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Der Israelit · 1928-09-27 · Heft 39 (27.9.1928) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 39 (27.9.1928)
Date
1928-09-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Nr. 39 27. September 1928 Man wollte, nein: man mußte seinen K i ndern, — seinen Kindern näher sein — z e itl i ch näher, innerlich näher. Solche Begeisterung, solches Verantwortungsgefühl erschien drängender als die Hemmungen des fehlenden Geldes: des Geldes für die Schuljahre, des Geldes für die Berufslehre, des Geldes für die Tochter, des Geldes für das Alter, des Geldes für die Enkel . . . Hier also liegt der Kern des Problems. Die Heiratskurve unserer Gesellschaft ist also nicht ein Spiegel ihrer Wirtschaftslage, sondern ein Spiegel ihres jeweiligen Idealismus. Denn gibt es einen besseren Spiegel idealer Gesinnung, als die Art, wie und worauf man Häuser gründet? Wenn man nun heute den Rückgang solches Idealismus, hingegen die Zunahme an Verantwortungsgefühl für die Körperlichkeit des Werdenden zu konstatieren gezwungen ist, so möchte man sich dumm an den Kopf fassen und erschrekkend fragen: Ist der Krieg mit seinen Umwertungen wirklich fast spurlos an den Geistern vorüber gegangen? Haben seine weltanschaulichen Wirkungen wirklich nur wenige Jahre ummodeln können? Sind die ungezählten Menschen, sind unsere gezählten jüdischen Brüder umsonst und vor der Zeit gestorben? Damit alles seinen alten Trott weitergehe? Die irdische Sicherheit? Und die Regelung des eigenen Daseins und des Daseins der noch Ungeborenen nur nach der geldlichen Verantwortung? Drei Generationen: die Vorkriegsmenschen Generationen der Spätehe und der Kluft zwischen Vater und Sohn — satt und unbekümmert, aber, als der Krieg kam, getroffen, nachdenklich und einsichtig — Umlernende. Dann die Kriegsjugend: das Nichts und die Nichtigkeit im Auge, an Hingabe und Ganzheit voll neu erstandene Generation eines tot geglaubten romantischen Idealismus', Zeit der Frühehe — heute schon unverstanden, heute selber bald überrannt. Ueberrannt von der Nachkriegszeit: die in einer gereinigten Atmosphäre groß wird, an einer wohltuenden Sachlichkeit mitschafft, aber doch wieder breit im Diesseits steht und nur eine Wirklichkeit kennt, welche sich als die „reale" rechtfertigt, den Problemen idealer Spannungen aber verständnislos gegenübersteht, oderdoch wenigstens nicht mehr hingabebereit. Im Lichte des Kriegserlebnisses gesehen, beginnt sich hier die Versachlichung auch des Ehe- Entschlusses zu vollziehen. Diese nüchternen Menschen von 1902 und später (und unter dem Einfluß ihrer Zeitmeinung auch die breite Masse der Nachläufer älterer Jahre) sehen die Frühehe so: sie mag seelische Werte erobern können, sie allein mag es — aber sie ist praktisch schwer durchführbar und daher unseres Schweißes nicht wert. Daß sie mit solchem Denken einen Riß reißen zwischen das Geschehen des Krieges, das ungeahnte neue Werte schaffen könnte — und zwischen aller Zukunft — daß sie nun auch den Geist dort Der Israelit töten, wo die Körper längst fielen, und um dessentwillen die Körper vielleicht gefallen find, vielleicht gern gefallen wären — das sehen sie nicht! Und sehen sie es, was liegt ihnen daran? Sie sagen (man sagte es nicht immer so, man sagt es heute mehr denn je): Jede Zeit hat ihr eignes Gesicht, und jede Zeit hat das Recht, nur die eigene Meinung zu haben. Und die Vorigen haben die Pflicht, auch einmal zu sterben. Auch im Geiste. Solche Stellungnahme ist nicht nur zufällig, sondern wird weltanschaulich aus dem Denken der Gegenwart breit unterbaut. Es gilt das „neue Denken" (wir möchten es das „Denken, vom Ich aus" nennen)., Es selber wertet sich als harmonischer und daher befriedigender als das Denken vorher, weil es dessen Zwiespältigkeit zwischen dem Reich der (unerreichbaren) idealen Forderung und dem Reich unserer Realität beseitigt hat, indem es an Stelle dieser Zweiheiten das allumfassende Reich der vernünftigen Realisierbarkeit einer ideenwärts gerichteten Wirklichkeit gesetzt hat. So wertvoll dieses neue Denken für den nächsten Schritt — auch im Sinn des Judentums — sich erweisen könnte, so unverbindlich und inhaltlos erscheint es, wenn man über diesen nächsten Schritt auf weite Sicht hinaus blicken will. Denn dieses neue Denken geht ja nur von der jeweiligen Wirklichkeit aus, es könnte deshalb zu verschiedenen Zeiten nach verschiedenen Richtungen hin ausschlagen und einander widersprechende oder gar aufhebende Effekte Hervorrufen. Dem neuen Denken macht freilich solcher Widerspruch der Generationen nichts aus, ihm kommt es ja nur auf die subjektive Bedingtheit und auf das subjektive Bedürfnis an. Und sinkt ihm der subjektiv nicht bedingte und subjektiv nicht durchführbare Idealismus zu