Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 44 (29.10.1925)
- Date
- 1925-10-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 44 Seite 3 29. Oktober 1925 So werden moderne Anschauungen, reinste Erzeugnisse / der kulturellen Assimilation, ins Judentum hineingedichtet, wird unter der Schutzinarke des „Konservativismus". ja der „Orthodoxie" der Schah der religiösen Wahrheit von innen' ausgehöhlt und die Jugend um ihr köstlichstes Erbe, um das n"iin'Inin PVW das „Ringen um die Worte der Thora", betrogen. Wir erblicken in der schweigenden Hinnahme und solidarischen Mitträgerschaft der Universität durch orthodore Kreise, in dem Abrücken von der „Verbalinspiration" und in der „selbstverständlichen" Preisgabe des Wahrheitscharakters der Bibel Entwicklungsstadien der religiösen Assimilation, die denen zu denken geben sollten, die am Anfang stehen. Man verhandelt ge^en einen Unschuldigen. Man hat den Prozeß gegen den Studenten Stanislaus Steiger in Lemberg, der beschuldigt wird, einen Attentatsversuch gegen den polnischen Staatspräsidenten unternommen zu daben, einen D reyfus - Prozeß genannt. Das stimmte auch, allsolange man die fein gesponnenen Fäden der Intrige sah, ohne die Möglichkeit zu haben, sie zu durchschneiden. Nun ist aber, bevor noch der Prozeß zu Ende gegangen, ja, bevor er noch recht in Fluß gekommen ist, das ganze Kartenhaus der Anklage in sich zusammengefallen. Es ist kein Dreyfus-Prozeß mehr, bei dem doch die Richter die Scheinargumente immerhin bei Licht prüfen mußten. Es ist einfach ein Prozeß gegen einen Menschen, von dem alle Welt, auch die Untersuchung, auch die Geschworenen, auch der Staatsanwalt und die Richter, wissen, daß er volllammen unschuldig ist und an der ihm zur Last gelegten Sache völlig unbeteiligt w a r. Das berechtigt uns, ja verpflichtet uns sogar, gegen die allgemeine publizistische Gepflogenheit, in ein schwebendes Verfahren nicht einzugreifen, jetzt schon auf die ganze Ungeheuerlichkeit des Lembergsr Schauspieles hinzuweisen. Der wahre Schuldige ist da. hat sich selbst gemeldet. Er ist zwei Tage nach dem Attentat in Veuthen über die deutsche Grenze gegangen und hat selbst seine Tat, zu einer Zeit, da noch keiner, den Namen Steiger kannte, unumwunden eingestand en. Es handelt sich nicht um Vermutungen oder um Ablenkungsversuche der Verteidigung, sondern um amtliche Protokolle preußischer Staatsbehörden, die klar bekunden, . daß OI - __ D er 3 st ae 111__ schanski, der 'Attentäter von Lemberg, mit Wissen der preußischen Regierung als politischer Flüchtling vom Tage des Attentates an in Berlin gelebt hat oder noch lebt. Dieser Olschansti gehört noch überdies einem Kreise an, bei dem von allen, soweit sie von der Iudenhetze ungeblendet blieben, von vornherein die Spuren des lleberfalls gesucht wurden, der ukrainischen Militärpartei,' in deren Auftrag er tatsächlich gehandelt hat. Alk dies ist der polnischen Regierung und den polnischen Gerichten, wie aus der Antwort Severings an dis Sozialdemokratische Fraktion des Preußischen Landtages hervorgeht, rechtzeitig bekanntgegeben worden. Und dennoch wird in Lemberg die Komödie weitergeführt. Die Untersuchung arbeitete, nachdem sie den wahren Schuldigen kannte, mit allen Methoden des Mittelalters darauf hin, dem Angeklagten ein Geständnis abzupressen. Die Zeugen wurden beeinflußt und Aussagen werden protokolliert, zu denen sich die Zeugen nicht bekennen. In der Hauptverhandlung sind die Belastungszeugen aus der Hypnose, in die sie eine perfide Untersuchung hineingetrieben, alle erwacht und wissen von nichts, bis auf eine reichlich hysterische Cafetänzerin, die im Banne der Suggestion ohne jegliche Begründung dabei bleibt, Steiger habe es getan, er habe die Bombe aus der Brusttafche des weißen Ueberziehers herausgeholt. An dieser Aussage hindert sie auch nicht die klare Tatsache, daß der auf dem Richtertische liegende ominöse weiße Ueberziehex üb erhaupt keine Brusttasche h a 1. Die