Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1928-05-24 · Heft 21 (24.5.1928) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 21 (24.5.1928)
Date
1928-05-24
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450495-2450515--74989-2532489
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 12 Nr. 21 Der Israelit 24. Mai 1928 und sich aufopfernden Vorstehern, erzielte. Bald folgte der Ankauf eines Friedhofes, die Gründung einer Religionsschule und die Schaffung aller zu einer Religionsgesellschaft gehörenden Institutionen, und als nach der neuen Verfassung die Trennung von Staat und Kirche es gestattete, den Rahmen einer Aktiengesellschaft aufzugeben und sich als Religionsgesellschast mit Körperschastsrechten zu erklären, legte die Religionsgesellschaft diese ihr aufgezwungene Form ab, um nach außen hin in der Form zu erscheinen, die ihrem Wesen und Inhalt von Anbeginn an entsprach, dessen Streben es ist, nTian^i min Mannheim. Diese Stadt, Sitz des „Verein zur Wahrung" und zum Ort seiner Jubiläumsfeier auserkoren, darf heute beanspruchen, besonders genannt zu werden. Die Entwicklung, oder vielmehr die Erhaltung und Ausgestaltung des jüdischen Lebens auf dem Boden der Ueberlieferung hat ihre Kernzelle in der Klaus, der Stiftung eines weitschauenden und wahrhaft jüdischen Menschen der vergangenen Jahrhunderte. Man muß den Namen eines Lemle Moses Rheinganum nennen, wenn man an diejenigen denkt, deren Verdienst den Heutigen Beistand leistet. Die Klaus blieb fürwahr der ruhende, wenn auch nicht ganz wie einst mehr vorhandene Pol in der Reformerscheinungen Flucht. Denn die Reform war hier stark, und ihre Wellen brandeten an die Mauern derer, die in der festen Burg der Klaus Rückhalt und Mittelpunkt ihres Tuns fanden. Es ist gut und erfreulich, daß am Ende der ersten Vierteljahrhunderttätigkeit des V. z. W. die jüdische Gemeinde in Mannheim einen anderen Anblick bietet, als es zu Beginn dieser Periode der Fall war. Wir wollen sagen: b o r u ch mefchane ittim. Und wollen nichtsdestoweniger weiter auf der Hut fein, weil Mir ja ein Verein zur — Wahrung sind. Die Stadt Mannheim sagt vielleicht vom Leben ihrer Gesetzestreuen nicht soviel, als anderwärts manchmal geschieht. Es ist Sache der Auffassung, ob man nur viel tun und wenig sprechen, oder ob man auch zur gegebenen Zeit dem Tun, das sich sehen lassen kann, das Davonreden hinzugesellen soll. Aber in diesem Augenblick darf ein Wort gesagt werden. Die Gäste, die hierher kommen, sollen erfahren, daß Gottesdienst und Lernen für Alt und Jung gut ausgestaltet ist. Unermüdlich waltet der R a w der Klaussynagoge, der, weil sich ja die Zeiten geändert haben, als Stadt- und K o n f e r e n z r a b b i n e r in Gemeinde und Landessynagoge tätig ist, seines Amtes, in Wort und Tat' die Belange der Emunoh wahrend. -Für Rabbiner Dr. Unna bedeutet es eine wertvolle Unterstützung, daß er seit einigen Jahren in der Klausrelrgionsfchule Mitarbeiters gefunden hat, die es in kurzer Zeit verstanden haben, in dieser Schule und im Religionsunterrichtswesen der öffentlichen Schulen die Jugend, auch fernerstehende junge Menschen, für sich zu gewinnen. Widmen sich diese seine Mitarbeiter, Rabbiner Dr. Lauer und Lehrer Kälbermann, dem Lernen der Jüngsten und Jungen, so stehen Rabb. Dr. Unnas Schiurim allen Erwachsenen offen, die trinken wollen am Quell der Tauroh. Zur Zeit lernt er einmal wöchentlich Mischnajos und Dinim, zweimal wöchentlich Gemoro (Pesochim), und in einer anderen Abteilung ebenfalls zweimal wöchentlich Gemoro (Kerifus). Im Winter versammeln sich Jüngere am Freitagabend bei ihm ,um Tenach und Schulchan Orach zu lernen.