Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1928-05-31 · Heft 22 (31.5.1928) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 22 (31.5.1928)
Date
1928-05-31
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2450495-2450516--75008-2532509
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 4 Nr. 22 Der Israelit lein auf der Flur, das für Gott zeugt? Horch, wie in der nijrnv - Rolle im Buche Ruth, der tapfere Boas zu seinen jüdischen Volksgenossen spricht: Bvn ona D’W „Zeugen seid ihr heute hier" und wie sie alle begeistert antworten: D’itf' „ja, Zeugen." Auch wir Juden der Neuzeit sollen trotz aller Entfremdung dahin streben, in Leben und Handlung wiederum wie einst Gottes vollgültige Zeugen zu sein. Mit Hiob sollen wir vor Gott bekennen: ’mfTO mnrv „Du erneuerst deine Zeugen mir gegenüber/") Hinweg aus unseren Herzen mit aller Halbheit und aller Falschheit. Ganz und wahr wollen wir sein rms; m ’oaw* „die Stämme Gottes, ein Zeugnis für Israel". Und ob man auch weit abgekommen ist vom Strome des in alter Ursprünglichkeit pulsierenden jüdischen Lebens, man tief drinnen im Westen einer der vollen Iudentumsauslebung nicht gerade immer holden Kultur lebt. Was darf das stören. Gerade vom my» ii' vom Lichte des Westens im einstigen Heiligtume sagen unsere Weisen: ^rrirp'a ninranmw o^ns; •wa^ xii nny „es war ein Zeugnis für alle Welt, daß Gottes Geist auf Israel ruhe". Nichts darf uns und kann uns hindern, ein auf Gott und Glauben hinweisendes Licht zu sein,, einemy von Li'iVeine Gemeinschaft von Gotteszeugen, wann immer und wo immer wir auf unserem Posten stehen. Zeugen wir für Gott, so zeugt Gott für uns. Das ist Sinn unseres Seins und Bürgschaft unseres Daseins, ist Anfang und Ende unserer Berufung. unsrer Gemeinden. So gewiß in allem Religiösen der Satz gilt: mrea irKtfö rransn rmxo *?ii2 .iviVi daß das Vorgeschriebene, Pflichtgemäße höher zu werten ist als die freiwillige Leistung, so gewiß ist der ohne Befragung der Einzelnen auf Grund allgemeiner Beschlüsse auferlegte Beitrag sittlich wertvoller als die von den Einzelnen besonders erbetene, als Speziälleistung empfundene Spende, für die ihm Dank und Ehre gebührt. Es mag dem Reichen geschmeichelt haben, sich als Wohltäter und Beglücker der Oeffentlichkeit zu empfinden. Die wahre Würde des jüdischen Individuums wächst aber dadurch, daß es für die Angelegenheiten der Gesamtheit, die durch die Khilla vertreten» ist, dem Zugriff und der sachlichen Verfügung sein Vermögen anheimstellt. Heute ist die Deckung der Gemeindeausgaben durch Mizwausverkauf und Schnodergelder, was immer nur eine Notstandsmaßnahme war, ein Anachronismus; im Interesse unsres Gotteshauses und der ethischen Wirkung des Toravortrags müßte davon ganz und gar abgesehen werden. Zur Hebung des synagogalen Lebens. Wir haben in Nr. 2 u. 3 des „Israelit" einige bemerkenswerte Bruchstücke aus einer Artikelreihe von Oberrabbiner Dr. Joseph Carlebach. in Altona über den „Gottesdienst in den Synagogen der Gegenwart a^s Wohlgemuths „Jeschurun" wredergegebert und können uns nicht versagen, aus dem Schlußaufsatz noch einige kernhafte Worte über zwei Schmerzenskinder unsres synagogalen Gottesdienstes anzufügen: den Mizwosverkauf und das Lei' nen. Am würdigsten ist es jedenfalls, die Mizwa und den Platz im