hätten genau so tapfer zum Schwerte gegriffen, wenn sich der Hellenismus in hebräischer S pr a ch e gegeben hättet Die Sadduzäer, hundert Jahre später, waren die neuen, hebräischen Assimilanten, und auch sie fanden ihre Makkabäer, die die schärfste Waffe des- Geistes gegen sie führten. Redner begrüßt die Versammlung und den Kreis unter der Voraussetzung, daß er ein Weg sei zum jüdischen Geiste, zur jüdischen Thora, eine Straße über die Schule von Cber zum Lehrhause Schems. Weitere Begrüßungen hielten Herr Dr. König im Namen des Misrächi, Frau Berger für die Frauen im Dienste der Kulturarbeit für Palästina, Herr Eilte! als Vertreter der lettländischen Judenheit. Herr Mortenfeld spricht mit kräftigem Temperament über dre einigende Kraft der. hebräischen Sprache, Frau Dr. Rabin appellierte an die Mütter. Zum Schluß spricht noch Herr Rabbiner Dr. Hosfmann ein paar versöhnende Worte, und der Vorsitzende, Herr Messerer, schließt die Versammlung mit Dankesworten an die Referenten. Verein INekor Chajim e. V. Am Sonntag, den 5. Januar 1930, fand die General- Versammlung im Vereinslokal Langestraße 18 statt. Der Präses, Herr Joseph Sänger, eröffnete um 5 Uhr die General-Versammlung; er stellte fest, daß die Einladung hierzu rechtzeitig erfolgt ist und erteilt das Wort dem Schriftführer Herrn.Jos. R o s e n t h a l zur Verlesung des Jahresberichtes, worüber noch berichtet werden soll. In der anschließenden lebhaften Debatte machten die Herren Hermann Rotschild, Max Löwenthal und A. Stein Vorschläge für die Weiterentwicklung, insbesondere die Jugendwerbung, die von der Verwaltung dankend entgegengenommen wurden. Nach Verlesung des Kassenberichtes erfolgte Entlastung für den Vorstand und den Kassierer, Herrn Fritz Stern. Bei der anschließenden Vorstandswahl wurden die Herren Sänger, Heidingsfeld und R o s e n t h a l per Akklamatton wiedertzewählt; ebenso wurde der Vorsitzende per Akklamation wiedergewählt. Als Jugenddelegierte für 1929/30 wurden die Herren Walter Strauß und Jsaac Lange wieder bzw. neugewählt. d Mit Dankesworten für^die Erschienenen schloß der Vorsitzende um 6 Uhr die General-Versammlung. Wir benutzen die Gelegenheit, um gemäß den Anregungen der General-Versammlung Eltern, Lehrer und Erzieher erneut auf die segensreiche Tätigkeit unseres Vereins hinzuweisen und sie zu bitten, Kinder und junge Leute zum Besuch unserer mannigfachen Schiurim zu veranlassen. Der Spielabend des Keren Halhora. Im ausverkauften Großen Saale der Frankfurt-Loge versammelten sich am fünften Chanukkahabend die Freunde des Keren Hathora, die in erfreulicher großer Zahl der Einladung zu einem Spiel- und Unterhaltungsabend gefolgt waren. Der Abend wurde eingeleitet durch herzliche Worte des deutschen Keren Hathora-Leiters W. I. Jacobson. Es folgte ein höchst amüsantes, eigens für das Fest verfaßtes Theaterstück, das flott gespielt wurde und oft Lachstürme hervorrief. Auch ein Couplet und jüdische Lieder eines jugendlichen Sängers fanden reichen Beifall. Den Schluß bildete eine Lkchtbilderoorführung, in der die Arbeit des Keren Hathora gewürdigt wurde. Zwischen den Darbietungen vergnügten sich die Anwesenden an den einzelnen Tischen mit den am Chanukka üblichen Gesellschaftsspielen. Die angeregte Sümmung dauerte lange an. Lhanukkah-Aeier im Hort für jüdische Mädchen. Frohe Sannung unter den kleinen Leuten im Publikum, noch stärker die freudige Erwartung bei den jungen Schauspielerinnen, die sich heute auf den Brettern, die die Welt bedeuten, sollen zeigen dürfen. Bildet doch die Chanuckafeier für unsere Hortkinder den Höhe- und Glanzpunkt des Winters! Herzlich begrüßte die Vorsitzende, Frau H. Besthoff, dre großen und kleinen Gäste und dankte ihnen für das Interesse, das sie der Jugendpflgeearbeit unseres Hortes durch ihr zahlreiches Erschernen bewiesen haben. Eine eingehende Schilderung des sozialen Wirkens des Mädchenhortes möchte sich die Rednerin versagen, sie ist überzeugt, daß er durch die Tatsache seines langjährigen Bestehens und durch seine Leistungen seine Eristenznotwendigkeigenügend beweise. Frau Besthoff dankt allen ihren Mitarbeiterinnen für ihre treue Mithilfe und spricht ihre innige Freude darüber ausj daß es dank der ungewöhnlichen Rührigkeit der Damen — von denen einzelne ganz Hervorragendes geleistet haben — gelungen ist, trotz der heutigen schweren Wirtschaftslage die Chanuckafeier durch Geschenke