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Der Israelit · 1928-09-27 · Heft 39 (27.9.1928) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 39 (27.9.1928)
Date
1928-09-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 39 Der Ssraelßt antreten. Seine Tätigkeit beschränkte sich nicht auf sein Rabbinat. Er war der Führer der bayrischen Gesetzestreuen und darüber eine der anerkanntesten Autoritäten des deutschen Judentums. Gleich zu Beginn seiner Würzburger Tätigkeit eröfsnete er seine Jeschiwa, der von weit her lerneifrige Jünglinge zuströmten. Sein Lernen und Lehren war vor allem darauf gerichtet, aus den tiefen Schächten der talmudischen Diskussionen die praktische Halacha zu entwickeln. Auch die meisten seiner literarischen Werke sind der Vertiefung und Stärkung der religiösen Praxis gewidmet. Die Sorge um die gewissenhafte Herstellung religionsgesetzlich gültiger Thorarollen, Tefillin und Mesusot veranlaßte ihn zu seinem Werke ü’ntp riDK1?»* In begeisterten Worten charakterisierte der berühmte Altonaer Oberrabbiner R. Jakob Ettlinger das Buch, dessen Verfasser alle Bestimmungen aus den Schriften der Poskim sammelte, mit kundigem Blicke abzuwägen wußte, aus tiefsten Quellen schöpfte, um den Weg für die richtige Herstellung der von Gott gebotenen Ritualien zu weisen. Ein unvergängliches Verdienst um die Erfüllung der heiligsten Pflichten des jüdischen Ehelebens hat sich R. Seligmann Bär durch fein in deutscher Sprache, aber in hebräischen Lettern geschriebenes Merkchen npsr wib ,yp»k erworben. Solch Werk mit seiner unbedingten Klarheit und dem warmen vornehmen Ton konnte nur ein ganz großer Gelehrter und ein wahrhaft Frommer schreiben. Aus jedem Wort spricht die liebevolle Fürsorge für den Leser und für die Zukunft des jüdischen Volkes. Die ständige Folge der Auflagen ist der beste Beweis, wie meisterhaft der Verfasser es verstand, das rechte Wort an rechter Stelle zu finden. Im D’nmrt nna spricht der Raw zu den Schochtim, der Lehrer zu den Schülern, alle die, in deren Hand das heilige Amt der Schechita gelegt ist, zu ermahnen, zu lernen^und das Gelernte aufs gewissenhafteste zu erfüllen. „Vor allem müssen wir wissen, daß der zum Schechitoamt Erwählte in feinem Herzen Gott treu ist, sorgfältig bemüht ist, kein einziges Verbot zu übertreten, es mit keinem Versehen leicht nimmt und Gott fürchtet, alle Gebote zu erfüllen, die Gott uns gegeben." Immer mehr arbeitete der einstige Wiesenbronner Gelehrte sich in die Pflichten eines ganz im Leben stehenden Rabbiners ein. Durch Predigten in der Synagoge und Lehrvorträge in seinem Lehrzimmer wußte er feine Gemeinde an sich heranzuziehen. Mit größter-Gewissenhaftigkeit widmete er sich den vielen Religionsschulen seines Bezirkes. In Würzburg rief er die jüdische Elementarschule ins Leben. Mit. rührender Hingabe widmete er sich den sozialen Ausgaben. Durch Verständnis die erlernt« nachzusagen verständen, sondern, die au chwußten, allen Kreuz- und Querfragen geschickt zu begegnen. Die zweite und dritte Klasse zeigte, so erstaunliches Wissen, daß man als Besucher sich un-- willkürlich fragte: was mag wohl an höherer Leistung! noch für -die vierte Klasse übrig geblieben sein? Wirm ußten, um noch rechtzeitig nach Hause zu gelangen, vorzeitig die Prüfung verlassen, was wir sehr' bedauerten. Dre Leiter, Herr Botschko und seine Herren Mitarbeiter, haben Großes geschaffen. Die Schweiz und die Judenheit können stolz auf dieses Werk sein, das Ewigkeitswerte in sich birgt. Dr. M.' Ascher. (Kischiireiver Hröen des Maukier Löwenstein). Aus Kischinew wird dem „Lodzer Tageblatt" gemeldet, daß dort der Tod des Bankiers Löwen st ein aus Brüssel so viele Hoffnungen, Erwartungen und Streitigkeiten ausgelöst hat, daß sich das Ghetto in größter Aufregung befindet- Es geht nämlich die Mär. daß der große Bankier einer, kleinen jüdischen Familie in Kischinew entstammte, und flugs tauchen Verwandte auf, die sich als nächste Erben halten und ausgeben und ihre Ansprüche anmelden. Die Rivalen liegen fich in den Haaren, da jeder den nächsten Verwandschaftsgrad dokumentarisch nachzuweisen sucht. Andere wiederum machen sich an die glücklichen Anwärter heran, mit allen möglichen Vorschlägen und Projekten zur stutzbringenden Anlegung der zu erwartenden grptzen Kapitalien aus Belgien. Bei der unbeschreibliches Armut,-die..