Gotteshause unverkäuflich zu lassen. Denn jedem steht darauf ein Anspruch zu, der Mitglied der Gemeinde und Mitträger ihrer Lasten ist. Das Verfahren der direkten Besteuerung und der Aufbringung des Gesamtetats der Khilla durch allgemeine Umlagen — das sei nebenbei zu bemerken gestattet — ist der größte Fortschritt und das Ideal der Finanzverwaltung Wissenschaft lag. dem Jubilar besonders; ihm galten seine eigenen Publikationen, gehörte seine Liebe. Mehr als hundert Einzelabhandlungen veröffentlichte er selber in jüdischen' Zeitungen und Zeitschriften, pnd sein Verlagskatalog , weist eine Anzahl seiner eigenen Schriften auf, so: Verträge zur Geschichte der Juden in der ehemaligen Markgrafschaft Burgau (2 Teile); das Memorbuch in Buttenwiesen; Ortsgeschichte von Buttenwiesen: Geschichte der Juden in Löningen; Jsak Bernhard Lamm, der erste jüdische Volksschullehrer in Bayern; Nehemia Leib, ein Märtyrer für den- Judenzoll; Makkahäa. Einige Schriften sind vergriffen, neue befinden sich in Vorbereitung. Die Verlagstätigkeit Lamms beschränkte sich nicht nur auf dieses Gebiet. Auch jüdische Literaturgeschichte, Belletristik, Homiletik, Bibliographie wurden gepflegt. Eine ganze Anzahl Verlagswerke entstand erst durch die Anregung des Jubilars, Frühzeitig begann Lamm die bekannte' Serie „Lamms Bibliotheka Iudaica", die alte geschätzte Werke, die vergriffen waren, der Allgemeinheit Wieder zugänglich machte. - Das Bild des Jubilars wäre kein abgerundetes, wenn man es nur nach feinen geschäftlichen und literarischen Leistungen zeichnen wollte. Was L. nicht hoch genug angerechnet werden kann, das ist die Mannhaftigkeit, mir der er wiederholt gegen antisemitische Angriffe im Buchhändler-Fachorgan in die Schranke trat. Auch gegen die Judenmission hat er sich wiederholt in energischer und erfolgreicher Weise gewandt. Dem Jubilar ist von Herzen zu wünschen, daß es ihm vergönnt sein möge, sein Werk in erfolgreicher Weise weilerzusühren, auszubauen, und der jüdischen Allgemeinheit wie bisher zu dienen und zu nützen. B. P. Denn wer wüßte nicht, daß die Verteilung der Mizwaus und die protzigen Nedarim das einzige Gespräch der Gemeinde, die immer neue Sensation, die alles in den Schatten drängende Aufregung des Tages bilden? Wie sollte da der Sinn gesammelt, die Aufmerksamkeit konzentriert werden, dem Verständnis der Toravorlefung sich zuzuwenden? Wie jeder dran denken, sich von dem Gehörten ergreifen, erschüttern, emporheben zu lassen? Die reine Schönheit, den erhabenen Sinn, den heiligen Geist des Schriftwortes in solcher Macht in sich aufzunehmen, als hätte er es noch nie gehört, als stünde er jetzt am Sinai, und der Baal-Kaure wäre Mosche, der Prophet? Wird nicht durch die Häufung des gar nicht zur Sache gehörigen Beiwerks, der vielen sinnlosen Mischeberachs und sonstigen Zutaten selbst der erschlossene Sinn immer wieder zerstreut und abgelenkt, die Spannung des Ganzen vernichtet, der Zauber der biblischen Poesie zerstört? Ist es doch soweit gekommen, daß viele selbst religiöse Kreise sich niemals der einzigartigen Schönheit des Torawortes bewußt werden, sondern in erschrekkender Nüchternheit bei seinem Glanz kalt verharren. Daß aber das schlichte Wort wieder die Seelen packe und fortreiße, dazu bedarf die Kunst des „Leinens" einer besonderen