-. Daß auch, einzelne Balebattim, wie etwa Studienrat Dr. S^ L e v i, mit reichem Taurohwissen ausgestattet, sich bereitwillig Jüngeren zum Lernen zur Verfügung stellen, ergänzt, was wir gesagt haben. „Alte Herren" sind äußerlich oft keine Jungen mehr. Aber wer im letzten Winter Zeuge sein durste, wie die alten und jungen V. I. A. er hier alle 14 Tage, am Mozeschabbos, in den Häusern der einzelnen Vunddsbrüder zusammenkamen. lernten, in regem Gespräch und frohem Geplauder beisammen weilten, darf auch dies den Jugendveranstaltungen zurechnen. Dem Außenstehenden erwecken Zeilen wie diese den Eindruck, als fei hier von idealen Einrichtungen die Rede, die beneidenswert wären, von anderem Ort aus gesehen. Es soll kein falsches Bild entstehen. Auch hier ist nicht alles Gold, was glänzt. Elternabende, der Erörterung religiöser Fragen über Haus und Kind, Familie und Erziehung gewidmet, zeigen, wenn oft vor leeren Bänken wertvolle Vorträge geboten werden, daß gelegentliche und häufige Jnteresienlosigkeit in Mannheim gerade so daheim ist, wie anderswo. Der Wahrheit zuliebe muß auch das gesagt werden. Aber es gibt wieder erfreulichere Bilder. Der Gottesdienst, den die hiesigen Kantoren Epstein und De Jong mit ihrem Können reich und eindrucksvoll gestalten, dem die „Ansche Haschir" ihr Bestes geben, erfreut und erhebt die Klausbesucher. Wenn es einmal gelingt, die — erfreulicherweise — zu engen Räume zu erweitern, wird ein wesentlicher, gewiß nur äußerlicher Mißstand der Klaussynagoge behoben sein. Es wird schöner sein, wenn jeder Mann und jede Frau, die in der Klaus und nicht anderswo mispallel fein wollen, dies in der größeren Klaus tun können. Es ist eine Sorge für unsere Parnossim. Aber Parnossim müssen ihre Sorgen haben. Die Ueberfchrift dieser Zeilen verpflichtet eigentlich zu mehr: sie läßt vermuten, von Mannheim sei mehr an jüdischen Dingen zu sagen, als nur das, was die Klaus betrifft. Es wäre verlockend, würde den Blick auf Dinge und Erscheinungen lenken, die gut und erfreulich sind, auch vielleicht da und dort aus Bedenkliches. Das aber würde in Gebiete innerjüdischen Gemeindelebens führen, die nicht im Rahmen eines kurz orienterenden, besonderem Anlaß gewidmeten Aussatzes behandelt werden können. Ein andermal. Es geschieht auf dem Gebiet der Zedoko viel hier. Es regen sich fleißige Hände, wenn es um die Awodo und — es steht nun, was verziehen sei, an letzter Stelle, was an erster zu stehen hätte — wenn es um die Tauroh geht. Dies ist aber nichts, was zu Ruhm und Prahlen bereckstigte. Auch was an Jüdischem in der Großstadt geschieht, kann unter dem Losungswort des haznea leches vor sich gehen. Braucht man aber einmal die Öffentlichkeit, um sie durch die Darstellung des Erfreulichen anzuspornen; braucht man die Darstellung des Vorbildes, um die Jugend durch den Hinweis auf das Tun der Aelteren mitzureißen und zu begeistern, dann darf die größere Welt einmal erfahren, was