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Der Israelit · 1928-03-01 · Heft 9 (1.3.1928) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
69 (1928)
Issue
Heft 9 (1.3.1928)
Date
1928-03-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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9 Tests 3 1 März 1928 Phrase bei den I u d e n in den kleinen Nationalitätenstaaten Europas gibt unsren Brüdern über nach außen herzlich wenig und nimmt ihnen im Lande selbst viel, bei bösem Willen der Machthaber, so ziemlich alles. D a r u m -dreht sich 'letzten Endes auch der Meinungsstreit zwischen Lemberg und Warschau und in Warschau selbst zwischen Orthodoxen und Zionisten in Sachen der polnischen Parlamentswahlen. Es war Herrn Klebelsberg und Freunden in der ungarischen Legierung bequemer, und dienlicher, sich, die j üd i s ch - n a t i o n a l e Auffassung — obwohl sie speziell in Ungarn unter den Juden kaum ernstliche Vertreter hat —, zu eigen zu machen, und das Gros der Abgeordneten folgte, 2on den gleichen Prämissen ausgehend, den Herren am Regierungstisch bis ans Ende. Den Erwachenden geht der neue Numerus clausus nicht weit genug, aber die Juden haben erst recht keinen Krund, seine Annahme und Einführung mit Freudenfesten-zu feiern. Der Israelit ihm ausgesprochene Gedanke aufmerksame Würdigung nicht nur im Lager seiner Freunde, sondern auch im agudistischen. In-der Tat dürfte es keine unüberwindlichen Schwierigkeiten bieten, mindestens zum Zwecke der Repräfenlation n,ach außen noch vor der Kenefsio gedaulo Formen zu finden, die eine organische Verbindung der genannten großen Gruppen mit „Agudas Jisroel" ermöglichen könnten. Ein modus vivendi. In der in Munkacz erscheinendem „Jüdischen Zeitung", die als Organ des Munkaczer Rabbi gilt, veröffentlicht Herr H. M. K«lisch unter der obigen Ueberschrift einen Aufsatz, der sich mit der Frage'beschäftigt, in welcher Weise eine Annäherung der bis heute noch außerhalb der Agudas Jisroel stehenden chassidischen Führer von Lübawitsch, Munkacz, Alexander, Kolischitz zur Bildung einer gemeinsamen Front nach links herbeigeführt werden könnte. Der Verfasser weist darauf' hin, daß die genannten chassidischen Führer an Agudas Jisroel lediglich deshalb Anstoß nehmen, weil diese Organisation eine kolonisatorische Tätigkeit in Erez Jisroel in modernem Sinne betreibt und weil sie Erziehungsanstalten unterhält oder unterstützt, die neben den Thora-Disziplinen auch profane Unterrichtsgegenstände berücksichtigen. Trotz dieser Bedenken, die von Seiten der Aguda wohl nur schwer beseitigt werden könnten, müsse es einen Weg geben, um eine Cooperation der noch außenstehenden chassidischen Kreise mit der einzigen heute vorhandenen repräsentativen Organisation des orthodoxen Judentums zu ermöglichen. Daß der Verfasser hierbei den Einfluß der von ihm genannten chassidischen Führer doch wohl zahlenmäßig. etwas überschätzt, wenn er von Millionen von Juden spricht, die ihnen folgten, und daß er auf der anderen Seite ebenso sehr Zahl und Bedeutung der an der Spitze der Aguda stehenden rabbinischen" Autoritäten unterschätzt, soll ihm nicht verdacht werden. Jedenfalls verdient der von uns bewunderten und angestaunten Großen der Gegenwart in Vergleich setzt. Man darf aber in diesem Vers auch die wehmütige Bestätigung der Tatsache ausgesprochen finden, daß so mancher