Kultur, einer ernsteren Pflege als bisher. DeninLeinenisteine Kunst, eine echte hohe Kunst. Nur wer einmal einen wahren Künstler diese hat ausüben hören, der kennt ihre ungeheure Wirkung. Hat dir noch nie beim Lesen der Megillas Esther, die allerdings leicht vorzutragen ist, der Baal-Kaure (Sabbatarier.) Diese christliche Sekte, die auch in Europa sehr verbreitet ist, nimmt in Amerika eine bedeutende Stellung ein. In der Stadt Lancaster im Staate Massachusetts ist das Hauptzentrum dieser immer wachsenden Sekte, die sich offiziell „Seventh day Adventists" nenü't. Von diesem Zentrum aus wird große PropagandaarbÄt für die Sabbatweihe unter den Christen» der ganzen Melt geleistet. u; v / Ein Mitarbeiter einer amerikanischen Zeitung stattete vor kurzem diesem Zentrum der christlichen Sabbatverehrer einen kurzen Besuch ab und erzählt nun m seinem Blatte sehr interessante Beobachtungen. Er kam an einem Freitag morgens in Lancaster an, als die Sabbatarier bereits begannen, ihre Vorbereitungen für den Empfang des Sabbat zu treffen. In dem großen Volkshaus, wo die Schüler und Schülerinnen der Volks-, Mittel- und Hochschulen, sowie viele wandere Bewohner der Stadt versammelt waren, hielt einer der Hochschulprofessoren einen Vortrag über den Sabbat der Juden und die Bedeutung seiner Heiligung. Zum Schlüsse gab er bekannt, daß der Sabbateingang mit dem Untergehen der Sonne an jenem Tag um fünf Uhr und einiges Minuten nachmittags eintrete, und er mahnte die. Zu- Hörer, rechtzeitig die Vorbereitungen für den heiligen Sabbat zu beenden. Der Journalist nahm dann an einer Konferenz des Lehrkörpers teil, im Verlaufe deren die Prozessoren jttlt Stolz darauf hinwiesen, daß sie die einzige Gruppe unter den Christen.seien, die die zehn Gebote und ganz besonders das werte Gebot über die Sabbatheiligung genau einhaltenu Sie tun ' das Menschenmögliche, um sich an die Lehre Moses zu halten/ denn sie/betrachten den Sonntag als einen Ruhetag, den die Christen von den heidnischen Götzendienern übernommen haben. Vom Vorabend am Freitag bis zum Abend des Sabbats verrichten die Sabbatarier keinerlei Arbeit. Sie besuchen 31. Mai 1928U alle Komik und allen Ernst, alle Sorge und alles Glück, alle Heimtücke und alle Größe der Purimgeschichte ins Herz gezaubert! Oder hast du noch niemals am siebenten Tag des Pesiach die Spannung, vom Durchzug durch das Schilfmeer und den Jubel der Schira aus dem künstlerischen Vortrag erlauscht, erlebt, erfahren? Oder am Rosch Haschono die Inbrunst der Akeda, am Schwüaus den Dönner des Zehnworts? Es gibt Möglichkeiten, die jüdische Seele jedesmal neu durch das Leinen zu ergreifen, durch feme Modulation, durch Betonung der Höhepunkte, Heraushebung der wichtigsten Verse das Wort zu beleben, Zu dramatischer Wucht, zu steigern. Es gibt seit alters uns geläufige Mittels wie bei jeder Deklamation, jedem Vortrag, jeder andren geistigen Darbietung das Verständnis dem Hörer zu erleichtern, ihm den Inhalt aus der Starre zu erlösen und zu lebendiger Anschaulichkeit zu bringen». Warum wenden wir diese, Kunstmittel nicht immer an? Warum ließen wir das Leinen im Mechanischen untergehn? Die Interesselosigkeit des Publikums ist nur die Antwort auf die Vernachlässigung.einer hohen Kunst. „Wer das Vibelwort liest ohne Lieblichkeit, auf