einer unmöglichen Begrifflichkeit ohne Wirklichkeitswert herab, nach der man sich nicht zu orientieren braucht, weil man sich nicht nach ihr orientieren kann. Darum aber handelt es sich ja bei der Forderung der jüdischen Frühehe in ihrer'Konstanz durch die Geschlechter: schon durch die Art der Eheschließung soll den Kindern bewiesen werden, daß man selber der Idee sich hingibt, für die man sie erzieht. Schon durch die engstmöglichste Verbundenheit zwischen Eltern und Kind soll ein inniges gegenseitiges Verständnis gewährleistet werden und dieses wiederum bedeutet die beste Erziehungsmöglichkeit und für die Zukunft die stärkste geistige Stoßkraft in der vom Elternpaar eingeschlagenen Richtung: „Pfeile ln der Hand des Helden — so sind die Kinder der Jugend". Die engere zeitliche Bindung zwischen Eltern und Kind bedingt aber auch engere zeitliche und seelische Annäherung an die Elterseltern und diese ist wieder ein treuer Bürge für stärkere Traditionsnähe. Denn es lernt das Kind nicht nur seine j Eltern als Kinder, als sich unterordnende, kennen, sondern es wird ihm auch das Wissen um das Leben der Großeltern ein wenig mehr als die heutige „pietätvolle Gesinnung", nämlich das Gefühl der eigenen Verpflichtung und Verantwortung gegenüber der durch jene repräsentierten Vergangenheit mit auf den Lebensweg geben. Und so wird die alte biblische Weisheit, daß die Großväter auch Väter ihrer Enkel genannt werden durch die Frühheirat zu neuer Wahrheit erweckt ... Diese Grundstimmungen haben wir als Keimboden für die Frühehe ln der wachsenden Gegenwart, ob sie es will oder nicht, wach zu halten, wir haben diese Pflicht um so mehrmals wir die Ueberflutung unserer Gesellschaft durch die geschilderte wirklichkeitsbetonte Einstellung als eine Assimilationserscheinung, also als eine Verdrängung unserer alten Sitten durch ein Zeitgeschehen verbuchen. Man mag uns auch entgegenhalten, daß wir ja in alley unseren Denkrichtungen von dex Umwelt viel abhängiger sind, als es uns zu Bewußtsein kommt, man mag uns also auch erwidern wollen, daß ebenso wie der Nachkriegsrealismus und die Vorkriegssattheit, auch der Idealismus der Kriegsjahre mit seinen Umwertungen und mit seiner Frühehe nur als Angleichung zu begreifen sei — so hat der Urteilsfähige, der nicht nur das Werden, sondern auch die Wirkung einer Sache betrachtet, hierauf doch immer noch die Antwort bereit: Wie immer sie auch entstanden sein mag, die Zeit der Kriegsjahre war doch in allen Lagern die religiös fruchtbarste, die geistigste, die gottnächste. Und. wenn wir irgendeine Tat aus dieser Zeit der Welterschütterung mitzunehmen und zu erhalten haben, so ist es die Tat, die am ehesten geeignet sein soll, das Nahen Elijahus vorzubereiten, indem sie den Sinn der Eltern auf ihre Kinder und den Sinn der Kinder auf ihre Eltern lenkt. Indessen, wenn wir unserer Sache wahrhaft dienen -wollen, so dürfen wir nicht nur von ihrer idealen Bedeutung reden — gerade in der heutigen Zeit können wir unserem Plane Freunde nur werben, wenn wir in erster Linie Durchführungsmöglichkeiten durchdenken. Wir wissen aber genau, daß die Durchführbarkeit der Frühehe selbst -beim besten Wollen des Einzelnen nicht von diesem allein abhängt. Wir wissen genau, daß die Frage der Frühehe mit der wirtschaftlichen Gesamtsituation und mit dex heutigen Lebensgepslogenheit aufs engste verknüpft ist, und daß wir demzufolge unserer eigenen Sache nur schaden würden, wenn wir ernstlich versuchten, gegen diese Schwierigkeiten und ihnen zum Trotz unsere Forderung so weit hinaufzutreiben, daß sie unweigerlich von vornherein zur Aussichtslosigkeit verurteilt ist. Wir wissen aber auch ebenso genau, daß wir diese Schwierigkeiten der Zeit nicht einfach hinzunehmen haben, sondern versuchen müssen, sie umzugestalten. Wir müssen darum immer wieder betonen, chaß die Ermöglichung der Frühehe nicht eine Pri- ^«^^6' ift, sondern daß das gesamte Volk die Verantwortung für eine Tat trägt, die um seinetwillen geschieht. Wir müssen darum von der Gesamtheit verlangen, daß sie ihrerseits auch einen Teil der Garantien übernimmt, die dazu dienen, den Schritt der Einzelnen zu fundieren, durch den sie allein lebenswarm bleiben kann. Diese Mit- DerHerbst und mit ihm treten die heimischen Geselligkeiten wieder in ihre Rechte, Wer dächte nicht daran, rechtzeitig nachzuprüfen, was zur Restaurierung seiner Räume, um sie behaglich zu gestalten, noch nötig wäre. Wir geben Ihnen Gelegenheit, neuzeitliche Fenster-Dekorationen in nur geschmackvollen Ausführungen, in herrlichen Farben- und Muster-Sortimenten, preiswert zu erstehen. Wir erwarten Sie! — Ihr Besuch wird Sie entschädigen! Vertrieb von Erzeugnissen sächsischer Gardinen-Fabriken F. W. HOLTZ ►-33

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