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Der Israelit · 1925-05-28 · Heft 22 (28.5.1925) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 22 (28.5.1925)
Date
1925-05-28
Page
– (sequence 20)
Language
German
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Seile 20 Slr. i2 Der Israelit 28. Mai 1925 Universität ab. Der hochgesinnte Kurfürst erkannte bald die Weisheit und Weltklugheit des Hammelburger Rabbiners, er ließ ihn darum oft an seinen Hof kommen und fand solches Gefallen an ihm, daß Brilin von da ab in höchster Gunst stand. Die Mannheimer Gemeinde hatte es nicht zu bereuen, daß sie ihn zu ihrem Rabbiner wählte. Doch schon 1678 stirbt er. Einige Wochen vor ihm war sein Freund, Rabbi Elchanon bar Chaim, dahin Lord Balfour in Palästina. geschieden, der ebenfalls aus Hammelburg vertrieben, im gastlichen Mannheim Unterkommen gesunden hatte. Das dortige Memorbuch sagt von ihm, daß er die Thora in Israel vermehrt und viele Schüler aufgestellt habe.*) Nicht lange konnte man im Fuldaer Land die Steuerquelle der Schutzjuden entbehren. Auch, in der judenreinen Zeit waren die Verhältnisse der Bevölkerung nicht besser geworden. Schon 1678 ließ man wieder Juden herein. Paradiesisch ging es ihnen auch jetzt nicht. Das mußten die Untererthaler Juden erfahren, die sich mit Genehmigung des Freiherrn von Crthal eine „Judenschul aus Holz" gebaut hatten (1737). Der Fürstabt von Fulda war es nicht ganz zufrieden und es kam zu Unterhandlungen. Bevor diese zu Ende waren, machte der Oberamtmann von Hammelburg kurzen Prozeß. Er schickte seine Heeresmacht, einen Hauptmann und zwanzig Gemeine der Landpoligei ab, die in den „Burgplatz eingefallen und sotanes Bäulein gewaltsamer Weis auf den Grund niedergerisfen haben." Die Unterthaler mußten wieder in einer engen Stube „Synagoge halten". Die französische Revolution führte die Armee des Generals Jourdan ins Saaletal. Zahlreiche Quartierzettel und Verzeichnisse geben noch heute davon Kunde, welche Lasten, Beschwernisse und Lieferungen Christen und Juden in dem unruhevollen Jahre 1796 zu tragen hatten. Aber auch von den daraus folgenden Jahren existieren noch zahlreiche Quartierzettel. War die eine Truppe soeben fort, so forderte eine frisch eingetroffene Abteilung wieder neue Leistungen. Noch viele Jahre nach dem Pariser Frieden mußte der „Vorgänger" (Vorstand) für die Westheimer Judenschaft prozessieren, damit diese die vielen hundert Gulden Quartierlasten wieder aus der französischen Kriegsentschädigung bekam. (Reparationen möchte man es fast nennen.) Als General Jourdan, bei Würzburg besiegt, sich zurückziehen mußte, wälzten sich die geschlagenen Scharen wiederum durch das Saaletal. Allenthalben fielen die erbitterten Bauern über kleinere französische Scharen her. So auch die Untererthaler Bauern, die einen französischen Major in der Thülba ertränkten. Das hatten sie bitter zu bereuen. Kaum erfuhr Jourdan, der mit dem Hauptheer nahte, von dem Ueberfall, so befahl er den Angriff. Zahlreiche Bauern fanden im nutzlosen Kampf den Tod und nun sollte auch das Dorf noch niedergebrannt werden. Ein Untererthaler Jude ging dem General Jourdan entgegen und bat um Schonung für den Ort. *) Diese Angaben verdanke ich teilweise Herrn Frankenberger in Wertheim. Umsonst. Bald prasselten an allen Ecken und Enden die Flammen empor. Auch die Stammburg der Grafen stel in Schutt und Asche. Der letzte Erthaler, der kinderlose Kurmainzer Kammerherr Franz Lothar vermachte den öden Burgplatz unentgeltlich an die Judengemeinde. Für 450 Gulden wollte er auf dem Platz eine Synagoge errichten. Das geschah denn auch. Unter einem Torbogen hindurch gelangt man noch heute in dieses Gebäude. (Schluß folgt.) Rabbi Akiba Eger. (Siehe Bild auf Seite 18.) Rabbi Akiba Eger ist in Eisenstadt in Ungarn am 14. Eheschwan 5522 (1761) geboren und starb am 13. Tischri 5598 (1837). Er heiratete früh eine Tochter des sehr reichen Rabbi Rabbi Jacob Ma r g o l i e s aus L i s s a und unterhielt zunächst in dieser Stadt ein großes Lehrhaus, in