in seinem vollen Werte erst nach dem Tod erkannt wird, daß die Nachwelt erst, wenn er nicht mehr ist. erfährt, wer er gewesen. Das Schicksal, im Leben verkannt zu werden und die verdiente Anerkennung erst im Tode zu finden, ist zwar ein allgemein menschliches. Aber in unseren, den jüdischen Kreisen ereignet sichs öfter, als anderwärts, daß die geistige Bedeutung eines Großen der Mitwelt verborgen bleibt, weil die Thora in erster Linie das Herz demütig macht und der große Gelehrte sich selbst, sein Wissen und seine Leistung so gering einschätzt, daß er für die Erzeugnisse seines Geistes, die Schöpfungen und Errungenschaften seines Forfchens keine Geltung beanspruchen mag. Von einem Toten, dessen Name in der jüdischen Geschichte bis heute unbekannt gewesen, der es aber verdient im Herzen Israels, des der Gegenwart und der Zukunft lebendig zu werden, soll in diesen Zeilen die Rede sein. Sein Lebenswerk, das wenn es erst in seinem vollen Umfange bekannt geworden, zweifellos als eine grandiose Bereicherung der talmudischen Wissenschaft gepriesen werden wird, hat bisher im Staube von Akten und Büchern verborgen gelogen, als ein kaum hinreichend gewürdigter Bestandteil einer großen Bibliothek, die viele Schätze an seltenen talmudischen Werken birgt. , Der diese Bücherschätze gesammelt, dessen souverän beherrschtes geistiges Eigentum sie waren, Rabbi Jakob Leib Kroch, ist vor drei Jahrzehnten, fast 80jährig gestorben. In Rawifich geboren und in der Atmosphäre des dortigen Bethamidrasch groß geworden, hat er noch in seiner Jugend die Glänzepoche miterlebt, die durch Namen, wie Rabbi Äkiba Eger und Rabbi Mosche Czaufer gekennzeichnet ist. Seine eigentlichen Lehr- Himmelan! Von S. Neubauer in Herrmannsberg. Welch einzig schöner, herrlicher Gedanke, diese Geistesschöpfung Birnbaums, jenes bewährten Kämpen, Mit seinem A u l i m - O r d e n, oder, wie man ihn jetzt heißen möchte (darüber werde ich später noch mehr zu sagen haben): Aülim-Gemeinde! Wenn auch erdgebunden, Aufsteigende, himmelwärts Strebende, deren tatenfrohe Hände zu gemeinsamem Aufstieg sich von selbst finden. Ein aus Jungmannen und sich jung Fühlenden geschaffener Stoßtrupp, stets bereit für ihre Religion das Höchste zu leisten, bahnbrechend und angrisfsfreudig, gegen die Gleichgiltigen und die Leugner und die Mattherzigen und die Lauen. Wahrlich die Idee ist (mag sie auch in des Urhebers Hirn lange gekeimt haben) ebenso neu und eigenartig als berückend schön. Der Weg zur Einkehr und zur Umkehr und — nicht zuletzt — zur Höhe. Allem voran der Ruf nach Selbstzuchtj. Keuschheit, Läuterung, dem Erkenne-Dich-Selbst! Hinweg mit jeglichem stolzen Selbstbewußtsein, jedem Sichselbstgenügen, dem allezeit irrigen Glauben an die eigens religiöse und sittliche Vollkommenheit, und in erster Linie weg von jener satanischen Einbildung, genug getan zu haben an Gott, seiner Thora und seinen Menschen! Birnbaum fordert dies in seiner ernsten, ungekünstelten, und gerade dadurch, so eindringlich beredten Weise. Und wir alle wissen, fühlen es: er hat founsagbar Recht. Wir treiben leider so oft unbewußt bei so manchen unsrer heiligsten Betätigungen Mummenschanz: unser Beten ist hohl, fade, seicht, mit profanen Dingen verflochten wie die bunten Fäden im Gewirk. In diesen Blättern konnte man erst kürzlich jenen Berufenen hören, der gegen den, unsren