geschieht. Wir wissen von einem zufammengeschmolzenen Rest, dem Scheeris Jisroel eines kleinen Dörfleins, wo die Wenigen und immer weniger Werdenden sich unermüdlich betätigen, um zu erhalten, was ist, ja, um . noch zu bauen, zu verschönern, was nach menschlicher Voraussicht zeitlich nur begrenzte Bedeutung erlangen wird. Es geht aber alles vor sich in der Sülle, obwohl es ein Heldentum ist und ein Kiddusch haschem, von dem man laut im Lande sprechen dürfte. Im weiten Gefilde der Stadt, wo Zunahme und Ausdehnung, Wachsen und Blühen, Betätigung Dd Fülle ist, bedeutet vieles von dem, was wir gesagt haben, eine Selbstverständlichkeit. Es gibt Menschen, die erröten über die Selbstverständlichkeiten, die von ihnen gesagt werden. Trotzdem, am Tage der Feier und zur Feier des Tages, darf auch das Einfache und Schlichte, darf, was sonst den Lärm der Welt und das Gespräch der Massen scheut, gesagt und erhoben werden. So mag dem Gesagten Berechtigung zuteil werden. Und so darf auch von Mannheim einmal die Rede sein, um zu sagen, was geschah und getan wird von allen, die hier leschem schomajim wirken. Da sie alle aber, gleichviel ob rührig hd,er zögernd, ob unmittelbar oder mittelbar, an Hen Zielen des „Verein zur Wahrung" Mitarbeiten, führte die Feier dieses Vereins uns dazu, der Stadt „al nehar renu? weal nehar nekkar", wie es in den Vesdin-Ur'ßünden heißt, der Stadt'der „Klaus" diese Betrachtung zu widmen und auch ihr für die nächsten fünfundzwanzig Jahre ein weiteres Blühen — letowas haklall — zu wünschen. Des Berges Namen. Von Rabbiner Dr. Michalski in Karlsruhe. Einen Berg hat Gott sich erkoren, um auf ihm Seine ' Lehre zu künden, nicht einen der hoch ragenden. Gipfel, doch einen Berg, der erklommen fein will, um den Menschen zur Gottesnähe zu heben. Berghoch türmen sich die Schwierigkeiten, die der Befolgung des Gotteswortes entgegen sich stellen, einem Berge'gleich ragend erscheint einst dem Frommen die Verführung und Verlockung des snn des Reizes zum Bösen, dem sie widerstanden, Tränen entströmten dann ihren Augen, wenn sie sprechen: „wie konnten einen so hohen Berg wir bezwingen?" roio)> doch Gott, der diesen Trieb geschaffen, hat als Heilmittel ihm die Tauroh geschaffen. ü"d 3"a und 'b pviip) Am Fuße des Berges bleiben gar viele, denen es unnötig erscheint, ihn zu ersteigen, Ausreden suchend und Ausflüchte machend, um die Gotteslehre nicht halten zu müssen; doch schon die Namen, die der Sinai trägt, die Wahrzeichen ihm sind, widerlegen und entkräften sie alle, brr n3-> -ui»3)*) „Was sollen Gebote wir halten," so hört man gar manche Bequemlichkeit und Gleichgiltigkeit bemänteln, „deren Sinn wir nicht begreifen, deren Grund wir nicht verstehen, die nicht geeignet erscheinen, das Glück und den „Fortschritt zu fördern." wx-i-rr in Berg Gottes, des himmlischen Richters", das ist der erste Name des Sinai, der zu erkennen gibt, daß der Staubgeborenen vermessener Wahn sich nicht anmaßen darf, zu Gericht zu sitzen über den himmschen Richter, daß des Erdgeformten beschränkter Geist, der ein winziger Bruchteil nur dessen, dem er entstammt, nicht zu fassen, nicht zu ahnen vermag die Weisheit dessen, der im Gotteswort den Bauplan enthüllt, nach dem Er die Schöpfung gebildet.