und güte Berirtung recht schön zu gestalten. Besonderen Dank spricht Frau Besthoff den Damen der Nähstube aus, die so emsig für unsere Kinder geschneidert haben und Frau Johanna Schott, deren wundervolle praktische Handarbeiten eine Zierde des Gabentisches sind; ferner all den Frankfurter Firmen, durch deren großzügige Gebefreudigkeit wir all den Kindern hübsche und nützliche Dinge schenken konnten. Dann schloß die Vorsitzende ihre alljährliche Bitte an, es möchte sich doch irgendwo auf dem weiten Erdenrund ein gütiger, hochherziger Mensch finden, der dem Hort zu emem eigenen Heime verhelfen möchte; wenn wir auch der. Verwaltung der israelitischen Volksschule herzlich dankbar für die weitere Ueberlassung der neuhergerichteten Turnhalle sind, so wünschen wir uns doch sehr noch zweckentsprechender eingerichtete Räume, die dem Hortbetrieb wesentlichere Erleichterungen bieten würden, wie auch alle städtischen Horte in eigenen Räumen arbeiten. Zum Schlüsse dankte sie noch den drei bewährten Leiterinnen für ihre mühe- und liebevolle Erziehungsarbeit, die sie so einflußreich zu gestalten wissen und gab der Hoffnung Ausdruck, daß der Hort noch recht lange zum Wohle seiner Zöglinge seine Arbeit fortsetzen und weiter ausdehnen könne. Dann folgten reizende, gut einstudierte Ausführungen, die beredtes Zeugnis ablegten von den vielseitigen Begabungen der kleinen Künstlerinnen. Mit großer Freude und jubelndem Beifall wurden die deklamatorischen, gesanglichen und Tanzdarbietungen ausgenommen und dankbare Anerkennung wurde der mühevollen, sorgfältigen Einstudierung und der reizenden Kostüsierung gezollt, die mit einfachsten Mitteln so hübsch und wirkungsvoll gestaltet war. Gemeindevertretung der Israelitischen Gemeinde am 8. Januar. Am 2. Februar wird im großen Saal der Frankfurt- Loge eine Gedenkfeier für Franz Rosenzweig stattfinden. Nach einer kurzen Ansprache von Rabb. Dr. Seligniann wird Rabb.' Dr. Leo Baeck- Berlin die Gedenkrede halten, der sich die Verlesung eines Kapitels durch M a r ti'n Vuber anschließen wird. Man darf der Feier mit Spannung entgegensehen. — Bei dieser Gelegenheit wird Herrn Syndikus Dr. .E u g e n Mayer für die tatsächlich außerordentlich geschmackvoll zusammengestellte Januar-Nummer des Eemeindeblattes, die zu weitaus größtem Teil dem Andenken Rosenzweigs gewidmet ist, der Dank' der Gemeindevertretung ausgesprochen. Ein Sonderdruck ist in Vorbereitung. Erwähnt mag auch sein, daß mehrere Mitglieder derselben Ihrem Vertreter ihre höchste Anerkennung für den im „Israelit" erschienenen .Aufsatz von Joseph Carlebach über Rosenzweig aussprachen. — " Aos einem rasch verlesenen ■ Schriftwechsel des Vorstandes mit dem Preußischen Landesverband und einer sich daran knüpfenden kurzen Erörterung geht hervor, daß zwischen beiden Gremien eine tiefgreifende Meinungsverschiedenheit über die Höhe des demnächst zu bewilligenden Beitrages besteht. Höflich komplimentierend, — „stärkste Stütze des Landesverbandes" — auf Grund des letzten Beitrags von nahezu 110 000 Mark — wohl auch mit Fug und Recht, beharrt der Landesverband auf dem von der Gemeinde auch im Vorjahre schon angefochtenen Standpunkte, daß das Steuer-Soll, will sagen der in den Voranschlag rechnerisch .eingestellte voraussichtliche Kultussteuern-Ejngang für die Bemessung des Beitrags maßgebend ist. Die Gemeinde will .grundsätzlich und im Hinblick auf ihre schlechte Finanzlage ganz besonders augenblicklich entsprechend dem Steuer-Ist, das heißt den tatsächlich eingegangenen Steuern, Ihren Beitrag entrichten. Die Gemeindevertretung stellt sich rückhaltslos auf diesen Vorstandspunkt, mqn spricht sogar von einem etwaigen Austritt aus dem Landesverband. Die Ltatberatung wird Endgültiges in dieser Hinsicht bringen. Für die Ablehnung der Forderung des Landesverbands wird noch geltend gemacht, daß man nur im Stande ist, das Rechnungsjahr 1927 zugrunde zu legen, das verhältnismäßig noch weit günstiger als 1928 war. — Gelangt der Streitfall nicht zur Klärung, so wird wohl die Entscheidung des Großen Rats des Landesverbands eingeholt werden. Bei der neuen Krankenhausordnung wird von einer Seite für die Zukunft die Anregung gegeben, das Honorar für die Chefärzte bei Patienten 3. Klasse wegfallen zu lassen, ganz besonders diese Klausel in Verträge mit neuen leitenden Aerzten emzufügen. 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