-stnter . der jüdischen Bevölkerung. Mst BessaräbW herrscht, wirkte die Kunde vott der großen- Erbschaft wie die nahe Erfüllung des großen Wunders, auf das man langr schon in mystischer Gläubigkeit wartet. . Aus der Schar der, Anwärter Hebt fich .insbe^ weitgehendste persönliche Opfer für Bedürftige gab er das Beispiel. Einem Armen schenkte er seine eigenen guten Schuhe, und als man ihn fragte, warum er die erst jüngst gekauften weggegeben, antwortete er einfach: „Schlechtes Schuhwerk hat ja der Arme selbst." — Bezeichnend für seine peinliche Gewissenhaftigkeit ist, daß er den Anfragenden ihren Schaden ersetzte, wenn er etwas für verboten erklärt hatte, nachträglich aber meinte, es sei erlaubt gewesen. Charakteristisch für R. Seligmann Bär ist sein Eifer für-die Gründung der noch Heute segensreich wirkenden Lehrerbildungsanstalt in Würzburg. Der Mann, der so gern sich ganz dem ausschließlichen Thoralernen gewidmet hätte, würdigte die Bedeutung der jüdischen Elementarschule für den Bestand des thoratreuen Judentums in Deutschland und. folgerichtig die Notwendigkeit, jüdische Lehrer heranzubilden, die mit gediegenem jüdischen Wissen eine gründliche. Allgemeinbildung verbanden. Er selbst schreibt darüber: „Ich will/ daß Religionslehrer weltlich wissenschaftliche Bildung sich aneignen; ich will aber nicht, daß dies auf Kosten der Religionswissenschaft geht." Es kann kein Zweifel sein, haß ein Mann, der so ganz in der Lehrerpraxis stand wie Rabbiner Bamberger, sich wohl bewußt war, daß die nach den Vorschriften einer nichtjüdischen Behörde geformte Schule und noch mehr ein Lehrerseminar seine Zöglinge für Profanunterricht schon rein zeitlich so in Anspruch nehmen müssen, daß die Forderungen für den religiösen Unterricht nicht seinen Wünschen völlig gerecht werden konnten. Und doch gründete er die Lehrerbildungsanstalt, weil er wußte, daß sonst die nächsten Generationen des deutschen Judentums nicht zu retten gewesen wären. Zielsicherheit und scharf ausgeprägtes Pflichtbewußtsein leiteten ihn. Derselbe Mann, der sich einst in Wiesenbronn weigerte, durch Vergrößerung seines Geschäftes seiner Familie die Möglichkeit eines leichteren Lebens zu geben, weil er hierfür Zeit dem Lernen entziehen mußte, derselbe Mann opferte Zeit und Kraft, um die wirtschaftlichen Voraussetzungen für die Seminargründung zu schaffen und später eine Anstalt zu organisieren und leiten, deren Wesen nur zum Teil in seiner bisherigen Lebenssphäre lag. Jahrelange Vorarbeiten bedurfte es, bis im Winter 1864 das Seminar eröffnet werden konnte. Während R. Seligmann Bär in so hingebungsvoller Weise seine Zeit der praktischen Tätigkeit und seinen auf die religiöse Praxis gerichteten literarischen Werken widmete, fand er neben seinen Talmudschiurim immer noch Muße für rein wissenschaftliches Arbeiten. Zu der von seinem Sohne R. Simcha Vamberger edierten Hasondere das Ehepaar Abraham Jfak und Brendel Maschewitsck hervor, das zäh und unerschütterlich an fein Recht und an den Sieg dieses Erbrechtes, glaubt. Um dieses in glücklicher Erwartung verharrende Ehepaar scharen sich zehn.Kinder, denen fürs erste das Brot noch sehr knapst' zugeschnitten wird. „Aber", so trösten dieEltern, „es. kommt schon anders. Bald/ bald. Wir führen in goldgeziertem Wagen". Vierspänner. Um Himmelswillen kein Auto, und ganz gewiß kein Flug-' zeug, aus dem man, wie der unglückliche Erblasser, einfach in den Weltraum stürzen kann, sodaß die ganze schöne Erbschaft an die anderen, die Dummköpfe übergeht, die heute in Kischinew sich erfrechen, neben ihnen daraus Anspruch zu machen. Die Mär, mit der der Rechtsanspruch der Familie Maschewilsch begründet wird, klingt reichlich phantastisch. Alfred Löwenstein soll danach früher den grttjüdischen Abraham getragen haben, ein Bruder hörte auf den Ramen Israel. Beider Vater war der wohlhabende Pächter im Gouvernement Gerson Leser Löwenstein. Die