ihn sagt der Vers: die ich ihnen gab, die Gesetze, als wären sie nicht gut, die'Vorschriften, als schöpften sie mcht daraus Leben". (Meg. 32a).. Ich möchte auf diese Kunst als Kunst wieder Hinweisen. Zur Kunst ist nicht jeder berufen. Es war wohl ursprünglich so gedacht, daß jeder Aufgerufene selbst leinen dürfe. Das Rezitativ der Regina war so schlicht, so volkstümlich ersonnen/ daß man hoffte, jeder wirb einen Abschnitt darbreten können, unib die stille Erregung in seiner Seele, vor der Gemeinde zu sprechen, wird stwaige Unebenheiten der Stimme vergessen lassen; die Seele, nicht die Kehle wird singen. Äehnlich wie noch heute eines Barmizwahknaben Vortrag ergreift, weil des Kindes freudige Wallung sich selbst bei schwachen Stimmitteln ausprägt. Aber die ursprüngliche Absicht der Weisen ließ sich nicht durchführen. Es mußte ein» Vorleser bestimmt werden. Aber das soll wirklich ein dazu befähigter sein; nicht jemand, der weil zum Chasan zu schlecht, nun die Greuel seiner Stimme im Leinen auf das unschuldige Ohr des Hörers losläßt, nicht jemand, der beim Bibelwort nicht selbst zittert, bangt, jubelt, zürnt und lacht, sondern nur Worte an Worte reiht, selbst wenn in der Negina ein eigentlicher Fehler nicht vorkommt. Wie haben wir nicht die Haphtauraus vogelfrei gemacht! Wehrlos muß man oft die herrlichen Visionen des Jesajas mit roher Unkultur und Ehrfurchtslosigkeit zu Sttmmübungen der Seelenlosen entweihen und über sich ergehen lassen. weder ein Theater, noch ein Kino. Den Studenten und Studentinnen von Lancaster ist übrigens auch an Woche ntägen der Besuch von Theatern, Tanzsälen und Unterhaltungen verboten. Ueberhaupt führen die' Sabbatarier ein durch strenge Gesetze und Verordnungen geregeltes Leben der Reinheit und Enthaltsamkeit., (l Am Sabbat halten sie sich streng an die.hiblische Vorschrift, daß keiner' seinen Ort verlasse. An diesem Tage werden nurreligiöse Bücher gelesen. Sie sind auch durchwegs Vegetarier und genießen nichts von einem Lebewesen. In Lancaster gibt es — so , erklärt der Journalist — kein einziges Restaurant oder Hytel, in dem Fleischspeisen zu bekommen wären. Sehr interessant ist, was einer der Führer der' Sabbatarier über die Haltung der Juden zum Gesetz der Sabbatweihe sagte. „Es tut uns Sabbatariern besondersweh, wenn wir sehen, 'wie die Juden am Sabbat in ihren Geschäften und Werkstätten arbeiten. Die Juden hätten uns als Beispiel nehmen müssen für die Sabbatheiligung, in Wirklichkeit aber betrachten sie uns als absonderliche Menschen, die um ihren Verstand gekommen sind". Die Sabbatärier unterhalten in der ganzen Welt eine sehr ausgedehnte Propaganda ihrer Ideen. Sie haben in Amerika fünf eigene Hochschulen mit über 5000 Hörer und Hörerinnen, einige medizinische Fakultäten, Spitäler und Sanatorien und auch -eine Missionsorganisation. Viele hunderte junger Missionäre werden nach Asien und Afrika geschickt, um dort die Lehre zu verkünden. , (Line moderne Schaalöh.) Am Lagbeomer wurde ein Rabbiner allen Ernstes von einem bubibeköpften Mädchen gefragt, wann es sich nun wieder das Haar schneiden lassen dürfe. Man sieht, welche, neuen Fragen die moderne Zeit auch dem stellt, der Tauroh mit „Derech erez" — wie die Welt zu sagen pflegt — verbindet.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.