dem er unzähligen lernbegierigen jungen Leuten Lehrer und Führer, Meister und Muster war. 1791 war er aber durch die Verhältnisse gezwungen, ein Rabbineramt in Märkisch-Friedland anzunehmen, wo er bis zu seiner Berufung nach Posen segensreich wirkte. In Posen lebte und lehrte Rabbi Akiba Eger als Oberrabbiner 23 Jahre lang bis zu feinem Tode und prägte dem Leben der Gemeinde und der ganzen Posener Judenheit den Stempel seines großen Geistes auf. Eine seiner Töchter heiratete in zweiter Ehe den „Chasam Sofer" den berühmten Oberrabbiner von Preßburg, und die verwandtschaftliche Verbindung dieser beiden Größen in Israel gereichte dem Judentume aller Zeiten zum Segen. Ueber Einzelheiten aus dem Leben und Wirken dieses großen Mannes, der, wie sein großer Schwiegersohn, sich der Resormflut wie ein mächtiger Damm entgegenwarf und kraft seines hohen Ansehens bei den Behörden vieles gerettet und viel Unheil verhütet hat, soll demnächst im Rahmen der „Großen jüdischen Gestalten" noch referiert werden. Feste im Golus. 1. Pessachfest in Port-Arthur. Es war im Jahre 1904 während des russischjapanischen Krieges. Ich wohnte in C h a r b i n. Zwei Wochen vor dem Pesfachfeste fuhr ich geschäftlich nach Port-Arthur hinüber und schon einige Tage darauf erschien der Ukas, daß keine männliche Person unter 45 Jahren die Stadt verlassen dürfe. So mußte ich über Pessach in Port-Arthur bleiben. Die Seelenqualen die ich im Gedenken an Pessach in dieser judenlosen Stadt durchlebte, können nicht beschrieben werden. Jüdische Zivilisten gab es in Port-Arthur nicht, dagegen 66 jüdische Soldaten, die aber ebenso rat- und hilflos dastanden, wie ich selbst. An einem Abend kurz vor dem Feste erschienen bei mir drei jüdische Soldaten als Abgesandte und baten mich, als einzigen freien Juden, die Vorbereitungen für ein rituelles Pessachfest zu treffen. Alle 66 Soldaten seien entschlossen, lieber zu hungern, als Chomez zu essen. An Geld fohle es nicht. Ich hätte nur Mazzo zu beschaffen, für eine Küche und die nötigen Geräte zu sorgen. Ich lief zu einem russischen Großkaufmann, zu dem ich in geschäftlichen Beziehungen stand, und rief seine Hilfe an. Er verstand mich zunächst nicht und brauste sogar über die „dummen Finessen" der jüdischen Soldaten auf. Dann aber lieh er sich doch die Sache genau erklären, und der Erfolg war, daß er in seiner großen Wohnung drei Zimmer mit einer Küche für unsere Zwecke freimachte. Aus seinem Geschäfts stellte er uns soviel Küchen- und Eßgeräte zur Verfügung als wir für 67 Personen benötigten. In seinem großen Weinlager — er war auch Weinhändler — entdeckten wir etwa hundert Flaschen mit der Firma „Karmel" und dem Pessach- Siegel. Wie der Wein in seinen Keller gekommen ist, wußte er selber nicht. Er hatte einmal aus Odessa eine Weinmarke bezogen, die er seinen jüdischen Geschäftsfreunden aus Chardin und Moskau anbieten konnte. Wir reuten uns über diesen Fund ganz ungemein und annektierten gleich das ganze Hundert. Für den folgenden Abend gelang es uns, Urlaub für sämtliche jüdischen Soldaten zu bekommen. Mit Feuereifer ging es an die Arbeit. Die Zimmer wurden von Grund auf gereinigt, der Backofen von innen ganz neu hergerichtet. Es gab unter den Soldaten Maurer, Häfner und Bäcker von Beruf und die Arbeit ging gut und glatt von statten. In einer neuen großen Kaffeemühle mahlten wir Zeigen und sangen dabei Halle! und andere Psalmlieder. Leider waren es nur wenige Mazzaus, die wir Herstellen konnten. Der Weizen war beschlagnahmt und nicht zu haben. Es waren einige hundert runde schöne Mazzaus, die im neuen Korbe lagen, und frisch gewaschene Coldatenleinwand bedeckte behutsam die heilige Kost, die zur Not für die Sederabende ausreichte. Außer dieser geringen Anzahl Mazzaus war aber nichts zu haben, höchstens noch Kartoffeln um teures Geld. Schlachtvieh, auch Geflügel waren in Fülle da, aber wo sollte der Schächter Herkommen? Eier konnte nian in Folge der Kriegsnot für alles Geld nicht haben. Als der Sederabend herankam, wies das Zimmer folgendes