Protokolle von Berlin gelangen neuerdings nach Lemberg. Die Oeffentlichkeit, nicht allem die jüdische, ist voller. Empörung, und die Verhandlung, geht weiter. Man kann ja nach, der neuesten Entwicklung der Dinge mit einer Verurteilung Steigers auch in den antisemitischen Kreisen nicht mehr ernstlich rechnen, aber des grausamen Spieles mit einem jungen Menschenleben, mit der Ehre eines Volkes läßt man nicht genug sein. Alle Anklagepunkte brechen in sichzusammen und dennoch geben diejenigen, die von Haß. und Hetze leben, noch nicht: locker. Darin ist der Lemberger Prozeß ein Symbol! für die jüdische Tragödie im neuentstandenen Osten. Was lesen unsere Kinder? Von Dir. Dr. Ellas in Aürkh. II. Gehen wir nun daran, eine provisorische, durchaus nicht abgeschlossene Ueb erficht über die für die einzelnen Altersgruppen geeigneten Bücher zu geben, fo wollen wir doch nicht vergessen, hin und wieder auch solche zu erwähnen, die wir ablehnen müssen. Es werden trotzdem noch mehr übrig bleiben, als manche erwarten. Für das erste und zweite Schuljahr haben wir die kleinen Erzählungen von Heinrich Einstädter mit ihren dem kindlichen Denken angepaßten Bildern. Die Sprache ist zwar manchmal etwas, zu hoch, die Einleitung auch wohl manchmal zu lang, aber im großen und ganzen sind die naiven Gedankengänge mit dem schönen Grundgedanken: „Wo du gehst, ist dein Gott mit dir" sowohl zum Vorlesen als auch» zur selbständigen Lektüre für die kleinen Kinder geeignet. Dazu kommt der oben schon erwähnte Schalom Asch mit seinen kleinen Geschichten aus der Bibel, Speier mit seinem Geschichtenbüchlem: „Daheim und Draußen", Hermann Schwab mit seinen „Kinderträumen" und „Feierstunden" und die Sagen und Märchen, die von der B'nei Bris-Loge herausgegeben wurden. Für das 3. Schuljahr eignen sich schon längere Stücke mit etwas schwererer Sprache, so die 3 Geschichtenbüchlein von Einstädter: 1. Vom Herbst zum Frühling) 2. Zufall oder Schickung, 3. Leben und Streben: Mose, von Mma Weißmann, ebenso Schabbos von derselben Verfasserin, Hermon, agadische Erzählungen, der Lebensquell von E. Flanter, die Agadasammlungen von Gottschalk und die von Kuttner (nicht die kleine Ausgabe), Adler, aus den Tagen von Mordechai und Esther. Für das 4. Schuljahr dürften neben den schon erwähnten Büchern von Einstädter und Gottschalk die „Bilder und Klänge, aus jüdischer Welt" von Einstädler-Ochsenmann sehr gut sein. Dazu die Erzählungen zu den jüdischen Festen, nach dem Englischen bearbeitet von Treitel-Braun. BEC U. die Geschichte eines Eisenbahnwagens von Klötzel, Schalom Asch, im Lande der Väter. Für das 5. Schuljahr empfehle ich die Biographien von Rabbi Akiba Eger (Wreschner) und Rabbi Elia Gaon (Unna) und Rabbi Iehuda Hanafsi (Weigel) aus dem jüdischen Volksschriftenoerlag, ferner die Biographie von Rabbi Elieser, genannt Schemen Rokeach von Münz» die Biographie von Maimonides (Dr. Unna), der Baal-Schem von Michelstadt» von Iudaeus, S. Herzberg-Fränkel» Abtrünnig: Iudaeus, ein Tag aus dem Leben eines Juden: Deutschländer, Jüdisches Lesebuch, Oppenheim, aus fernen Tagen: Ehad Gadio, Moaus Zur, Das jüdische Jugendbuch sind drei Sammlungen, die mit ihrem reichhaltigen Stoff und ihrem sandt. So hat er seine Aufgabe erkannt, und. erfaßt und ihrer Lösung, und Erfüllung, gehört sein ganzes Leben. Sein. Leben hat keinen anderen Inhalt, keinen anderen Zweck — als Gott zu segnen. Er fühlt sich nicht nicht gesegnet, wenn es ihm mit seinem ganzen Leben nicht gelungen ist, Gott zu segnen. ‘n»j 7m n.M 712 p-n»jn Awroms Segen ist ein Segen Gottes. Abraham fühlt sich nicht gesegnet, wenn durch sein Leben, durch seine Sendung nicht Gott gesegnet ist, wenn nicht durch sein Wirken Gottes Zwecke gefördert sind. Denn dis Seele seiner Seele, der ganze Inhalt seines Wesens ist der eine glühende Wunsch, Gottes Herrschaft aus Erden zu begründen, Gottes Weltenzweck zu verwirklichen, Awroms Segen ist nicht von dem, sondern T>'^ für den höchsten Gott, denn