- „Für die Zeiten des grauen Altertums mögen vielleicht," so sprechen andere, die nicht zurückstehen wollen, hinter denen, die sich einbilden, gebildet zu sein, „die Gottesgebote bestimmt gewesen sein, doch jetzt sind sie längst veraltet und überholt, sind nicht mehr zeitgemäß, entsprechen nicht mehr dem Zeitgeist, der doch! der Herren eigener Geist, in. dem die Zeit sich spiegelt." Ewigkeitswert hat was ein Ewiger geboten, nicht zeitlich bedingt und begrenzt ist das Wort dessen, der die Zeiten überdauert. Er allein vermag es außer Kraft zu setzen, wenn Er die Zeit für gekommen hält, Er, -in dessen Augen tausend Jahre gleich dem gestrigen Tag. das ist des Sinai zweiter Name (vgl. Psalm 68, 16—18.) »atr n"3pn ov„denn Gott ist dort gekommen," Er kann auch jeder Zeit wieder kommen, wenn Er es für geboten hält, ein Gesetz aufzuheben, -dessen Geltungsdauer nur Er, der Gesetzgeber, kennt . (Vgl. ruins van» z. St.). „Der Freigeborene," so brüsten sich manche in vermessenem Stolz, „kann und darf doch nicht, ein Joch tragen, das an den Willen eines Höheren ihn kettet, zu Sklaven eines Mächtigen ihn verdammt, das in Bande und Fesseln ihn gelegt, die er sprengen und abstreisen muß." crutm nn ist des Sinai dritter Name, „Berg über Herabhängende, Hochragende, vor ihnen erwählt, 01^3 cnnn i>3 bosv m ,p“r pa ik -)»n? nnxtp sie zurückstellend und als unbrauchbar erweisend. Bergesriesen hadern und streitenmit dem niedrigeren Sinai ob einer Erwählung, himmlische Stimme weist zurück ihren Anspruch, „warum rechtet ihr, vielrückige Berge, diesen Berg hat Gott zu seinem Wohnsitz erwählt,' Er wird auch für immer dort thronen" (Psalm 68, 17). Es ergibt sich daraus, so meint Raw Aschi, (»"3 nbp») wer sich überhebt, ist mit Fehler behaftet, rriv ai» bvn tk» *«h Darf Ueberhebung es noch wagen, dem Gottesgebot zu trotzen?! Geheuchelte Bescheidenheit, wird anderen zpm : Vorwand, die mahnende Stimme des Gewissens ' zu übertönen. „Kann der Erdenwurm dem uünähbaren Schöpfer in der Höhe mit der Befolgung Seiner Gebote einen Dienst -erweisen? Steht Er nicht viel zu hoch, um hiervon berührt zu werden?" avn io Berg des Verlangens" ist des Sinai vierter Name, vv 3v'i> v"3pv n»nv denn Gott verlangt danach, dort zu wohnen. Muß dieser Wunsch nicht genügen? Ist doch des Menschen Vervollkommnung Inhalt Seines Sehnens!- „Der Lohn des Frommen, die Strafe des Frevlers ist ja nicht wahrnehmbar auf Erden", leugnen viele die Gerechtigkeit Gottes, „was schadet es, wenn man bequem es sich macht." in „Horeb" ist des' Sinai fünfter Name 3irm rw»va vbw auf ihm wird -das Schwert ge-, zückt, nicht immer bleibt es in der Scheide, es weiß, den Sünder zu treffen. .. „Sollen wir uns absondern von den Völkern," so 'ragen schließlich manche, „uns ausschließen ynd/'Mnnen von ihnen durch die. Erfüllung von Geboten, die eine Scheidewand errichten zwischen gleich geschaMnen Menchen, zwischen den gleichen Bewohnern der Erde, die auch Geschöpfe Gottes find?"; - ''das ist des Gottesberges sechster Name, Äer seine Wirkung, und sein Wesen kündet. n"zpnb rrs uaw i3v> durch ihn haben sich die Völker den Haß Gottes zugezogen, auch sie haben die Möglichkeit gehabt, zur Gottesnähe sich emporzuchwingen, sie haben sie voll Trotz und Stolz verworfen, *) Vgl.'N vm» zu •,3T»3-;*)J8)gI. v!-v.N3V uqd z. St.^:/j^

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.