Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1928)
- Date
- 1928-09-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Der 9f raelit 27 September 1928 Die Gesamtauflage der heutigen Nummer wird statt Donnerstag Abend, am Areitag Mittag ausgegeben. irreligiösen Vorstandes der Frankfurter Gemeinde ehn heiteres Verbleiben in^ der- Gememde igegen die Religionsbestimmungen verstoße. In demselben Gutachten sagte er, „daß ein irreligiöser Worstand vom orthodoxen Judentume nicht als Vorstand anerkannt werden darf und folglich kein gläubiger. Israelit demselben als Mitglied beitr-eten darf." Der Vorstand der Frankfurter Gemeinde sah ein, daß er durch kleine Konzessionen die Mitglieder der Religionsgefellschast nicht vom Austritt zürückhälten könne, und ging jetzt weiter. 'Er erklärte sich bereit, * den nicht ausgetretenen orthodoxen Mitgliedern aus Gemeindemitteln ihre religiösen Institutionen einzurichten, während ste zu den Reform-Kultus und -Schuleinrichtungen nichts zu zahlen hätten. Die religiösen Institutionen der Orthodoxen sollten ganz der orthodoxen Leitung und Mussicht unterstellt und gegen jede Einwirkung des Vorstandes geschützt werden. Jetzt hiM-eine Anzahl von Mitgliedern der Religionsgefellschaft'den Austritt nicht mehr für notwendig. Einige Frankfurter Herren reisten nach Mürzburg, um Rabbiner Bamberger zu veranlÄssen, in persönlicher Aussprache die nicht zum Austritt gewillten Orthodoxen umzustimmen. R. . Sel.igmanN Bär weigerte sich zuerst und machte daraufaufmerksam/daß es durchaus möglich wäre/ daß-er durch die ArgumelD eines Mannes wie R. Mose Mainz,' des geistjgW Führers der -nicht,zum Austritt Gewillten^zür' Ueberzeugung gebracht, werden könne, der Austritt sei nicht notwendig. Auf weiteres Bitten der Frankfurter Herren entschloß sich Rabbiner Bamberger später doch,, nach Frankfurt zu reisen. Hier-kam er nun wirklich zu der Ansicht, Laß jetzt kein religionsgesetzlicher Zwang zum Austritt' vorliege. Die Entscheidung wurde in der Frankfurter Börsen- und HandelszeMtzg, veröffentlicht. ^Man- - kann . isNWen,. wie schtnerzlich die Stellungnahme des vi höHychgtzfehensp. Würzburger Rabbiners auf Rabbiner Hirsch wirkte,. Mußte er doch furchten, sf düWdM Megensreiche Entwicklung der ReligionsgHMfchaftMufs empfindlichste gestört würde. So erklärt sichHxr scharfe Ton seines bekannten offenen Briefes. : Gerade wegen der großen Verehrung, die" mit Recht Zeitgenosien und Nachfahren den beiden großen Rabbinen zollten und zollen, schmerzt uns manch erregtes Wort in ihrem historisch so bedeutsamen Briefwechsel. Diese Zeilen, die der Würdigung R. Seligmann Bärs gewidmet sind, sollen nicht Stellung nehmen in dem Streit, dessen Folgen heute nach mehr als 50 Jahren noch verhängnisvoll nachwirken,. i' Aber zum Verständnis der großen Persönlichkeit des gefeierten Würzburger Raws seiest die Motive zü seiner Entscheidung betrachtet und seine. Stellring zum Aüstrfttsgesetz wie! zur Frankfurter Religionsgesellschaft. Es ist selbstverständlich, paß ^ein Mann von der Lauterkeit des CharaktE ^lzd^dLr -t'almudifchen Größe eines Rabbi S. B. Bamberger sich in seinen. Gutachten nicht widerspricht, erhätte denn seine frühere Ansicht widerrufen müssen; und das war nicht der Fall. So eigenartig es klingt: das wahre Motiv für die Erlaubnis des Nichtaustrittes war offenbar Rabbi S. B. Bambergers Ueberzeugung, daß nach den letzten Zugeständnissen des Vorstandes der Frankfurter Israelitischen