nur für ihn lebt er und nur für ihn strebt er, daß jeder in ihm erkenne dön 0w den Eigner von Himmel und Erde und daß Gott durch diese allgemeine Erkenntnis DViyn p'isrri d»d König, Herrscher und Gesetzgeber der ganzen Welt werde, daß sein Wort die Welt regiere, daß sein Gesetz die Herzen und Geister lenke, auf daß sie alle an dem einen großen Werk Mitarbeitern Gottes Willen zu verwirklichen, Gott zu segnen, ’sm ,n'rr sn Kip Und das ist das Geheimnis der w3i3; wie diese mana von einem o-as verwirklicht wurden, dessen -1212 eins wurde mit der na-n seines Gottes, «rmb i6’yn p's-y Vj? TrtaTKV’yi» mwi» lna-oii Awroms Segen drang von unten nach oben, der ringende, strebende Mensch ist gesegnet, wenn von seinem Segen etwas nach oben dringt, wenn sein Leben etwas zur 713-1:1 Gottes beigetragen, denn der höchste Gott ist gesegnet, wenn er von oben zur Erde steigt, wenn ihm leine Stätte hier aus Erden von seinen Dienern bereitet wird. In Awroms Geist hatte Gott zuerst seine Stätte gefunden und er ruhte und rastete nicht, bis die Erdenbewohner seinen Gott erkannten und ihn auch als ihren Gott anerkannten. Durch ihn stieg Gott «nnb R^y» und war gesegnet und so war auch mas gesegnet, denn der Zweck seines Daseins ’xb'yb snra zu wecken, war erreicht. (Aus dem soeben erschienenen hebr. Werke nVna Dy nnan von Rabbiner Dr. Hermann Klein.) Kleines Feuilleton. Ein jüdischer Friedrich Delitzsch. Der Bibel- und Babel-Rummel feiert seine Wiederausstehuno in der in Stuttgart von Stadtrabbiner Dr. Paul Rieger herausoegebenen .Gemeindezeitung für die Israeliten in Württem» berg". Gerade zu dem Sabbat, in welchem aus dem Wochenabschnitte vorgelesen wird: „Und Gott vollendete mit dem siebenten Taoe Sein Werk, welches Er gemacht batte, und Er hörte am siebenten Tage auf von all Seinem Werke, das Er gemacht hatte. Gmt segnete den siebenten Taa und üeiliate ihn, denn Er hörte auf von all Seinem Werke, das Gott geschaffen hatte, daß es weiter wirke" — erscheint in dem genannten Blättchen ein Sabbatidee" betitelter Artikel, in welchem die Entstebung des Sabbats zurückgefübrt wird aus den «Schubiu" der Babylonier, welcher den Neumondstag. den siebten, fünfzehnten und neunundrwanzigsten Tag nach dem Neumond bezeichnete. Dann beißt es in Artikel: „die herkömmliche Erklärung, daß der Sabbat desbalb zu feiern ist. weil Gott am siebenten Tag geruht, ist aber abzulehnen". — Die Abstammung unseres Sabbats von dem «Schubtu" der Babylonier ist damals, als Delitzsch sein Werk erscheinen ließ, sowohl von Mischer als christlicher Seite schlagend und gründlich widerlegt worden; wir wollen daher uns mit den Gegenbeweisen nicht noch einmal abgeben, sondern nur unserem Bedauern und unserer Entrüstung Raum geben und Widerspruch dagegen erheben, daß längst abgetane IrrtÜmer und böswillige Entstellung — denn daß Delitzsch von Voreingenommenheit gegen Juden und Judentum nicht frei war, als er «Bibel und Babel" verfaßt hat, steht fest — in einem jüdischen Blatte von jüdischen Verfassern jüdischen Lesern, die zudem nicht im Stande sind. Irrtum und Wahrheit zu unterscheiden, voraesetzt und mit dem Mantel unbestechbarer wissenschaftlicher Richtigkeit umgeben wird. Zumal in unserer Zeit, da man den Sabbat nicht herabsetzen, sondern vielmehr dem Volke wert und teuer machen sollte. Ein solches unverantwortliches Vorgehen gegen nicht nur ein wichtiges, sor^rn ein grundlegendes Gebot unserer Thora mutz mit der schärfsten Mißbilligung zurückgewiesen werden. Wie kann man von den Behörden Rücksichtnahme aus sabbathaltende Geschäftsleute und Schüler erbitten, wenn solche Ausführungen in der Gemeindezeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs" von ihnen gelesen werden? Deshalb wollen wir darauf binweisen: Der Sabbat ist für uns der große, heilige Tag, den zu heiligen und zu ehren uns von der uns von Gott gegebenen Thora geboten ist und zwar darum, weil Gott mit dem Sabbat Sein Schöpfungswerk beschlossen hat. Ein Württemberger.