Kinder erhielten eine jüdisch-religiöse Erziehung. Sie verloren aber früh den Vater, und auch Israel starb in jungem Jahren: Abraham ging ins Ausland, kam in die große Welt und ging auch zur katholischen Kirche Über, / wobei er den Namen Alfred erhielt. Die Verwandtschaft mitMaschewitsch führt über Brendels Tante»-- die eine leibliche Schwester Des alten Leset Löwenstein war. . ■ . ''' ^Warum schwiegen Sie so lange rmd trugen Ihre Not. ohne die verwandischafllichen Beziehungen des großen Bankiers.; der - unermeßliche Summen für alle möglichen Passionen hatte, auszunutzen?" fragt man den biederen Abraham Jfak Maschewitsch. > ^Jch tat es!', ereiferte sich der arme Mann, 27. September 1928 Phfttn-Fest-Geschenke I iP M Mo!fhnfil s®hi,lerP,"7cHauPtwaclie} L.[6 lYI. NCilllUlU und ZEIL 65 (Konstablerw.) lachot des gefeierten spanischen Meisters R. Jizchak ibn Gajat schrieb er einen Halachisch-kritischen, Kommentar jrr> pnr» und eine literarische Einleitung. Mit genialer Beherrschung des Stoffes behandelt er in seinem nata xiip alle die exegetischen Erklärungen, die unsere Weisen m der Form der geben.' Mit einer Einfühlung eines Gelehrten, der mehr als ein Halbes Jahrhundert sich dem Thorastudium gewidmet hat,, versteht er, die Absicht unserer Weisen uns darzulegen, wie sie mit leisen Andeutungen den Sinn des Schriftverses zu erklären verstanden. Auf die vielen Anfragen, die von auswärts an ihn.herantraten, schrieb R. S.eligmann Bär eine große Zahl Teschuwot, die nicht veröffentlicht sind. In seiner großen Gewissenhaftigkeit hat er die Veröffentlichung verboten, weil er die Beantwortung der einzelnen Fragen doch zu bestimmter Zeit geben mußte und daher fürchtete, er könnte hie und da nicht alle Gesichtspunkte genügend berücksichtigt haben.*) Als durch das Gesetz vom 28. Juli 1876 die Möglichkeit zum Austritt aus einer preußischen Synagogengemeinde gegeben wurde und innerhalb der Frankfurter Israelitischen Religionsgesellschaft ein Streit ausgebrochen war, ob man nunmehr religionsgesetzlich verpflichtet sei, aus der dortigen irreligiösen israelitischen Gemeinde auszutreten, baten verschiedene Mitglieder der Religionsgesellschaft den Würzburger Raw, als eine der größten halachischen Autoritäten Deutschlands um seine Entscheidung. Im Jahre 1872 hatte er nach Einführung von Reformen in Wien gemeinsam mit fast 400 Rabbinen Deutschlands, Oesterreich-Ungarns und Rußlands sein Gutachten dahin abgegeben, daß die Auslassung der Gebete um Wiedereinführung des in der Thora gebotenen Opferdienstes einen Abfall vom Judentum bedeutet, daß man in einer Gemeinde, die diese Gebete abschafft, nicht verbleiben darf, und daß jede Steuerleistung an solche Gemeinde verboten ist. In einem Gutachten vom 1. Februar 1877 hat R. Seligmann Bär Vamberger im Einklang mit Rabbiner S. R. Hirsch erklärt, daß trotz einiger Konzessionen des *) Später wurden doch.einige Tschuwot unter Zustimmung des bekannten Kownoer Gaon R. Jizchak Elchanan Spektor gedruckt; auf Rat des Kownoer Raws wurde im Sinne des Verfassers in der Vorrede bemerkt, man solle sich aus die Entscheidung ohne gründliche Nachprüfung nicht verlassen. (Vgl. nrra? -dt'o ©. VIII.) „und wie tat ich es! Erst vor einigen Jahre, als ick vom Reichtum und die Adresse des Bankiers erfuhr, schrieb ich ihm einen Brief, dann noch einen und noch einen und flehte ihn an, uns in unserer Not zu Helsen. Aber der große Verwandte blieb taub und stumm und hatte kein Herz für uns." — Es besteht leider keine Hoffnung, daß die Appelle des armen Maschewilsch an den toten Alfred Löwenstein mehr sLrhörung finden, als die an den lebenden. Man muß aber sagen: der kühne Hochflug der Phantasie der Kischinewer könnte beinahe schon aus eine Geistesverwandtschaft mit dem Bankier, der seine phantastischen Pläne mit einem Flug in den Tod abschloß, schließen lassen. yu-LtLk. Moritz Wolf Ziaarren r-»« mm Telefon Römer 903 fllenronalochäcke I nur in deri HI RSCH APOTH EKE! j sowie in den Filialen der HersteUerin i? -’*• M § Brot- und Keks-Fabrik OSTHAFEN 1 erkSltlipk 7 s p.rViSlflioli

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