Gemeinde, dieser Vorstand überhaupt nicht mehr als Vorstand zu gelten habe. Wörtlich heißt es in der offenen Antwort: „Ich habe mich demnach dahin ausgesprochen, daß die orthodoxen nicht austretenden Gemeindemitglieder den Gemeindevorstand als solchen nicht anerkennen, daß sie vielmehr ihren eigelt e n V o r st a n d haben müssen und daß in rituellen Ängelegenheiten keine Ap-pella-ti: on an den Gemeinere Vorstand st lrttfi nd nt d urfe." Wetter heißt es dünn: ein - religiöser Vorstand im echten und ^vcchren' Sinne des Wortes gewählt und ausgestellt werden, welcher den Anordnungen des p*?x nni» den entsprechenden Vollzug sichert und wenn für die Ausführung dieser Bedingnisse die vo llk ommen entsprechend en G ar a n t i e n in Wirklichkeit erfolgen, d a n n sei d er Austritt aus der G emeind e nicht m e h r geböte n." Der w i r k l ich e Vorstand ist nach dieser Auffassung Bambergers die orthodoxe Kultus- oder R kt ua l k o mm i s s i o n. Weil R. S. Bamberger der Ueberzeugung war, daß die von ihm Unbedingt geförderten Voraussetzungen erfüllt sind, hielt er den Austritt nicht f ü r g e b ö t e.n. Wo sie n i ch t erfüllt sind, hält er den Austritt aus einer irreligiösen Gemeinde für r el ig io ns g efetz li ch. g eb o t en , ganz entsprechenddem von den 400 RabbiNen für Wien abgegebenen Gutachten und seiner Entscheidung vom 1. Februar 1877. Ein verhängnisvoller Irrtum ist es, wenn von Gegnern des Austrittes R. Seligmann, Bär Bamberger als die für sie maßgebende Autorität auch da angeführt wird, wo von der Erfüllung der von ihm geforderten Bedingungen gar keine Rede ist. Er selbst spricht von der Trennung, die „in manchen Gemeinden zu ihrem Heile und zu ihrem Ruhme stattgefunden," und gibt sich der angenehmen. Zuversicht hin, „daß durch das neue oben erwähnte Projekt der Nichtaustretenden sich keiner derselben deshalb von der Religionsgesellschaft trennen, sowie auch kein, einziger neuer' Anschluß an dieselbe deshalb unterbleiben werdet" . Bei seiner Stellungnahme in diesem Streite handeltees sich für ihn nicht um irgend eine Gegnerschaft gegen die Religionsgesellschaft, von der er Hofft, daß sie „in ihrem segensreichen Wirken ungeschmälert und ungekürzt auch weiter fortbestehen und fortwirken wird"; ihm liegt es daran, festzüstellen, daß unter den von ihm aufgestellten Bedingungen „weder der Austritt als geboten, noch der Nichtaustritt als Mutwillen bezeichnet werden kann." Nach seiner Ueberzeugung waren die Nichtaustretenden zu ihrem Verhalten berechtigt, darum mußte er ihr Verbleiben in der Gemeinde als halachisch zulässig erklären und sie vor dem Vorwurf der Gesetzesübertretung schützen .So schmerzlich ihm sicher der Riß war,, er durfte ihn nicht durch eine seiner Ueberzeugung nachiüMichtige Entscheidung zu verhindern, suchen, gewitz sticht auf. Kosten der religiösen Ehre von Männern- 1 deren unbedingte Thoratreue - er schätzte. Wie in seiner, literarischen und rabbinischen Tätigkeit seines ganzen Lebens ließ sich auch in diesem Falle. R. Seligmann Bär Bamberger nur von der peinlichsten religiösen Gewissenhaftigkeit leiten: er mußte so handeln, wie es ihm seine, halachffche Ueberzeugung zur Pflicht machte. So weh es uns ist, daß das Eingreifen, in die inneren Frankfurter Kämpfe wohl sein letztes Auftreten in der größeren jüdischen Oeffentlichkeit war, das wunderbare Bild dieses ganz Großen darf darunter nicht leiden. Noch nicht anderthalb Jahre später, am zweiten Sukkottagtz des Jahres 5639 (1878), hauchte der Zaddik R. Seligmann Bär Bamberger im Würzburger Gotteshause im Kreise seiner Gemeinde seine heilige Seele aus. _Nr. 39 Seite 5 Ihre alte unmoderne Uhr wird bei Einkauf einer neuen Uhr in Zahlung genommen. Sie kaufen Uhren am vorteilhaftesten und haben die beste Garantie bei Uhren-Christ Verkaufsstelle der. ALPIN A--.Gruerv- Uhren. WeHtacttergcrffe Ecke KL Hfpfckgrab. , lieber die Frühehe. Bon Dr. Arnold Merzbach in Fnmksirrt a. M.