Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 69 (1928)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1928)
- Date
- 1928-05-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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31. Mai 1928 _ denen in der Hauptsache der gesamte katholische Klerus zum Opfer jältz. Die Metzeleien harmloser Geistlicher und andrer Burger, die mit ihnen in Glaubensdingen sympathisieren, sollen in die Hunderte gehen, abgesehen von! den unzähligen widerrechtlich Emgekerkevten, denen kein andres Vergehen nachgesagt werden kann, als das, ihrer religiösen Pflicht, so wie sie es gelernt haben, treügeblieben zu sein. Von der Behinderung Gläubiger durch krasse Verbote, Kircheivschließungen, Untersagung jeglicher Seelsorge, wobei staatliche Organe mit ihren Spitzeln Er-, hebliches leisten, ganz zu schweigen. Die Zustände in jenem südamerikanischen Pseudostaat (eine andre Bezeichnung kann man ihm nicht zubilligen), schreien zum Himmel. Selbst zugegeben, was wir freilich nicht wissen, daß hie und da Geistliche sich politisch betätigt und vergangen haben, oder deren Anhänger aus Glaubenseifer jene in ihrem Tun unterstützten, würde doch eine auf dem Boden gemeinen Rechts stehende Regierung sich hüten muffen, verallgemeinern, oder, wie es dort geschieht, eine Ausrottungspolitik gutzuheißen. Gerade wir Juden mit unsren Jahrtausende alten, immer noch frisch schmerzenden Erfahrungen sind in der wenig beneidenswerten Lage, das. Schurkische jeglicher Religiouisverfolgung mit ihren Folgeerscheinungen in ganzer Tiefe zu ermessen!. Cs gibt kein größeres Unrecht, keine fluchwürdigere Tat, kein verdammenswerteres Verbrechen als den Glaubenshaß, denn er ist immer mit Blutgier gepaart und mit Blindheit geschlagen. Und mögen die politischen Dinge so oder so liegen, niemals darf versucht werden, jene scheußlicheni Vorkommnisse etwa zu beschönigen oder gar totzuschweigen. Rein, dagegen empört sich das jüdische Herz! Schrieb nicht einmal ein Frankfurter Jude vor langem über „das Kulturdefizii des 19. Jahrhunderts?" Welche Sehergabe! Ja, dieses Defizit ist (wir haben es doch im Kriege gesehen) reichlich gewachsen, so rapid und intensiv, daß es die „Kultur" so sehr überwuchern konnte, bis nichts mehr von ihr blieb. Wäre dem nicht so, dann hätte man doch von Interventionen irgendwelcher Seite hören müssen; und dann, wo bleibt die sechste Großmacht, die Presse; auch die gute, ernste? Diese verfängliche Frage drängt sich auch dem Einfältigsten auf; sie ist indeß leicht zu beantworten. Die Schwerindustrie — zum Glück befindet sie sich nicht ini jüdischen Händen — hat naturgemäß ein hervorragendes Interesse an jenem südamerikanischen Staatengebilde und vermeidet ängstlich, den augenblicklichen Gewalthabern mißfällig zu werden. LusivesZ first! Erst das Geschäft, und wozu sich für. Glaubensdinge Der Israelit einfetzen!, wenn man selber jeden Sinn für Religion längst verloren hat oder ihn nur für Leute gelten läßt, die keine andren irdischen Besitztümer ihr eigen nennen. Daher schweigt die Presse des InüNd Äüslands; deshalb wurde auch General Calles anläßlich feines Besuchs in Berlin mit aller Auszeichnung empfangen, obwohl die nicht ganz klare Vergangenheit dieser Persönlichkeit (wir folgen hier der Darstellung führender bayrischer Organe) zu größerer Reserve mahnte. Und heute haben sich einige Leute den grotesken Spaß geleistet, da die Juden, wie üblich, für alles Erbärmliche in 8er Welt irgendwie verantwortlich gemacht werden sollen, den mexikanischen» Nero Calles zu einem Juden zu stempeln, was ihnen jedoch nicht gelang. Nichtsdestoweniger halten wir es für eine religiöse Pflicht, die maßgebenden Instanzen, nicht allein Deutschlands, auf jene betrüblichen grauenhaften Vorgänge aufmerksam zu machen, und meinen dabei, daß es sich nicht allein verlohnt, zu intervenieren, wenn es sich um Oel oder Erz handelt. Gotteszeugenschafi. Sch'rvuaüsgedanken zum neunten Gebot. Von Dr. Adolf Altmann, Oberrabbiner m Trier. (Schluß.) , II. Sei nicht ein Lügenzeuge. Dem denkenden Betrachter muß es aufsallen, daß der Zeuge in dem heute verlesenen Texte der zehn Gebote -'fsr genannt wird, Zeuge der Lüge, und in dem Texte der Wiederholung im 5. Buche der Lehre rriv iy* was Zeuge des Falschen, Zeuge des Nichtigen bedeutet. Allein beide Ausdrücke für dieselbe Sache ergänzen sich. Nach der Tradition fallen unter das neunte Gebot sowohl Zeugen,, die überhaupt keine Zeugen sind, weil sie die Sache nicht kennen, sie nicht gesehen oder nicht gehört haben, nvn und Zeugen, die die Sache wohl kennen, sie gesehen und selbst gehört haben, aber nicht wahrheitsgemäß ausfagen, wrDia ny» Die ersteren sind rrw nichtige Zeugen, weil sie überhaupt keine Zeugen sind und die letzteren sind 'HP' Lügenzeugen, BiOXULTPA Die stark schäumende Sauerstoff-Zahnpasta wird von vielen Zahnärzten als beste Zahnvasta bezeichnet und selbst benutzt. Kleine Tube 60 Pf. BIOX-MUNDWASSER Flasche 1.— und 2.— Mk. Gegen lockere Zähne. Probe-Flasche gratis. Max Elb A. G„ Dresden ..;.M. 22 Seite 3 weil sie die Wahrheit kennen, von ihr aber abweichen. Wer sein Judentum bezeugt und kennt es nicht, reiht sich in die Kategorie des rriv “tsr des nichtigen, ungültigen Zeugen ein. Er mag sich noch so oft in die Brust werfen, ich bin ein guter Jude, er kann dafür nicht zeugen. Bezeugen kann man nur, was man kennt und sieht und hört. Er aber kennt nicht den Inhalt dessen, was er bekennt, wie sollte er für ihn einstehen. Er weiß von dem erhabenen Gehalt der Bibel nichts, wie sollte er sie lieben. Er weiß nicht, was die Gebote lehren, wie sollte er sie schützen. Wird er als Jude angegriffen, wie kann er sich verteidigen, die Ideen seines Glaubens sind ihm fremd, wie soll er sie verfechten? Er will zeugen und ist kein Zeuge. Und er ist schlimmer wie der kiv iSder nichtige des 9. Gebotes. Denn dieser hat es nun einmal nicht gesehen und erlebt und er kann es nicht nachholen. Der aber kann es noch nachholen; er kann sich nicht verteidigen, „ich habe es nicht gewußt", du Hättest, Jude, es noch immer wissen können, ja, du kannst es jetzt noch immer wissen, im ^t, gehe hin und lerne es kennen. Keiner ist dafür noch zu jung, und keiner schon zu alt. Jeder, der Jude ist, hat Zeuge des Judentums zu sein und jeder, der Zeuge ist, muß seine Zeugenschaft kennen. Juden und Jüdinnen, lernet kennen was ihr sein sollt — Zeugen. Aber es gibt manche, die Zeugen sein könnten und die doch nicht für das Wahre zeugen. Sie kennen es und bezeugen es nicht, ober bezeugen es falsch und verkehrt. Sie haben ihr Judentum vor sich gesehen und einen tiefen Blick in sein Wesen getan. Gute, fromme Eltern haben sie eingeführt darin, verantwortungsvolle Lehrer sie darin bestärkt und doch sind sie auf die falsche Fährte geraten. Ihr Leben und Tun zeugt nicht mehr für düs, was sie wissen, sie sind unwahr gegen Gott und sich selbst geworden. Die Netze des *nr haben sie gefangen. Bon einem ihrer Art spricht die Thora sinnbildlich, wenn sie sagt: uiy rwn w «V oft ffv irr nm irr iv Kim- „Und er ist Zeuge, oder er hat gesehen, oder er weiß es, wenn der nicht aussagt, so trägt er feine Sünde". Heute ist nishnw Die geistige Erinnerung trägt uns zurück in die Jugendzeit unseres Volkes am Fuße des Sinai, und die seelische Erinnerung versetzt uns wieder in die Jugendzeit im elterlichen Haus. Alles das ruft mit sicherer Stimme: Du kannst Judentumszeuge sein, wolle es nur sein oder bestrebe dich es zu werden. Warum, willst du deinen Beruf verfehlen, Jude, und geringer sein und weniger wie jedes Gräs- Ein mafforetisches Problem. Von Rabbiner Dr. Jacobs in Kreuznach. Zu mi ntzns- Bekanntlich gibt es in der nun nur 11 Stellen, in denen s'n — sie mit Job geschrieben ist, während die Schreibweise an den andern Stellen gleich dem männlichen son mit waw ist. Gegenüber den Erklärungsversuchen der Grammatiker, die Masoreten hätten diese elf Stellen korrigiert, oder: ursprünglich habe fiir masc. und fern, sn gestanden, oder: bei irgend einer Rezension des Pentateuchtextes sei dieser Archaismus fast konsequent durchgeführt worden (beide genera gleich zu schreiben), haben wir die Pflicht, eine Erklärung aus dem vorliegenden Text zu versuchen, die zwanglos die Berechtigung der Ausnahmeschreibung' ergibt. Die Unmöglichkeit der restlosen Lösung