Bild auf: Lange Tische aus frisch gehobelten Brettern mit weißem Papier bedeckt. In durchhöhlten Kartoffeln steckten hundert Talgkerzen. Neben den Lichtern schön geordnet Teller, Schüsseln, Gabel und Messer. Und aus dem Tische vor Jedem eine Mazzo, dann Kartoffeln und.Med ^Hir machten Kiddusch, tranken uno tranken..wiML,Md^/angen die Hagadah, daß sich draußen Hu^Soldaten und Passanten in Menge ansammelten und andächtig lauschten. Und wir tranken wieder und aßen unsere weichgekochten Kartoffeln als wäre es die leckerste Speise der Welt. Und dann fangen wir wieder voll Dank und Freude, und festlicher Glücksstimmung. Und draußen donnerten die Kanonen. Vom Meere her flogen Bomben und Granaten, und wir sangen dazu „Chadgadjo! Chadgadjo! ..." So lebten wir, 67 junge Juden, acht Tage lang. Die Mazzaus reichten kaum für zwei Abende, in den weiteren Tagen lebten wir ausschließlich von Kartoffeln und waren froh und glücklich wie noch nie. Als der Kommandant von Port-Arthur, der bekannte General Smyrnow, von der Sache erfuhr, ließ er alle jüdischen Soldaten antreten und sprach zu ihnen wortwörtlich: „Heil euch, daß ihr Kinder eines solchen Volkes seid, das selbst unter diesen schweren Umständen so treu zu seinem Glauben hält. „Molodezzi" (Helden), es freut mich, solche Soldaten in meiner Division zu haben." 2. Moskauer Pessach. Es war im Jahre 1918 in Moskau. Geld hatte jeder, wie man sagte zentnerweise, aber alle Läden waren geschlossen, auf waren nur die Geschäfte, die nichts mehr zu verkaufen hatten. Wer noch Waren besaß, durfte sie nur gegen Marken und Zettel abgeben, die ihrerseits nirgends zu bekommen waren. Hintenherum konnte man dennoch für Geld was erhalten, wenn man sich der Gefahr aussetzen wollte, verhaftet oder sogar erschossen zu werden. Und nun war Pessach vor der Türe, die Sowjetmacht hatte ein strenges Backverbot für Mazzo erlassen. Es durfte kein Pfund Mehl von der Zentralstelle für diesen Zweck abgegeben werden. Und wie der Pessach kam, hatte doch jeder Jude, auch der ärmste der Armen, sein, wenn auch bescheidenes, Quantum Mazzo und auch sonst alles, was zum Leben in der Pessachwoche dringend nötig ist. Nicht einmal die Rübensuppe fehlte, und auch etwas Wein für die „vier Becher war da. Es hatte einige jüdische Leben gekostet. Einige Mehl- und Weinhändler wurden erschossen. Aber es war alles da. . . . Freilich hatte man den Seder, wie einstens unsere Brüder in Spanien, im Keller abgehalten. Aber keiner, der es aud) sonst nicht tat, t)at an diesem Moskauer Pessach Chomez gegessen. - 3. Cin dritter Pessach. Und nun noch etwas vom Pessachfest dieses Jahres, des Jahres 5685 der Schöpfung. Nach dreijähriger Reife rund um die Welt, die mich durch Aegypten, Palästina, Indien, China, Japan und alle europäischen Länder geführt, bin ich in Wilna gelandet, in der Stadt, wo ich vor 40 Jahren in einer Kellerwohnung das Licht der Welt erblickt habe.' Der Stadt ist der Krieg, nach dem äußeren Bilde zu urteilen,' nicht schlecht bekommen. Ich fand vieles verändert, neue, schöne Gassen, hohe monumentale Häuser, neue Menschen, neue Bräuche, Läden, die am Sabbat geöffnet sind. In den Wochen vor Pessach sah ich die Läden zum Brechen vollgepackt mit Waren und Lebensmitteln. Ganze Berge von Mazzaus, Torteri und den leckersten Dingen. Wein- und Schnapsflaschen in ganzen Pyramiden. Fleisch, Fische, Hühner für ganze Armeen, Haufen von Früchten, Apfelsinen, sechs Stück ^ür einen Zloty. Und keiner störet, keiner redet etwas herein. Keine Marken und keine Verordnungen. Es kaufe jeder, was er will, soviel er will. . . . Aber keiner kauft, keiner hat Geld. Alles ist da. Aber Ferdinand Lassalle. die letzten Zlotys hat Grabfki, der Finanzminister, aus den Schubläden geholt. Wilna verhungert bei gefüllten Scheunen. ... Da sitze ich und grübele angestrengt nach: Wann und wo war der traurigste Pessach, in Port-Arthur vor zwanzig Jahren, in Moskau vor sieben Jahren oder der W i l - aer Pessach im Jahre 1925?

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