Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1925)
- Date
- 1925-05-28
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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28 Mai 1925 Der Israelit -tr. 22 veue 19 selten statt dessen Hohn, Spott und Abweisung erdulden, so daß er tief entmutigt zuletzt gesungen haben mag: „Ich habe zwar mit meiner Kunst Geworben um der Herren Gunst Die Herren doch wollen m i r nichts geben. So will ich ihren Hof denn fliehn Von nun als alter Jude leben Und also vorwärts weiter ziehn. Mir wachsen lassen einen Bart sehen läßt fast den Gedanken aufkommen, wie wenn sie als Berteidigungswerke gedacht waren. Stolz schmückte der eine und andere sein Haus mit hebräischen Inschriften. So prangt noch jetzt über einem steineren Hauseingang ein Wunsch: d. h. Viel Glück und Segen! Und an der Hausecke des gleichen Gebäudes ist die Jahresjahl, die das Baujahr 1760 verrät, sichtbar. Unverwüstlich. Als dieses Haus vor einigen Jahren in christliche Hände überging, hatten die Kinder des neuen Besitzers mitten Abraham, Kophelin und Vioelmann (Feibelmann) sich je nach Belieben im Stiftslande oder in den Städten Fulda, Vacha und Homburg niedsrzulassen. Sie durften Geld auf msen verleihen und zwar konnten sie von Fuldaer Staatsangehörigen für jeden Gulden die Woche 4 Mennig verlangen (gleich 2 Groschen), von „Ausländern" aber mehr. Grundbesitz und Handwerk war ihnen verboten. Hatte man sie nun so von Staatswegen zu Handel und Geldgeschäft herangezüchtet und zum Russische Kriegerwitwen bestelle» ihr Feld. Die Synagoge Am Bornplatz zu Hamburg. Lang niederwallend, greisbehaart Will einen langen Mantel tragen. Den hohen Hut tief in dem Kragen Demütig fei von nun mein Gang Nur karg ertöne Hochgesang, Weil mich die Herren vom Hofe jagen!*) So sah er denn ein, daß die Anpassung- oder Assimilation wie wir es heute nennen, ihm nicht hilft, daß der Jude nur dann sich behaupten kann, wenn er sein Judentum aufrechtbewahrt. — Seiner Zeit weit voraus eilte der Dichter, wenn er in seinem Liede von der Gedankenfreiheit singt: Gedanken, niemand kann verwehren, nicht Toren und nicht den Weisen, Drum sind ja auch Gedanken frei auf allerhand Sachen, Herz und Sinn, die sind gegeben allen Menschen zum Behagen Gedanken schlüpfen durch jeden Stein, durch Stahl und durch Eisen. Kannte Walther von der Vogelweide seinen jüdischen Zeitgenossen? Wir wissen es nicht genau. Jedenfalls lebten beide fast zu gleicher Zeit, im gleichen Ort Würzburg, und auch ihr Tod liegt nicht allzu weit voneinander. Süßkind starb als Arzt in Würzburg. Sein Grab ist verschollen, genau wie das alte. Judenviertel und der alte Judenfriedhof, an deren Stelle heute Juliusspital und Marienkapelle am Würzburger Grünen Markt stehen. Nichts erinnert mehr in Trimberg an des Dichters Geburtshaus und an die jüdische Gemeinde. Vermutlich ereilte sie im Jahre 1298 das Schicksal. Jenesmal kam in fränkischen Landen die schauerliche Mär auf, Juden hätten eine Hostie zerstoßen und Blut sei aus ihr geflossen. Der aufgepeitschte Religionshaß gab dem Ritter Rindfleisch willkommene Gelegenheit, mit verhetzten Pöbelhaufen über die wehrlosen Juden herzufallen. Die Friedhöfe füllten sich mit Tausenden von Ermordeten. Die fränkischen Gemeinden gingen fast alle unter. Neue Gemeinden bildeten sich im Saaletal. So in Westheim, wo neben dem heute noch vorhandenen Freihofe der Grafen von Erthal ein Judenhof erstand mit kleinen armseligen Häuschen, die oft vom Hochwasser bedroht waren. Dann waren die Juden auch ohne die eiserne Sperrkette am Eingang des Judenhofes von der Außenwelt abgeschnitten. Eine starke Mauer bildete den Abschluß gegen den Saaleflutz, der unmittelbar daran vorüberfließt. Durch diese führten ein Durchbruch und einige Steinstufen, an das Wasser. Hier herrschte vor Pessach ein reges Treiben, ein Putzen und Bürsten, Waschen und Scheuern. Und wie in alter Zeit verrichtet die Gemeinde noch heute am Rosch-Haschonoh das Taschlichgebet an dieser Treppe. Im Lause des 18. Jahrhundert wurde der Judenhof zu eng. Wohlhabende Familien errichteten sich in der Judengasse behäbige