Gottesdienst unkrautartig überwuchernden Chor Front zu machen versuchte. Mit Fug und Recht! Unser Gespräch mit Ihm soll kein Lippendienst, keine Werkheiligkeit sein, sondern unsre Weisen lehren es — völlige Hingabe des ganzen Jchs. Die Starre der Statue ist kaum die rechte Haltung jüdischer Menschen, wenn diese Gott suchen. meister sind Rabbi Gedalja Tiktin in: Breslau, sowie sein späterer Schwiegervater, Rabbi Josua Falk, der Dyrhenfurter Raw, gewesen. Ein rabbinisches Amt hat er nie bekleidet, sondern nach der Devise gehandelt, liebe die Arbeit und hasse das Rabonus. Er hat sich kaufmännisch betätigt, freilich mit der Selbstbeschränkung dessen, dessen Seele an der Tauro hägnt; hat sich aber, noch im ■ besten Mannesalter stehend, nach Versorgung seiner Kinder von allen Geschäften zurückgezogen und die letzten 30 Jahre seines Erdenwallens in Leipzig verbracht, Tag und Nacht lernend. Die Resultate seiner Gelehrtenarbeit liegen in seinem handschriftlichen Nachlaß vor, dessen erster Teil unter dem Namne „CH a so ko R ab b o" jetzt im Aufträge seiner Enkel veröffentlicht worden ist. Nach ausführlichen Abhandlungen allgemeiner und orientierender Art über Begriff und Umfang der Chafoko, nach der Feststellung, ob die Lehre von Rhasoko als von der Tauro gegeben oder nur als rabbinifch zu betrachten sei, unter welchen Voraussetzungen und Einschränkungen sie Anwendung finde, gegenüber welchen anderen halachischen Prinzipien sie aufrecht erhalten bleibe oder zurückzutreten habe, ob sie nur rückwirkend oorkomme oder auch für zukünftige Fälle Geltung habe, diskutiert der Verfasser in 78 überschriebenen Artikeln über alle in das Gebiet des v''n m-w fallenden vpm.Möglichkeiten. 1 Es ist nicht angängig, im Rahmen einer kurzen Besprechung auf Einzelheiten einzugehen. Es feien unr.als besonders interessant und immer aktuell bleibend einige Probleme hervorgehoben, z. B. die Anwendung der Chäsöko hinsichtlich des Anrechts auf einest. bestimmten Synagogenplatz gegenüber den dabei häufigen Konflikten, wiö Einspruch des Schulnachbars u. dgl., oder betreffs der Erwerbung bestimmte^ Synagogenrechte, inwieweit das Eigentumsrecht des Spenders einer nun iso Und dann der jüdische Solidaritätsgedanke, das Arewuth. Dieser muß — eine weitere Forderung Birnbaums an die Aulim — unendlich kräftiger als bisher gepflegt werden, in aufopferndster Arbeit unsrer Edelsten und Besten. Die Erkaltenden und Erkalteten, die Halbveriorenen und Verlorenen, wie Birnbaum so rührend zart sagt, sie alle sind, nicht allein nach ihm — auch unsre Talmudweisen erblicken darin ein Postulat der Thora —, der Erhaltung und des Wiederfindens wert. Man mag das Judenall drehen wie man wolle, der Klall Jisroel, die jüdische Gesamtheit ist immer schön, ein Beweis mehr für jenes Axiom vom auserwählten Volk. Hillel hat selbst Heiden nicht weggewiesen. Unduldsamkeit ist alles, nur nicht jüdisch. Und weshalb großtun? Sind wir, Abkömmlinge jener erlauchten Ahnen, wirklich schlacken- und fehlerlos? Daher hat Birnbaum wiederum Recht: an uns selbst müssen wir zunächst unentwegt modeln, dabei jedoch nie und nimmermehr etwa vergessen wollen, daß es auch andre Brüder gibt, denen unsre eigene Selbsterziehung, unser Beispiel und, letzten Endes, unser guter Wille, Licht und Rettung zu bringen vermögen. Irrenden gebührt jüdische Liebe und hillelsche Sanftmut. Mögen