*) Es gilt als ausgemacht, daß Abnahme der Zähl der Ehen, besonders der Frühehen, ein Spiegel der schlechten Wirtschaftslage sei. Aber mit dieser einmaligen Feststellung schwimmen wir doch noch sehr ay der Oberfläche des Problems. Denn: war nicht in unseren Ländern im Vorjahre und im Vor-Vorjahre die Wirtschaftslage mindestens ebenso unsicher? Und doch wurde damals freudiger und früher geheiratet! Man könnte die Antwort wagen, daß damals die Erkenntnis unserer Not noch nicht so tief saß wie heute, und daß wir heute die Lasten des verlorenen Krieges deshalb härter spüren, weil einjährige Fesseln noch eben erträglich sind, aber zweijährige Won tief ins Fleisch schneiden. Doch-scheitert diese Ansicht an der noch weiter zurückschauenden-Beobachtung: war nicht in den Jnflationsjahren die Wirtschaftslage und die Zukunftsaussicht der meisten Familien und erst recht der meistm jugendlichen Menschen noch schlechter, scheinbar die denkbar ungünstigste? Standen wir. nicht damals tatsächlich verzweifelnd am Rande eines vermeintlichen Nichts? U n d d e n - stoch erlebte man: Es wurde-damals mehr, unbegreiflich mehr, es wurde damals scharenweise geheiratet! . . . Und es wurde damals gerade von den Anfängern des Lebens geheiratet, die im Berufe kaum Wurzel gefaßt, die an Vermögen rückhaltlos schienen — die noch keine Erfahrung gesammelt! Heute nennt man das freilich (mit Hinblick darauf, daß die Gesundheit und die gute Erziehung der zu erwartenden Kinder zuerst eine Geldfrage sei): verantwortungslos! Damals jedoch — vor kaum zehn Jahren — wagten nicht einmal die übergewissenhaften Alten aus der Vorkriegszeit so zu sprechen. Die heiratende Jugend selb er . ab er nannte ihren Schritt ins Ungewisse: „Gottvertrauen". * Es mag nicht immer nur reines Gottverttauen gewesen sein, denn es war sicherlich ein bißchen Resignation: wo alles verloren, ist nichts mehr zu verlieren, und die Welt kann doch auch nicht stehen bleiben! . . . Aber ebenso gewiß ist, daß wirklich ein ungewohntes Maß Bitochaun mit im Spiele war, wenigstens ein im Westen ungewohntes Maß, ein östliches Maß. Denn man Heiratete ja früher, als die Väter, — man müßte ja nicht heiraten — myn heiratete nicht einmal aus Liebe — man heiratete aus Begeisterung^ Nicht aus Begeisterung füreinander, sondern jeder Partner aus Begeisterung für ein Drittes: aus Begeisterung für die alte Forderung des Judentums, für die neue Forderung der durchbrechenden Vernunft. Und aus Verantwortüngsbewuhtsein für das Einzige, was man frei, also verantwortlich gestalten zu können glaubte: für die im eigenen Schoße schlummernde Zukunft. *) Obiger Aufsatz befindet sich neben vielen anderen lesens- und beachtenswerten Abhandlungen in den eben in gewohnt vortrefflicher Ausstattung erschienenen Luach- B l ä t t e r n der Agudas Jisroel-Jugendgruppe, Wien. Eine nähere. Besprechung dieses in literarischer wie schöngeistiger Beziehung bedeutenden Kalenderjahrbuches erfolgt un-anderer.Stelle.