Häuser in fränkischem Stil. Oft führen hohe Treppen hinauf: ihr festüngsartiges Aus- *) Die Uebertragung ins Hochdeutsche ist entnommen aus Müllers „Jüdische Geschichte in Charakterbildern." nichts Eiligeres zu tun, als den Glückwunsch und die hebräische Jahreszahl mit Mörtel zu überschmieren. Der Mörtel ist längst wieder abgefallen, die Inschrift wieder zum Vorschein gekommen. Seitdem der Besitzer darauf aufmerksam gemacht wurde, daß dieser Glückwunsch, wenn er auch hebräisch ist, auch für ihn gilt, läßt er ihn — nicht mehr überschmieren. Unter dem Protektorate der Erthaler Freiherren wurde 1769 in Westheim eine neue Synagoge errichtet. deren Heilige Lade ein Schmuckkästchen ist. Im Verlaufe des 30jährigen Krieges verließen die meisten Juden von Westheim, Untererthal usw. ihre Dörfchen, um sich in die kleinen Städte zu begeben, wo sie doch etwas mehr Schutz fanden. So vergrößerte sich die ursprünglich kleine Gemeinde Hammeivurg zusehends. Sie bestand jedoch bereits seit etwa 1400, so daß sie auf ein fünfhundertjähriges Bestehen zurückhMen kann. Im Juni 1399 gestattet der Fürstabt JohgHst ßWMlda den Fa- Wucher genötigt, so blieb«der Haß der Schuldner nicht aus. Wiederholt (z. B. 1570, 1582 und 1615) und nachdrücklich forderten die Räte der Städte Hammelburg, Brückenau und Geisa die „Abschaffung der Juden". Endlich im Jahre 1671 waren diese fortdauernden Wühlereien von Erfolg gekrönt, Fürstabt Bernhatd Gustav verordnete die Ausweisung sämtlicher Juden aus Dorf und Stadt binnen dreier Monate. Ein Ziegelbrenner in Untererthal, der anscheinend durch die Austreibung seiner Schulden ledig wurde, fand dieses Ereignis so erfreulich, daß er in eine Ziegel einbrannte: „Diese Ziegel ist gemacht in diesem Jahr, Das der Juden ihr Auszug war. 1671.*) Ob die Judenschaft Westheims auch auswandern mußte, erscheint zweifelhaft. Vielleicht kam ihr der Umstand zu statten, daß mitten durch dieses Dörfchen die Grenze zog zwischen den beiden „Großmächten" Fulda und Würzburg. Die ganze blühende Gemeinde HammelburH jedoch wurde von der Austreibung betroffen; ebenso die Untererthaler Judenschaft. Mühselig geduckt schleppten nun die heimatlos gewordenen fuldaischen Schutzjuden ihre tragbaren Habseligkeiten fort. Die Glücklicheren unter den Unglücklichen bargen Hab und Gut in alten gebrechlichen Wagen, die mit einem Zelttuch überspannt waren und langsam die Straße dahin krochen, weil eben das magere Pferdchen nicht schneller konnte. Manches Schimpfwort, mancher Steinwurf aus dem Hinterhalt ließ Kinder und Greise unter dem Zeitplan erschreckt aufschreien. Die meisten Christen indes hatten sich den menschlichen Sinn bewahrt und wollten von Rohheiten nichts wissen. Juden und Christen hatten im allgemeinen ganz gut miteinander gelebt, wenn auch manches Mißverständnis auf beiden Seiten noch herrschte. Doch das Volk hatte damals — nichts zu sagen. Und so zerstreute sich denn die Hammelburger Judengemeinde nach allen Gegenden. Am Kreuzweg aber, bevor die einen ins Würzburger Land, die andern ins Mainzer und Pfälzer Land sich wandten, entstieg einem kleinen Wagen der ehrwürdige Rabbiner Jsak Brilin. Viele Jahre hatte er in Hammelburg segensreich gewirkt und nun war seine Gemeinde vernichtet. Cs galt zu scheiden von den liebgewonnenen Freunden. Herzzerreißend war der Abschied vom Rabbi, der allen ein Vater gewesen war. Rabbi Jsak, der ein Sohn des Fuldaer Rabbiners Mescnullam Elieser Suhmann Brilin war', schlug den Weg ins Rheinthal ein. Dort in Worms oder Mannheim, wo er schon früher gewirkt, wollte er sich eine neue Heimat suchen. Ueberall erzählte man ihm, daß der edle Pfälzer Kurfürst Karl Ludwig allen seinen Untertanen, Christen und Juden, ein gütiger Landesvater war. Das war der gleiche Fürst, der auch den berühmt gewordenen holländischen Philosophen, den Juden Baruch Spinoza zu sich berufen wollte. Spinoza aber lehnte die angebotene Stelle als Professor an der Heidelberger *) Die Angaben über Untererthal entnahm ich dem lesenswerten Buch von Ullrich: Untererthal, Eine kulturhistorische Studie. Wanderungen im Saaletal. Heilige Lade in der Synagoge zn Weh heim.