die Zweige noch so weit auseinanderstreben, dem Stamme bleiben sie doch verbunden, daraus sie Saft und Kraft saugen, und dem sie (es wäre sträflich, dies übersehen zu wollen) wechselseitig vitale Stoffe zuführen, ohne die er nun einmal nicht leben kann. Und das soll hier gesagt werden, niemand zulieb, niemand zuleid: Ein Ausweg muß gesucht und gefunden werden, der es ermöglicht, die noch Fernstehendennicht nach ihren vereinspolitischen Neigungen zu werten, sondern auf Grund ihrer religiösen Lebensführung und Betätigung. Warum die Punkte suchen, .die uns trennen, wo deren soviele find, die uns einen? . Das Heldische, die granitene 'Traditionstreue unsrer östlichen Glaubensbrüder dem, gelinde gesagt, so grundverschiedenen, zumeist indifferenten Westen einzuimpsen, wozu ja Birnbaum seine Aulim erziehen will, jene Avantgarde von Edeljuden, die in der einen Hand den Spaten oder die Kelle zur Arbeit, in der andern die unblutigen Waffen der Thora zu Schutz und Trutz festhalten, zeugt schon von großer Beherztheit. Birnbaum — ein Freund ganzer Arbeit und Feind aller Kompromisse — begnügt sich nicht damit, er will auch die engen, aber um so sichereren- Pfade gehen, die jener Geistesadel an die vierhundert Jahre in jenem Lande zu wandeln sich bemüßigt fühlte, in das sie mittelalterliche Mordgier trieb. Seine Aulim werden Belehrung in der Thora, Innigkeit in der Zerknirschung des Gebets, Frömmigkeit im Wandel und Heiligkeit in der Enthaltzu Recht bestehen bleibt, ob und unter welchen Kautelen die Behauptung jemandes, ein no 311 fein, Anspruch auf Anerkennung hat, wann bei einer min iso die npm hinsichtlich ihrer besonderen Heiligkeit aufhört. Aus etwa 10 Kapiteln ist ersichtlich, wie einschneidend der npm» Begriff für r»n am nvs ist. In einer Abhandlung findet sich alles Material zur Entscheidung der Frage zusammengetragen, ob einem Sohne unter Berufung auf npm die Antwartschaft auf den Rabbinatssitz des Vaters zusteht. Selbstverständlich lassen sich die Grenzen nicht so genau abstecken und kommen in diesem mit o"i mw bezeichneten Bande auch viele Fragen zur Behandlung, die in das Gebiet des njn mv oder vsvv -[enn über» greifen. Die souveräne Beherrschung der Materie, die erschöpfende Erfassung aller Belegstellen in beiden Talmuden, die Verarbeitung der gesamten Refponsenliteratur, die geschickte Gegenüberstellung der divergierenden Ansichten — das alles ist so klar aus jeder Abhandlung ersichtlich, und die logische Konsequenz, die scharfe Präzision im Ausdruck, die Ueberfichtlichkeit der Anordnung so erstaunlich, daß es jedem, der in religionsgesetzlichen Dingen zu entscheiden berufen ist, leicht fallen muß, den letzten Schluß für die halachische Praxis, den der Verfasser meist offen läßt, zu ziehest.. Das Werk bedeutet eine ustgecchnte Erweiterung und Vervollständigung der talmudischen Wissenschaft, es wird den Lernenden bald unentbehrlich werden, und alle Torafreunde werden mit großer Spannung der Veröffentlichung der im Manuskript fertigen übrigen Teile des „Chafoko Rabbo" entgegensehen. Die Familie des Verfassers, die dem Andenken ihres großen Ahnherrn ein Denkmal setzen und den Segen, den er hinterlassett, der Welt der Talmudkundigen zugänglich machen wollte, hat sich mit der Herausgabe des Werkes ein unvergleichliches Verdienst erworben.

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