enthebt uns nicht der Verpflichtung des Versuches einer Teillösung. Einen Fingerzeig für den richtigen Weg ergibt die heutige nvis in IV 5, 14: «im ww ns sapi nsap tvn rby "os?i nsvva rri> svn uws ns sapi nsap mi i'i>s “ns? irr nsnm also: ns»w rri> mm nsvva sinv in dem Falle, in dem die Frau ihre Frauenreinheit nicht gewahrt hat, also nicht ein reines femmimum ist, stehl Mnaber in dem Fall, in dem sie rein geblieben ist, wird ihr reiner Frauencharakter durch s'.i ad oculos demonstriert. Dasselbe Prinzip gilt für I 38, 25 nrör? mm nxsra sin' sie, die man für eine Entweihte hielt, wurde zur Verbrennung herausgeführt, aber sie, die rein war, hatte vorher zu ihrem Schwiegervater die Beweise ihrer Unschuld geschickt. I 20, 5 steht K’n im Gegensatz zu sin, beides ist betont: er hatte gesprochen und auch sie. . ' I 14, 2 nsm s»n s?Sa' “stvi ist verständlich, weil ns?ix sin zu Mißverständnissen hätte Anlaß geben können, etwa um als Nebenname für ybr III 20, 17—20, 18, V. 17: inns? ns nsnn s'm V. 18: mvn npn ns nnsn smv V. 17 spricht von einer Jungfrau (np'-pviip) V. 18 von einer verheirateten Frau (nav), diese Gegenüberstellung bedingt die Schreibweise. IV 5, 13: nvsna sh r>rim --.nsvva smi rinnoai ist scheinbar eine Widerlegung des zu V. 14 gesagten, aber nach der Halacha richtig: wenn sie sich verborgen hat und so (auch wenn sie rein geblieben ist) *) sich verunreinigt hat (eben durch das bloße Verbergen) und es ist kein Zeuge da, dafür, daß sie nicht (in Einbuße ihrer Reinheit) bloß -nvias geworden ist. Kleines Feuilleton. (Jubiläum eines Verlages.) Am 1. Juni d. I. feiert die Firma Louis Lamm in Berlin ihr 26 jähriges Gefchäftsjubiläum. Aus kleinsten Anfängen wurde das Geschäft zu seiner heutigen Bedeutung entwickelt, die sich weniger in seinem äußeren Umfange dokumentiert, als in der Fülle seiner Beziehungen, die es mit der gesamten jüdischen Welt verknüpft. L. war bei Begründung seines Unternehmens sich wohl bewußt, daß es harte Mühe kosten würde, auf dem Spezialgebiet der jüdischen Literatur als Buchhändler festen Fuß zu fassen. Es war nicht gerade aufmunternd, daß eine Anzahl solcher Unternehmungen in *) Nur so ist das an sich überflüssige s'm überhaupt erklärlich, es hätte sonst genügt: nsnmi mnoais. onVn, daß B. 13 u. 14 Vordersatz sind. den neunziger Jahren in Berlin nicht aufzukommen vermochte, und just eine seine Pforten schloß, als er begann. Aber mit Recht konnte er sich sagen, daß jene anderen keine ^Fachleute gewesen warm. Von Anfang an schwebte ihm das Ziel vor Augen, ein gutes jüdisches Antiquariat zu schaffen. Es gelang ihm bald eine Reihe großer Bibliotheken zu erwerben. Seine Kataloge — es sind bis heute schon 28 — darunter einige in der Stärke von 200 Seiten — machten ihn bald bekannt. Er wich vom üblichen Trott ab, nur diö genauen Titel alphabetisch zu bringen. Er pflegte vielmehr in seinen Katalogen, wo es nur irgend möglich war, passende Stichworte zu wählen, auf die literarische Eigenart des Buches oder des Verfassers hinzuweisen und so das Interesse weiter gebildeter Laienkreise zu erregen. Er schuf sich auf diese Weise neue Abnehmerkreise und fand gleichwohl den Beifall Sachkundiger von dem Range eines Steinschneider und Berliner s. A., welch letzterer die Aushängebogen seiner Kataloge stets eifrig studierte. In seinem Lokale trafen sich sehr bald viele Gelehrte von literarischem Rufe, außer den Genannten z. B. Brann-Breslau, Ludwig Geiger, Hirsch Hildesheimer, Löwenstein-Mosbach, Eppenstein, Kayferling-Budapest, Martin Philippson usw. Auch eine Reihe nichtjüdischer Forscher von hohem Rang — es feien hier nur einige Namen genannt wie Carl Hauptmann, Sombart, Graf Coudenhove-Kalergi, Strack — waren dem Unternehmen freundlich gesinnt. Dem Buchhandel und Antiquariat schloß sich bald eine Verlagsabteilung cm. Schon bei seiner Etablierung erwarb L. den jüdischen Teil der bekannten Simionschen Buchhandlung — es handelte sich hauptsächlich um die Quellen und Regesten zur Geschichte der Juden in Deutschland. Diese Erwerbungen bildeten den Grundstock des Verlages und bezeichnen auch feine Hauptrichtung: die Geschichte der Juden. Dieser Zweig jüdischer